Bayreuth: „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ – Schlussbilanz des zweiten Zyklus

In Bayreuth ist man nie vor Überraschungen gefeit. Erstmals seit über 40 Jahren habe ich es an diesem Ort erlebt, dass zweimal während einer Aufführung ein bimmelndes Handy störte, einmal dicht am Ohr unangenehm schrill. Die an anderen Opernhäusern verbreitete Ansage, die Mobiltelefone auszustellen, gibt es in Bayreuth (noch) nicht, bislang galt es als selbstverständlich, dass an diesem Ort so etwas nicht vorkommt. Aber allmählich scheinen sich bestimmte Gepflogenheiten auf dem Grünen Hügel zu verlieren.

Was mich aber fast am meisten schockte, um das Pferd von hinten aufzuzäumen, waren Buhrufe am Ende des zweiten Zyklus für Camilla Nylund. Gerade in den letzten beiden Teilen der Tetralogie präsentierte sich die Finnin in Topform. Die so liebliche, entsprechend vom Festspielorchester grundierte Stelle „Ewig war ich, ewig bin ich“ (Siegfried, dritter Akt) tönte ungemein zärtlich. Und wie sie bei ihrem großen Schlussmonolog in der Götterdämmerung „Starke Scheite schichtet mir dort“ ihre Spitzentöne imposant ablieferte: alle Achtung! Erwarteten die Buhrufer die Qualitäten einer Birgit Nilsson, die Brünnhilde vor sechzig Jahren bis zum letzten Ton mit kristalliner Schönheit zu singen vermochte? Das wäre ein überhöhter Anspruch, sie war schon zu ihrer Zeit eine Klasse für sich, mit ihr konnte und kann sich keine messen.

Klaus Florian Vogt steht höher in der Gunst des ihn einhellig feiernden Bayreuther Festspielpublikums. Er meistert Siegfried ohne Anflüge von Ermüdung mit seiner unverwechselbaren hellen, tragfähigen Stimme fulminant, nur in der Tiefe tönt sein Tenor ein bisschen dünn. Textverständlichkeit und -ausdeutung nehmen darunter aber keinen Schaden, sein helles Timbre verleiht ihm eine gewisse Jugendlichkeit, die mit der Rolle ideal harmoniert. Dass er im noch bevorstehenden dritten Zyklus ohne einen Tag Pause dazwischen Siegfried und Götterdämmerung singen wird, erscheint dennoch sehr sportlich. Ein solcher Parforceritt sollte eine Ausnahme bleiben, wäre es doch allzu schade, wenn diese Stimme durch vorzeitigen Verschleiß Schaden nehmen sollte. Wenn es die betroffenen Sänger bemerken, ist es oftmals leider schon zu spät.

Aber darauf wird hoffentlich Christian Thielemann ein Auge haben, der in Vogt schon seit längerem einen verlässlichen Partner gefunden hat, dessen tendenziell eher lyrisch ausgeprägte Stimme er auf Händen trägt.

Seinem Ruf als „Zauberer“ wird der Bayreuther Publikumsliebling Thielemann aber auch gerecht in der Weise, wie sich die Musik unter seiner Leitung über alle Schwächen der szenischen Konzeption hinwegsetzt. Über all die Porträts von Helmut Kohl, Willy Brandt und Barack Obama, die sich unvermittelt zwischen so manche durchaus poetische Landschaft in den visuellen Flow verirren, aber auch über die unvorteilhafte Idee, den von Thomas Eitler-de Lint blendend einstudierten Chor vor den Augen des Publikums zu verbergen. Als wäre der nicht aktiv in die Handlung eingebunden, insbesondere in einem so spannungsvollen Moment, in dem Brünnhilde den für sie unerklärlichen Verrat Siegfrieds bemerkt („Ist sie entrückt?“), oder wenn Hagen vor den Augen seiner Mannen Siegfried tötet („Hagen, was tust du, was tatest du?“).

Bestens mit den Tücken des verdeckten Orchestergrabens vertraut, bringt der Kapellmeister die großen Klangmassen exakt zusammen und schafft über die Lebendigkeit der Gestaltung trotz der Unsichtbarkeit des Chors die Illusion eines Dialogs. In diesem zweiten Aufzug der Götterdämmerung tönt der Hagen von Mika Kares – in der ersten Gibichungenszene noch zu harmlos – deutlich finsterer und fieser, wenngleich nicht so tiefschwarz wie einst ein Matti Salminen, der einem das Blut gefrieren ließ, wenn er sein „Hoiho!“ anstimmte.

Das klangliche Raffinement lässt sich aber auch an Stellen entdecken, an denen sehr wenige Instrumente die Atmosphäre schaffen und an denen sich Wagners geniale Instrumentationskunst offenbart. Wenn zum Beispiel Kontrabasstuba und Fagotte, grundiert von bedrohlich leisen Paukenschlägen im ersten Siegfried-Vorspiel mit tiefen Pfundnoten den gefürchteten Riesenwurm vor dem inneren Auge entwerfen, der auf dem Gaze-Vorhang erst wesentlich später sichtbar wird. Oder wenn die Klarinette mit einer ihrer schönsten wiederkehrenden Motive Brünnhilde tief in die Seele schaut, so empfindsam und zärtlich musiziert, dass es einem mitten ins Herz geht.

Eines vermittelt sich da auch ganz klar: Wie doch in der Musik alles auf Schwingungen basiert, die sich bei einer so klaren Vorstellungskraft zwischen Dirigent und seinen Mitstreitern unwillkürlich übertragen. Ob in solch einer intimen Kammermusik oder bei einem exponierten Einsatz von Hörnern, Posaunen und Trompeten, bei dem jeder Ton makellos sitzt. Was sich zwischen unsichtbarem Graben, Bühne und den Menschen im Saal an Frequenzen überträgt, potenziert sich freilich noch einmal überwältigend zum feierlichen Trauermarsch „Siegfrieds Tod“, dem musikalischen Höhepunkt dieser Aufführung, leicht entschleunigt und in voller Pracht des gesamten Orchesters.

Das Ensemble, das sich etwas linkslastig auf der Bühne versammelt, bildet ein homogenes Ganzes, nur die drei Nornen wirken als Gruppe nicht ganz ausgewogen, da die höheren Soprane von Alexandra Ionis und Magdalena Hinterdobler mit dem gewaltigen Mezzo der grandiosen Anna Kissjudit kaum mithalten können. Aber als eine Gutrune mit hübschen lyrischen Stimmgaben gefällt Hinterdobler durchaus.

Unter den Übrigen versammeln sich viele alte Bekannte, die sich in ihren Partien längst bewährt und ausgezeichnet haben wie Michael Volle (Wanderer), Christa Mayer (Erda, Waltraute) und Gerhard Siegel (Mime), sowie als vielversprechender Newcomer Michael Kupfer-Radecky als ein profunder Gunther. Einzig Victoria Randem will mit ihrem druckvollen Gesang als Waldvogel nicht recht gefallen. Aber diese Abstriche an einer vergleichsweise kleinen Partie lassen sich angesichts des grandiosen musikalischen Gesamteindrucks verschmerzen.

Ein Ring, der im Sinne Richard Wagners szenisch und musikalisch überzeugend ein Gesamtkunstwerk darstellt, ließ sich jedoch in Bayreuth schon seit Jahrzehnten nicht mehr erleben. Musikalisch geht es nicht besser als unter der Leitung von Christian Thielemann. Aber der geeignete Partner für die Regie muss erst noch gefunden werden. Das ist eine schwierige, aber keineswegs aussichtslose Aufgabe. Brigitte Fassbaender (Erl) und Vera Nemirova (Frankfurt) haben mit ihren zeitlosen, schlüssigen, ansprechenden Inszenierungen gezeigt, wie das gehen kann. An eine dieser Konzeptionen ließe sich doch bestimmt erfolgreich anknüpfen.

Kirsten Liese, 11. August 2026


Siegfried und Götterdämmerung
Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Aufführungen am 7. und 9. August 2026 (zweiter Zyklus)
Premieren am 27. und 28. Juli 2026 (erster Zyklus)

Kurator: Marcus Lobbes
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele