Wiesbaden: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach dem Theater Hagen blicken wir heute auf das Staastheater Wiesbaden.


Beste Produktion (Gesamtleistung):
Così fan tutte: überzeugendes, zugleich innovatives und werkadäquates Regiekonzept, szenisch souverän umgesetzt, sängerisch fabelhaft besetzt und im Orchestergraben auf den Punkt musiziert.

Größte Enttäuschung:
La traviata: Violetta als Beleuchterin auf karger Bühne zu präsentieren, ist ein schwacher Regieeinfall, der nicht trägt. Die Besetzung der beiden Hauptpartien aus dem eigenen Ensemble ist ordentlich, im Fall von Sam Park als Vater Germont sogar ausgezeichnet, kann aber die enttäuschende Inszenierung nicht retten.

Entdeckung des Jahres:
Schneeflöckchen von Nikolai Rimsky-Korsakow – wunderschöne Musik zu beeindruckenden Bildern, wenn auch die Inszenierung als Klimawandelparabel undeutlich geblieben ist.

Größte Fehleinschätzung:
Tristan und Isolde im Schilder-Archiv: Die Übernahme von der Opéra national de Nancy-Lorraine zur Eröffnung der Maifestspiele wird schon nach dem ersten Akt gnadenlos ausgebuht. Die Idee, die Handlung mit hochgehaltenen Schildern zu kommentieren, zu ironisieren und zu trivialisieren, während ansonsten Stehtheater gezeigt wird, mag bei einem französischsprachigen Publikum funktioniert haben, ein deutschsprachiges und mit Wagner vertrautes Publikum fühlt sich dadurch auf den Arm genommen. Schade um die gute Besetzung.

Beste Sängerin:
Josefine Mindus als hinreißendes Schneeflöckchen, locker ihre Koloraturen zwitschernde Nachtigall in Die Vögel und quirlige Despina in Così fan tutte.

Bester Sänger:
Hovhannes Karapetyan als Don Alfonso in Così fan tutte, der eine fabelhafte sängerisch-schauspielerische Gesamtleistung gezeigt und als Strippenzieher das Regiekonzept eines akademischen Menschenexperiments getragen hat; überzeugend auch mit saftigem Baßbariton als Volksverführer Ratefreund in Die Vögel.

Bestes Dirigat:
Auch wenn Generalmusikdirektor Leo McFall in seiner zweiten Saison von La traviata über Schneeflöckchen bis Così fan tutte überzeugen konnte, geht die Auszeichnung doch an Paul Taubitz, der in Die Vögel die farbige und reiche, wenn auch in Teilen epigonale Partitur in vorteilhaftes Licht getaucht hat.

Beste Regie:
Marie-Ève Signeyrole für Così fan tutte: klug, einfühlsam, ebenso locker-heiter wie scharfsinnig.

Bestes Bühnenbild:
Die Vögel: Diese Auszeichnung ist ambivalent, denn Ersan Mondtag hat am Stück vorbeiinszeniert. Die von ihm entworfenen Bühnenbilder dazu aber sind kraftvoll und setzen wirkungsvoll Videoprojektionen als Kulissenelemente ein. Ein kurzweiliges optisches Vergnügen, das aber kaum etwas mit Braunfels‘ Oper zu tun hat.

Sonderlob:
Die Programmhefte der Dramaturgie sind stets klug zusammengestellt, nicht überladen, musikwissenschaftlich seriös, die Texte gut lesbar und sehr hilfreich für das Verständnis von Regiekonzepten, die man nicht mögen muß, hier aber ohne erhobenen Zeigefinger nahegebracht bekommt.

Irritation:
Es gibt eine gewisse Neigung, die Produktionen mit modischem Wortgeklingel und außermusiktheatralischem Beiwerk pseudo-intellektuell zu überhöhen oder „gesellschaftliche Relevanz“ zu simulieren. Das wirkte bereits zum Ende der vorletzten Saison mit der schrulligen Idee des Einsatzes von Komposthaufen zu Haydns Schöpfung bemüht und im Ergebnis drollig, fand in der zurückliegenden Spielzeit mit einer umständlichen Rahmenerzählung zu einer Ökokatastrophe bei Schneeflöckchen einen szenischen nicht eingelösten Niederschlag, konnte mit „lebenden Archiven“, die zum Public Viewing bei Tristan und Isolde Hinweise zum Stück geben sollten, ein scheiterndes Regiekonzept nicht retten und störte das Gelingen von Così fan tutte auch nicht dadurch, daß in Einlösung des aktuellen Modebegriffes „immersiv“ unbedarfte Laien-Statisten auf der Bühne Platz nehmen durften.

Das Staatstheater Wiesbaden überzeugt nicht wegen, sondern trotz solcher Spielereien, weil es über ein musikalisch gut aufgestelltes und spielfreudiges Ensemble verfügt und mit Leo McFall einen Generalmusikdirektor berufen hat, der die zuvor schwankende Qualität des Orchesters stabilisiert und gehoben hat.


Die Bilanz zog Michael Demel.