Bayreuth: Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ mit Michel Friedman

Um einen Satz aus Wagners subkutan antisemitischster und zugleich einer seiner genialsten Opern zu zitieren: „Es hat viel Lärm auf der Gasse gemacht“. Es: Das ist die fleißig durch die Gazetten gegangene Auseinandersetzung im Vorfeld der Veranstaltung, die zwischen dem Festakt zur 150jährigen Wiederkehr der Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele und der Bayreuther Erstaufführung des Rienzi auf der Bühne des Festspielhauses stattfand: die „Gedenkveranstaltung Verstummte Stimmen“. Lärm hat „es“ gemacht, weil Michel Friedman zunächst eingeladen, dann „aus organisatorischen Gründen“ ausgeladen wurde. Nun war die Begründung der Ausladung zu einer Gedenkveranstaltung, von deren Vorbereitung zudem kaum jemand wusste, aus Sicht der Festspielleitung womöglich nachvollziehbar, doch, um es sachlich auszudrücken, ungeschickt – denn wenn man eine Veranstaltung mit einem bekannten jüdischen Redner ankündigt und sie dann, wenn auch sachlich begründet, absagt, muss man damit rechnen, in einem Akt der narzisstischen Kränkung des subkutanen Antisemitismus bezichtigt zu werden, zumal dann, wenn es sich um Friedman handelt, dessen polemische Attacken bekannt sind. Dafür muss man nicht einmal das böse, aber vermutlich zutreffende Wort Wolfgang Röhls zitieren, der 2010 im Stern gemeint hat: „Friedmann würde für einen Fernsehauftritt notfalls todkrank vom Mond einfliegen.“ So folgte, was folgen musste: ein Gespräch mit einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung, dessen Ergebnis sich in einem Satz des Ausgeladenen zusammenfassen lässt: „Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“.

Das ist starker Tobak, denn nein, das ist er nicht, auch wenn die erst in den 70er Jahren aufgestellten Breker-Büsten – die Werke des repräsentativen NS-Bildhauers, der das „heroische“ Bild des „deutschen Menschen“ prägte – im städtischen, nicht festspieleigenen Festspielpark ein Problem darstellen, das dringend angegangen werden muss. In der presseöffentlichen Resonanz auf diesen Vorgang konnte man zudem den Eindruck gewinnen, dass es in Bayreuth weder in der Stadt noch auf dem Grünen Hügel nach 1945 eine ernsthafte Beschäftigung mit den zusammenhängenden Themen „Wagner und das Judentum / der Antisemitismus / der NS / die Familie Wagner“ gegeben habe. Damit unterstellte man sowohl der bürgerlichen Gemeinde als auch der jetzigen Festspielleitung subkutan unbewältigten Antisemitismus. Tatsächlich aber gab es in Bayreuth, sowohl auf wissenschaftlicher, ausstellungsmäßiger (also auch wissenschaftlicher) und künstlerischer Ebene vielfältige wie nachhaltige Auseinandersetzungen mit dem zweifellos verminten Terrain. Ein paar Beispiele gefällig? Bereits 1985 hat das Richard-Wagner-Museum eine Ausstellung über Wagners „Judenthum in der Musik“ und sein Verhältnis zu „den Juden“ (belassen wir es zunächst einmal bei diesem problematischen, weil vereinfachenden Begriff) veranstaltet; die dazugehörige Broschüre, übrigens mit der gesamten Publikation der vom Gründungsdirektor Manfred Eger seinerzeit als „corpus delicti“ bezeichneten Erstfassung des Pamphlets in Form eines Faksimiles, kann man heute noch lesen.

2000 fand in Bayreuth, eingeleitet von einem Grußwort des anwesenden Wolfgang Wagner, also eines Angehörigen der Tätergeneration, das Symposion Richard Wagner und die Juden statt: auch mit jüdischen Referenten, die sich, das bleibt in Erinnerung, herzhaft über Wagners Antisemitismus stritten, ihn also als Teil einer auch innerjüdischen Auseinandersetzung begriffen. Die Ausstellung Verstummte Stimmen, die dann vom Leiter des Bayreuther Richard-Wagner-Museums, Sven Friedrich, in die Stadt geholt wurde, worauf er selbst, zu Recht stolz auf seine Arbeit, im aktuellen Magazin des Bayreuther Festspielfördervereins namens Taff hinweisen musste – diese wichtige und schwerwiegende Ausstellung fand 2012 im Neuen Rathaus der Stadt Bayreuth statt, dann wanderte ein Teil auf den Grünen Hügel, wo sie seither barrierefrei zu sehen ist: als tief bewegendes Andenken an all die jüdischen Menschen, die in Bayreuth auftraten oder verhindert wurden, den NS überlebten oder von ihm ermordet wurden. Es war übrigens auch der derzeitige Direktor des Richard Wagner Museum Bayreuth, der den ehemaligen israelischen Botschafter Avi Primor zu einer bewegenden Rede aus Anlass der Ausstellungseröffnung eingeladen hat (durchaus nicht nebenbei: Die Anwürfe gegen die damalige Festspielleitung, sie sei in Sachen Materialbereitstellung nicht kooperativ gewesen, verkennt die damalige Quellenlage: Im Besitz des Festspielunternehmens dürften nur noch wenige relevante Dokumente aus der NS-Zeit zu finden gewesen sein, und was „Familienarchiv“ bei einem derart kompliziert verzweigten Familienstamm wie dem der Wagners heißt, dürfte nicht allein Familienforschern bekannt sein). Stefan Herheim nahm sich schon 2009 des Themas „Die Bayreuther Festspiele in der NS-Zeit“ an, indem er in seinem Zeitendurchlauf in der Bayreuther Parsifal-Inszenierung auch den NS – buchstäblich – aufmarschieren ließ, um den Finger auf die „Wunde“ zu legen, „die nie sich schließen will“, wissend, dass sie sich auch nicht schließen soll. Acht Jahre später bearbeitete der Regisseur Barrie Kosky, sekundiert von exzellenten Programmbuchbeiträgen, in einer vergleichslos differenzierten Inszenierung der im Hinblick auf subkutane Judenfeindlichkeit natürlich hochproblematischen Meistersinger von Nürnberg das Thema „Wagners Antisemitismus und seine Folgen“ auf eine Weise, die erkennen ließ, dass die Auseinandersetzung mit den Themen nun endgültig – und extrem breitenwirksam – von den Festspielen selbst und, wie es dem Thema angemessen ist, offen diskutiert wurde, da die Debatte um Wagners Antisemitismus, wie es der Politikwissenschaftler Udo Bermbach prägnant ausdrückte, unabschließbar ist. Bayreuth aber war schon spätestens 2008 bei der offenen Debatte angekommen, als Katharina Wagner die Meistersinger von Nürnberg in direkten Bezug zum NS gesetzt hatte. Kommt hinzu die von Katharina Wagner mitinitiierte und im Museum von Haus Wahnfried wie auf dem Hügel tagende Reihe Diskurs Bayreuth, in der immer wieder Wagner im Nationalsozialismus diskutiert wurde. Nicht zu vergessen: die jüdischen Dirigenten Daniel Barenboim und James Levine, die seit 1981 bzw. 1982 am Pult des Festspielorchesters standen und jeweils eine eigene Meinung zum Antisemiten wie zum Musiker Wagner hatten.

Gab es noch was? Ach ja – Sven Friedrich hat bereits vor 30 Jahren, in seiner Eigenschaft als Direktor des (städtischen) Richard-Wagner-Museums, dafür gesorgt, dass die bis dahin unkommentiert im Festspielpark aufgestellte Wagner-Büste Arno Brekers kommentiert wird. Er ließ im Haus Wahnfried mit den Kompositionen von Ami Maayani erstmals Werke eines lebenden jüdischen Komponisten dort aufführen. Friedrich hat auch, mit Erfolg, den Vorschlag gemacht, die Bayreuther Hans-von-Wolzogen-Straße in Friedelind-Wagner-Straße umzubenennen. Er schlug auch vor, im Bayreuther Chamberlain-Haus ein NS-Dokumentationszentrum zu errichten; dass es nun doch nicht kommt, liegt, die Begründung ist stichhaltig, an der klammen Stadtkasse, aber, wie Friedman in anderem Zusammenhang so schön sagte: Das letzte Wort ist nie gesprochen.

Alles andere aber, was in Bayreuth seit Jahrzehnten reichhaltig durchgeführt, gesagt, inszeniert und ausgestellt wurde, kann man, ohne Ausnahme, heute noch nachlesen und -schauen: in den Büchern, die jede Tagung und alle Ausstellungen dokumentierten, in der Dauerausstellung am Festspielhaus, in den Opernfilmen, die sämtlichst auf Video, DVD und, gleichsam sämtlichst, auf YouTube veröffentlicht worden sind: eine Menge kritisch-konstruktives Bayreuther Material also, das sich da in 41 Jahren konkret angesammelt hat, auch wenn bis dato noch kein jüdischer Redner auf der Bühne des Festspielhauses stand. Dafür war einer der nur drei Programmheftbeiträger im Programmbuch des offiziellen Geburtstagskonzerts zu Wagners 200. Geburtstag im Festspielhaus ein jüdischer Autor: Stephen Fry. Schon vergessen? Dabei habe ich die jüngsten Produktionen noch nicht einmal erwähnt. Es ist vielleicht nicht unwichtig zu erwähnen, dass es ein an der Universität Bayreuth lehrender Lehrstuhlinhaber, Anno Mungen, Direktor des Forschungsinstituts für Musiktheater Thurnau, war, der mit seinen Studenten seit Jahren, ohne Rücksichten auf irgendwelche Befindlichkeiten konservativerer Wagnerfreunde, den NS und die Musikkultur erforscht und schon vor einigen Monaten mit Von Bayreuth nach Auschwitz ein grundlegendes wie umfangreiches Werk vorgelegt hat, das den unmittelbaren Bezug zwischen Kunst und Vernichtung, also auch zwischen den Bayreuther Festspielen und Auschwitz, Treblinka usw., thematisiert. Eine Ausstellung bei Steingraeber schloss sich an, die seit dem Tag, an dem die Festspiele mit der 9. Symphonie und Reden des Bundeskanzlers und Landesvaters staatlicherseits eröffnet wurden, in den Räumen der Klavierfabrik besichtigt werden kann. Eintritt frei – ich denke: Gerade zum Jubiläumsjahr 2026 hat man, auch in universitärer Hinsicht, einen weiteren Markstein in Sachen Wagner und das Judentum / der NS etc. gelegt. Mit anderen Worten: Michel Friedman irrt, wenn er der Stadt und den Festspielen bis gestern Geschichtsvergessenheit vorwirft. Er hat, ich muss das leider sagen, weil es bedeutend ist, der Stadt und dem Hügel damit gleichsam einen subkutanen und spezifischen Bayreuther Antisemitismus unterstellt, der, abgesehen von den Ewiggestrigen, schon seit Jahrzehnten nicht mehr vorhanden ist.

So viel zu den Fakten.

© Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Habe ich gerade „ich“ gesagt? Es scheint schwer zu sein, bei den erwähnten Themen nicht persönlich zu argumentieren. Friedman sagt oft, sehr oft „ich“; dies ist die Lizenz eines Redners, dessen persönliche, auch familiäre Betroffenheit (so verloren 50 Mitglieder seiner Familie im Holocaust ihr Leben) vom Thema „Antisemitismus“ nachvollziehbar ist, auch wenn man sich, was, zugegeben, schwer ist, manchmal einen vermittelnderen und also weniger selbstbezogenen Tonfall wünscht, was Deutlichkeit und Härte in der Sache und der Argumentation ja nicht ausschließen muss. „Antisemitismus“: unter dieser leuchtenden Schrift auf schwarzem Grund steht die Veranstaltung, in der Friedman viel Bekanntes sagt, das selbst in Bayreuth längst nicht mehr verschwiegen wird: dass die Familie Wagner, mit Ausnahme der sich selbst vom Hitlerismus und dem NS emanzipiert habenden Friedelind Wagner, im „Dritten Reich“ mit Hitler paktiert hat und 1951 die bekannte, den Meistersingern von Nürnberg entlehnte Doktrin „Hier gilt’s der Kunst“ (nicht „Hier gilt die Kunst“, wie der Redner das bekannte Zitat zweimal wiedergibt) die Anweisung einpflanzte, die jüngste Vergangenheit doch bitteschön zu beschweigen. Tempi passati – über die vorvorletzte Generation zu sprechen, noch dazu mit einem verfälschenden Zitat, das den Hintersinn des Satzes negiert, scheint mir nach den Forschungsarbeiten und lokalen Projekten in Bayreuth überflüssig zu sein. Gewiss: Das Wissen darum, denke ich, sollte tradiert werden. Da aber mit dem Redner, wie er ausdrücklich meint, eine neue Epoche, ja: offenbar erst mit ihm die Aufklärung über die kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der Bayreuther Geschichts- und Musikgeschichts- und Festivalgeschichtsschreibung zu beginnen hat – „Man reicht sich die Hand“, sagt er, wobei er mit „man“ „ich“ meint –, bleiben auch die nebensächlichen Erwähnungen des Diskurs Bayreuth und der Kosky-Deutung der Meistersinger von Nürnberg zufällig, da ja erst mit ihm und seiner „Freundin“ Katharina Wagner (die er drei Tage zuvor noch nicht persönlich kannte), so Friedman, die Aufklärung auf dem Grünen Hügel Einzug halte. Werch ein Illtum, um es mit Ernst Jandl zu sagen. Siehe oben…

Anderes aber bleibt durchaus positiv buchenswert: Ja, Wagner wurde „ge- und missbraucht“ für die Zwecke der Nazis, war ein Antisemit (wer wüsste das nicht?), doch bleibe er ein genialer, nicht zu cancelnder Komponist. Nur sollte man die Festspiele mit dem Wissen um die Vergangenheit und die Verflechtungen besuchen, um die Zusammenhänge zwischen dem Antisemitismus Wagners und seiner Bayreuther Rezeption zu begreifen. Natürlich stimmt es, dass die Erinnerung an Auschwitz eine bleibende Verpflichtung ist, dass ein zweites Auschwitz nie wieder geschehen darf. Natürlich ist das Plädoyer für die Demokratie und für die Meinungsvielfalt und die Anerkennung des Anderen für die Abkehr vom Antisemitismus und vom Rassenwahn verständlich und wichtig. In diesem Sinn nutzt Friedman die Plattform, um in den letzten gut 20 Minuten seiner etwa einstündigen Rede eine gegen die AfD zu halten, die man auch andernorts halten könnte, und die Bitte auszusprechen, nach Sachsen-Anhalt zu gehen, um sich dort, im aktiven Diskurs, mit potentiellen oder reellen Wählerinnen und Wählern über den absoluten Nachteil zu unterhalten, den ein Wahlsieg der in Teilen als rechtsextrem eingestuften Partei für die Demokratie bedeuten würde. Niemand wird widersprechen, wenn Friedman das Prinzip der „Liebe“ und der streitfähigen Kommunikation als Prinzipien eines geglückten Austauschs auch und gerade mit jenen anmahnt, die anderer Meinung sind; ich denke an die Debatten, die er vor einem Vierteljahrhundert, andere Menschen persönlich attackierend und ihnen über den Mund fahrend, im TV veranstaltete. Natürlich gibt es Zusammenhänge und Traditionen zwischen den Wagners damals, dem nicht nur meiner Meinung nach psychologisch erklärbaren Schweigen der zweiten Nachkriegszeit und den heutigen extremen Rechten, doch bleibt die Frage, ob der Redner mit seinen Ausführungen, auch mit seinen Trivialitäten (dass jeder Mensch ein Individuum ist und es nicht „die Juden“ oder „die Deutschen“ gibt, dürfte so gut wie jeder Mensch im Auditorium ebenso gesehen haben), den Bayreuther Punkt wirklich getroffen hat. Gut genug, dass von ihm Sätze wie Folgender kamen: „Sie müssen den Nörglern einen guten Rat geben, damit sie (oder / und „Sie“?) morgen noch nörgeln können.“ Oder: „Das hier ist Freiheit“ oder „Hass ist keine Meinung“ oder „Wir alle sind Vorurteil, aber wir alle können lernen.“ Fast zuletzt in der leicht und vielleicht notwendigerweise rhetorisch mäandernden Rede kommt Friedman, natürlich, auch auf den aktuellen Antisemitismus in Bezug auf die gegenwärtige, in Teilen rechtsextreme Regierung Israels zu sprechen. Auch hier findet er klare Worte, die eine vielfach zu beobachtende unkritische Identifikation des menschenverachtenden und zerstörerischen Kabinetts in Jerusalem mit dem jüdischen Staat zu Recht als absurd erklärt („Netanjahu ist eine Katastrophe“). In Richtung auf den Kanzler gesprochen, der 17 Stunden zuvor am selben Platz und Pult sprach: „Nicht ich muss mich von der israelischen Regierung, sondern die deutsche Regierung von der israelischen distanzieren“. Gut gebrüllt, Löwe!

Apropos Platz: Genau dort, wo Friedman steht, saß neun Jahre zuvor zum ersten Mal Michael Volle als Hans Sachs an einem Tisch, um im Wahn-Monolog der Meistersinger von Nürnberg in Barrie Koskys superkluger und -feiner Inszenierung über den Wahnsinn nachzudenken, der durch tödliche Mensch-gegen-Mensch-Auseinandersetzungen noch immer in der Welt ist. Friedman nimmt, ohne es zu wissen, den Wagnerschen Faden auf, um die Bedrohung der offenen Gesellschaft durch ihre Feinde, wie die bekannte Formel Karl Poppers lautet, aufzuzeigen. Am Abend wird man dann einen Text im Rienzi-Programmbuch lesen, der Poppers bekannte Äußerungen zitiert. So verknüpfen sich denn doch auf ganz konkrete Weise Wagner und Friedman, die Kunst und die Politik. Allein der Redner bittet auch geradezu inständig, nicht nur zu lamentieren oder reflexionslos auf den status quo der Demokratie zu vertrauen, sondern persönlich tätig zu werden. Er endet mit den Worten: „Ich will. Wollen Sie auch?“ Ohne alle Ironie: Er sollte, müsste diese Rede auch und gerade in Sachsen-Anhalt, auf den Marktplätzen, halten – in Bayreuth wurde von Friedman, aber das ist nur meine persönliche Meinung, in Sachen Bayreuth wenig Neues gesagt, wenn auch der Appell gegen die Gemütlichkeit und für den eigenen Gesprächseinsatz nicht der schlechteste Schluss einer politischen Rede war. Wie Richard Wagner und seine Nachfolger mit dem NS und der heutigen Erinnerungskultur und ihren zweifellosen Lücken – siehe Breker-Büsten am Hügel – zusammenhängen oder eben nicht zusammenhängen (so viel Differenzierung muss sein), erfährt man ansonsten aus Anno Mungens Von Bayreuth nach Auschwitz und den vielen weiteren, gerade auch in Bayreuth entstandenen guten Büchern.

© Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Und die Musik? Die Musik, um derentwillen man einzig nach Bayreuth kommt? Sie verstummte an diesem Mittag nicht. Mit einer überaus zarten Interpretation des ohnehin zarten Siegfried-Idylls, einem Werk der Liebe, das melancholische Töne nicht nur zulässt, sondern geradezu provoziert (weil der Komponist das Leben in all seinen Facetten kannte), wurde die Veranstaltung von den Solisten des Bayreuther Festspielorchesters mit dem Konzertmeister Juraj Cizmarovic unter der Leitung Semyon Bychkovs eröffnet. Das Werk konnte gar nicht schöner gespielt werden als am 26. Juli um 11 Uhr vormittags, doch was hatte man sich gedacht, als man genau diese zärtlichste Wagner-Musik unter dem leuchtenden Holzhammer-Signet „Antisemitismus“ anstimmte? Wollte man beweisen, dass auch der Komponist des Siegfried-Idylls ein blutiger Antisemit war und die Musik ebenso antisemitisch ist wie ihr Schöpfer, was argumentativer Blödsinn ist? Wollte man andeuten, dass aus dem kleinsten Kind einmal ein Antisemit werden könne, was im Falle Siegfried Wagners, man schaue nur in die jüngste Literatur, notorisch umstritten ist? Wollte man den Eindruck vermeiden, den Schöpfer seines schönsten und bedeutendsten Orchesterwerks von seiner Schuld zu entsündigen? Wie auch immer: Nicht wenige Besucherinnen und Besucher fanden die Parallelität von subtil-himmlischem Orchesterstück und deren Kontextualisierung in schlechtestem Sinne fragwürdig.

Anders verhält es sich mit dem Bläserquintett op. 10 von Pavel Haas. Haas schrieb sein Werk im Jahr 1929, 15 Jahre später wurde er in Auschwitz ermordet. Die Musiker des Festspielorchesters spielen auch dieses Werk, deutlich ein Werk der späten 20er Jahre, mit größter Delikatesse und ehren damit alle großartigen und weniger großartigen Komponistinnen und Komponisten, die in Auschwitz etc. ermordet wurden. Nach der Rede folgt schließlich noch der Klavierquartettsatz des jungen Gustav Mahler – das Label „Antisemitismus“ ergibt auch hier, leider, Sinn, da Mahler den christlichen „Passierschein“ lösen musste, um zum Direktor der Wiener Hofoper ernannt zu werden, was ihn nicht vor antisemitischen Anwürfen bewahrte. Weiß man, dass Alma Rosé, eine Nichte Gustav Mahlers, und weitere Angehörige der Familie Rosé, die mit Mahlers Schwestern verheiratet waren, von den Nazis getötet worden sind, klingt ein schlichter wie guter Quartettsatz schon ganz anders ins Ohr, doch wieso das Siegfried-Idyll unter die Behauptung des Antisemitismus gestellt wurde, bleibt ein Rätsel.

Langer Beifall für den Redner, in dem er sich minutenlang sonnte. Wie gesagt: „Es hat viel Lärm auf der Gasse gemacht“, um einen Satz aus den Meistersingern korrekt zu zitieren.

Frank Piontek, 27. Juli 2026


Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“

Bayreuth, Festspielhaus, 26. Juli 2026

Mit Michel Friedman und Mitgliedern des Bayreuther Festspielorchesters
Musikalische Leitung: Semyon Bychkov