Bayreuth: „Parsifal“, Richard Wagner

In der Tat abgespielt

Über die Inszenierung des Parsifal von Jay Scheib mit dramaturgischer Unterstützung von Marlene Schleicher aus dem Jahre 2023 ist im Prinzip schon alles gesagt worden. Die vermeintliche Neuerung, denn es war gar keine, da es das Konzept der „Virtual Reality“ über Brillen schon 2020 am Staatstheater Augsburg in Orpheus und Euridice gab, und Ähnliches schon 2003 bei einem Rheingold im Brucknerhaus Linz, war die Einführung von sogenannten Augmented Reality-Brillen“. Diese entpuppten sich allerdings als Augmented Phantasy Brillen, weil ihre Inhalte kaum etwas mit dem Parsifal zu tun hatten. Dazu waren sie zu schwer und gerade für Brillenträger nicht leicht zu handeln.

© Bayreuther Festspiele

Man musste sich fragen, ob das Regieteam den Parsifal in seiner ganzen Komplexität durchdrungen hat. Die meisten der Besucher hatten die Brillen im 3. Aufzug schon nicht mehr auf der Nase, und viele äußerten sich nach der Aufführung ablehnend. Mit der Saison 2026 hat man konsequenterweise von den Brillen Abstand genommen. Es gibt sie dieses Jahr nicht mehr. So war dieses so großartig angekündigte Experiment am Ende, noch zumal nur die hinteren drei Reihen 28 bis 30 des Parketts eine Brille aufsetzen konnten. So wurde es ein Flop, mit immerhin 300.000€ Kosten bei in Bayreuth generell knappen Mitteln nicht unbedenklich. Man hätte sich das nach der Augsburger Erfahrung eigentlich sparen können. Hat sich das dort einmal jemand vom Grünen Hügel angesehen? Der Orpheus lief nach 2020 noch eine ganze Weile.

Der Parsifal war im Bühnenbild vom Mimi Lien und im Licht des mittlerweile verstorbenen Rainer Casper besonders diesen Sommer also im Prinzip nur eine halbe Inszenierung, denn sie war für das Regieteam um Jay Scheib für die Augmented Reality-Brille konzipiert worden. Dadurch entstanden nun optisch zeitweise grenzwertig anzusehende Szenen. Im 1. Aufzug wurde ganze 20 Minuten lang mit unsauberen Fingern ohne Handschuhe in der übergroßen stark blutenden Wunde des Amfortas herumlaviert, auf einer überdimensionalen Leinwand im Video (Joshua Higgason). Man musste eigentlich die Augen schließen, zumal das viel zu lang dauerte. Und darauf folgte noch einige Minuten Gewusel in der blutenden Wunde des Schwanes. Das alles würde mit den Brillen wohl anders wirken, aber nun hatte sie niemand mehr auf der Nase.

Gar nichts zu tun mit Parsifal hatte das erst im 3. Aufzug klar hervortretende Thema, die Problematik des Abbaus seltener Erden und des unter großen Naturschäden abgebauten Lithiums anzusprechen. Das kam fast wie eine Überraschung nach der bunt überladenen Ästhetik des Zaubergartens, in dem kitschig gekleidete und zum Teil entstellte Zaubermädchen albern mit den verstümmelten Überresten ihrer von Parsifal erschlagenen Lieblinge spielten.

© Bayreuther Festspiele

Nervenderweise wurde das Ganze, wie auch die folgende Auseinandersetzung Kundrys mit Parsifal, von zwei junge Kameramännern auf der Bühne für die Leinwand dahinter gefilmt – eine beharrlich störende Intervention von außen in das Bühnengeschehen! Was soll das? Hat sich die Oper nicht über fast 430 Jahre auch ohne filmische Vergrößerung auf der Bühne prächtig entwickelt?  Viele Opern Opernbesucher wollen nicht einmal ein Opernglas aufsetzen, sondern das Ganze einfach nur so, wie es ist, erleben, und sich – ganz offenbar – auf Gesang und Musik konzentrieren, die beiden Hauptkomponenten der Kunstform Oper. Diese Besucher müssten sich eigentlich voneinem solchen auf der Bühne, auch noch von banal sportlich gekleideten Kameramännern wie hier ausgeführt, optisch vergewaltigt fühlen…

Den 3. Aufzug beherrscht also ein riesiger hässlicher Schürfbagger, auf den der Chor trefflich klettern kann, neben einem grünlich schimmernden, biologisch also umgekippten Tümpel. Aus ihm steigt bei den „Verwandlungen“ verheißungsvoll ein Strahlenkranz aus Neonröhren auf. Der Gral wird als Lithiumblock gezeigt, den Parsifal schließlich erwartungsgemäß zu Boden fallen lässt. Dort zerbricht er à la Christine Mielitz in Wien in Tausend Stücke. Bei ihr war es aber immerhin noch ein Kelch… Das Ganze wirkte so, als wolle Scheib an Frank Castorf anschließen, um es diplomatisch zu sagen, der bekanntlich das Rohöl als das knappe Gut in seinem Bayreuther Ring thematisierte.

© Bayreuther Festspiele

Schließlich bleibt noch die Frage, was die stumme Rolle einer Kundry-Doppelgängerin im diesem Parsifal sollte, die sich ausgerechnet im wieder einmal inszenierten Vorspiel zum 1. Aufzug Gurnemanz nähert, der sich daraufhin zu einem sanften, nur angedeuteten Kopulationsversuch verleiten lässt. Hat das Regieteam einmal intensiv die musikalische  Thematisierung im Vorspiel studiert? Im Finale steht sie – ganz anders als in der Premiere 2023 – allerdings nun weit abseits von Gurnemanz. Der Welt Erlösung fällt nun am Ende der Serie doch nur noch Parsifal und Kundry zu, die am Ende im Teich stehen und mit ihrer Gestik diesen Eindruck erwecken.

Die Kostüme von Meentje Nielsen waren zum Teil von einer ausgesuchten Geschmacklosigkeit. Parsifal lief ab dem 2. Aufzug in einem dreckigen weißen T-Shirt mit der Aufschrift „Remember me“ und knallroten Shorts herum… Zu Beginn kommt er mit einer zusammengeflickten Jeans und den Resten einer dieser hellblauen Plastik-Einkauftaschen eines bekannten deutschen Lebensmittel-Einzelhändlers daher. Profaner ging es nicht mehr!

Pablo Heras-Casado, der die Premiere 2023 und auch diese Serie dirigierte, hat sich mittlerweile zu einem sehr guten Wagner-Dirigenten entwickelt, seit er seinen ersten Ring in der Regie von Robert Carsen 2019 bis 22 in Madrid dirigierte. Er leitet gerade auch den Ring in Paris mit großem Erfolg und wird den neuen Ring in Bayreuth in der Regie von V. Barkhatov 2028 übernehmen. Bei sehr guten Tempi führte er die Sänger bestens und konnte auch bei einer destillierten Ausführung der subtilen Momente die Spannung stets halten. Seine besondere Stärke scheint jedoch die Gestaltung der dramatischen Phasen der Partitur zu sein. Das Festspielorchester spielte ebenfalls aufs höchstem Niveau. Musikalisch war es also eine sehr gute Parsifal-Aufführung.

Sängerisch gab es allerdings auch – teilweise erhebliche – Schatten. Andreas Schager sang den Parsifal und wählte bis zum großen Monolog im 2. Aufzug einen eher lyrischen Zugang zur Rolle, wie schon im vergangenen Jahr. Danach kam er allerdings wieder in eine Phase zu starken Andrückens. Möglicherwiese sollte er sein beachtliches stimmliches Material etwas besser moderieren. Dann wäre weniger sicher manchmal mehr. Man konnte es dann im Karfreitagszauber auch wieder hören, es ist also durchaus möglich. Schager ist selbstredend weiterhin ein erstklassiger Darsteller der Titelpartie. Durch seine unansehnlichen Kostüme wurde er hier leider in seiner Rolle banalisiert. Aber das war wohl so gewollt.

© Bayreuther Festspiele

Miina-Liisa Värelä sang und spielte nach Elīna Garanča und Ekaterina Gubanova diesmal die Kundry. Gegenüber diesen renommierten Mezzosopranistinnen wurde es eine stimmliche Enttäuschung, auch wenn Värelä in letzter Zeit immer wieder für Hauptrollen – auch an großen Häusern – besetzt wird. Ihre Stimme klang zumindest and diesem Abend viel zu unruhig und auch schrill in den Höhen, bei sehr geringer Wortdeutlichkeit. Es ist unverständlich, warum diese Sängerin, so hört man am Hügel zumindest, mit der Brünnhilde im neuen Bayreuther Ring 2028 betraut werden soll.

Michael Volle, tags zuvor noch ein großartiger Wanderer im Bayreuther KI-Ring, war mit der ganzen Mimik, mit seinem stimmlichen Ausdruck und der Charakterfestigkeit in der Stimme schlicht einzigartig als Amfortas. Kein Vergleich zur Premierenbesetzung! Georg Zeppenfeld war wieder der in sich souverän ruhende Gurnemanz mit seinem variationsreichen Bass, leider auch in unmöglichem Kostüm. Vitalij Kowaljow gab einen stimmlich sehr aussagestarken greisen Titurel, der aber nach dem Genuss des Grals im 1. Aufzug auf einmal jünger als sein Sohn Amfortas wirkte, nicht recht passend.

Jordan Shanahan agierte im Rosa-Anzug mit Pumps und edelsteinbesetztem Stierhelm als Klingsor, wahrscheinlich eine Referenz an den LGBTQA+-Narrativ unserer Tage. Die Stimme ist für den Klingsor geeignet, erscheint aber zu prägnant und zu wenig rund für den Wotan, den er auch schon gesungen haben soll. Bei den Gralsrittern fiel insbesondere Tijl Faveyts auf mit seinem sonoren und klangvollen Bass. Er hat auch schon einen sehr ansprechenden Gurnemanz gesungen. Die weiteren Nebenrollen beim Gral, Klingsors Zaubermädchen und das Altsolo waren gut besetzt.

In dieser Aufführung hatte auch der von Thomas Eitler-de-Lint geleitete Festspielchor einen sehr guten Abend. Hier stimmten Ausdruck und emotionale Aussage bei beeindrucken durch Facettierung der verschiedenen Klangfarben und großer vokaler Präsenz.

Man kann durchaus gespannt sein, wie nach den letzten beiden nur wenig überzeugenden Bayreuther Parsifal-Inszenierungen nun der neue im kommenden Jahr werden wird. Die Festspielleitung hat so kontroverse Partner zusammengeführt wie Neo Rau und Rosa Loy für das Bühnenbild und den zuletzt nicht gerade durch überzeugende Regiearbeiten in Wien und Salzburg aufgefallenen und dennoch hoch gehypten Jung-Regisseur Ersan Mondtag. Den zumindest optisch reizvollen Lohengrin vor einigen Jahren dominierten Rauch und Loy mit ihren tiefgründigen blauen Malereien, bevor Yuval Sharon erst sehr spät als Regisseur hinzukam und inszenierungsmäßig nur noch wenig ausrichten konnte. Vielleicht wäre das bei dieser Kombination auch eine Option, der Vorrang des Bühnenbildes vor der Regie. Andernfalls würde ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass dieses leading team bis zur Premiere 2027 hält.

Klaus Billand, 25. August 2026


Parsifal
Richard Wagner

Besuchte Aufführung am 31. Juli 2026
Premiere der WA am 31. Juli 2026

Inszenierung: Jay Scheib
Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado
Bayreuther Festspielorchester