Bayreuth: „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ – Bilanz der zweiten Hälfte des „KI-Rings“

Dass „Kurator“ Marcus Lobbes und sein Team nach der Götterdämmerung vom Bayreuther Premierenpublikum massiv niedergebuht wurden, überraschte nicht. Bereits an den vorherigen drei Abenden bahnte sich wachsender Unmut an angesichts einer Inszenierung des Rings des Nibelungen, die keine war. Das Wagnis, „KI“ in eine Opernproduktion zu integrieren, scheiterte auf ganzer Länge. Und zwar aufgrund ebenso vorhersehbarer wie vermeidbarer Fehler. Vorhersehbar, weil der Einsatz der „KI“ anders angekündigt wurde, als man ihn dann erleben durfte oder je nach Schmerzgrenze erleben musste. Was übrigens auch bei etlichen Sängern nicht nur für Irritationen, sondern auch für einige Missstimmungen sorgte.

Siegfried / © Enrico Nawrath

Die angedeutete und erwartete Grundidee, die 15 Inszenierungen des Rings aus der 150-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele mit ihren Bühnenbildern und Kostümen in die Neuproduktion einfließen zu lassen, war an sich nicht schlecht. Doch konnte man nicht damit rechnen, dass die von der „KI“ gesampelte Bilderflut so stark in den Mittelpunkt gestellt wurde, dass jedes theatralische Element der Darstellung nicht nur beeinträchtigt, sondern bewusst eliminiert wurde. Was sich am unglücklichsten darin zeigte, dass man die Sänger hinter verschleiernden Gaze-Vorhängen optisch nahezu verschwinden ließ und sie, noch schlimmer, wie geteert und gefedert in unbequeme Geflügel-Kostüme zwängte und einem rigorosen Bewegungsverbot unterwarf. Die langen Wagner-Akte nahezu unbeweglich stehend stemmen zu müssen, ist nicht nur unnötig anstrengend, es hemmt auch jede dramatische Entwicklung und emotionale Steigerung. Da wird der ekstatische Schlussgesang von Siegfried und Brünnhilde szenisch genauso entwertet wie zuvor in der Walküre schon die Liebeseruptionen Siegmunds und Sieglindes.

Götterdämmerung / © Enrico Nawrath

Dass musikalisch dennoch eine Menge an musiktheatralischer Substanz und Atmosphäre gerettet wurde, ist neben der musikalischen Leitung von Christian Thielemann der Professionalität der durchweg guten bis hervorragenden Sängerinnen und Sänger zu verdanken, die leider nicht ihre Qualitäten als adäquate „Sängerdarsteller“ ausleben durften. Auch wenn in der Götterdämmerung der ein oder andere Darsteller mehr Lebenszeichen von sich gab als im Rest der Tetralogie. Doch davon später mehr.

Ein weiterer Grundfehler der Produktion lag daran, dass das „künstlerisch-technische Konzeptions“-Team die „Intelligenz“ der „künstlichen Intelligenz“ erheblich überschätzte. Die Unmengen an gesammelten Daten aus der Bayreuther Festspielgeschichte, aber auch zeitlich paralleler gesellschaftlicher und politischer Ereignisse, kann die „KI“ zwar virtuos und nahezu unerschöpflich vielfältig verarbeiten, allerdings ohne reflektierende und kreative Fähigkeiten. Sie kann ein Kennedy-Konterfei mit einem Bühnenbild aus der Ring-Inszenierung um 1960 verknüpfen, aber ohne jeden szenischen oder erhellenden Mehrwert. So begegnet man auch Bildern von Helmut Kohl, Frank Sinatra, Michail Gorbatschow, der Ortstafel von Schengen, Flüchtlingsbooten und etlichen Kriegsszenarien, die für eine Dokumentation interessant sein könnten, auf der Bühne, für ein „Musiktheater“ welcher Art auch immer, jedoch überhaupt keinen Sinn ergeben.

Siegfried / © Enrico Nawrath

Dass man das 150-jährige Jubiläum eines Festivals, mit dem Richard Wagner das Musiktheater revolutionieren wollte, was ihm auch gelang, mit einer Produktion krönt, die jeder Fassette von Wagners Vorstellungen widerspricht, sie sozusagen ausradiert, ist desillusionierend. Dass sich Lobbes mit seinem riskanten Experiment ausgerechnet an Wagners größtem Werk austoben darf und damit scheitert, wirft ein bedenkliches Licht auf die Programmplanung der Festspiele.

Dass sich Bayreuth finanziell strecken muss, auch wenn es angesichts der allgemeinen Kürzungen in Land und Bund noch glimpflich davonkommt, dafür hat gewiss jeder Verständnis. Und damit auch für die Reduzierung der ursprünglichen Planung für das Jubiläum mit allen zehn Werken des Kanons plus Rienzi auf sieben Stücke. Tobias Kratzers Tannhäuser und Matthias Davids Meistersinger von Nürnberg werden im kommenden Jahr nachgeliefert. Ergänzt durch gleich zwei Neuinszenierungen, und zwar den Lohengrin in der Regie von Ilaria Lanzino und einem neuen Parsifal in der Inszenierung von Ersan Mondtag und den Bühnenbildern von Neo Rauch und Rosa Loy. Zwei Neuinszenierungen soll es ab 2027 in jedem Jahr geben, allerdings jeweils zum halben Produktionsbudget. Dass im nächsten Jahr damit nur vier Stücke gezeigt werden, riecht freilich nach drastischen Sparmaßnahmen.

Götterdämmerung / © Enrico Nawrath

Christian Thielemann wird übrigens den neuen Parsifal dirigieren und Festspielleiterin Katharina Wagner kann froh sein, in Thielemann einen so Wagner-kompetenten Dirigenten zu haben, der auch dem szenisch misslungenen Ring dieses Jahres maßgeblich zum musikalischen Erfolg verholfen konnte. Thielemann genießt großen Respekt beim Orchester und den Solisten, wird vom Publikum überschwänglich gefeiert, und hat sich auch diesmal nicht von den extrem heißen Temperaturen inner- und außerhalb des Orchestergrabens einschüchtern lassen und mit seinem weit mehr als routinierten Dirigat die Sänger zu Höchstleistungen animieren können. Viele seiner interessanten und eigenwilligen, aber stets sinnvollen Details in der Phrasierung, der Klangfärbung, in den Tempi und etlichen dynamischen Nuancen treffen nicht nur den musikdramatischen Nerv der Musik, sondern wirken sich auch sehr sängerfreundlich aus, wofür ihn auch das diesjährige Ensemble schätzt. Darunter Michael Volle als ausstrahlungsstarker, erfreulich textverständlicher Wotan und Camilla Nylund als Brünnhilde, die ihren Part ebenso konditionsstark und kultiviert ausführte wie Klaus Florian Vogt, der gleich alle drei zentralen Tenorpartien des Rings, den Loge, Siegmund und Siegfried, unangestrengt und ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen interpretierte.

Dass die musikalischen Leistungen nahezu aller Mitwirkenden mit fast hysterischen Begeisterungsstürmen bedacht wurden, ist zwar für das Bayreuther Publikum nicht ungewöhnlich, diesmal aber rundum verdient.

Pedro Obiera, 2. August 2026


Siegfried und Götterdämmerung
Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Premieren am 30. Juli und 1. August 2026

Kurator: Marcus Lobbes
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele