Auch wenn es nicht so schlimm war wie erwartet, muss man trotzdem sagen, dass auch nach dem Rheingold des zweiten Ring-Zyklus das Experiment gescheitert ist. Dass KI noch lange nicht die Fähigkeiten hat, die ihr zugeschrieben werden, ist nicht verwunderlich. Aber wenn eine Maschine ein so hochkomplexes Werk wie den Ring illustrieren soll, muss sie scheitern. Und auch wenn von den Verantwortlichen nachgebessert worden ist, bleibt ein uninspirierter, über weites Strecken diametral zur Musik und zum Text ablaufender Bildersturm. Da jede Aufführung neu kreiert wird, gelingt der noch ausstehende letzte Zyklus vielleicht besser.

Allerdings gab es auch einige Stellen, die optisch wunderbar passten und wirklich beeindruckend die Handlung unterstützten. Das betrifft sowohl die Bebilderung zu Beginn, die weitestgehend gut anzusehen war oder der geradezu sensationell gestaltet Drachen bei Alberichs Verwandlung. Allerdings lief es da zeitlich etwas auseinander. Die KI reagiert eben nicht auf den Fluss der Musik.
Merkwürdigerweise geriet die KI ab der Schilderung Loges von „Weibes Wonne und Wert“ aus dem Ruder. Schrottberge, genietetes Metall, Ruinen, verschimmelte Wände und alte Fabrikhallen bestimmten über den Rest des Abends die Bilder. Da fehlt die emotionale Verarbeitung der Maschine. Dafür gab es zwei Regenbogenbrücken, eine zu früh und eine zum richtigen Zeitpunkt, immerhin. Der Sturm, den Donner entfacht, um den Himmel freizulegen, ist für die KI dann wieder hauptsächlich Schrott und undefinierbares Gerümpel.
Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich durch die oft die Sänger überblendenden Bilder, die eine große Distanz zu den Künstlern schaffen, was bei einer Kunstform wie der Oper, wo die Sänger und Sängerinnen im Mittelpunkt stehen, eine Nichtachtung dieser darstellt. Aber auch dem Publikum gegenüber, das sich emotional nicht mit den Künstlern verbinden kann.
Da bestätigt sich dann auch wieder, dass die Maschine nur so gut ist, wie der Mensch, der mit ihr umgeht. Haben die Macher dieser Inszenierung Interesse an Musik, gar an der Musik Richard Wagners?
Über die entsetzlich geschmacklosen Unrat-Kostüme ist ja schon genug geschrieben worden, da hat sich leider nichts geändert.
Für ein 150. Jubiläum ist dies beschämend und eine Ohrfeige ins Gesicht Richard Wagners, der Künstler auf der Bühne und im Graben und des Publikums. Da von Sparmaßnahmen geredet wurde, stellt sich die Frage, warum es dann eine Inszenierung von Rienzi gab, hat dieses Werk doch weder mit dem Festspielhaus noch mit dem Jubiläum eine Verbindung.

Aber es gibt ja noch die musikalische Seite der Produktion, und die ist so grandios, dass man über vieles hinwegsehen kann. Christian Thielemann zaubert einen so erlesenen, klaren, die Höhepunkte auskostenden Klangteppich, dass man es kaum fassen kann. Und er trägt seine Sänger auf Händen. Thielemanns Liebe zur Musik Richard Wagners und zum Festspielhaus ist in jedem Takt hör- und erlebbar. Das ist einfach phänomenal. Das beglückte Publikum bedankt sich bei ihm für diese Meisterleistung mit frenetischem Beifall und Jubelrufen. Natürlich gehört zum Dirigat auch das Orchester der Bayreuther Festspiele, und das spielt an diesem Abend so wunderbar klangsinnlich und in allen Instrumentengruppen so homogen und sensibel, dass man nur dankbar sein kann, dies erlebt zu haben.
Und auch die Sängerriege ist hervorragen aufgestellt. Michael Volle ist als Wotan das kraftvolle Zentrum. Dem Sänger stehen alle stimmlichen Mittel für diese Rolle zur Verfügung. Sein wunderbar prägnantes Timbre und die technischen Möglichkeiten erlauben es ihm, den Text voll auszukosten, er kann zart und lieblich säuseln, die Stimme in herrliches Piano zurücknehmen, aber auch auftrumpfen und, immer klangschön, den zornigen, bösartigen Gott gestalten. Das ist überragende Gesangskunst.
Da steht ihm der Loge von Klaus Florian Vogt in nichts nach. Seine helltimbrierte, klare Stimme und die ausgefeilte Diktion passen hervorragend zu der Figur. Nur das Durchtriebene fehlt ihm etwas.
Anna Kissjudit, im letzten Ring noch als Erda besetzt, gestaltet mit einer wunderbar runden, warmtimbrierten Stimme eine erstzunehmende Fricka. Die Auseinandersetzung mit Wotan im zweiten Akt Walküre verspricht musikalisch äußerst spannend zu werden.
Evelin Novak singt eine jugendlich strahlende Freia. Als Erda überzeugt Christa Mayer mit warmer Stimme und vorbildlicher Diktion. Vielleicht lag es an der Positionierung der Sänger ganz am linken Rand, dass Siyabonga Maqungo als Froh und Alexander Grassauer als Donner akustisch nicht richtig zu vernehmen waren.
Problematisch der Alberich von Jochen Schmeckenbecher. Die Stimme wirkt unausgeglichen und nicht frei. Auch die rhythmische Freizügigkeit und die teilweise nicht immer richtige Intonation fallen, vor allem im Gegensatz zu den anderen Sängern, auf. Allerdings gelingt es ihm gut, die verletzliche Seite der Figur darzustellen. Gerhard Siegel ist ein bewährter Mime, der auch gerne mal die Rolle ein bisschen überzieht.

Mika Kares verleiht dem in Freia verliebten Riesen Fasolt die richtige klangliche Dimension, wohingegen Peter Rose das brutale, gierige des Riesen Fafner passend zum Ausdruck bringt.
Die Rheintöchter sind, wie schon im letzten Ring, mit Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold sehr homogen und klangschön besetzt.
Ein Buh-Orkan durchflutete das Haus nach dem letzten Ton und legte sich erst, als die Sänger vor den Vorhang kamen. Dann herrschte nur noch begeisterter Jubel.
Axel Wuttke, 4. August 2026
Der Ring des Nibelungen:
Vorabend: Das Rheingold
Text und Musik von Richard Wagner
Bayreuther Festspiele
Aufführung am 4. August 2026 (zweiter Zyklus)
Premiere (erster Zyklus) am 26. Juli 2026
Kurator: Marcus Lobbes
Künstlerisch-technische Konzeption: Marcus Lobbes und Nils Corte
Digital- und KI-Storytelling: Roman Senkl
Creative Code / Visual Art: Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele
Weitere Vorstellung (dritter Zyklus) am 12. August 2026