Bayreuth: „Rienzi“, Richard Wagner (zweite Vorstellung)

An der historischen Figur Cola di Rienzo (1313-1354), der Richard Wagner zu seiner frühen Oper inspirierte, scheiden sich die Geister: Die einen sehen in dem Mann, der sich für die Souveränität des römischen Volkes gegen den Terror der adeligen Machthaber der Colonna und Orsini auflehnte, einen Humanisten, die anderen einen größenwahnsinnigen Tyrannen.

Vielleicht war dieser Volkstribun auch beides in einem: Ein Held, der dem Volk den Ausweg aus einem unmenschlichen System wies, es aber auch täuschte, weil er – kurz nachdem er ihm einen Ausweg aus dem System versprochen hatte – selbst seine Macht ausspielte.

Das Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka sieht in Wagners Rienzi wohl eher einen Populisten wie Donald Trump, was sich schon daran zeigt, dass sie viele Schriften, die sie in das Bühnenbild integrieren – mal als News auf Fernsehschirmen, mal auf Laufbändern – in Englisch halten. Zu italienischen Figuren will das ebenso wenig passen wie zu einer Oper in deutscher Sprache, aber freilich zu einem Festspiel, das sich im Jubiläumsjahr groß auf die Fahnen geschrieben hat, politische Aufarbeitung über das dunkle Kapitel der Rezeptionsgeschichte im Dritten Reich zu leisten. Und da kommt ein Werk, das als „Hitlers Lieblingsoper“ in die Annalen einging, freilich wie gerufen.

© Enrico Nawrath

Dass dieses Werk selten aufgeführt wird, hat freilich noch einen weiteren Grund: Die Musik offenbart – ausgenommen das Vorspiel mit seinem feierlichen herrlichen Leitmotiv – nicht die Qualitäten wie jene zehn Opern aus der Feder des Meisters, die zum festen Kanon in Bayreuth gehören. Sie steht vielmehr noch in der Tradition der französischen Grand Opéra und mutet spröde an wie die langwierigen, ebenso selten gespielten Musikdramen Giacomo Meyerbeers. Dass allein der erste Akt mit zwei Stunden so lang ist wie jener der Götterdämmerung, kommt noch erschwerend dazu.

Ein Zuschauer, der neben mir auf einer Bank in der ersten Pause saß, sagte zu seiner Frau, streckenweise habe ihn diese Musik an Kurkapellenkonzerte erinnert, dafür lohne keine Reise nach Bayreuth. Da ist etwas dran.

Hinzu kommt in Bayreuth nun eine öde Inszenierung zwischen viel grauem Beton und langen Treppen, an der man sich schnell satt gesehen hat. Zwar haben sich die ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka einiges einfallen lassen, um pures Stehtheater zu umschiffen, aber die gespielten, frei erfundenen Szenen ergeben wenig Sinn. Das betrifft vor allem den angedeuteten Inzest zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene, als Anspielung auf das Wälsungenpaar in der Walküre. Er erscheint jedoch nicht schlüssig, weil Irene die Liebe Adrianos erwidert. Der ist – hin- und hergerissen zwischen seiner gegnerischen Familie und ihrem Vater Colonna – in dieser Produktion eine Frau. Auch das eine willkürliche Entscheidung ohne einen erkenntnisreichen Mehrwert.

© Enrico Nawrath

In dem kranken Jungen, der in der szenischen Illustration des Vorspiels zuerst an Krücken geht, sichtlich leidet und schließlich stirbt, mag man Rienzis jungen Bruder erkennen, der ursprünglich auf einer der Straßenschlachten der verfeindeten Adelsfamilien ums Leben gekommen war. Diese geheimnisvoll-düstere Szene fügt sich durchaus schlüssig in die Illustration des Vorspiels.

Wenn sich schließlich zur großen Ballettmusik im zweiten Akt das Kapitol ins Bayreuther Festspielhaus verwandelt und Figuren aus Wagneropern mit Bärenfellen und Flügelhelmen aus lang zurückliegenden Aufführungen das Theater auf dem Theater einnehmen, darf geschmunzelt werden. Das ist tatsächlich ein kleiner, an der Stelle verträglicher Coup.

Ansonsten schleppt sich der Abend, der schwer auf den Schultern der Sänger lastet, zäh dahin. Die Interpreten trifft keine Schuld. Groß bei Stimme sind zur zweiten Aufführung alle, allen voran freilich Andreas Schager mit seinen schier endlosen Reserven, der den „Schreihals“ – wie Wagner seinen Titelhelden selbst genannt haben soll – ohne das geringste Anzeichen von Ermüdung meistert. Nur ausgerechnet, wenn er einmal zur Melodie des lyrisch-festlichen Leitmotivs singt, stemmt er sich angestrengt-steif in die Höhe. Und wiewohl gerade Schager überwiegend sehr textverständlich singt, wäre man doch für Obertitel dankbar gewesen. 

Gewiss, der komplette Librettotext in der Fassung von 1871 wurde kostenlos zu dem reich bebilderten Programmheft mitgeliefert. Aber wer will das Textbuch schon in der Pause lesen? Viel schöner ist es doch, ihn im Laufe der Oper mitverfolgen zu können, wie es von 3sat in der Fernsehübertragung angeboten wurde. 

© Enrico Nawrath

In den beiden weiblichen Hauptpartien singen sich Gabriela Scherer als Irene und Jennifer Holloway als Adriano ebenfalls höhensicher und souverän durch ihre anspruchsvollen Partien, seitens der Tongebung bleibt aber noch Luft nach oben. Auf eine schlanke Stimmführung versteht sich leider keine von beiden, vor allem Scherer singt über weite Strecken mit zu dickem Vibrato.

Aus dem übrigen Ensemble seien Andreas Bauer-Kanabas als Colonna und Vitalij Kowaljow in der unauffälligen, kleinen Rolle des Kardinal Raimondo hervorgehoben, zwei profunde, satte, sonore Stimmen.

Die größte Leistung im Musikalischen aber gilt es der Dirigentin Nathalie Stutzmann zu attestieren, die mit den Besonderheiten des schwierigen Orchestergrabens wie auch dem viel beschäftigten Bayreuther Festspielchor gut zurechtkommt, der musikalischen Pracht Rechnung trägt, darüber hinaus aber auch eine fast impressionistische Leichtigkeit an den Tag legt, die der gewaltigen Partitur guttut.

Ein einmaliges Experiment sollte dieser Rienzi im Festspielhaus darstellen. Und wiewohl das Publikum der zweiten Runde nicht weniger emphatisch das Sängerensemble und die Dirigentin feierte wie zur Premiere, bleibt zu hoffen, dass es dabei bleibt. Das Stück selbst eignet sich schlichtweg nicht dafür, einen festen Platz im Repertoire einzunehmen.

Kirsten Liese, 4. August 2026


Rienzi
Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Zweite Vorstellung am 3. august 2026
Premiere am 26. Juli 2026

Inszenierung: Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka
Musikalische Leitung: Nathalie Stutzmann
Orchester der Bayreuther Festspiele