Bayreuth: „Die Walküre“, Richard Wagner (zweiter Zyklus)

Es wird nicht besser. Die Unzulänglichkeiten dieser KI als Medium für eine Ring-Inszenierung sind so offenkundig, die Bilder so sinnfrei, einfältig und banal, dass es teilweise zum Fremdschämen ist. Auffallend sind die immer wiederkehrenden Projektionen von Geröll, Müll, schimmligen Flächen und Metallschrott. Mit welchen Informationen muss man die KI bestücken, damit bei Siegmunds Ausspruch „Siehe, der Lenz lacht in den Saal“ Ruinen, Gerümpel und undefinierbare Metallgegenstände erscheinen?

Denn die KI kann ja auch anders. Sie kann auch sinnvolle, geheimnisvolle und schöne Bilder erzeugen, die atmosphärisch zur Handlung passen und den Zuschauer mit in das Stück nehmen und nicht, wie die meiste Zeit, durch Abstruses vom Stück fernhalten. Leider verschwinden die guten Bilder schneller als die Überflüssigen.

© Enrico Nawrath

Ansonsten gibt es wieder viele Zitate aus alten Ring-Inszenierungen, vor allem von Chereau und Kupfer. Aber auch aus der Walküre von 2021, in der Hermann Nitsch sich farblich ausgetobt hatte. Zwischendrin erscheint „Wälsungenblut“-Autor Thomas Mann, das ist wohl ein Fingerzeig, dass da eine Verbindung besteht. Wer hat es gewusst? Später ist Lenin noch zu sehen, abgemagerte Menschen, Soldaten, und bei Wotans Abschied, warum auch immer, dürfen auch Adolf Hitler und seine Entourage nicht fehlen. Die hatten auch Verbindungen zum Wagner-Clan. Hat das jemand gewusst? Aber man soll sich ja nicht einfach zurücklehnen und etwas genießen, sondern auch etwas lernen! Woher kommt eigentlich die mittlerweile weitverbreitete Meinung, dass das Publikum ungebildet ist und stets und ständig belehrt werden muss? Selbst von einer KI!

Musikalisch geht der mit dem Rheingold begonnene Festspielhöhenflug weiter. Christian Thielemann zaubert mit dem auf höchstem Niveau spielenden Festspielorchester ein wahres Wagner-Wunder: Feinfühlig in den Tempi, immer umsichtiger Begleiter seiner Sänger und Sängerinnen, entfaltet er einen wunderbar luziden Klang, ohne dabei die großen Ausbrüche und Steigerungen zu vernachlässigen. Das Publikum dankt für diese Leistung mit Jubelstürmen und Fußgetrampel.

Michael Volle singt, nein er ist Wotan. Wie er die Verwandlung vom fröhlichen zum verzweifelten und wütenden Gott nachvollziehbar macht, ist einmalig. Jedes Wort ist bei ihm zu verstehen und wird mit Sinn gefüllt. Er teilt sich seine Kräfte klug ein, so dass er auch für Wotans Abschied noch die nötigen Reserven hat und diesen mit wunderbarem Legato gestalteten kann. Eine zu Herzen gehende Darbietung.

Mit großer stimmlicher und sprachlicher Autorität gestaltet Anna Kissjudit eine unversöhnliche Fricka, deren Vorhaltungen Wotan nichts entgegensetzten kann. Durch ihre große, tragfähige, im Kern warme Stimme, erlebt man eine Gestaltung weit ab von den gängigen Klischees der zickigen und keifenden Göttergattin. Eine großartige Interpretation.

© Enrico Nawrath

Camilla Nylund überzeugt als Brünnhilde durch die Schönheit ihres lyrisch grundierten, in der Höhe sich klangvoll öffnenden Soprans. Die Wandlung von der übermütigen Wotan-Tochter zur Verzweifelten und Ausgestoßenen gerät ihr äußert packend. Auch ihre Textverständlichkeit ist vorbildlich.

Wie zu erwarten, gestaltet Klaus Florian Vogt mit großer Textverständlichkeit und vielen zarten lyrischen Tönen einen jugendlichen, an den dramatischen Stellen heldisch auftrumpfenden Siegmund. Auch er teilt sich die Rolle klug ein, um mit feinsten Abstufungen die Wandlungen der Figur in jedem Moment glaubhaft zu machen. Einen Höhepunkt bildet die Todesverkündung, bei der er und Camilla Nylund durch ihre berührende Interpretation die Zeit stillstehen lassen.

Nicht ganz auf diesem Niveau agiert die Sieglinde von Elza van den Heever. Ihr Sopran gerät immer wieder bei den Registerwechseln aus dem Fokus, klanglose Phrasen sind die Folge. Auch ihre Diktion, vor allem im zweiten Akt, ist unzulänglich.

Als aggressiver Gegenspieler Siegmunds ist Mika Kares mit seiner kraftvollen Stimme und dem herrlich bösartigen Ausdruck ein furchteinflößender Hunding.

© Enrico Nawrath

Die Walküren sind stimmgewaltig und machen das Wilde und unbändige der Figuren klangschön erlebbar. Sehr individuell in den Stimmfarben, fügten sie sich doch zu einem dynamisch abgestuften, homogenen Gesamtklang.

In den überbordenden frenetischen Schlussjubel für die Künstler mischten sich einige Buhs, die sicherlich der Produktion zugedacht waren, auch den Kostümen, die nun auch noch mit Federn ergänzt sind und die Künstler wie überfahrene, in Verwesung befindliche Vögel erscheinen lassen.

Axel Wuttke, 6. August 2026


Der Ring des Nibelungen:
Erster Tag: Die Walküre
Text und Musik von Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Aufführung am 5. August 2026 (zweiter Zyklus)
Premiere (erster Zyklus) am 28. Juli 2026

Kurator: Marcus Lobbes
Künstlerisch-technische Konzeption: Marcus Lobbes und Nils Corte
Digital- und KI-Storytelling: Roman Senkl
Creative Code / Visual Art: Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele

Weitere Vorstellung (dritter Zyklus) am 13. August 2026