Kontrapunkt: „Gedanken zu Rienzi“

„Rienzi“ war anstrengend. Obwohl ich leichtest bekleidet auf meinem bequemen Sofa lag, großer Bildschirm, gute Tonanlage, gekühlter Orangensaft in Reichweite. Ich musste mich nicht in ein Abendkleid zwängen, schauen, wie ich wieder einmal den Grünen Hügel hinauf komme, mich nicht in die engen Reihen mit den Holzklappsesseln drängeln, die dafür sorgen, dass das Festspielhaus nur von „Wagnerianern“ gefüllt ist, denn die anderen halten das nicht aus.

3sat hatte auch nicht die „Stunden“-Pausen zwischen den Akten (die man sich in Bayreuth mit Bratwurst und dann mit Kaffee und Kuchen verkürzt), sondern nur kurze Pausen mit Künstler-Interviews. Und außerdem war man mit einer Übertragung, die Totale und Ausschnitte auf die Protagonisten mischt, besser dran, als wenn man nur immer dieselbe Gesamtansicht vor sich hat – und in dieser Inszenierung besonders nicht weiß: Wer ist gerade an der Reihe  und wo steht er und was will er?

Und trotzdem war die „Rienzi“-Übertragung, obzwar auf vier Stunden zurückgefahren, anstrengend. Weil man einer Inszenierung zusah, die einzig der Chaostheorie verpflichtet schien.
*
Die Musik, natürlich, die ist phantastisch. So viel Schwung, Pracht, Melodik. Welch herrliche Mischung aus Carl Maria von Weber und Giacomo Meyerbeer. Wenn Wagner nach „Rienzi“, der eine umjubelte Uraufführung erlebte, so weiter komponiert hätte, wäre er widerstandslos lebenslang erfolgreich geblieben. Aber er wäre nicht Richard Wagner geworden, Richard der Einzige, der Mann mit dem überdimensionalen Selbstvertrauen, das ihn ein einzig und allein ihm gewidmetes Opernhaus fordern ließ – und der es bekam. Der Mann, der die Musikwelt in schmähende Gegner und leidenschaftliche Anhänger teilte. All das wäre nach „Rienzi“ nicht nötig gewesen. So eine schöne Musik! Und er wäre irgendwo zwischen seinen Zeitgenossen gelandet, von der Nachwelt gelegentlich hervorgeholt.

Er war klüger. Er hat Richard Wagner aus sich gemacht.

Ich hätte nie gedacht, dass man Andreas Schager fast in die Knie zwingen könnte. Ich bewundere ihn seit dem Wiesbadener „Ring“, und seit dem letzten „Ring“ in  Wien, wo er mit „Siegfried“ in ungeahnte Höhen aufstieg und das Publikum in den Opernhimmel mitnahm. Ich hätte nie gedacht, dass irgendetwas diese Stimme „knicken“ könnte. Rienzi hat es fast geschafft. So angestrengt, mit so vielen flachen Tönen zwischendurch, habe ich ihn nie gehört. Natürlich leistet er noch immer mehr als wohl die meisten seiner Wagner-Tenor-Kollegen… aber an ihm (und den beiden großen Frauenrollen – die dunklen Männerstimmen waren ohnedies eher schwach) merkte man, was Wagner von Sängern damals schon verlangt hat. Na, wir wissen ja, was noch nachgekommen ist…

Zudem musste Schager, Rotschopf erst im gestreiften Ruderleiberl, dann im Smoking und in der Freizeit-Jacke immer gleich proletarisch wirkend, durch und durch den Antihelden geben. Na ja, wenn schließlich Hitler gemeint war… Diese Parallele konnte man sich nicht entgehen lassen…

In der Pause gab es einige Interviews. Dirigentin Nathalie Stutzmann hörte sich wie ein Mann an (etwa wie die Staatsanwältin im Münsteraner „Tatort“). Am interessantesten war natürlich das Regieduo Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka, die wie zwei jugendliche Twens wirkten (Geburtsdaten sind im Internet nicht zu finden), aber entschieden älter sein müssen, schließlich arbeiten sie schon seit 2006 zusammen. Machen alles, Regie, wilde Bühnenbilder, hässliche Kostüme (in diesem Fall). Gesagt haben sie, was zu erwarten war – dass man Bayreuths „hässliche Vergangenheit“ hier mitinszenieren müsse. Weshalb es neben einer überladenen Gegenwartswelt jede Menge optische faschistische Referenzen gab. Was auch gute Kritiken sichert…

Schlagzeilen

“ Rienzi“ und der NS-Schatten.
Was sagt diese Oper über „Hitlers Psyche“?
Diesen Opernhelden erkor sich Adolf Hitler als Rollenmodell
Hitlers Lieblingsoper wird zum Mahnmal gegen Faschismus

In Bayreuth hat es wieder gebrodelt. Man „stelle sich seiner Vergangenheit“, hieß es.
Seit man denken kann, seit die Enkel Wieland und Wolfgang Bayreuth nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Leben erweckten, ist permanent von nichts anderem die Rede als von Bayreuths brauner Vergangenheit.
Hitler, der Wagner-Fan, hat sich den Festspielen in die Arme geworfen, und diese haben die Umarmung entzückt erwidert. Wie denn auch nicht – für Bayreuths „hohe Frau“ Winifred, die gebürtige Engländerin, war es, als ob ein Kaiser sie hofierte. Und dann waren da noch zwei Söhne von echtem Richard-Wagner-Blut, die der kinderlose Hitler vermutlich am liebsten adoptiert hätte (wie Augustus die Söhne seines besten Freundes Agrippa). Und da war Hitlers echter Wagner-Fanatismus  – ein dummer Laie war er nicht. Was hätte Bayreuth, wenn es im Dritten Reich leben wollte, schon anderes tun können?

Ja, nachher haben Wieland und Wolfgang alles getan, die peinliche Mama zu verstecken, aber die ließ sich den Mund nicht verbieten, sagte – wie auch Kollegin im Geist Leni Riefenstahl – in öffentlichen Interviews, die hohe Wellen schlugen, kein böses Wort gegen den so höflichen Oberösterreicher. Das taten die anderen, ununterbrochen.

Jetzt so zu tun, als stellte sich das Bayreuth der doch recht berechnenden Wolfgang-Tochter Katharina erstmals seiner Vergangenheit, ist Blödsinn und nur wieder einmal ein Heischen nach Aufmerksamkeit, die man mit diesem Thema hundertprozentig bekommt.

Als ich, vor langer, langer Zeit einmal für kurze Zeit für “News“ gearbeitet habe, hat Wolfgang Fellner bei den Redaktionskonferenzen (es waren die neunziger Jahre) Titelgeschichten erwogen. Und wenn man wollte, dass die Auflage sicher steigt, setzte man Jörg Haider oder Adolf Hitler aufs Cover. Mit Jörg Haider holt man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, Hitler funktioniert noch immer.

Die Deutschen und auch die Österreicher haben eine Hitler-Manie und die Linken jedenfalls eine Hitler-Phobie, sonst hätten sie „Nazi“ nicht zu ihrem Lieblingsschimpfwort erklärt. Gerade jene Linken, die in ihrem Haß auf Israel auf einmal den Antisemitismus für sich entdeckt haben, den sie den Nazis vorwerfen… Merkwürdiger Fall.

Also: Hitler war von „Rienzi“ begeistert. Ich nehme an, ein paar Hunderttausend andere Musikfreunde  auch. Einen Volkstribunen, der in den Flammen Roms und unter Haßbezeugungen des Volkes stirbt, als Vorbild zu nehmen, um ein „Führer“ zu werden… wie logisch ist das?

„Rienzi“ ist einfach eine tolle Oper, Wagner und Lehar können nichts dafür, dass Hitler sie mochte. Wie übrigens, das sei erwähnt, ein hoher Prozentsatz von Juden unter den Wagnerianern und Bayreuth-Pilgern zu finden war. Vor Hitler allerdings.

Renate Wagner 8. August 2026