Über die KI-Projektionen ist mittlerweile genug gesagt worden, deshalb sei nur erwähnt, dass es beim schlechten Gesamteindruck des Konzeptes bleibt. Und auch wenn einige Projektionen geradezu magische Räume erschaffen, mitunter sogar zur richtigen Zeit, bleibt der überwiegende Teil so diffus, nichtssagend und fehlgeleitet, dass man am besten einfach nicht hinsieht. Aber dann wird im Siegfried ein anderes Manko dieser für Bayreuth untauglichen, man mag es gar nicht so nennen, Jubiläumsproduktion hörbar. Es entsteht der Eindruck, als sei die Bühne nach hinten weit offen und als würden sich einige Stimmen nicht mit dem Orchester verbinden. Ist da bei der ganzen Konzeption nur auf den technischen Aspekt geachtet worden? Haben das die Assistenten von Christian Thielemann nicht gehört?

Auf jeden Fall ist der Mime von Gerhard Siegel, zumindest unter diesen Umständen, kaum wahrzunehmen, vom Text ist überwiegend nichts zu verstehen, einige laute Töne und überzogene Ausbrüche ergeben kein wirkliches Rollenportrait. Dadurch verlieren die zentralen Szenen mit Siegfried und dem Wanderer ihre Wirkung, da er kein stimmliches Gegengewicht zu den Bühnenpartnern darstellt. Bei dieser wichtigen Rolle sehr bedauerlich.
Jochen Schmeckenbecher als Alberich fehlt es, wie schon im Rheingold, an Durchsetzungskraft, das ständige Überziehen der Notenwerte ist enervierend. Ein Gegenspieler zum Wanderer ist er nicht.
In dieser Rolle kostet Michael Volle wieder alle Nuancen genussvoll aus. Seine so prägnant wie schön timbrierte Stimme trägt mühelos durch das Festspielhaus. Mit nie nachlassender Intensität gestaltet er, bei vorbildlicher Diktion, alle Facetten seiner Rolle, von der bitteren Ironie in der Rätselszene, den herrlich boshaften Untertönen in der Auseinandersetzung mit Alberich bis hin zum schmerzlichen, aber unausweichlichen Treffen mit Siegfried, einfach überwältigend. Herrlich auftrumpfend auch die Erda-Szene mit der großartig artikulierenden und klangvoll singenden Christa Mayer.
Dass Klaus Florian Vogt für den Siegfried prädestiniert ist, zeigt sich auch an diesem Abend. Von den jugendlich-hellen Tönen im ersten Akt bis hin zum mit heldischer Einfärbung gesungenen Schlussduett ließ er die Zuhörer an der Entwicklung des jungen Siegfried zum Mann in exemplarischer Wiese teilhaben. Man erlebt, wie klug sich der Künstler die Rolle einteilt, so dass die Stimme bis zum Schluss frei und glanzvoll strahlend bleibt. Ein immer wieder faszinierendes Erlebnis.

Und auch wenn im Schlussduett die Stimmen von Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund gut zueinander finden, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Camilla Nylund vom Stimmtypus her nur bedingt eine Brünnhilde ist. Bei Phrasen wie „Fürchtest Du nicht das wild, wütende Weib?“ fehlt der Stimme die strahlende Leuchtkraft. Auch bei Brünnhildes Erwachen vermisst man das jubelnde Strahlen, das unter die Haut geht.
Für den Fafner mangelt es Peter Rose an Tiefe und Bassschwärze, dadurch verliert die kurze Szene mit Siegfried an Ausdruckskraft.
Indiskutabel die Besetzung des Waldvogels mit Victoria Randem, denn, schon wie im letzten Jahr, ist keinerlei Text zu verstehen. Außerdem klingt die Höhe faserig und nicht klar fokussiert.

Doch für alle Unzulänglichkeiten des Abends wird das Publikum von Christian Thielemann und dem Festspielorchester entschädigt. Was für ein Klangzauber! Die ganze Interpretation ist lebendig in den Tempi, durchhörbar und bis zum Finale stringent in der Spannung gesteigert. Eine weitere beglückende Leistung. Die Vorspiele zum ersten und zweiten Akt sind wunderbar aufgebaut, die Motivverflechtungen immer klar akzentuiert, die Steigerungen dynamisch hervorragend vorangetrieben. Das Vorspiel zum dritten Akt in seiner gebündelten Kraft und Dynamik war überwältigend. Und, ein Pluspunkt dieser Produktion, alle Vorspiele werden bei geschlossenem Vorhang gespielt. Endlich mal keine Bebilderung! Die Musik Richard Wagners erzeugt von sich aus Bilder, da braucht es nichts anderes. Nicht auszudenken, was die KI dazu noch zusammengesucht hätte.
War das Ganze noch als halbkonzertant angekündigt, hat man das Gefühl, dass es sich doch anders entwickelt. Die Sänger agieren miteinander, sie erzählen von sich aus die Geschichte, so gut es ohne Requisiten und Bühnenbild geht. Und sie können alle spielen. Wie wäre es wohl gewesen, wenn man die KI nicht sich selbst überlassen hätte, sondern kontrolliert eingesetzt und mit einem Regisseur zusammengearbeitet hätte? Bei der Bühnenpräsenz der Besetzung und deren Spielfreude sicherlich eine gute, bessere Lösung.
Am Ende der obligatorische Buh-Orkan für die nicht anwesenden Verursacher des Ganzen und großer, nicht für alle Leistungen verständlicher Jubel für die Künstler.
Axel Wuttke, 8. August 2026
Der Ring des Nibelungen
Zweiter Tag Siegfried
Text und Musik von Richard Wagner
Bayreuther Festspiele
Aufführung am 7. August 2026 (zweiter Zyklus)
Premiere (erster Zyklus) am 30. Juli 2026
Kurator: Marcus Lobbes
Künstlerisch-technische Konzeption: Marcus Lobbes und Nils Corte
Digital- und KI-Storytelling: Roman Senkl
Creative Code / Visual Art: Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele
Weitere Vorstellung (dritter Zyklus) am 15. August 2026