Bayreuth: „Eröffnungskonzert“ der Jubiläumsfestspiele

Was für ein seltener, ungewohnter Anblick: das Orchester der Bayreuther Festspiele einmal auf der Bühne. Und dort tönt es akustisch in allen dynamischen Ausprägungen genauso gut wie gewöhnlich für das Publikum unsichtbar in dem besonderen Graben an diesem Ort.

Beethovens Neunte, mit der die Wagnerfestspiele ihre Jubiläumsausgabe zum 150-jährigen Bestehen eröffnen, steht auf dem Grünen Hügel in langer Tradition. Christian Thielemann ist unter den lebenden Dirigenten der einzige, dem die Ehre zuteilwird, die Sinfonie nach Richard Strauss (1933), Paul Hindemith (1953), Wilhelm Furtwängler (1951 und 1954) und Karl Böhm (1963) hier zu dirigieren, und das nicht zum ersten Mal, stand er doch auch schon 2001 zum 125-jährigen Jubiläum am Pult.

Nachdem er sich in den vergangenen Jahren in Bayreuth etwas rargemacht und schon lange keine Neuproduktion mehr übernommen hatte, steht der Bayreuther Publikumsmagnet wieder ganz im Zentrum dieser Festspiele, deren Geschichte er seit 26 Jahren mitprägt und damit über eine so lange Spanne wie kein Zweiter. So verantwortet er auch den mit großer Spannung erwarteten Jubiläums-Ring mit KI-generierten Bildern als musikalischer Leiter.

Ein anderer hätte sich für diesen Festakt, der zudem noch das Vorspiel aus den Meistersingern und den Einzug der Gäste aus dem Tannhäuser als Einlagen zwischen allerhand Festreden vorsah, kaum denken lassen. Wagner und Beethoven, das ist eine Kombination, die nur er so vollendet anbieten kann.

Die Essenz der unvermeidlichen Reden, gleich zweifach aus der Politik vertreten mit Bundeskanzler Friedrich Merz und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, sowie Festspielleiterin Katharina Wagner und ihrer Cousine Nike lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Natürlich ging es da zentral noch einmal um die Thematik, die seit Wochen die Feuilletons beschäftigt: die Aus- und Einladung Michel Friedmans und damit verbunden natürlich das dunkle Kapitel der Festspielgeschichte im Dritten Reich.

Und natürlich kommt es in diesem Kontext gut an, wenn Nike ihrer Tante Friedelind gedenkt, die Anfang der 1940er Jahre in die USA ausgereist war und sich damit bewusst als einzige dezidiert gegen das nationalsozialistische Regime und speziell ihre mit Adolf Hitler eng befreundete Mutter Winifred gestellt hatte.

Dass die Wagnersche langjährige Familiendynastie in Bayreuth trotz alledem ihr Gutes hatte, erwähnte Nike Wagner dankenswerterweise aber auch. Wer weiß schließlich schon, was aus dem Bayreuther Festspielhaus ohne die Brüder Wieland und Wolfgang geworden wäre, hätten diese nicht so verdienstvoll das Neu-Bayreuth im Nachkriegsdeutschland begründet. Gut, dass das einmal so dezidiert jemand sagt, dessen Stimme Gewicht hat. Gerade auch deshalb, weil in Kürze ein mit deutschen Schauspielstars hochkarätig besetzter Film des polnischen preisgekrönten Regisseurs Pawel Pawlokowski ins Kino kommt, der zur Weltpremiere in Cannes vor wenigen Monaten viel Beachtung fand. Ein Film, der allemal differenziert mit den Augen von Thomas und Erika Mann einen Blick auf die Elite in Nachkriegsdeutschland wirft, die Wagnerenkel aber unverdient in ein unvorteilhaftes Licht stellt. Die treten in einer Filmszene an den in seine Heimat für eine Vortragsserie zurückgekehrten Mann heran und ersuchen ihn um Unterstützung beim Neuaufbau in Bayreuth. Und was antwortet ihnen der Literaturnobelpreisträger alias Hanns Zischler? „Man sollte den Grünen Hügel samt ihrer Mutter am besten dem Erdboden gleichmachen.“

Gewiss hat Pawlikowski Manns ambivalente Haltung damit deutlich überspitzt, spielte der Schriftsteller doch immerhin kurz mit dem Gedanken, Präsident der neu zu gründenden Festspiele zu werden. Aber wer unter all jenen, die diesen Film sehen werden, weiß das noch so genau. In einer von mir besuchten Filmaufführung unlängst auf dem Festival in Karlovy Vary haben viele in dieser Szene gelacht.

Jedenfalls ist man eingedenk dessen gleich umso dankbarer, dass es nicht so weit gekommen ist, noch dazu, wo zum bedeutsamen Jubiläum so herausragend musiziert wird wie in diesem Eröffnungskonzert.

Einmal mehr darf man darüber staunen, wie es Christian Thielemann gelingt, das Meistersinger-Vorspiel gleichzeitig schlank zu halten und dabei doch angemessen feierlich erstrahlen zu lassen. Für mein Empfinden hätte er den Beginn gerne noch etwas breiter angehen können, aber das hätte zu den stark politisierten kritischen Reden über Wagner nicht gut gepasst. Dennoch hatte Richard Wagner einmal mehr in Christin Thielemann den besten Anwalt für seine Musik auf dem Podium, der hier wie auch beim „Einzug der Gäste“ aus dem Tannhäuser unter Mitwirkung des ebenso vorzüglichen Festspielchors einen unwiderstehlich edlen Klang heraufbeschwor.

Aber damit war nur ein kleiner Vorgeschmack auf ein sinfonisches Großwerk gegeben, an dem sich Thielemanns Meisterschaft im klassisch-romantischen Repertoire einmal mehr facettenreich und fern jedweder Routine entfaltete. Vorzugsweise in den ersten beiden Sätzen der Neunten ließ sich exemplarisch erleben, wie sich in klanglicher Vollendung Elastizität mit perfektem Legatospiel paart. Eine Leichtigkeit im Strich bestimmt da vor allem das Molto vivace, dessen polyphone komplexe Struktur sich entsprechend transparent vermittelt, und das trotzdem weniger aufgeraut tönt als bei so manchen Verfechtern der historischen Aufführungspraxis. Über weite Strecken gilt es da in feinsten Pianoabstufungen eine nahezu kammermusikalische Intimität zu erleben, bis sich einzelne Themen dramatisch überlagern und zuspitzen, dann freilich packt Thielemann, der eben noch die Linien der Violinen mit seinen Armen plastisch nachzeichnete, kraftvoll zu.

Aber was für ein magischer Moment, wenn die ersten Violinen im Adagio ihre beseelten Melodien dolcissimo vortragen wie es Sänger nicht besser könnten, mit einem samtenen Ton, der sich nicht schöner denken ließe. Die viel beschäftigten Bläser – allen voran Oboe, Klarinette, Fagott und Horn – mit ihren mal burlesken, mal lyrischen Dreingaben stehen diesem Legatospiel in nichts nach. Sie dialogisieren so harmonisch miteinander, dass Thielemann für einige Takte einfach nur zuhört. 

Ein erstklassiger, erfahrener Dirigent weiß, wann er bei einem Spitzenorchester an kleinen Stellschrauben drehen, wann es an die Kandare nehmen muss oder es laufen lassen kann. Das hat Zubin Mehta einmal gesagt, und diese Weisheit bewahrheitet sich bei dieser Wiedergabe in exemplarischer Weise.

Oft ist es einfach auch nur die besondere Atmosphäre, die der Magier am Pult auf das Kollektiv überträgt, die ungeheure Ruhe, die er auf die Spielenden abstrahlt wie insbesondere beim Einsatz der tiefen Streicher, wenn sie das erste Mal das Götterfunken-Thema anstimmen. In der spannungsvollen Generalpause vor diesem Einsatz ist es, als halte Thielemann die Zeit an. Gefühlt drei Minuten währt diese spannungsvolle, knisternde Stille, während der niemand zu atmen wagt, und das braucht es, um sich innerlich auf ein solch gefühlt vierfaches Pianissimo innerlich einzustellen. Einmal wieder scheint es mir, als hätte sich Thielemann da selbst wieder einmal übertroffen. Aber das kommt einem gewiss nur so vor, da es ihm Mal für Mal immer wieder gelingt, das Stück derart hingebungsvoll anzugehen, als dirigiere er es das erste Mal. Mit welchem Orchester auch immer.

Das Solistenquartett war ebenfalls bestens aufgestellt, allen voran Georg Zeppenfeld und Klaus Florian Vogt (für den erkrankten Piotr Beczala) sangen ihre exponierten Soli profund, textverständlich und mit Nachdruck. Einzig Elza von den Heever tönt im Duett mit Christa Mayer in gefordert hoher Lage angestrengt und beinahe schon hysterisch. Oder sollte das so sein?

In seinem Buch über Beethoven schreibt Thielemann, dass sich die Utopie von einer Verbrüderung der Menschen wie sie Schiller in seiner „Ode an die Freude“ formuliert, in Beethovens Partitur darin ausdrücke, dass sich in den uferlosen dramatischen und dynamischen Zuspitzungen des Chores eine Hysterie ausdrücke. Ganz so tönte es aber bei diesem Eröffnungskonzert doch wieder nicht, vielmehr vermittelte sich in dem Vortrag des hochmotivierten, von Thomas Eitler-de Lint trefflich einstudierten Festspielchors eine freudvolle Emphase, die Hoffnung schürt. Und sei es nur auf das Versprechen von Markus Söder, dass die Politik Kunst und Kultur in Bayreuth weiterhin die Unterstützung geben werde, die sie brauche. Man nehme ihn dafür beim Wort, schließlich steht es um die Finanzen der Festspiele besorgniserregend schlecht.

Beifall, Bravorufe und Getrappel wollten nach dem Schlusston kein Ende nehmen. Aufwühlender und empfindsamer lässt sich diese Musik nicht durchleben.

Kirsten Liese, 26. Juli 2026


Richard Wagner:
Ouvertüre zu Die Meistersinger von Nürnberg
Einzug der Gäste aus Tannhäuser

Ludwig van Beethoven:
9. Sinfonie in d-Moll op. 125

Eröffnungskonzert und Festakt zum Jubiläum der Bayreuther Festspiele
am 25. Juli 2026

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele