Bei der Verleihung der Opera Awards sang der Tenor, natürlich, einen „Schmachtfetzen“, wie ich damals leicht despektierlich schrieb, aus der Operette Der Prinz von Schiras. Der Prinz von Schiras: das war, am Regensburger Haus, eine weitere Operette des Komponisten, dessen Polnische Hochzeit das Münchner Rundfunkorchester schon vorher wiederentdeckt und auf zwei CDs verewigt hatte.

Nun also Der Prinz von Schiras von Joseph Beer. Joseph Beer? Selbst den schärfsten Operetten-Aficionados dürfte er bis vor Kurzem unbekannt gewesen sein. Selbst die Wiener Ausstellung Welt der Operette verschwieg 2011 seinen Namen. 1908 geboren als galizischer Jude, überlebte er im Exil den Holocaust, nachdem er seine beiden Operetten auf die Bühne gebracht hatte: in Zürich, nicht in Wien, wo das Theater an der Wien unter der Leitung seines spielenden und singenden Direktors Hubert Marischka der beste Uraufführungsort gewesen wäre. Im guten Büchelchen zur Ersteinspielung des Prinz von Schiras informiert der Operettenkenner Stefan Frey über die Biographie des Mannes, der sich als Schüler des als „konservativ“ verschrienen Joseph Marx (der, glaube ich, kaum etwas so hasste wie die Wiener Neutöner) zur „leichten Muse“ wandte, um dort Erfolge zu feiern, die von den Zeitläuften verschüttet wurden. Sucht man auf dem sog. Plattenmarkt und bei den bekannten barrierefreien Musikstellen nach Werken des Komponisten, der auch völlig anders geartete Werke schrieb, findet man nicht mehr als jene beiden Operetten, die seit einem Jahrzehnt wieder bekannt sind.
Wie aber klingt Beer? Der 1934 uraufgeführte Prinz besteht tatsächlich aus jenem Amalgam, das Frey konzis beschrieben hat: „Mit Abraham hat Beer viel gemeinsam, die jüdischen Wurzeln, den nervösen Charakter, vor allem aber die freche Stilmischung von Folklore und Jazz (…) Alle Merkmale der Gattung sind bei ihm in gedrängter Form noch einmal vereint. Folkloristische Buffoduette in der Art Kálmáns stehen neben opernhaften Finali à la Lehár und Abrahamschen Tanzschlagern von rhythmischer Prägnanz.“ Man kann es nicht besser ausdrücken, nur das Wort des Lehrers Marx ergänzend zitieren: Es handele sich um eine „symphonische Singspiel-Operette“. Die Symphonik ist besonders im hinreißenden zweiten Finale hörbar, das mit einer fünf Minuten langen, rein orchestralen Passage beginnt, die es in sich hat. Ansonsten drängt sich tatsächlich der Eindruck auf, dass Beer, um es positiv auszudrücken, mit äußerster Raffinesse und großem instrumentatorischem Handwerk – das, etwa in der Auftrittsnummer des Prinzen, „Die Rose von Schiras“, auch an Korngolds Kunst erinnert – die erfolgreichsten und modernsten Operettenmittel der Epoche der späten 20er, frühen 30er Jahre in seine aus 20 Nummern bestehende Partitur vollkommen integriert hat. Das Philharmonische Orchester Regensburg spielt sie denn auch, unter der Leitung von Stefan Veselka, so, wie man sich eine moderne Operette in der Endzeit der Weimarer Republik, kurz vor dem Anschluss Österreichs an das „Reich“, vorstellt: pfiffig und elegant, sentimental und klangsicher, rhythmisch gespannt und melodisch nicht über Gebühr originell – was den Gesamteindruck nicht stört. Die „Glanznummer“, gleichsam das Tauber-Stück, ist die drei Minuten kurze Arie „Du warst der selige Traum“: ein Spitzenstück für einen Spitzentenor, in diesem Fall für Carlos Moreno Pelizari, ein Chilene, der über einen lateinamerikanischen Ton verfügt und einen leichten Lagrimoso-Ansatz pflegt – also gleichsam werktreu artikuliert. Auch seine Partnerin Kirsten Labonte beherrscht den in die Gegenwart übersetzten, nicht zu schweren, aber tragfähigen Operettensopran, der, angenehm und leicht silbrig, die Partie ohrenschmeichelnd ausgestaltet. Mit dem „orientalischen“ Prinzen kommt auch, besonders im ersten Finale, der musikalische Orientalismus ins Spiel, der in manchen Nummern gleichberechtigt neben den alteuropäischen Walzerduetten und -Liedern, den Foxtrotts und der Rumba erklingt. Die Konfliktlinie verläuft, wieder einmal nach dem Muster des auch in dieser Hinsicht alles überragenden Land des Lächelns, dessen Libretto nicht zufällig vom selben Texter, Fritz Löhner-Beda, geschrieben wurde (täusche ich mich oder hört man da wirklich in der großen Arie „Du warst der selige Traum“ einen Anklang an die letzte, unendlich traurige Wiederholung von „Meine Liebe, deine Liebe“?) – nur, dass im Prinz von Schiras der clash of cultures in einem Happy End mündet, weil der Prinz seiner angebeteten Amerikanerin in die Staaten folgt; dass die Regensburger Regie ihre Skepsis bezüglich der zukünftigen Treue des Ehemannes anmeldet, den die Frau ja nicht grundlos verließ, ist nachvollziehbar, aber wer weiß? Operette heißt ja auch Liebesutopie. Die Musik auch des Finales, in dem nun duettselig „Du bist der selige Traum“ gesungen wird, besitzt zumindest Moll-Aspekte, die nachdenklich machen. Ansonsten besitzt der von Ronny Scholz und Sebastian Ritschel bearbeitete Sprechtext Qualitäten, die die Musik des Werks nicht beeinträchtigen, oder anders: Auch im Fall des Prinz von Schiras macht der Ton die Musik; historisch interessant bleibt, neben der erstaunlichen Schablonenhaftigkeit des Hauptkonflikts im Stil des bekannteren Vorbilds, das musikalisch vermittelte Zeitbild einer Vergnügungsgesellschaft mit sentimentalen Einlagen.
Neben dem „Hohen Paar“ steht natürlich noch ein „komisches Paar“, nein: stehen gleich zwei „komische Paare“ auf der Bühne, darunter Fabiana Locke als Hassan und Felix Rabas als seine Frau Fatime. Man spielt, ganz im Geist der 20er, Herren als Damen und Damen als Herren. Man hat hörbar Vergnügen an der Operette, deren Spaß und deren musikalische Qualitäten mit Verve in die Gegenwart gebracht wurde. Die Aufnahme genießend, bedauert man es schließlich, dass Beer keine dritte Operette komponiert hat. Schmachtfetzen sind doch eigentlich ganz schön…
Frank Piontek, 16. Juli 2026
Joseph Beer: Der Prinz von Schiras
Philharmonisches Orchester Regensburg
Dirigat: Stefan Veselka
cpo 555 670-2