Künstlerinnen gelten ja zuweilen als Prophetinnen. Christa Pawlofsky ist so eine Prophetin – weil sie mit ihrer neueste Ausstellung gezeigt hat, dass sie schon vor 30 Jahren ein Projekt angedacht und in jahrelanger Arbeit realisiert hat, das andernorts erst in den letzten Jahren, ja Monaten verwirklicht hat.
Der Gedanke schießt dem Bayreuther Besucher in den Kopf, der die Ausstellung des Kunstvereins im Kunstkabinett des Alten Rathauses und nur neun Tage vorher, am Tag der Eröffnung der Festspiele, bei Steingraeber eine Schau besucht hat, die einen ähnlichen Untertitel trägt. Hier also, bei Pawlofsky, Bayreuths große Verpflichtung – Die Festspielzeit im Spiegel der Presse, dort, bei den Studentinnen und Studenten der Bayreuther Universität und des Forschungsinstituts für Musiktheater (fimt), KriegsFestSpiele – Im Spiegel der Bayreuther Presse.
Was für ein Zufall! Und was für verschiedene Arten und Weisen, mit den Bayreuther Presseberichterstattungen und der Bayreuth-Propaganda der Zeiten vor, im und nach dem 2. Weltkrieg umzugehen. Die Unterschiede sind offensichtlich: Beschränkt sich das Untersuchungsgebiet der Studenten themenzentriert auf die frühen 40er Jahre, so hat die Bayreuther Künstlerin sich Zeitungsblätter des Nordbayerischen Kuriers und seiner Vorläufer der Jahre 1935 bis 1997 vorgenommen. Beide Konzeptionen beziehen die Kunst, die Inszenierung und die Institution Festspiele auf die politisch-historische Zeitgeschichte, wie sie sich in den Schlagzeilen, Bildern und Artikeln der Bayreuther Presseorgane spiegelt. Nur hat die Malerin die Lizenz, witzig-ironisch mit dem Material umzugehen, indem sie es buchstäblich, mit zugleich verdeutlichenden und verfremdenden Kolorierungen, übermalt. Der wirkliche Witz Christa Pawlofskys aber besteht darin, dass sie, soweit es die bekannte und inzwischen zu Tode zitierte Sentenz „Hier gilt’s der Kunst“ betrifft, mit der die Wagner-Brüder 1951 jegliche Debatte über die „dunklen Jahre“ im Keim abzuwürgen trachteten, mit den Übermalungen gerade das hervorhebt, was man 1951 zu übermalen suchte.

Wie nennt man so etwas? Dialektisch. Ebenso dialektisch kommen die ein- und übergezeichneten Kommentare zu den jeweiligen Inszenierungen und historischen Ereignissen daher. Es ist schon hintersinnig, wenn im Juli 1972, just wenige Tage nach der Eröffnung der Festspiele, zum Einzug der Götter nach Walhall und der Besucher ins Festspielhaus die Meldung gelesen werden kann, dass sich die Raumkapsel Apollo 13 gerade auf dem Weg zum Mond befindet. Vorn aber sehen wir die Silhouetten jener Zeitgenossen, die seinerzeit die Kapsel beobachtet haben und gleichzeitig zu den Zuschauern des Spektakels werden, das „Der Einzug der Götter in Walhall“ heißt. Sind es die Bayreuther Premierenbesucher oder die Bewunderer der Astronauten? Die Frage gebt verloren, wo es um die Parallelität von Ring-Inszenierung und jeweiliger Zeitgeschichte geht, wie sie Philippe Olivier in einem bedeutenden Buch über die Bayreuther Ring-Inszenierungen herausgestellt hat. Wusste Pawlofsky davon? Wenn nicht, was angenommen werden kann, hat sie sich auch in Sachen Kunst und Politischer Zeitgeist als nachdenkliche und avantgardistische Künstlerin erwiesen.
Sie hat auf jeden Fall das große und unabschließbare Gebiet der Abteilung „Wagner-Kunst“ um eine inhaltlich bedeutende und angemessen schräge Ecke erweitert, zudem im Jubiläumsjahr Festival 150 die Geschichte der Festspiele zwischen den 30er und 90er Jahren mit ihren Mitteln reflektiert: nicht als Wissenschaftlerin, aber als wissende Zeitgenossin, so dass jedes der 17 Blätter – teils Übermalungen, teils übermalte Collagen – Details enthält, die zwischen Überschrift und Bild humorvoll vermitteln. Doch Vorsicht: Sie hat das „Tiefe“, das man in Deutschland (angeblich) so schätzt, an der Oberfläche versteckt: so wie die Bratwürste, die unter der knalligen NS-Überschrift Bayreuths große Verpflichtung die Realität der Festspiele beschreiben und der Nazipropaganda begegnen.
Womit zuletzt das Wort Stephan Möschs bewiesen wird, das er in seinem neuesten Opus magnum Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte fixiert hat: Dass der Senffleck auf dem Smoking genauso zu den Festspielen gehöre wie der Streit um die Inszenierungen.
Frank Piontek, 2. August 2026
Christa Pawlofsky:
Bayreuths große Verpflichtung. Die Festspielzeit im Spiegel der Presse
Bayreuth, Kunstkabinett im Alten Rathaus
Bis 21. September 2026