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GELSENKIRCHEN - Musiktheater im Revier

(c) Der Opernfreund
 

 

Hans Werner Henze

Das Wundertheater

Karl Amadeus Hartmann

Wachsfigurenkabinett

Premiere: 26. Mai 2022

Meistens wird „Wachsfigurenkabinett“ von Karl Amadeus Hartmann nicht mit anderen Stücken kombiniert, obwohl die fünf Kurzopern nur 75 Minuten dauern. Am kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, gibt es nun noch Hans Werner Henzes „Das Wundertheater“ dazu. Diese Kombination ist zwar nicht zwingend, aber immerhin hat Henze die Uraufführung des „Wachsfigurenkabinetts“ bei der Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater in München initiiert. Den acht Mitgliedern des Opernstudios NRW bieten sich dadurch viele darstellerische Möglichkeiten.

Mit dem „Wundertheater“ vertonte der 23-jährige Hans Werner Henze 1949 einen satirischen Einakter von Miguel de Cervantes: Theaterdirektor Chanfalla und seine Gefährtin Chirinos behaupten gegenüber der Dorfbevölkerung nur „ehelich geborene und rechtgläubige Christen“ könnten ihre Aufführung sehen. Wie in „Des Kaisers neue Kleider“ bestaunt jeder Zuschauer das optische Nichts.

Henzes Musik ist trotz ihrer Atonalität elegant und unterhaltsam. In seinem ersten Bühnenwerk zeigt der 2012 gestorbene Komponist schon seinen sicheren Theaterinstinkt, dem dann spätere andere komische Opern wie „Der junge Lord“ (1965) und „Die englische Katze“ (1983) zu verdanken sind: Cembalo und Harfe geben der Musik einen altmodischen Klang, die Bläser tönen grell und ironisch, die vier Schlagwerker sorgen für moderne Jahrmarktklänge. Dirigent Gregor Rott gelingt es, dem Kammerorchester der Neuen Philharmonie Westfalen auch viel rhythmischen Pfiff zu entlocken.

Sehr zuverlässig singt Tenor Christoph Hochstuhl die Rolle des Theaterdirektors. Quirlig und mit sehr textverständlichem Mezzo gibt Rina Hirayama, die in Gelsenkirchen schon als Rossinis Desdemona aufhorchen ließ, seine Partnerin Chirinos. Als Gobernador des Dorfes beeindruckt Yevhen Rakhmanin mit seinem profunden Bass.

Regisseurin Zsófia Gereb und ihre Ausstatter Ivan Ivanov bringen beide Stücke mit leichter Hand auf die Bühne, charakterisieren die Figuren gut und halten die junge Truppe in Bewegung. Als Bühnenbild dient ein Theaterportal, das auf beiden Seiten von großen Treppen flankiert ist.

Die fünf kurzen Opern im „Wachsfigurenkabinett“ sind kurzweilig und tendieren auch zu jazzigen Klängen. Manchmal wirken die Stücke wie musikalische Sketche, wenn die Verschwörer in „Leben und Sterben des heiligen Teufels“ mehrere Anläufe brauchen um Rasputin zu ermorden. Sopranistin Heejin Kim kann als Großfürstin mit großem Sopran auftrumpfen.

In „Fürwahr“ erkennen sich ein betrunkener Vater und Sohn nachts nicht wieder und streiten um den Einlass an der Haustür. Als Vater und Sohn harmonisieren Oleh Lebedyev und Yisae Choi stimmlich sehr gut miteinander. Die weiteren Mitglieder des NRW-Opernstudios Margot GenetMercy Malieloa und Demian Matushevskyi zeigen wie ganze Ensemble ihre Wandlungsfähigkeit und stehen teilweise sogar in sieben verschiedenen Rollen auf der Bühne.

Rudolf Hermes, 26.05.22

 

Paul Hindemith

Neues vom Tage

Premiere: 7. Mai 2022

Paul Hindemiths „Neues vom Tage“ hat es schwer auf deutschen Bühnen, obwohl es sich hier um eine der wenigen gelungenen komischen Opern des 20. Jahrhunderts handelt. Nun brachte das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier eine Neuproduktion heraus, in der Regisseurin Sonja Trebes das Stück in die heutige Medienwelt überträgt.

Die Geschichte um das Paar Laura und Eduard, dass sich scheiden lass will und dann zu Medienstars wird, ist besonders im zweiten Teil gut in die heutige Zeit übertragbar. Zu Beginn handelt es sich um eine satirische Scheidungsgeschichte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man für eine Scheidung noch einem Scheidungsgrund brauchte. Dies ist hier der schöne Herr Hermann, mit dem sich Frauen in flagranti erwischen lassen können. Laura wird berühmt, weil sie Hermann im Bad empfängt, Eduard weil er im Museum eine Venus-Statue zerstört.

Regisseurin Sonja Trebes bringt das Stück werkdienlich auf die Bühne, wobei die verschieb- und drehbaren Bühnenelemente von Dirk Becker schnelle Verwandlungen ermöglichen. Besonders nach der Pause gelingt es Trebes die Mediensatire des Stückes auf die heutige Zeit mit ihren Realitystars, Influencern und Shitstorms zu übertragen. So gibt es Projektionsflächen auf denen man die Internetkommentare über das Paar lesen kann. Moritz Hils steuert die Videos bei. Im Finale führt das Paar seine privaten Auseinandersetzungen regelmäßig in einer Fernsehshow vor.

Die Badewannenszene überzeichnet Sonja Trebes noch dadurch, dass sich die Schaulustigen entblößen und mit kostümierte Nacktheit Swingerclub-Atmosphäre schaffen. Für die gelungenen Kostüme ist Jula Reindell verantwortlich, die den von Alexander Eberle einstudierte Chor in skurril uniformierter Kleidung auftreten lässt. Ungewöhnliche Perücken und Bärte sorgen für weitere überzeichnete Typen.

Dass Scheidungspaar singen Eleonore Maguerre und Piotr Prochera. Beide versuchen selbst in den melodiösen Aufschwüngen einen gewissen Parlandoton beizubehalten und den Text ins Zentrum zu rücken. Sie singt mit kräftigem Sopran, er mit leicht gaumigem Bariton. Schön schrullig gestaltet Almuth Herbst mit scharfem Mezzo die Nachbarin Frau M.  

Dirigent Giuliano Betta treibt am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen Hindemiths Dauermotorik turbulent voran, wobei die Streicher die Hauptrolle spielen. Die Holzbläser setzen oft grelle Akzente, die Blechbläser bieten bissige Einwürfe. Paul Hindemith entwirft hier einen bunten und gut gelaunten Stilmix, der von großer Wagner-Oper, Big-Bands der 20er Jahre und den kultischen Gesängen Carl Orffs inspiriert ist. Zum Atemholen bleibt dem Publikum da kaum Zeit, und Langeweile kommt nicht auf. Am Ende fühlt man sich bei „Die Liebe hat etwas Erotisches“ in eine große Revue-Operette versetzt.

Schon nach dem ersten Teil gibt es viel Beifall, und am Ende werden alle Akteure und das Regieteam einhellig gefeiert. Man wünscht diesem Abend, dass er im Repertoire-Alltag genauso erfolgreich ist.

Rudolf Hermes, 10.05.2022
Bilder: © Monika und Karl Forster


 

 

Madama Butterfly

Premiere: 02.04.2022,
besuchte Vorstellung: 17.04.2022

Das Leiden der Cio-Cio-San

Rund drei Jahre wartet Butterfly in der beliebten Oper von Giacomo Puccini auf ihren Ehemann. Fast genauso lange mussten die Besucher am Musiktheater im Revier auf die Premiere der Neuinszenierung von Madama Butterfly warten, die pandemiebedingt mehrmals verschoben werden musste. Anfang April war es dann endlich soweit und es lässt sich bereits an dieser Stelle feststellen: Das Warten hat sich gelohnt. Noch viel länger ist es her, dass am MiR schon einmal eine Madama Butterfly in einer Inszenierung von Gabriele Rech aufgeführt wurde. Am 08. Januar 1994 hob sich damals der Vorhang zum ersten Mal - in der Hauptrolle der Cio-Cio-San damals die junge Noriko Ogawa. In der Neuinszenierung übernimmt das langjährige Ensemblemitglied nun als Gast die Rolle von Butterflys erfahrener Begleiterin Suzuki, so schließt sich auch hier ein Kreis.
 

 

Nach nunmehr deutlich mehr als 25 Jahren inszeniert Gabriele Rech erneut eine sehr sehenswerte Madama Butterfly, die mit einer kleinen aber durchaus entscheidenen Ausnahme sehr werkstreu daher kommt. Ihre Cio-Cio-San ist hierbei gefangen in der eigenen Illusion, ihr Mann käme sicher bald nach Japan zurück um sie mit in eine von ihr herbeigeträumte idyllische Zukunft in den Vereinigten Staaten von Amerika zu nehmen. Tragisch hiebei anzusehen, wie sich San immer wieder selber belügt, da sie in dieser Inszenierung grundsätzlich eine sehr kluge Frau ist. Und doch ist es die unendliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sie weiter in einer Illusion leben lässt, die geradewegs auf eine Katastrophe zusteuert. Aber auch Pinkerton erliegt im ersten Akt der Illusion von Goro, der durch eine bunte und folkloristische Heiratszeremonie über den faden Beigeschmack der schlichten Prostitution hinwegtäuschen will. Sehr gut gelungen ist in diesem Zusammenhang die gesamte Gestaltung des ersten Aktes, die einem künstlich inszenierten Spektakel gleicht, in dem Pinkerton eine Hochzeit vorgespielt wird, bei der die Teilnehmer ganz offensichtlich nur für Geld angagierte Schauspieler sind. Das Bühnenbild von Dirk Becker und die Kostüme von Renée Listerdal spielen hierbei mit vielen Klischees der japanischen Kultur - bunte Kimonos, von der Decke herabgleitende Lampions und Kirschblüten, hier fehlt es an nichts. Nach einem starken Schlussbild des ersten Aktes, folgt im zweiten und dritten Akt vornehmlich das Elend in das sich Cio-Cio-San inzwischen befindet und bis zum bitteren Ende leidet man als Zuschauer regelrecht mit ihr mit. Scheinbar unendlich lang ist auch der Übergang vom zweiten in den dritten Akt, wo Butterfly während der gesamten Ouvertüre zum dritten Akt mit dem gepackten Koffer auf Pinkerton wartet, ein Bild das sich tief in die Seele des Zuschauers drückt.
 

 

Auch musikalisch ist die aktuelle Madama Butterfly sehr zu empfehlen. Unter der musikalischen Leitung von Giuliano Betta spielt die Neue Philharmonie Westfalen schwungvoll und mit großem Klang, ohne hierbei die Sänger zu übertönen. Die Titelpartie der Butterfly ist mit Ilia Papandreou ganz hervorragend besetzt. Mit einem klaren und sicheren Sopran meistert sie auch die schwierigen Partien. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, wenn man bedenkt, dass sie die nahezu die gesamten 2 1/2 Stunden Spieldauer auf der Bühne steht und hierbei auch schauspielerisch durchaus überzeugen kann. Ihr zur Seite stand in der besuchten Vorstellung der amerikanische Tenor Joshua Kohl als Gast vom Theater Freiburg, der mit einem ganz hervorragenden Tennor glänzen konnte. Dass seine Rolle als absoluter Unsympat angelegt ist, er sich im ersten Akt an den Prostituerten erfreut und keinen Wert auf die Gefühle seiner japanischen Ehefrau legt und er sich im dritten Akt feige davonschleichen will, steht zwar im Gegensatz zum Glanz seiner Stimme, aber Kohl bringt auch diesen Part des überheblichen Amerikaners glänzend auf die Bühne. Als Suzuki steht wie bereits erwähnt Noriko Ogawa-Yatake auf der Bühne, die mit ihrem dunkel gefärbten Sopran ganz wunderbar mit Ilia Papandreou harmoniert. Außerdem verkörpert sie die liebevolle und besorgte Aufpasserin sowohl für Butterfly wie auch ihr Kind absolut treffend. Alle drei Darsteller wurden vom Publikum entsprechend nach der Vorstellung langanhaltend gefeiert.
 

 

Auch für die weiteren Rollen gab es großen Applaus. Auch wenn ihre Rollen vorlagenbedingt recht klein ausfallen, kommt ihnen zugute, dass Gabriele Rech mit einer guten Personenregie alle Rollen sehr klar gezeichnet hat. Sei es Petro Ostapenko als Konsul Sharpless, der zwar stets warnend den Zeigefinger erhebt, Cio-Cio-San am Ende aber auch nicht so hilft, wie es ihm vielleicht möglich gewesen wäre. Tobias Glagau gibt den Heiratsvermittler Goro als eine Art schmieriger Zuhälter, der für Geld alle Wünsche erfüllt. Auch wenn sie wie im Fall des Fürsten Yamadori in etwas ausgefalleneren erotischen Phantasien bestehen. Daegyun Jeong kann in dieser kurzen Partie ebenso gefallen wie Scarlett Pulwey als Kate Pinkerton. In sehr kühler Art und Weise lässt sie echte Gefühle nicht zu, auch sie scheint sich in ihrer eigenen Fassade eingemauert zu haben. Da in Gelsenkirchen eine Fassung verwendet wird in der Kate am Ende statt Sharpless zusichert, sich gut um das Kind kümmern zu wollen, sie es am Ende vor dem großen Finale sogar  auf dem Arm von der Bühne trägt, kommt ihr trotz kleinem Part doch eine größere Bedeutung zu. Ob sie sich aber wirklich gut um das Kind kümmern wird, darf an dieser Stelle zumindest angezweifelt werden. Und so schließt sich auch hier der Kreis, was ist Realität und was nur Illusion.
 

 

Insgesamt darf sich der Zuschauer bei Madama Butterfly in Gelsenkirchen auf eine stimmige Inszenierung freuen, die auch musikalisch vollkommen überzeugen kann. Wer vor der Sommerpause also nochmal Lust auf große Oper verspürt, ist hier sicher an der richtigen Adresse.

Markus Lamers, 18.04.2022
Bilder: © Björn Hickmann

 

 

Carmen

Premiere: 13.03.2022
besuchte Vorstellung: 10.04.2022

Der Tod der Femme Fatale

Ohne nun genau recherchiert zu haben, gehört "Carmen" von Georges Bizet wohl zu den beliebtesten und entsprechend am meisten gespielten Opern im Repertoire. Ein Grund hierfür sind sicherlich auch die vielen Chorstücke - nur selten stehen die Hauptdarsteller alleine auf der Bühne. Von daher muss an dieser Stelle zum Inhalt wohl nichts weiter gesagt werden, da dieser bekannt sein dürfte. Dass den Zuschauer in Gelsenkirchen eine spezielle Inszenierung erwarten würde, ahnt man bereits vor der Ouvertüre. Ein paar Männer putzen von Soldaten bewacht den Boden. Nachdem die Musik eingesetzt hat, ströhmen im Verlauf der Ouvertüre Frauen allen Alters auf die Bühne. Man ahnt, die Geschlechterverteilung spielt eine wichtige Rolle in der Inzenierung von Rahel Thiel.
 

 

In der aktuellen Theaterzeitung des MiR heißt es zum Ansatz der Regie: "Die Regisseurin erzählt ein Gesellschaftsdrama, in dem sowohl der Außenseiter Don José als auch die Außenseiterin Carmen in der Komplexität ihrer Entscheidungen beleuchtet werden." Leider gelingt dies aber nicht wirklich, denn die Personenführung ist teilweise nur schwer zugänglich und man hat fast den Eindruck, als wollte man hier zu viel erreichen und hat dabei die grundlegenden Dinge einfach komplett übersehen. In der Inszenierung von Rahel Thiel werden die Beziehungen der Figuren untereinander maximal ansatzweise deutlich. Dies ist sehr schade, wäre bei einer bekannten Oper wie "Carmen" aber noch verschmerzlich, wenn der Rest der Inszenierung stimmig wäre. Schließlich haben die meisten Besucher vermutlich zuvor bereits eine Carmen-Vorstellung besucht. Allerdings wollte man mit dieser Produktion in Gelsenkirchen eigentlich auf ein wichtiges und ernstes Thema wie den Femizid aufmerksam machen. Hierbei geht es um die Tötung der Partnerin oder der Ex-Partnerin, bei der die emotionale Notlage auch vor Gericht immer wieder als mildernder Umstand bewertet wurde. Hätte man dies nicht in der bereits erwähnten Theaterzeitung oder der Einführung zum Stück erfahren, dann muss man wohl eingestehen, dass dieser besondere Aspekt dem nicht informierten Zuschauer weitestgehend verborgen bleiben dürfte. Verborgen bleibt dem Zuschauer auch der Sinn, warum am Ende des ersten Aktes ausgerechnet Don Josés Vorgesetzter Zuniga Carmen endgültig aus der Gefangenschaft befreit und gleichzeitig wie in der Oper vorgegeben Don José hierfür bestraft. Immer wieder kann man über die Personenführung nur den Kopf schütteln, fast wirkt es so, als hätte man diesen Aspekt für ein paar große Bilder schlichtweg geopfert. Dass die Soldaten die eintreffende Micaela auch körperlich bedrängen ist noch nachvollziehbar, im nächsten Moment reagieren dann aber alle Personen völlig realitätsfremd, so dass man sich immer wieder fragt, was das soll? Zudem verfallen die Darsteller nach einzelnen Szenen immer wieder in Gelächter, was der Sache auch nicht unbedingt dienlich ist. Dennoch gibt es auch ein paar Lichtblicke. So ist es beispielsweise durchaus stimmig, wie Carmen an verschiedenen Stellen immer wieder die Stierhörner aufgesetzt werden. Zudem scheint es immer wieder so zu sein, als würde Carmen durch die stets vorhandene Menschenmenge nicht nur genau beobachtet, sondern auch stark beeinflusst. Sehr gut gelöst ist auch der vierte Akt, in dem das Aufeinandertreffen von Carmen und Don José in die Stierkampfarena verlegt wird und das direktes Aufeinandertreffen in Form des Stierkampfes inszeniert wird. Das Publikum auf den Rängen schaut sich dieses Treiben durchaus amüsiert an. Als Carmen schließlich durch die Messerstiche von Don José ums Leben kommt, wird aus dem Schnürboden ein erstochener Stier herabgelassen.   
 

 

Unter dem Dirigat von Peter Kattermann spielt die Neue Philharmonie Westfalen die wunderbare Partitur mit viel Schwung und gutem Timing. Auch gesanglich ist "Carmen" am Musiktheater im Revier gut besetzt. Mit Lina Hoffmann (Carmen), Khanyiso Gwenxane (Don José), Heejin Kim (Micaela) und Petro Ostapenko (Escamillo) hat man ein stimmlich gut harmonierendes Quartett, die die bekannten Lieder der Oper ganz wunderbar auf die Bühne bringen. Der von Alexander Eberle einstudierte Opernchor kann mit einer großen Masse begeistern. Auch die weiteren Rollen sind durch das eigene Ensemble durchweg gut besetzt. Schauspielerisch wissen die Darsteller ebenfalls zu gefallen, auch wenn es ihnen die Regie nicht immer leicht macht. Insbesondere Khanyiso Gwenxane kann einem oft leid tun, wie er völlig unglaubwürdig aggieren muss. Da ist es fast symbolisch zu sehen, dass er als einziger Darsteller während der ersten zwei Akte einen ausgiebigen Zwischenapplaus erhielt. Ansonsten blieb das Publikum erstaunlich ruhig, bedankte sich aber am Ende bei allen Darstellern und dem Orchester mit lautstarkem und recht lang anhaltendem Beifall.
 

 

Insgesamt erlebt der Zuschauer in Gelsenkirchen eine Aufführung auf musikalisch hohem Niveau. Leider scheitert die Regie aber an ihren eigenen Ansprüchen, so dass es diesbezüglich leider nur zu einem durchwachsenen Gesamteindruck ausreicht. Die zuvor erwähnte Komplexität der Entscheidungen wird nicht immer klar ersichtlich. Auch wenn man in Gelsenkirchen auf die gesprochenen Passagen weitestgehend verzichtet und hierdurch größere Sprünge im Libretto vorgegeben sind, wäre eine klarere Personenzeichnung wünschenswert für das gesamte Inszenierungskonzept gewesen.

Markus Lamers, 12.04.2022
Bilder: © Monika und Karl Forster

 


Hedwig and the Angry Inch

Premiere: 05.02.2022,

besuchte Vorstellung: 05.03.2022

 

Traurige Geschichte einer ewigen Suche


Immer wieder entdecken am New Yorker Off-Broadway neue Musicals das Licht der Welt. So auch „Hedwig and the Angry Inch“ welches am 14. Februar 1998 am dortigen Jane Street Theatre uraufgeführt wurde. Das Stück erzählt die Geschichte einer ewig Suchenden, die im Jahr 2001 verfilmt wurde und bei der Broadway-Premiere im Jahr 2014 mit vier Tony Awards ausgezeichnet wurde. Seit einem Monat ist dieses nach wie vor relativ selten gespielte Werk nun auch im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier zu sehen. Kurz zum Inhalt: Als Hansel Schmidt in Ost-Berlin aufgewachsen, überredet ihn der amerikanische GI Luther, die vermeintlich große Liebe, zur Übersiedlung in die USA. Notwendig sei hierfür allerdings die Operation zur Frau, aus Hansel wird somit Hedwig. Leider geht der Eingriff katastrophal schief und von ihrem Glied bleibt ein „angry inch“ zurück. Eine dauerhafte Erinnerung daran, fortan zwischen den Geschlechtern zu stehen. Nach der Trennung von Luther, hält sich Hedwig in den USA mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Hierbei ist sie stets auf der Suche nach einer zu ihr passenden „anderen Hälfte“. Doch auch der nächste Mann in Hedwigs Leben, nutzt sie nur aus. Nachdem aus dem kleinen Thommy - dank von Hedwig komponierten Songs – der gefeierte Rockstar Thommy Nosis wurde, lässt er sie sitzen und verschwindet mit ihren Arbeiten. Während er weiterhin die großen Hallen füllt, tourt Hedwig mit ihrer vierköpfigen Band „The Angry Inch“ und ihrem Begleiter Yitzhak durch deutlich kleinere Locations. Verlassen und ausgenutzt, weder Mann noch Frau führt sie ihr Weg nun an diesem Abend nach Gelsenkirchen.

 


Der Zuschauer begibt sich im Rahmen dieses Konzertes auf eine rund 105minütige Reise durch Hedwigs tragisches Leben, erzählt in teilweise rockigen, dann aber auch wieder sehr gefühlvollen und persönlichen Rückblicken die von Stephen Trask (Musik und Texte) und John Cameron Mitchell (Buch) geschickt festgehalten wurden. Carsten Kirchmeier setzt die Geschichte sehr gefühlvoll um und sorgt mit seiner rundum stimmigen Inszenierung für den Grundstein eines gelungenen Theaterabends. Während die meisten Lieder in englischer Sprache verbleiben, sind die gesprochenen Texte sowie ausgewählte Songs in Deutsch zu hören. Sehr wichtig ist dies bei einem von der Mutter vorgetragenen „Gute-Nacht-Lied“, da es in diesem Märchen um die Trennung einer Vollkommenheit in zwei Teile geht. In Anlehnung an Platon wird Hedwig hierdurch klar, dass ihr die andere Hälfte fehlt, die sie fortwährend sucht. Leider lassen sich viele Anspielungen in diesem Musical nur schwer oder gar nicht ins Deutsche übersetzen. So bleibt z. B. die Doppeldeutigkeit des Namens Hedwig zu Headwig (head = Kopf / wig = Perücke) den meisten Zuschauern auf den ersten Blick verborgen. Dennoch gelingt es Kirchmeier eine gut verständliche Inszenierung zu liefern, bei dem vielleicht der ein oder andere Zwischenton verloren geht, im gesamten aber ein rundes Bild entsteht.

 

 

Die Bühne von Jürgen Kirner (ebenso verantwortlich für die Kostüme) besteht im Wesentlichen aus Hedwigs Konzertbühne, auf der auch die vier Musiker des Abends untergebracht sind. Auf der linken Seite befinden sich zudem mehrere Fernseher, auf denen immer wieder Ausschnitte aus der Liveübertragung von Tommys zeitgleich stattfindendem Konzert eingespielt werden. Eingeschaltet werden diese meist als versuchte Revanche durch Yitzhak, der immer wieder Hedwigs Demütigungen über sich ergehen lassen muss, da diese all ihre zuvor erwähnten schlechten Erfahrungen mit Männern auf ihn projiziert.

 

 

Und damit sind wir nun auch beim Hauptargument, warum sich der Besuch im Musiktheater im Revier für den Zuschauer lohnt: Die Besetzung. Alex Melcher brilliert in der Rolle der Hedwig, die nahezu während der gesamten Dauer des Stückes (Aufführung ohne Pause) auf der Bühne steht. Mit einer großen Intensität offenbart er dem Publikum Hedwigs Leben und gewährt hierbei nach und nach tiefere Einblicke in ihre verletzte Seele. Gelungen auch seine anfangs noch sehr überhebliche Arroganz, die sich im Verlaufe des Abends als selbst erstellter Schutzwall gegen die innerlichen Verletzungen entpuppt. Ihm zur Seite steht Nina Janke als Yitzhak, passend zum Stück wird diese Rolle stets von einer Frau verkörpert. Rollenbedingt agiert sie eher im Hintergrund, glänzt aber immer wieder in den harmonischen Duetten und darf bei ihrem Solo dann auch zeigen was in ihr steckt. Auch die Band „The Angry Inch“ ist mit vier hervorragenden Musikern ausgestattet. Die Soundabmischung stimmt größtenteils auch bei den rockigen Nummern, was nicht immer leicht ist. Am Ende spendet das Publikum langen und lautstarken Applaus, was sich alle Beteiligten redlich verdient haben.


Markus Lamers, 06.03.2022
Bilder: © Sascha Kreklau

 

 

 

 

Gioachino Rossini

Otello

Premiere: 23. Oktober 2021

Besuchte Aufführung: 26. Dezember 2021

 

Wenn deutsche Opernhäuser „Otello“ spielen, dann den von Giuseppe Verdi. Gioachino Rossinis gleichnamige Oper führt hingegen ein Schattendasein. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier zeigt die selten gespielten Oper in einer Inszenierung von Manuel Schmitt, der versucht, viele Probleme der Gegenwart in dieser Oper auf die Bühne zu bringen. Bemerkenswert bei „Otello“-Inszenierungen der letzten Jahre, egal ob es sich um Verdi oder Rossini handelt, ist: Wenn man keinen Hauptdarsteller mit afrikanischen Wurzeln hat, sagen die Regisseure, es würde gar nicht um Rassismus gehen, sondern Otello habe noch andere Probleme. Verfügt das Opernhaus jedoch über einen passenden Sänger mit der entsprechenden Optik, so geht es doch um Rassismus. Im Gelsenkirchen verfügt man mit Khanyiso Gwenxane über einen wohlklingenden Tenor, der in Südafrika geboren wurde, so dass Manuel Schmitt ein großes Rassismus-Drama entfalten kann, das aber oft überzogen wirkt. Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann hat eine Architektur entworfen, die das „Europäische Haus“, aber auch ein Museum mit Beutekunst der Kolonialzeit darstellen soll.

 

 

Die Europäer sind natürlich die bösen Rassisten, die Otello als militärischen Befehlshaber benutzen, ihn aber letztlich nicht ernst nehmen. Sie behandeln ihn von oben herab und wollen verhindern, dass er die Europäerin Desdemona heiratet, obwohl diese hier von der Japanerin Rina Hirayama gesungen wird. Würden Türken, Afrikaner oder Asiaten in einem deutschen Theater als solche Rassisten dargestellt werden, so wäre dies rassistisch, bei einer Darstellung von rassistischen Europäern fällt dies aber in die Kategorie „Sozialkritik“. In der Personenführung zeigt sich Manuel Schmitt als überzeugender Regisseur, der sein Handwerk versteht, sich dabei aber in seinem Konzept verrennt. Das wird auch im weiteren Verlauf der Aufführung deutlich, wenn eine Mauer und Stacheldraht um das Haus gezogen werden, und sich die Choristen über Beutekunst der Kolonialzeit lustig machen. Gänzlich überzogen wird die Inszenierung, wenn dann auch noch nach der Pause das Erft-Hochwasser zitiert wird: Die Choristen im Regencape türmen Sandsäcke auf und begeben sich alle in einen Schutzbunker, während Otello draußen bleiben muss.

 

 

Originell ist die Idee, dass das Publikum über das Ende abstimmen darf, da Rossini sowohl ein tragisches als auch ein glückliches Ende komponiert hat: Zur Auswahl hat man aber bloß die Frage, ob Desdemona Otello das Messer abnehmen oder ihn zur Rede stellen soll? Welche Auswirkungen das hat, erlebt das Publikum danach erst auf der Bühne. Beachtlich ist, dass Gelsenkirchen diese Oper, die vier Tenöre benötigt weitgehend aus dem eigenen Ensemble besetzt. Den stärksten Eindruck macht Benjamin Lee, der als Gast aus Magdeburg den Rodrigo singt. Er verfügt über eine strahlende Höhe und gurgelt sich leicht durch Rossinis Koloraturen. Iago ist hier nicht ganz der Bösewicht wie wir ihn von Verdi kennen: Adam Temple-Smith stattet ihn mit einem leicht nasalen, aber ebenfalls höhensicherem Tenor aus. Rodrigo und Iago sind bei Manuel Schmitt arrogante Schnösel, die als Hobby den Golfsport betreiben, weil sich dort offensichtlich besonders viele Schurken umtreiben. Auch Khanyiso Gwenxane in der Titelrolle überzeugt mit seiner schönen und leicht geführten Stimme, könnte die Partie allerdings mit etwas mehr Dynamik ausstatten. Rina Hirayama begeistert mit ihrem funkelnden Sopran mit ihrem gefühlvoll gezeichneten Porträt der Desdemona. Mit vollem und perfekt gereiftem Mezzo singt die junge Lina Hoffmann die Emilia. Auf ihre Carmen, die im März Premiere haben soll, darf man gespannt sein.

 

 

Am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen sorgt Giuliano Betta für den nötigen Schwung und Pfiff, den eine Rossini-Oper benötigt. Jedoch spielen die Bläser nicht immer punktgenau. – Gelsenkirchen bietet mit dieser Produktion eine musikalisch überzeugende Begegnung mit einer echten Rossini-Rarität, wobei die Regie mit ihrem Rassismus-Konzept aber in einer Fülle von Klischees stecken bleibt.

 

Rudolf Hermes, 10.12.2021

Fotos: © Björn Hickmann

 

 

Jauchzet, frohlocket!

Premiere: 04.12.2021
besuchte Vorstellung: 11.12.2021

Bachs Weihnachtsoratorium stellt große Fragen

 

Für die szenische Umsetzung des beliebten Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach wirft Generalintendant Michael Schulz am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier große Fragen auf. Woran glauben wir? Was bedeutet Erlösung für Sie persönlich? Wenn es einen Messias gäbe, wie sähe er aus? Dies sind nur einige der gestellten Fragen, die Menschen aus Gelsenkirchen mit ganz persönlichen Antworten in Form von Videoeinspielungen beantworten. Diese Videos bilden gleichzeitig den Rahmen für die Neuinszenierung am MiR, bei der das Musik- und Puppentheater des Hauses in einer großen Produktion zusammenarbeiten. In Anlehnung an die Geschichte von Maria und Josef liegt es nahe, ein Flüchtlingspaar in den Mittelpunkt zu stellen, welches mitsamt (Draht-)Esel auf die heutige Gesellschaft trifft. Der Evangelist übernimmt hierbei eine Art Vermittlungsrolle, denn gerade zu Beginn wirkt das Verhalten der Gesellschaft auf die Neuankömmlinge geradezu beängstigend fremd. Für die rund dreistündige Aufführung reichert Schulz das eigentliche Weihnachtsoratorium um weitere Werke von Carl Orff, Hanns Eisler, Arvo Pärt und Dario Fo an. So beginnt alles mit fünf Hexen die zu Carl Orffs rhythmischen und in bairischer Sprache vorgetragen Auszug aus „Ludus de nato Infante mirificus“ (Wundersames Spiel von der Geburt des Kindes) versuchen, die Geburt des angekündigten Erlösers zu verhindern.

 

 

Es folgt das mit großem Chor vorgetragene „Jauchzet, frohlocket!“ bei dem das Publikum zum einzigen Mal während der Vorstellung Zwischenapplaus spendet. Die erwähnten zusätzlichen Einlagen in das Oratorium sind insofern passend gestaltet, als dass die beiden Lieder von Hanns Eisler („Das Lied von der Moldau“ und „Das Lied einer proletarischen Mutter“) jeweils von der fremden Frau vorgetragen werden, und hierdurch auch musikalischen die Gegensätze von Flüchtlingspaar und Gesellschaft nochmal verdeutlicht werden. Optische Highlights der Inszenierung sind die Auftritte der Puppenspieler, etwa bei den beiden vorgetragenen Schauspielen „Bonifazius VIII“ und „Der Kindermord von Bethlehem“ von Dario Fo. Das Puppentheater-Ensemble tritt hierbei in Form einer Gauklertruppe vor die feiernde Gesellschaft, um ihnen zur allgemeinen Erheiterung die Stücke vorzutragen. Auch die drei Weisen aus dem Morgenland und zwei Kinder werden von den Puppenspielern zum Leben erweckt. Dies ist alles wahrlich sehr nett anzusehen. Der Chor wurde durch Kostümbildnerin Renée Listerdal als bunte Mischung einer multikulturellen Bevölkerung gekleidet, auch dies weiß zu gefallen.

 


Musikalisch bleiben vor allem die großen Bach-Chöre das Highlight des Abends, zu denen Chordirektor Alexander Eberle, dem zugleich die musikalische Leitung des Abends unterliegt, die Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen durchaus treffend durch den Abend führt. Dennoch wirkt Bachs Werk in seinen Auszügen und mit den vielen Unterbrechungen eher wie ein „Best of Weihnachtsoratorium“ und weniger wie der titelgebende Hauptakt des Abends. In Erinnerung bleibt so ein Abend, der vielleicht am ehesten gefallen kann, wenn man die eingangs gestellten Fragen nicht allzu sehr mit einer übergeordneten Botschaft verbindet, sondern einige durchaus interessante Antworten der Gelsenkirchener Bevölkerung vom Geschehen auf der Bühne etwas abkoppelt. Das Publikum spendete in der besuchten Vorstellung langanhaltenden Applaus und zeigte sich auch beim Verlassen des Saales größtenteils sehr angetan von diesem Abend.

Markus Lamers, 12.12.2021
Fotos: © Karl und Monika Forster

 

 

Stadt der Arbeit

Uraufführung: 08.10.2021
besuchte Vorstellung: 16.10.2021

 

Wie zeitgemäß ist das System der Arbeitslosen-Vermittlung?


Unter keinen ganz so guten Vorzeichen stand die Uraufführung von „Stadt der Arbeit“ am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. Aufgrund eines positiven Corona-Tests im Ensemble musste die Premiere vom 25. September 2021 auf den 08. Oktober 2021 verschoben werden, da auch am MiR in Sachen Gesundheitsschutz der Mitarbeiter keine Kompromisse gemacht werden. Nach Vorstellungen am 08. und 09. Oktober können nun seit diesem Wochenende die Vorstellungen bis Allerheiligen (hoffentlich auch weiterhin) wie geplant stattfinden. Volker Lösch und Ulf Schmidt sind bekannt dafür, ihren Theaterstücken mit starken lokalen Bezügen durch den Einsatz von Bürgerchören eine besondere Darstellungsform zu geben. Als Thema für das Gelsenkirchener Auftragswerk, stand schnell die Arbeitslosigkeit fest, ist die Arbeitslosenquote hier im Bundesdurchschnitt doch im oberen Spitzenbereich anzusiedeln. Rund 260.000 Einwohner, von denen rund 167.000 im erwerbsfähigen Alter sind. Allerdings geht gerade einmal die Hälfte hiervon einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Jeder vierte Gelsenkirchener Bürger hat Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen. Soweit die Faktenlage.

 


Im ersten Teil des Abends befinden wir uns in einem Arbeitshaus, in dem die 15 Insassen wie in einem Gefängnis leben. Die Fallmanager Petra und Gerd (angelehnt an Peter Hartz und Gerhard Schröder) wirken entsprechend eher wie Gefängnis-Aufseher. Wenn ein Arbeitssuchender aus durchaus verständlichen Gründen beispielsweise die Mitarbeit bei einer Maßnahme verweigert, wird seine Kürzung des Arbeitslosengeldes gleich durch einige Elektroschläge ergänzt. Alles ganz im Sinne des „Kunden“, dem man schließlich helfen will, wieder einen Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen. Auf Grund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen kommen zwar auch in „Stadt der Arbeit“ die gewohnten Sprechpassagen des Bürgerchores nicht zu kurz, darüber hinaus werden aber auch die Einzelschicksale von 15 Bürgern und Bürgerinnen der Stadt eindrucksvoll in Szene gesetzt. So entwickelt sich ein eindringlicher Musiktheater-Abend, der an der ein oder anderen Stelle durchaus zum Nachdenken anregt und wo man sich fragt, ob bei der „Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“ wirklich alles richtig läuft. Macht es Sinn, jemanden eine Umschulung zur Köchin zu bezahlen, die ganz andere Interessen hat? Ist es legitim, dass die Arbeitslosen unentgeltlich ehrenamtliche Arbeit leisten, statt sie für diese notwenigen und sinnvollen Arbeiten direkt richtig zu entlohnen? Und was bringen alle Maßnahmen, wenn es gar keine Arbeitsplätze gibt? Zwar ist die gesamte Inszenierung entsprechend plakativ geraten und an der ein oder anderen Stelle sicher auch deutlich zu vereinfacht oder einseitig dargestellt, dennoch bewegt den Zuschauer das reale Schicksal der Akteure, die allesamt eine ganz hervorragende Leistung abliefern und einen großen Anteil am Erfolg des Abends haben. Bravo an alle Insassen dieses Arbeitshauses. Schauspielerisch stark auch Glenn Goltz als Gerd und Gloria Iberl-Thieme als Petra, die durch ihre übertriebene und parodistische Zuspitzung, gezielt den Finger in die Wunde legen. Herrlich amüsant wird es beispielsweise, wenn einer Kundin erklärt wird, wie die Anträge auf ALG-II Leistungen auszufüllen sind und sie hierbei von einem Berg an Formularen erschlagen wird. Wenn die Fallmanager mal nicht mehr weiterwissen, kommen ihnen die Götter Labora und Dromus zu Hilfe, die mal mit Zuckerbrot und mal mit Peitsche in der gleichen Weise auf die Arbeitssuchenden losgehen. Hier können Eleonore Marguerre und Sebastian Schiller entsprechend überzeugen. Nach der Pause ist das Arbeitshaus aus Geldmangel der Stadt geschlossen worden, allerdings haben Petra und Gerd noch genau einen Job zu vergeben, um den sich die 15 Insassen nun in einer Art Casting-Show bewerben müssen. Auch hier gelingt der Humor des Abends, wenn beispielsweise der der aus Syrien geflüchtet Aref seine gelungene Integration durch einen Schuhplattler darbietet. Für alle Darsteller gibt es hier gebührenden Applaus. Das Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Carola Reuther) hat sich derweil vom imposanten Käfigbau auf eine schlichte Zielscheibe reduziert, auf der um die offene Stelle gekämpft wird. Als es schließlich darum geht, andere Mitbewerber zu denunzieren, um sich so einen eigenen Vorteil zu schaffen, verbünden sich die Arbeitssuchenden und wagen den Aufstand gegen das bestehende System.
 


Musikalisch erklingen neben Werken von Wagner, Mozart und Beethoven beispielsweise auch Haydns Deutschlandlied und Eislers DDR-Hymne, teilweise mit neuen eigenen Texten versehen. Aber auch aktuelle Hits aus Rock, Pop und Rap sind im Stück ebenso verarbeitet wie ein Auszug aus Boublil und Schönbergs „Les Miserables“. Die Band unter der musikalischen Leitung von Michael Wilhelmi spielt hierbei alle musikalischen Bereiche sehr treffsicher, auch wenn es sich teilweise nur um wenige Auszüge aus einem Werk handelt. Alles in allem hinterlässt „Stadt der Arbeit“ vor allem durch den realen Hintergrund der Darsteller und ihrer herausragenden Darstellung einen bleibenden Eindruck, der wachrütteln soll. Es folgen weitere Aufführungen am 24.10., 28.10., 29.10. und 01.11. am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier.

 

Markus Lamers, 17.10.2021
Fotos: © Klaus Levebvre / Isabel Machado Rios



Benjamin Britten

CURLEW RIVER

Premiere 27. August 2021

 

Unter der Intendanz von Michael Schulz hat sich das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier zum führenden NRW-Haus entwickelt, wenn es um die Werke von Benjamin Britten geht. Elisabeth Stöppler inszenierte hier eine „Trilogie der Außenseiter“, die aus „Peter Grimes“, „Gloriana“ und dem „War Requiem“ bestand. Später folgten von anderen Regisseuren „The Turn of the Screw“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Albert Herring“. Mit der Kirchenoper „Curlew River“ ist nun eines der ganz selten gespielten Britten-Werke in der Gelsenkirchener St. Georgs-Kirche zu sehen.
 

Der Komponist ließ sich bei dem 1964 uraufgeführten Stück von einem japanischen No-Spiel, das von einer verrückten Frau handelt, die nach ihrem von einem Sklavenhändler entführten Sohn sucht, inspirieren. Wie im No-Theater üblich wird die eigentliche Geschichte aber weitgehend nur erzählt. Vom Fährmann am Curlew Fluss erfährt die Frau, dass ihr Sohn ermordet wurde und sein Grab jetzt als das eines wundertätigen Märtyrers verehrt wird. Britten macht aus dem No-Spiel eine christliche Legende und am Ende findet sogar die trauernde Mutter Trost, als sie die Stimme ihres toten Sohnes hört. 
 

Alle Rollen werden von Männern verkörpert, auch das ist eine Besonderheit des No-Theaters: Adam Temple-Smith singt die verrückte Frau mit viel Gefühl und zeigt eine eindringliche Charakterstudie, die nie zur Karikatur wird. Den Fährmann gestaltet Petro Ostapenko mit vollem und geschmeidigem Bariton. Mit sonorem Bass umrahmt Michael Heine als Abt das Geschehen, und Urban Malmberg bietet in der Partie des Reisenden ein kurzes aber starkes Rollenporträt. Das Kammerensemble aus den Reihen der Neuen Philharmonie Westfalen, das von Peter Kattermann geleitet wird, klingt farbenreich und spannungsvoll. Flöte, Schlagwerk und Orgel verströmen ein asiatisches Kolorit, das Horn vollbringt virtuose Fanfaren. Viola und Bass steuern dunkle Streicherfarben bei. So stilsicher und originell Britten diese Geschichte auch vertont, so führt der reine Erzählduktus des 75-minütigen Stückes doch gelegentlich zu einem Nachlassen der Spannung. Hätte die Aufführung eine Viertelstunde weniger gedauert, wäre sie wahrscheinlich noch wesentlich intensiver gewesen.
 

Regisseur und Bühnenbildner Carsten Kirchmeier bringt eine ebenso sparsame wie konzentrierte Aufführung auf die Bühne, die gut zum Stück passt. Zum Beginn der Vorstellung zieht der Männerchor in Mönchskutten durch die Seitenschiffe singend bis in den Altarraum und positioniert sich dort im Hintergrund. Die vier Solisten agieren vor dem Altar der Kirche, die Personenführung beschränkt sich auf wenige Bewegungen und wirkt wie Erinnerungsritual zu Ehren des ermordeten Kindes.
 

Der Raum ist zwar sparsam gestaltet, doch die von Patrick Fuchs geschickt ausgeleuchtete Kirche ist mit ihren Kirchenfenstern und der Kuppel über dem Altarraum an sich schon ein sehr schönes Bühnenbild, das an Wagners Gralstempel im „Parsifal“ erinnert. Britten-Fans und Raritätenjägern sei diese Aufführung ans Herz gelegt.
 

Rudolf Hermes 30.9.2021

 
 

 

Giovanni Paisello

Il Re Teodoro in Venezia

Premiere: 25. Juni 2021

 

Für diese Produktion des Opernstudios NRW fährt das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier die ganz große Technik auf: Nicht nur, dass es einen Laserahmen auf der Bühne gibt, nein! Das Publikum im Zuschauerraum benötigt auch noch Virtual-Reality-Brillen, um sehen zu können, was sich in den Köpfen der Figuren abspielt. Betrieben wird der ganze Aufwand für zwei Aufführungen vor 150 Zuschauern.

Von Giovanni Paisello wissen die hartgesottenen Opernfans, dass er schon vor Rossini den „Barbier von Seviglia“ vertonte.
 

 

Sein „Il Re Teodoro in Venezia“ war aber auch schon in Deutschland zu sehen: 2004 bei den Schwetzinger Festspielen als Produktion der Karlsruher Musikhochschule und 2006 an der Kölner Musikhochschule. Dieses Stück scheint also etwas für junge Sänger zu sein und auch in Gelsenkirchen handelt es sich nicht um eine Produktion des hauseigenen Ensembles, sondern das Opernstudio NRW, das seine Sängerinnen auf Essen, Dortmund, Wuppertal und eben Gelsenkirchen verteilt, ist hier zu erleben.

Die Geschichte dieses Stückes erinnert an deutsche Spielopern, ist aber gleichzeitig kapitalismuskritisch: Teodoro, der ehemalige König von Korsika, ist nach Venedig geflüchtet, und macht der Wirtstochter Lisetta schöne Augen. Sie ist zwar mit Sandrino verlobt, doch eine Heirat mit Teodoro versprechen ihr und ihrem Vater Taddeo den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Am Ende zeigt sich, dass König pleite ist, die Hochzeit platzt, und das Finale der Oper findet im Schuldturm statt. Paisello hat dazu eine typische Musik der Wiener Klassik geschrieben, ohne dabei die psychologischen Tiefen und die Originalität Mozarts zu erreichen. Dirigent Robin Phillips gibt der Musik am Pult der in Kammerbesetzung aufspielenden Neuen Philharmonie Westfalen den nötigen Schwung und kitzelt die Eleganz der Komposition heraus. Da macht das Zuhören und das Entdecken dieser kaum gespielten Oper Spaß.

 

 

Das Ensemble zeigt sich gut bei Stimme: Timothy Edlin singt mit hellem Bariton den König Teodoro, viel lyrische Qualitäten zeigt Adam Temple-Smith als sein Nebenbuhler Sandrino. Mit geschmeidigem Bass und komödiantischem Talent gefällt Demian Matushevskyi. Das abwechlungsreichste Rollenporträt präsentiert aber Wendy Krikken als Lisetta. Mit lyrischem Sopran bringt sie das Gefühlswirrwar der jungen Frau, ihre Träume, Sehnsüchte und Zweifel sehr schön zum Klingen. Eigentlich müsste die Oper „Lisetta“ heißen, so stark rückt diese Figur ins Zentrum. Einen kurzen aber starken Auftritt hat Mercy Malieloa als Melissa. Mit großem dramatischen Feuer stürzt sie sich in die einzige Arie, die sie singen darf, so dass man sich an die rachsüchtige Vitellia in Mozarts „Titus“ erinnert fühlt. Die Inszenierung von Sebastian Welker hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich ist man von der Technik und ihren optischen Spielereien beeindruckt, aber die Personenführung kommt oft zu kurz. Meist erlebt man in den Arien nur Rampenstehen. Natürlich können die Sänger aufgrund der Corona-Abstände nicht so ungezwungen agieren wie in normalen Zeiten, trotzdem wirkt der Laserrahmen, den Ausstatterin Galya Solodovnikova oft wie ein Hindernis, dass eine vernünftige Interaktion der Darsteller behindert.

 

 

Der nach hinten ansteigende Rahmen wirkt wie eine Wasserfläche, auf der grüne Algen schwimmen, aus denen die Sängerinnen immer wieder auftauchen. Haben sie größere Szenen so sitzen oder stehen sie auf Podesten, so dass sie in unterschiedlicher Höhe aus der Laser-Wasser herausragen. Mehr Bewegung ist dann aber nicht möglich. Originell ist auch die Idee mit den VR-Brillen: Wenn auf der Leinwand über der Bühne das Gesicht einer Figur erscheint, weiß der Zuschaue, dass er jetzt mit Hilfe der VR-Brillen nachschauen kann, was im Kopf dieser Figur vorgeht. Das Team aus Daniel Wolf und Max Friedrich erschafft fantastische 360-Grad-Bilderwelten, in denen die Figuren von Liebesglück träumen oder Todesängste ausstehen. Nutzt man die VR-Brille, sieht man aber nicht mehr, was auf der Bühne passiert. Einfacher wäre es gewesen, diese Filme über die Leinwand in das Geschehen zu integrieren. Da der Einsatz von VR-Brillen in der Oper noch am Anfang steht, wird dieser Bereich in den nächsten Jahren bestimmt eine spannende Entwicklung durchmachen.

 

Von Rudolf Hermes, 29.6.2021

Fotos:© Isabel Machado Rios

 

 

Musiktheater im Revier - Spielplan 2021/22

Auch das Musiktheater im Revier hat bereits vor Kurzem den Spielbetrieb wieder aufgenommen, um in den verbleibenden Tagen bis zur Sommerpause noch den ein oder anderen Zuschauer im Theatersaal begrüßen zu dürfen. Nun wagte das Theater in Gelsenkirchen einen Blick in die kommende Spielzeit und stellte hierzu im Musiktheater die folgenden Produktionen vor:

CURLEW RIVER

Oper von Benjamin Britten

Premiere: 27. August 2021, 19.00 Uhr, St. Georgs-Kirche

Inszenierung: Carsten Kirchmeier

 

AVENUE Q

Musical von Robert Lopez, Jeff Marx und Jeff Whitty

Premiere: 29. August 2021, 18.00 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Carsten Kirchmeier

 

STADT DER ARBEIT (UA)

Ein musiktheatralisches Projekt mit Gelsenkirchener Bürger

Premiere: 25. September 2021, 19.30 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Volker Lösch

 

OTELLO

Oper von Gioachino Rossini

Premiere: 23. Oktober 2021,19.30 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Manuell Schmitt

 

ORPHEUS IN DER UNTERWELT (konzertante Aufführung)

Operette von Jacques Offenbach

Premiere: 30. Oktober 2021, 19.30 Uhr, Großes Haus

Szenische Einrichtung: Kristina Franz

 

GOLD (Familientheater ab 4 Jahre)

Musiktheater von Leonard Evers

nach dem Märchen „Der Fischer und seine Frau“ der Brüder Grimm

Premiere: 19. November 2021, 16.00 Uhr, Kleines Haus

Inszenierung: Kristina Franz

 

JAUCHZET, FROHLOCKET!

Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach mit Musik von Carl Orff, Arvo Pärt und Hanns Eisler, Texte von Dario Fo und Jean Paul

Premiere: 04. Dezember 2021, 19.30 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Michael Schulz

 

SAY IT WITH MUSIC!

Soloabend mit Anke Sieloff

Premieren: 10. Dezember 2021, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Inszenierung: Carsten Kirchmeier

 

MARLENE UND DIE DIETRICH

Musikalischer Abend mit Gudrun Schade

Wiederaufnahme: 22. Januar 2022, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Inszenierung: Carsten Kirchmeier

 

HEDWIG AND THE ANGRY INCH

Musical von John Cameron Mitchell und Stephen Trask

Premiere: 05. Februar 2022, 19.30 Uhr, Kleines Haus

Inszenierung: Carsten Kirchmeier

 

CARMEN

Oper von Georges Bizet

Premiere: 06. März 2022, 18.00 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Rahel Thiel

 

MADAMA BUTTERFLY

Oper von Giacomo Puccini

Premiere: 02. April 2022, 19.30 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Gabriele Rech

 

NEUES VOM TAGE

Oper von Paul Hindemith

Premiere: 07. Mai 2022, 19.30 Uhr, Großes Haus

Inszenierung: Sonja Trebes

 

THE IMPORTANCE OF BEING EARNEST (DEA)

Oper von Gerald Berry

Premiere: 26. Mai 2022, 18.00 Uhr, Kleines Haus

Inszenierung: N.N.

 

KRABAT (UA)

Oper von Himmelfahrt Scores und Coppelius

nach dem Roman von Otfried Preußler

Auftragswerk des Musiktheaters im Revier

Premiere: 05. Juni 2022, 18.00 Uhr, Großes Haus

 

 

 

Auch in den Sparten Tanztheater und Puppentheater sind diverse Produktionen geplant und terminiert. Darüber stehen in der kommenden Spielzeit über 21 große und viele kleinere Konzerte der Neuen Philharmonie Westfalen auf dem Programm.

 

Eintrittskarten für die Spielzeit 21/22 können ab dem 16. August 2021 an der Theaterkasse des MiR oder im Onlineshop erworben werden. Vor dem Hintergrund einer ggf. reduzierten Platzkapazität in der neuen Spielzeit, gibt es für die Abonnenten ein Vorkaufsrecht für ausgewählte Veranstaltungen. Die bestehenden Festplatzabonnements werden für die kommende Spielzeit als Wahl-Abos angeboten, da zum jetzigen Zeitpunkt nur eine reduzierte Anzahl an Tickets in den Verkauf geht und den Abonnenten eine größtmögliche Sicherheit für die gebuchten Plätze garantiert werden soll. Im Verlauf der Spielzeit wird das Platzangebot an die jeweils geltenden Regelungen angepasst werden.

 

Markus Lamers, 18.06.2021

Foto: © Reinhold Krossa

 

 

Avenue Q

Streaming-Premiere: 23.05.2021

 

Sesamstraße trifft auf die harte Realität

 

Nachdem am Musiktheater im Revier derzeit nach wie vor nicht gespielt werden kann, entschied man sich dazu, das Musical „Avenue Q“ als vollwertige Produktion im Stream anzubieten. Die Tickets für zwei unterhaltsame Stunden kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro sowie als Unterstützerticket 25 Euro. Doch Vorsicht, auch wenn die Puppen, die den besonderen Charme dieser Produktion ausmachen, sehr niedlich aussehen, sollten die Kinder rechtzeitig vor Beginn des Streams im Bett verschwunden sein. Die Avenue Q befindet sich am Rande von Manhattan, symbolisch für die Bewohner, die ebenfalls eher am Rande der Gesellschaft zu finden sind. Und doch stehen sie alle mitten im Leben mit ihren zahlreichen Problemen. Sei es die drohende Arbeitslosigkeit nach dem erfolgreichen Schulabschluss, die Angst vor dem Coming-Out als Homosexueller oder die Verzweiflung einer netten jungen Dame darüber, niemals den passenden Mann fürs Leben zu finden. Angelehnt an die Sesamstraße sind die Bewohner der Avenue Q weitestgehend Puppen, wie z. B. die Kindergärtnerin Kate Monster, die von Ihrer Monsterschule träumt oder Princeton, der frisch von der Highschool nach der Bestimmung seines Lebens sucht. Die Wohngemeinschaft aus Nicky und Rod erinnert sicher nicht ohne Absicht an die allseits bekannten Ernie und Bert und Trekkie Monster (nicht verwandt oder verschwägert mit Kate) konsumiert statt Kekse lieber andere Dinge im Überfluss. Aber auch Brian und seine zukünftige Gattin Christmas Eve, eine Therapeutin mit japanischem Migrationshintergrund bewohnen als „echte Menschen“ das Haus in der Avenue.  Und dann wohnt hier auch noch Macaulay Culkinn, einst ein Kinderstar in „Kevin allein zu Haus“, inzwischen aber nach mehreren persönlichen Problemen fast vergessen. In der Avenue Q arbeite er nun als Hausmeister, um sein Geld zu verdienen.

 

 

Robert Lopez und Jeff Marx (Musik und Gesangstexte) schufen mit diesem Musical ein durchaus unterhaltsames Werk zu dem Jeff Whitty das Buch beisteuerte. Hierbei bewegt man sich bewusst an der Grenze des politisch korrekten und stellt die Fragen nach Rassismus, Obdachlosigkeit, Homosexualität und dem Konsum von Pornos im Internet entsprechend provokant, so dass einige Szene durchaus auch mal etwas heftiger ausfallen. Auch die ein oder andere sexuelle Handlung der Puppen mag einige Zuschauer vielleicht verstören, dennoch ist dies durchaus ein passendes stilistisches Element in diesem Musical, welches die niedlichen Figuren mit den eben erwähnten Themen konfrontiert. Die Botschaft, wie man trotz aller Widrigkeiten, dass Beste aus seinem Leben machen kann, ist vielleicht etwas übertrieben dargestellt, passt aber dennoch gut in die heutige Zeit. Die Musik ist angelehnt an die großen Broadway-Stücke, verknüpft mit einem typischen Sound, der an bekannte Puppenserien erinnert. Das geht gut ins Ohr, bleibt aber wenig hängen. Doch dies ist keinesfalls schlimm, zielt die Musik auch oft auf eine eigene Komik ab, die sich eben genau aus der Verbindung der großen Broadway-Nummer mit einem unerwarteten Text ergibt. So wird dem Zuschauer beispielsweise in bester Sesamstraßen-Erklär-Mentalität vorgetragen, wie sehr der tägliche Rassismus in jedem von uns steckt. Gespielt wird am MiR die gelungene deutsche Übersetzung von Dominik Flaschka (Dialoge) und Roman Riklin (Songtexte).

 

 

Die Band unter der musikalischen Leitung von Heribert Feckler spielt durchaus schwungvoll, soweit man dies am Fernseher beurteilen kann. Das Highlight der Produktion sind aber die hervorragenden Darsteller. Ihnen gelingt es wunderbar, trotz angewandter Puppenstimmen in wechselnden Rollen, passend zu singen, alle Töne zu treffen und die Puppen somit wahrlich mit Leben zu füllen. Besonders viel Arbeit haben an diesem Abend Nicolai Schwab als Princeton und Rod sowie Charlotte Katzer als Kate Monster und Lucy die Schlampe. Als weitere Puppenspieler kommen Gloria Iberl-Thieme, Marharyta Pshenitsyna, Daniel Jeroma und Seth Tietze hinzu. Als menschliche Bewohner in der Avenue Q wissen auch Sebastian Schiller als Brian, Lanie Sumalinog als seine Verlobte Christmas Eve und Merten Schroedter als Hausmeister Culkin zu gefallen. Die Regie von Carsten Kirchmeier konzentriert sich bewusst auf die Darstellung der Bewohner aus der Avenue Q und lässt die Puppen sehr schön mit den realen Personen verschmelzen. Auch Macaulay Culkin für die Rolle des Hausmeisters auszuwählen, ist eine gute Idee. In bisherigen Produktionen war diese Rolle immer anders „besetzt“. Für die Ausstattung konnte Beata Kornatowska gewonnen werden, die auf der Bühne eine schmuddelige NewYorker Straße zeigt. Im Mittelpunkt steht hierbei das zentrale Wohnhaus, welches geschickt neue Räume öffnet. Die Puppen, die u. a. bereits bei den Produktionen in München, Hildesheim und Landshut verwendet wurden stammen von Birger Laube.

 

 

Sicherlich ist „Avenue Q“ nun kein großer Meilenstein des Musiktheaters, dennoch ist dieses Musical absolut sehenswert und gewann sicher nicht grundlos den Tony Award als bestes Musical im Jahr 2004. Von 2003 bis 2009 lief das Stück erfolgreich am New Yorker Broadway. Auch wenn es in Gelsenkirchen nun zwar nicht live zu sehen ist, so kann man sich immerhin am morgigen Sonntag (30.05.21) und eine Woche später (06.06.21) jeweils um 19.30 Uhr im Stream anschauen.


Markus Lamers, 29.05.2021
Fotos: © Björn Hickmann


Fifty-Fifty - Unerhörtes aus Vol. 3

Livestream: 21.05.2021

Wir sagen tschüss und danke !!!

Mehr als dreieinhalb Jahre ist es nun her, dass ich persönlich zum ersten Mal bei „Fifty-Fifty“ zu Gast war. Einige weitere Abende folgten und jedes Mal fühlte man sich als Zuschauer wunderbar unterhalten. Daher vorab diese etwas persönlicheren Worte. Nun hieß es am 21. Mai 2021 leider Abschied nehmen, nicht nur von diesem Format, welches sich in den letzten Jahren am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zu einem Dauerbrenner entwickelt hat. Zusätzlich hieß es auch Abschied nehmen von den beiden langjährigen Ensemble-Mitgliedern Joachim G. Maaß und Christa Platzer, die dem Zuschauer so viel Freude in den letzten Jahren in so vielen verschiedenen Rollen bereitet haben.

 

 

Aus diesem Grunde bewarb das Theater den Livestream auch mit den Worten, dass dieser „gleichermaßen Wiedersehen und Abschied“ darstellt. Treffender hätte man diese letzte Wunschkonzertshow nicht beschreiben können, bei dem einige Songs erklangen, die bisher noch nicht vor Zuschauern dargeboten wurden. Einerseits freute man sich als Zuschauer, dass man mit diesem Konzert einen gelungenen Auftakt zum neuen Online-Spielplan der nächsten Wochen präsentiert bekommt, anderseits schwang aber auch ein wenig Wehmut mit. Auf Grund einiger technischer Probleme ging der Abend schließlich mit rund 15 Minuten Verspätung auf Sendung. Die Zeit nutzten einige Zuschauer, um im Chatfenster positive Stimmung zu verbreiten. Ebenfalls wieder mit dabei waren auch dieses Mal selbstredend Sebastian Schiller und Anke Sieloff. Die vier Akteure begannen den Abend auch gleich schwungvoll mit einem „Celebrate“-Medley, in das so einige Songs eingestreut wurden. Bereits hier konnte der erstmalige Zuschauer erkennen, wie breit der Abend bei „Fifty-Fifty“ aufgestellt ist. Und auch dieses Mal konnten die Zuschauer im Chat durch Auswahl aus zwei Begriffen wählen, welche Songs zu hören sind, ohne hierbei genau zu wissen über was sie da abstimmen. So hatten die Zuschauer beim ersten Solo von Christa Platzer zum Beispiel die Wahl zwischen „Abflug“ oder „Backstage“. Gewonnen hat „Backstage“, so dass „Hinter den Kulissen von Paris“ von Mireille Mathieu erklang. „Abflug“ wäre dagegen „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“ gewesen.

 

 

Musikalisch unterstützt wurden die vier Interpreten erneut von Wolfgang Wilger, der als musikalischer Leiter die vierköpfige Band anführte, die neben ihm noch aus Ian Steward (Bass) Ralf Metz (Gitarre) und Andreas Kurth (Schlagzeug) bestand. Wie hieß es hierzu so schön im Chatfenster: „Die Band fetzt.“. Durch die Show führte Carsten Kirchmeier auf seine gewohnt unterhaltsame Art. So wurde selbstredend auch der am folgenden Tag anstehende Eurovision Song Contest thematisiert und der Zuschauer konnte erfahren, dass seine private Musical-CD-Sammlung aus 283 Exemplaren besteht. Auch wenn das große Show-Feeling ohne Promi-Sofa-Ecke, ohne Assistentin und ohne Livepublikum im Saal nicht so recht aufkommen konnte, sorgten kleine Quizspiele mit den vier Darstellern doch für einige heitere Momente zum Schmunzeln.

 

 

Musikalisch bot der Abend ebenfalls wieder einige Überraschungen. So präsentierte Sebastian Schiller gleich zu Beginn mit „Girls just wanna have fun“ ein Highlight des gesamten Abends. Es folgte unter anderem „Route 66“ von Anke Sieloff, oder „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ als Duett von Christa Platzer und Joachim G. Maaß. Auch das „Deutschrock-Medley“ der vier Sänger und Sängerinnen wusste zu gefallen. Darüber hinaus waren u. a. Lieder von Elvis Presley, Peter Gabriel und Tom Jones zu hören. Zum Ende wurde es dann nochmal erwartungsgemäß emotional. Zuerst verabschiedete sich Joachim G. Maaß mit „Gute Nacht Freunde, es wird Zeit für mich zu geh´n“, es folgte eine kleine Dankesrede von Carsten Kirchmeier und „Alles kommt zurück“ von Roger Cicero, dargeboten von allen Künstlern gemeinsam. Als Zugabe durfte sich nach rund 90 Minuten Musikvielfalt auch Christa Platzer mit John Denvers „Leaving on a Jet Plane“ gebührend verabschieden. Abschließend bleibt zu hoffen, dass die angekündigte Abschiedsgala am Ende der Spielzeit wieder vor Livepublikum stattfinden kann. Außerdem soll an dieser Stelle allen Beteiligten einmal herzlich „Danke“ gesagt werden, für vier Spielzeiten „Fifty-Fifty“ und viele schöne Momente im Musiktheater im Revier allgemein. Dies muss bei allem gebührenden Abstand und einer selbstverständlichen Neutralität an dieser Stelle dann trotzdem mal gesagt werden.

 

Markus Lamers, 21.05.2021
Fotos: © Björn Hickmann



 

Musiktheater im Revier präsentiert
Online-Spielplan

 

 

Am 21. Mai 2021 startet der neue Streaming-Spielplan des Musiktheaters im Revier mit einer Live-Vorstellung der beliebten Wunschkonzertshow „Fifty-Fifty“, die zum letzten Mal zu sehen sein wird. Durch die Verabschiedung der langjährigen Ensemble-Mitglieder Joachim G. Maaß und Christa Platzer wird dies sicher ein sehr emotionaler Abend. An den folgenden Wochenenden bietet das MiR ebenfalls „Theater für Zuhause“ mit Tanz, Musical und Dokumentationen zu ausgewählten Produktionen. Ein Highlight ist hierbei sicher das Musical „Avenue Q“, welches komplett im Stream zu sehen sein wird. Über das Streamingportal „dringeblieben“ werden die Videos in unterschiedlichen Formaten (Live-Stream oder Video-On-Demand) und zu individuellen Preisen bzw. mit Spendenmöglichkeit angeboten. Nachfolgend eine kurze Übersicht über die geplanten Streams:

Fifty-Fifty – Wir sagen Tschüss, Unerhörtes aus Vol. 3
21. Mai um 19.00 Uhr
 

Avenue Q
23. Mai, 30. Mai und 6. Juni jeweils um 19.30 Uhr
 

Dokumentation: Meisterkurs des Opernstudio NRW
ab 29. Mai, 19:30 Uhr
 

Konzert: Meisterkurs des Opernstudio NRW
ab 29. Mai, 19:30 Uhr
 

Einblicke: Giulio Cesare
04., 12. und 20. Juni jeweils um 19:30 Uhr
 

Hin und zurück
ab 12. Juni, 19:30 Uhr
 

Notre-Dame de Paris
18. und 27. Juni und 2. Juli jeweils um 19.30 Uhr
 

Weitere Informationen findet man auch online auf der Homepage des Theaters oder unter mir.ruhr/streams.


Markus Lamers, 20.05.2021


 

MIR ALTERNATIV - 
Online Adventssingen 2020

Es ist seit vielen Jahren eine feste Tradition, das im Musiktheater im Revier das gemeinsame Adventssingen stattfindet. Da in diesem Jahr nach wie vor keine Zuschauer mehr in das wunderschöne Theater strömen dürfen hat man sich dazu entschlossen die Veranstaltung am vergangenen Freitag, den 11.12.2020 live im Internet zu streamen, wo das knapp 60minütige Video auch jetzt noch zu finden ist.

Carsten Kirchmeier führte gewohnt souverän und unterhaltsam durch das Programm, bei dem das Publikum am heimischen Bildschirm aktiv zum Mitsingen aufgefordert wurde. Für weniger textsichere Zuschauer werden im Video unten, ähnlich wie beim Karaoke, die Liedtexte eingeblendet. Die Auswahl der Lieder reicht hierbei von klassischen Weihnachtsliedern wie „Morgen Kinder, wird’s was geben“, „Kling Glöckchen, klingelingeling“ oder „Alle Jahre wieder“ über „Jingle Bells“, „In der Weihnachtsbäckerei“ bis hin zu einem wunderbaren „Gloria in excelsis Deo“. Doch auch die Sänger und Sängerinnen des Hauses durften mit kleinen Solos glänzen. So eröffnete Anke Sieloff den Abend mit „Santa Claus is Coming to Town“. Es folgten im Verlauf des Abends Sebastian Schiller mit „Jingle Bell Rock“ und Joachim G. Maaß mit „I´m Dreaming of a White Christmas“. Das Highlight des Abends setzte schließlich Rina Hirayama mit „Panis Angelicus“.

 

Abgerundet wurde das Programm durch eine Weihnachtsgeschichte, die Generalintendant Michael Schulz vortrug. Auch das MiR-Puppentheater war bei der Übertragung aus dem Foyer des Kleinen Hauses dabei und sorgte mit der Schalke-Hymne „Blau und Weiß“ für Hoffnung in aktuell schweren Zeiten. Bei der Zeile „Dann wird der FC Schalke niemals untergehen“ muss man allerdings in der gegenwärtigen Situation als neutraler Zuschauer doch etwas schmunzeln. Dennoch kann dieses Video unter mir.ruhr/alternativ unseren Lesern durchaus empfohlen werden um etwas adventliche Stimmung ins heimische Wohnzimmer zu holen, in der Hoffnung dass im Jahr 2021 wieder live vor Ort gesungen werden kann.


Markus Lamers, 13.12.2020



 

MiR Adventskalender 2020

In jedem Jahr beschenkt das Musiktheater im Revier seine Zuschauer mit einem nett gestalteten Online-Adventskalender. Gerade in dieser Zeit, in der die Theater im gesamten Land geschlossen sind, ist dies für die Theater- und Opernfreunde vielleicht eine schöne Gelegenheit sich täglich eine kleine Portion Theater ins heimische Wohnzimmer zu holen. Ab heute ist auf den Social Media Kanälen des Theaters und auf der Seite mir.ruhr/advent täglich ein neuer Beitrag zu sehen sein. Im ersten Türchen stimmen Joachim Gabriel Maaß und Annette Reifig mit einer herzigen Geschichte und Gesang auf die Vorweihnachtszeit ein. Zusätzlich sind an einzelnen Tagen auch kleine Rätsel mit Bezug zum MiR und Gewinnspiele versteckt, um die Zeit bis Weihnachten zu verkürzen.

Markus Lamers, 01.12.2020



 

Claudio Monteverdi

L´Orfeo

Premiere: 17. Oktober 2020

 

Wenn in Monteverdis „L´Orfeo“ der Tanz eine große Rolle spielt und sich ein Choreograph des Stückes annimmt, so ist das nicht Neues. Schon 1967 brachte Erich Walter in Duisburg eine Ballett-Version in der Oper heraus. In den letzten Jahren präsentierten Sasha Waltz (Amsterdam/ Staatsoper unter den Linden) und Nanine Linning (Niederländische Reiseoper) ihre getanzten Inszenierungen der Monteverdi Oper. In Gelsenkirchen wollte man jetzt ein großes spartenübergreifendes Corona-Projekt auf die Bühne bringen: Opernensemble, Dance Company und Puppentheater warfen ihre Kräfte in eine Inszenierung, die einen am Ende aber eher gelangweilt und ratlos zurückließ.

 

 

Als szenischen Rahmen lässt Ausstatterin Rebekka Dornhege Reyes die Bühne nach hinten mit mehreren schwarzen Plastikplanen begrenzen. Über der Bühne schwebt ein weißes Rechteck, auf das Wolkenbilder projiziert werden. Optisch dominierend ist die von Giuseppe Spotta choreografierte MIR Dance Company, die mit 15 Akteuren beteiligt ist, während sich die 18 Gesangssolisten auf Galerien auf der Seitenbühne befinden. Spotta lässt seine schwarzgekleidete Compagnie selten synchron tanzen und seine Choreographie korrespondiert wenig mit Monteverdis Musik. Überraschend ist zudem, dass zwar auf Abstand getanzt wird, die Compagnie aber während der ganzen Vorstellung Mundschutz trägt. Viele Szenen wirken zudem gezwungen originell. Zum Hochzeitsfest wirbeln und werfen die Tänzer lebensgroße weiße Stoffpuppen umher. Soll damit Gewalt gegen Frauen thematisiert werden? Wenn Orfeo versucht den Fährmann Caronte in den Schlaf zu singen, dann stapfen die Tänzer mit wassergefüllten Gummistiefeln über die Bühne. Am Ende der Szene tragen sie die Gummistiefel über den Armen und winden sich am Boden. Nach dieser Szene ist der Bühnenboden so durchnässt, dass der Tanz regelmäßig unschöne Quietschgeräusche erzeugt. Euridice ist in dieser Inszenierung hauptsächlich als Holzpuppe präsent. In Ihrem ersten Auftritt wirkt es so, als würde Orfeo an unsichtbaren Fäden ziehen und die Puppe zum Leben erwecken. Diese Marionettenthematik mit einer angedeuteten Abhängigkeit der Puppe von ihrem Schöpfer spielt in der Personenführung für die Regisseurin Rahel Thiel aber sonst keine Rolle. Ärgerlich ist es, wenn Euridices Tod mit einer gut 30 cm großen Minipuppe im Schein einer Taschenlampe nachgespielt wird. Wie soll man das im 2. Rang noch erkennen können?

 

 

Für die musikalische Leitung hat man sich mit Werner Ehrhardt einen Spezialisten für Alte Musik engagiert, der ein 20-köpfiges Ensemble mit vielen historischen Instrumenten leitet. Die Aufführung plätschert aber meist schwunglos vor sich hin. Die Ritornelle blühen nicht richtig auf, sondern wirken wie Füllmaterial. Die lyrischen Gesangsszenen entwickeln wenig Spannung und die großen Chöre verwackeln permanent, weil die Gesangssolisten, welche auch die Choraufgaben übernehmen zur Hälfte auf den beiden Seitenbühnen positioniert und räumlich zu weit voneinander entfernt sind. Der Orfeo wird sonst mit einem Bariton besetzt, welcher die Titelpartie zu einem zupackenden Problemlöser macht. In Gelsenkirchen macht der Tenor Khanyiso Gwenxane den Orfeo zu einem verträumten Philosophen, der zwar schön singt, aber weitgehend unbeteiligt an dem eigenen Schicksal wirkt.

Mit viel Energie stürzt Mezzosopranistin Lina Hoffmann jedoch in ihren kurzen Auftritt als Botin. Da erlebt man Feuer und Leidenschaft für eine Rolle, die bloß berichtet, was hinter der Szene passiert ist. Stimmlich beeindruckend ist die sonore Basswucht, mit der Michael Heine den Fährmann Caronte singt. Eine kurzen, aber prägnanten Auftritt hat Bariton Piotr Prochera als Gott Apollo. Da fragt man sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Prochera und Gwanxane ihre Rollen getauscht hätten?

 

 

Insgesamt erlebt man in Gelsenkirchen ein stark schwächelnde „L´Orfeo“-Produktion. Vom Publikum gibt es trotzdem viel Jubel. Das kann daran liegen, dass das Publikum seine Solidarität mit dem von Corona gebeutelten Haus bekunden möchte. Dieser „L´Orfeo“ ist schließlich die erste große Opernproduktion seit Februar und vier Tage vor der Premiere wurde Gelsenkirchen zum Corona-Risikogebiet erklärt, was dazu führte, dass das Platzkontingent weiter eingeschränkt wurde. Gerade einmal 200 Zuschauer dürfen die Premiere miterleben. Vielleicht hört man bei Schlussapplaus aber auch deshalb viel Jubel, weil die Tänzer auf der Seitenbühne lautstark die singenden Kollegen feiern.

 

Rudolf Hermes, 18.10 2020

(c) Bettina Stöss

 

 

 

The Black Rider
The Casting of the Magic Bullets

Premiere: 19.09.2020

 

 

Es gibt sie, jene Stücke, zu denen man einfach keinen richtigen Bezug findet, egal wie sehr man sich auch bemüht. Bei mir ist „The Black Rider“ ein solches Werk. Woran dies genau liegt, vermag ich nicht mal genau zu sagen. Die Musik ist abwechslungsreich und bietet wunderschöne Songs. Die Handlung, die (ebenso wie Carl Maria von Webers bekannte Oper) auf der Volkssage des Freischütz basiert, ist in diesem Fall zwar abstrakt aber nachvollziehbar. Und dennoch ist da etwas, was den Funken einfach nicht entzünden will. Vielleicht ist es die laut Programmheft „ironisch gebrochene Betrachtungsweise des urdeutschen Freischütz-Mythos durch die amerikanische Brille, mit der uns das Trio Burroughs/Wison/Waits da konfrontiert“? Möglich. Das Buch von William S. Burroughs und die Musik von Tom Waits entwickeln auf jeden Fall eine sehr eigene Dynamik, die Robert Wilson als Regisseur und Stage Designer im März 1990 am Hamburger Thalia Theater zur Uraufführung brachte. Ursprünglich gedacht als Antwort auf das kommerziell geprägte Musical welches sich Anfang der 90er-Jahre auch in Deutschland gerade etabliert hatte, entstand ein Werk welches ironischer Weise noch heute immer wieder auf den Spielplänen der Theater im ganzen Land auftaucht, auch am Theater Bielefeld feierte das Werk erst vor wenigen Tagen seine Premiere.

 

 

Kurz zur Handlung: Der brave Schreiber Wilhelm und die Försterstochter Käthchen möchten heiraten, doch der Vater der Braut akzeptiert nur einen Jäger als Schwiegersohn. So will es die Tradition, da hilft es auch nicht, dass Käthchens Mutter ihn daran erinnert, dass vor allem die emotionale Basis für eine Ehe wichtig ist. Leider ist Wilhelm aber ein unsäglich schlechter Schütze, der einen Hirsch nicht einmal trifft, wenn dieser direkt vor ihm steht. Da taucht der mysteriöse Pegleg auf, der Wilhelm einige Kugeln anbietet mit denen jedes Ziel getroffen wird. Alles scheint gut, doch Wilhelm entwickelt eine immer stärkere Abhängigkeit von den Kugeln und die Jagd wird zur Sucht für ihn. Als ihm die Kugeln ausgehen und ihn das Jagdglück entsprechend wieder verlässt, schließt er einen Pakt mit dem Teufel. Er bekommt weitere Kugeln, aber die letzte Kugel darf der Teufel höchstpersönlich lenken. Mit dieser erschießt Wilhelm sein Käthchen und verfällt selber dem Wahnsinn. Der Teufel hat das Spiel am Ende gewonnen.

 

 

Wie erwähnt bietet das Musical einige wunderbare Nummer, wie „Come on along with the Black Rider“ welches schnell im Ohr hängenbleibt oder die wunderschöne Ballade „The Briar and the Rose“ welche in Gelsenkirchen von Sebastian Schiller als Wilhelm und Annika Firley als Käthchen ganz wunderbar dargeboten wird. Immer wieder fährt Joachim G. Maaß mit dem Fahrrad über die Bühne und lässt warnende aber nicht immer nachvollziehbare Worte erklingen. Ansonsten setzt die Inszenierung von Astrid Griesbach stark auf das Puppentheater, welchem am Musiktheater am Revier seit einiger Zeit große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Teufel wird durch einen Holzkopf mit großen Hörnern und leuchtend roten Augen dargestellt. Bei den Eltern von Käthchen setzt man dagegen auf den echten Kopf der Puppenspieler, der in einen Puppenkörper mit kurzen Armen und Beinen übergeht und von den Darstellern daher meist kniend gespielt werden muss. Dies funktioniert ganz hervorragend und das „Devil Team“ bestehend aus Daniel Jeroma, Merten Schroedter, Gloria Iberl-Thieme, Seth Tietze und Marharyta Pshenitsyna leisten hier ganze Arbeit, was immer wieder zu sehr komischen und unterhaltsamen Szenen führt. Auch die Ansiedlung der Handlung auf einem Jahrmarkt kann gefallen, klingen einige Lieder ja in der Tat nach einer Art Jahrmarktsmusik. Heribert Feckler leitet die Mitglieder der Neuen Philharmonie Westfalen gewohnt souverän durch die rund 120 Minuten, die mit einer Pause nach rund 55 Minuten aufgeführt werden. Immer wieder werden skurrile und groteske Ideen eingestreut, beispielhaft genannt seien hier massenhaft herabfallende Plüschtiere, die wie Preise in der Schießbude von Wilhelm geschossen wurden. Alles in allem ist „The Black Rider“ in Gelsenkirchen nicht zuletzt wegen der interessanten Regie, der Leistung der Darsteller und Musiker sowie der Puppen und Kostüme von Atif Mohammed Nor Hussein dann doch ein ganz unterhaltsamer Abend, der es aber leider auch nicht schafft mich komplett mit dem Werk an sich zu versöhnen. Das Premierenpublikum spendete langanhaltenden Applaus für alle Beteiligten.

 


Markus Lamers, 20.09.2020
Bilder: © Björn Hickmann

 

Frau Luna

Neufassung der Operette sorgt für beste Unterhaltung

 

Premiere der Neufassung: 05.09.2020,

besuchte Vorstellung: 13.09.2020

 

 

Derzeit könnte man jeden Text fast identisch beginnen und sich lange und ausgiebig mit dem Thema Corona befassen. Da es dem Musiktheater im Revier aber gelungen ist einen unterhaltsamen Theaterabend zu schaffen, bei dem man in rund 100 Minuten fast komplett übersehen könnte unter welch schwierigen Bedingungen die Produktionen derzeit entstehen müssen, soll dieses Thema hier auch nur später am Rande entsprechend gewürdigt werden. Stattdessen stürzen wir uns gleich in die Operette, deren Handlung noch nie wirklich Sinn ergab, die aber von der Musik her immer wieder Spaß macht. Und so ist man auch gleich bei der Ouvertüre ein wenig verwundert, wie die bekannten Lieder doch ein wenig anders klingen. Man möchte sagen, sie kommen fast ein wenig frecher und moderner daher. Zu verdanken ist dies dem Arrangeur-Duo Henning Hagedorn und Matthias Grimminger, die eine Fassung für vierzehn Instrumente schufen bei der auch ein Banjo und ein Saxophon eingebracht wurde, was für einen frischen Wind sorgt. Unter der musikalischen Leitung von Peter Kattermann erklingt die Neue Philharmonie Westfalen ganz wunderbar, so dass man sich den Abend über der Musik hingeben kann. Eigentlich war „Frau Luna“ ja seit jeher eine musikalische Nummern-Revue, bei der die Stücke mehr oder weniger lose in die seichte Handlung eingebaut wurden. Von daher ist es in diesem Fall dem Stück nicht abträgig, dass die Handlung in Gelsenkirchen etwas gestrafft und modernisiert wurde. Im Gegenteil, dass Fritz Steppke mit seinem Start-Up-Unternehmen mittels Virtual Reality den „Mondflug für alle Menschen“ verwirklichen will, macht durchaus Sinn.

 

 

Allgemein kann die Inszenierung von Thomas Weber-Schallauer auf ganzer Linie überzeugen. Vieles wirkt in sich stimmig, was sicher auch an der neuen Textfassung liegt, die insbesondere in den ersten rund 20 Minuten des Stückes auf der Erde sehr angepasst daherkommt. Fritz Steppke präsentiert hier seinen beiden Freunden Pannecke und Lämmermeier seine neuste Software für die VR-Brillen, allerdings ist die Technik noch nicht ganz ausgereift, was zu einem Absturz des Systems führt. Unterstützt wird die Inszenierung im Übrigen durch ein sehr gelungenes Videodesign von Volker Köster, was sich fließend in das Bühnenbild von Christiane Rolland integriert. Beim Flug zum Mond fühlte man sich als Zuschauer fast in einen Flugsimulator eines Freizeitparks versetzt. Die fantasievollen Kostüme auf dem Mond entwickelte Yvonne Forster. Immer wieder werden kleine sehr humorvolle Corona-Anspielungen in die Inszenierung eingebracht, so kommt Frau Pusebach beispielsweise vom Einkauf mit 60 Rollen Klopapier nach Hause. Doch auch auf dem Mond hat ein Virus zugeschlagen, um genau zu sein bringt ein Computervirus das System im All gehörig durcheinander. Bei dieser „Frau Luna“ bekommt man den Eindruck, dass ein roter Faden die Inszenierung von vorne bis hinten zusammenhält und hieran mit viel Liebe zum Detail über 100 Minuten dran festgehalten wurde.

 

 

Kommen wir an dieser Stelle nun doch noch einmal kurz auf die notwendigen pandemiebegründeten Umstellungen der Inszenierung. Leider darf derzeit kein Opernchor auf der Bühne auftreten. Daher wurden die Mitglieder des Opernchores virtuell der Mondparty von Frau Luna zugeschaltet, was durch Videoeinspielungen passend in die Inszenierung eingebaut wurde. Lediglich Frau Venus und Herr Mars waren live bei Frau Lunas zu Gast, letzter war aber doch sehr damit beschäftigt den passenden Schnappschuss von sich selbst zu machen. Auch die notwendigen Abstandsregelungen wurden gut in die Inszenierung übernommen, so dass man, wenn man als Zuschauer nicht drauf achten würde, oder an der ein oder anderen Stelle nochmal bewusst drauf gestoßen würde, dies wahrscheinlich gar nicht bemerken würde. Gesungen wird mit Plastikmasken vor dem Gesicht, was hin und wieder durch die Scheinwerfer kurz mal spiegeln kann, ansonsten aber ebenfalls nicht weiter stört. Erstaunlich gut klappte bei der besuchten Vorstellung auch die Abmischung von Musik, Gesang durch Mikroports und Einspielung des Chores vom Band. Den eigenen Humor der Inszenierung im Bezug auf den Corona-Virus hatte ich ja bereits zuvor erwähnt.

 

 

Auch die Besetzung ist absolut sehens- und hörenswert. Sebastian Schiller gibt einen naiven Fritz Steppke, dem Anna Schmid aus dem Jungen Ensemble am MiR als Marie gehörig den Kopf verdreht. Joachim G. Maaß spielt die Rollen des Pannecke und des Theophil, was man recht gut gelöst hat, in dem sich Pannecke bei der Landung auf dem Mond dematerialisiert hat und fortan nur noch am Rande und teilweise in Einzelteilen zu sehen ist. Patricia Pallmer gibt einen überzeugenden Lämmermeier während Christa Platzer als Frau Pusebach immer wieder zu gefallen weiß. Gesanglich schön auch Lina Hoffmann als Mondgroom, Petra Schmidt als Frau Luna, Dongmin Lee als Zofe Stella und Martin Homrich als Prinz Sternschnuppe. Alles in allem vergebe ich hier gerne 5 Sterne zum gelungenen Saisonauftakt am Musiktheater im Revier.

Markus Lamers, 18.09.2020
Bilder: © Björn Hickmann

 

 

 

 

 

„Fifty-Fifty“-Wunschkonzert zum Spielzeitende

am 28.06.2020
live im Internet

Das MiR verabschiedet sich am 28. Juni 2020 in die Sommerferien und bringt nach der überwältigenden Resonanz der ersten Online-Ausgabe erneut die beliebte Wunschkonzert-Show „Fifty-Fifty“ live ins Internet. Am kommenden Sonntag präsentieren Anke Sieloff, Christa Platzer, Joachim G. Maaß und Sebastian Schiller um 20:15 Uhr das Best-Of aus den ersten beiden Ausgaben. Hierbei werden Sie erneut von Wolgang Wilger am Klavier begleitet, der die musikalische Leitung des Abends übernimmt. Im Gegensatz zum ersten Online-Special sind nun auch Schlagzeug, Gitarre und E-Bass wieder vertreten. Durch die Show führt sicherlich gewohnt charmant „Showmaster“ Carsten Kirchmeier, der zudem eine Reihe musikalischer Sondergäste eingeladen hat, um darauf hinzuweisen, was der Spielplan des Musiktheaters im Revier ab September bereit hält.

 


Und auch dieses Mal können die Zuschauer live mitbestimmen, wohin der Abend gehen wird, im Chat auf mir.ruhr/alternativ oder durch die Live-Umfragen auf der Facebook-Seite des Theaters. Doch auch ohne aktives Voting ist die Show immer eine Empfehlung wert, so dass man hier auch gut aufgehoben ist, wenn man sich einfach nur mal für eine gute Stunde der Musik hingeben möchte. Für unsere Leser aus der näheren Umgebung wird die Show live ins Kino übertragen. Die Schauburg überträgt „Fifty-Fifty: Limited Edition“ live mit Popcorn und Getränken. Mit dem Kinobesuch schlägt jeder Zuschauer direkt zwei Fliegen mit einer Klappe: man sieht Fifty-Fifty in gemütlicher Kinoatmosphäre und unterstützt durch die Eintrittskarte für 6 Euro das Buersche Kino. Am eigenen Bildschirm wird das Konzert am 28.06.2020 um 20.15 unter mir.ruhr/alternativ zu finden sein.

Markus Lamers, 21.06.2020

Bild: © Pedro Malinowski

 

 

 

Musiktheater im Revier mit zweigeteiltem Corona-Spielplan 2020/21

Das Musiktheater im Revier hat bereits vor einigen Wochen einen ersten Einblick in den Spielplan 2020/21 gewährt. Am 15. Juni 2020 startet nun der Vorverkauf, für alle Veranstaltungen bis zum Jahresende sind die Tickets allerdings ausschließlich über die Theaterkassen erhältlich. Es wird kein Vorverkauf über das Internet und die Vorverkaufsstellen stattfinden können. Dem Musiktheater ist es hierbei besonders wichtig, dass endlich wieder Theater für Zuschauer stattfinden kann, dies alles natürlich immer unter der Prämisse, dass Sicherheit und Gesundheit des Publikums und der Mitarbeiter/innen an erster Stelle stehen. So hat man sich in den vergangenen Wochen viele Gedanken gemacht, Termine geändert, Inhalte angepasst und Arbeiten umstrukturiert, um einen möglichst seriösen und belastbaren Spielplan zu präsentieren. Hierbei setzt man nun auf zwei Spielzeithefte für die Saison 2020/21. Im ersten Heft findet man neben den Informationen zu den Vorstellungen bis Dezember viele weitere spannende Dinge und eine Vorschau, was im Jahr 2021 Stand heute noch geplant ist. Im Herbst soll dann ein zweites Heft erscheinen, wenn hier weitere Einzelheiten geklärt sind und das Theater im besten Fall auch eine gewisse Planungssicherheit für die nächsten Monate hat.

Im Bereich des Musiktheaters plant man bis zum Jahresende mit den folgenden Stücken:

 

Frau Luna

Operette von Paul Lincke

Wiederaufnahme am 6. September um 18:00 Uhr im Großen Haus
Regie: Thomas Weber-Schallauer

 

The Black Rider

Musiktheater von Tom Waits, William Burroughs und Robert Wilson

Premiere am 19. September um 19:30 Uhr im Großen Haus
Regie: Astrid Griesbach
(MiR-Puppentheater)

L’Orfeo

Oper von Claudio Monteverdi

Premiere am 17. Oktober um 19:30 Uhr im Großen Haus
Regie: Rahel Thiel

 

Giulio Cesare (Julius Cesar in Ägypten)

Oper von Georg Friedrich Händel

Premiere am 14. November um 19:30 Uhr im Großen Haus
Regie: Michael Schulz

 

Rico, Oskar und die Tieferschatten

Puppentheater für Kinder nach dem Buch von Andreas Steinhöfel

Premiere am 28. November um 16:00 Uhr im Kleinen Haus

Regie: Kai Anne Schuhmacher
(MiR-Puppentheater)

 

Darüber hinaus will man die Oper „Curlew River“ von Benjamin Britten ab dem 20. November in Gelsenkirchener Gotteshäuser aufführen, die Regie übernimmt hierbei Carsten Kirchmeier. Für das Jahr 2021 plant man derzeit u. a. mit den Opern „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini, „Otello“ von Gioachino Rossini und dem eher selten gespielten Werk „Il Re Teodoro in Venezia“ von Giovanni Paisiello. Als Operette steht mit „Der Zigeunerbaron“ ein Klassiker auf dem Spielplan. Darüber hinaus sind mit „Chicago“ und „Avenue Q“ zwei gänzlich verschiedene Musicals geplant. Auch die MiR Dance Company plant ab Januar diverse neue Produktionen.

Markus Lamers, 11.06.2020

 

 

 

MIR ALTERNATIV

Musiktheater im Revier beendet wegen Corona die Spielzeit und zeigt weitere interessante Highlights im Internet

Derzeit sind alle Theater auf Grund des Corvid-19-Virus geschlossen, das Musiktheater im Revier ging nun sogar soweit, die aktuelle Spielzeit vorzeitig zu beenden. „Wir bedauern sehr, diesen Schritt gehen zu müssen, sind aber der festen Überzeugung, dass es zum Schutz unseres Publikums und unserer Mitarbeiter*innen die einzig richtige Entscheidung ist.“ sagt Geschäftsführer Tobias Werner. Doch der Blick richtet sich gleichzeitig nach vorne. Ende Mai soll die neue Spielzeit 2020/2021 präsentiert werden. „Auch wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen können, inwiefern uns die derzeitige Situation auch noch in der kommenden Spielzeit begleiten wird, möchten wir unserem Publikum bis dahin einen Spielplan vorstellen, der möglichst seriös ist. Wir alle können es kaum erwarten, wieder für unser Publikum spielen zu können, dennoch hat die Gesundheit Vorrang. So schwierig es aktuell auch ist, Planungssicherheit zu erreichen, so ist unser aller Ziel im MiR eine Spielzeit vorzubereiten und anzukündigen, die möglichst wenig Änderungen im Nachhinein mit sich bringt“, erklärt Generalintendant Michael Schulz das Vorgehen des Hauses.

 


In der Zwischenzeit überbrückt man die Zeit mit einigen Highlights im Internet, die unter der Adresse mir.ruhr/alternativ zu finden sind. Bereits jetzt gibt es hier die Reihe Samstags-Konzerte wo unter anderem Maurice Ravels „Boléro“ in einer gekürzten Version für vier Flügel zu hören ist. Auch aus dem Bereich Puppentheater und von der MiR Dance Company sind einige kürzere Videos online. Highlight des Programmes ist allerdings wohl die Sparte „Primetime“ in der derzeit noch der Chanson-Abend „ Paris im August “ mit Liedern von Edith Piaf und Barbara mit Christa Platzer zu sehen ist. Besonders spannend ist aber eine ganz andere aktuelle Ankündigung. Für Donnerstag, den 30. April 2020 ist um 20.15 Uhr eine Sonderausgabe des äußerst beliebten Wunschkonzertes „

Fifty-Fifty Vol.3“ geplant. Dabei handelt es sich um eine Live-Show, bei der die Beteiligung der Zuschauer von zu Hause aus integriert wird. Auf der Bühne im Kleinen Haus werden Moderator Carsten Kirchmeier, die Sänger bzw. Sängerinnen Anke Sieloff, Christa Platzer, Joachim G. Maaß und Sebastian Schiller sowie Wolfgang Wilger am Klavier (natürlich mit dem nötigen Abstand) die Show gemeinsam mit Live-Reaktionen der Online-Zuschauer präsentieren. Bei diesem spannenden Experiment ist die Interaktion mit dem Publikum wie bei den bisherigen Aufführungen im Kleinen Haus ausdrücklich gewünscht. Das Abstimmungsverhalten wird im Laufe der Show erklärt so dass hier keine Vorkenntnisse für das Publikum nötig sind, einfach zuschalten, mitmachen und genießen. Ein seltenes Live-Erlebnis in dieser Zeit: Fifty-Fifty Vol.3 unplugged am Donnerstag, 30. April 2020 um 20.15 Uhr – Bitte einschalten !!!

 

 


Am 01. und 08. Mai folgt die sehenswerte Inszenierung von „ Schwanda der Dudelsackpfeifer “ in zwei Teilen, zu der unser Chefredakteur Peter Bilsing seinerzeit schrieb: „Opernfreunde und Liebhaber schönen Musiktheaters! Bitte fahrt nach Gelsenkirchen. Es lohnt sich sehr. Schöner, fröhlicher, mitreißender und liebevoll charmanter sah man selten eine Opernproduktion. Diese köstliche Ausgrabung macht Spaß und ist auch die weiteste Anreise wert." An den beiden folgenden Freitagen im Mai läuft ebenfalls zweigeteilt die Oper „ Eugen Onegin “ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski aus der Spielzeit 2018/19, die seinerzeit als besondere Kammeroper-Aufführung im Kleinen Haus gestaltet wurde.

Markus Lamers, 24.04.2020
Bilder: © Björn Hickmann (Fifty-Fifty) /


Karl und Monika Forster (Schwanda)

 

 

 

 

 

 

https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/articles/2019-20/general/mir-alternativ/

 

 

Giuseppe Verdi

Die Macht des Schicksals

Premiere am 22.02.2020

Eine schicksalhafte Oper ganz neu erlebt

Dass die Inszenierung von Generalintendant Michael Schultz von „La forza des destino, Verdi, überraschen würde, kündigt sich bereits im Foyer des MIR an, wenn vor Aufführungsbeginn eine Marienprozession mit Gebeten und Gesängen zwischen den auf Einlass wartenden Zuschauern hindurch zieht.

Musikalisch gehört das Stück mit zu dem Schönsten, was Verdi komponiert hat, aber inhaltlich hat diese Literaturoper sehr mit den Unzulänglichkeiten der Vorlage zu kämpfen. Sowohl Verdi selbst, als auch spätere Regisseure, haben immer wieder verschiedene Kürzungen und Umstellungen vorgenommen, um die verschiedenen Handlungsstränge zu verdeutlichen. Somit entspricht es alter Tradition, an dieser Stelle Neues zu wagen, und Michael Schultz und Giuliano Betta (musikalische Leitung) nehmen diese Herausforderung an.

Die Prozession erreicht die Bühne, Petra Schmidt, in der Rolle der Donna Leonore di Vergas, die auch die Maria verkörpert, wird ein flammendes Herz in die Hände gelegt, dass anschließend, unter großen Schmerzen Marias, sieben mal mit Dolchen durchbort wird. Für die Gottesmutter bedeutet Lieben Leiden. Für Leonore wird es nicht anders sein.

Der erste Akt nimmt den bekannten Verlauf, wobei es Preziosilla (Khatuna Mikaberizde, die die Partie für Almuth Herbst übernimmt) ist, die als schwarz gewandete Schicksalsgöttin die Bühne betritt und Don Alvaro (Timothy Richards) die unglückselige Waffe reicht. Im weiteren Verlauf des Stückes wird Preziosilla immer mehr die Züge einer „La Catrina, der mächtigen Göttin des Todes, annehmen.

Erst nachdem sich der tragische Schuss aus der zu Boden fallenden Waffe gelöst und die Brust des Marchese die Calatrava (Luciano Batiníc) durchbohrt hat, findet Giuliano Betta die Zeit, die großartige Ouvertüre des Stückes zu präsentieren.

Die Partie des Marchese, eigentlich eine „Schnurzrolle, die nur aus wenigen Gesangszeilen besteht, ist für die Dramaturgie der Stückes von entscheidender Bedeutung. Nur wenn die Partie von einem der besten Sänger des Stimmfachs übernommen wird, wird aus dessen Stimmgewalt seine Bedeutung und die Liebe seiner Tochter erlebbar.

Dumm nur, dass er nach wenigen Takten sein Leben verliert. Zu den Klängen der verspäteten Ouvertüre betreten Mönche die Bühne und legen dem Toten das Gewandt Padre Guardianos an. Wie Leonore bei ihrem Vater Schutz fand, wird sie es zukünftig bei seinem alter ego, dem alten, weisen Mönch suchen.

Das Gelsenkirchener Konzept löst die Struktur der beiden nächsten Akte auf und verschränkt die Schicksalswege von Leonora, Don Alvaro und Don Carlo (Bastiaan Everink). Der Fokus der Inszenierung richtet sich auf die Protagonisten und es entstehen neue Szenen mit Musik von Giuseppe Verdi und Claudio Monteverdi. So wie Liebe eine Form des Leidens ist, ist der wahre Glaube nur in der Selbstaufgabe bis hin zum Tode lebbar, wie uns exemplarisch durch die gekreuzigten Pilger vor Augen geführt wird. Ach Leonore wird diesen Weg gehen, ihre Einkleidung für die Klausur findet mittels eines weißen Leichentuches statt.

Die Bühne ist äußerst schlicht gehalten. Zwölf Tische, drei Stühle. Der Chor sitzt auf einer Tribüne im Bühnenhintergrund. Die Kostüme der Protagonisten sind zeitlos einfach. Bei einer durchdachten Lichtregie, großartigen Sängern und einer kongenialen musikalischen Begleitung reicht das vollkommen aus, Bilder und Stimmungen von größter emotionaler Kraft zu schaffen.

Weit über die musikalische Spannung des Werkes selbst geht dieses „Schicksals-Projekt, wenn nach dem bekannten „Rataplan“ das „Dies Ira“ aus Verdis Requiem erschallt, und unter Blitzen, apokalyptischen Posaunen und flammenden Schwertern das Weltende durch einen über die Tische schreitenden Totentanz illustriert wird. Kinder, als schwer bewaffnete Soldaten ausstaffiert, erscheinen auf der Bühne und richten die Gewehre erst auf das Publikum, bevor sie das Unheil auf die Bühne tragen. Emotionsgeladene Bilder, die teils schwer zu ertragen sind.

Am unglückseligen Ende des Stückes ist des nach Schulz`s Lesart keiner der drei zentralen Personen, die ihr Handeln aktiv steuern, sondern immer wieder der schicksalshafte Zufall, der den weiteren Verlauf der Handlung bestimmt. Niemand ist hier Täter; alle Beteiligten sind Opfer. Während Leonora und Carlos den Tod finden, versinkt Alvaro im Gram.

Reichlich Szenenapplaus, Standing Ovations, anhaltender Jubel und nicht Enden wollender Applaus für Gesang und Musik. Beim Auftritt des Produktionsteams entlädt sich ein Stimmungsorkan, wie ich ihn bisher noch nicht erlebt habe. Tausend Buh-Rufe und tausend Bravos mischen sich in einen Sturm der Emotionen, der sich kaum zu beruhigen weiß. Nicht jedem hat diese Produktion gefallen, aber kalt gelassen scheint sie niemanden zu haben.

Eine lohnenswerte Erfahrung.

 

Ingo Hamacher, 23.2.2020

Bilder (c) Forsters

 

Weitere Termine:

27.02., 01.03., 06.03., 14.03., 21.03., 29.03., 05.04. (15:00), 18.04. 25.04.2020

 

 

 

 

Joseph Haydn

Orlando Paladino

Premiere: 19. Januar 2020

Besuchte Vorstellung: 2. Februar 2020

 

Ob sich Joseph Haydns „Orlando Paladino“ jetzt die deutschen Bühnen zurückerobert? 2018 war die komödiantische Bearbeitung der Rolands-Sage in Hagen, Bielefeld und München zu sehen. Nun folgt auch das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier mit einer Inszenierung von Jetske Mijnssen, die 2016 vom Opernhaus Zürich am Theater Winterthur produziert wurde.

Anders als Dominik Wilgenbus, der in Hagen einen verspielt-comichaft unterhaltsamen Abend inszeniert hat, versetzt Jetske Mijnssen die Oper in die Gegenwart: Aus den sagenhaften Archetypen werden Archetypen der heutigen Zeit: Aus der Königin Angelica wird eine Schönheitskönigin, aus dem Barbarenkönig Rodomonte ein Rocker, und aus der Zauberin Alcina eine Esoterikanhängerin. Der Schäfer Licone und seiner Tochter Eurilla betreiben nun einen Pub, in dem Bühnenbildner Ben Baur die Geschichte ansiedelt.

Überraschender Weise funktioniert die Übersetzung der Figuren in die heutige Zeit weitgehend glaubhaft. Bei der Titelfigur Roland und seinem Knappen Pasquale begreift man jedoch erst relativ spät, dass Roland nun ein Sänger und sein Knappe dessen Gitarrist sei soll. Dass der Unterweltfährmann Charon, der Rolands Wahnsinn heilt, hier eine männliche Reinigungskraft im Pub ist, wirkt sehr konstruiert.

Die gute und sorgfältige Personenführung von Mijnssen verliert aber im Laufe der Aufführung an Reiz, da man immer nur das gleiche Bühnenbild betrachtet. Im Original lebt dieses Stück auch von seinen Szenenwechseln und verlangt Bühnenbilder wie „Garten“, „Wald“, „Schlossturm“, „Unterweltgrotte“. Das kann man natürlich bei Mijnssens modernem Konzept nicht erwarten, aber Szenenwechsel in verschiedene Räume des Pubs oder auf die Straße würden das Stück deutlich beleben.

Musikalisch kann sich Haydns Oper nicht mit den Werken Mozarts messen, jedoch sind die Arien und Ensembles abwechslungsreich, anspruchsvoll zu singen, treffen gut den Charakter der Figuren und besitzen zudem auch komödiantische Elemente. Dirigent Werner Erhardt, der ein Spezialist für Barock und Frühklassik ist, nähert sich mit den Musikerinnen und Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen einem historischen Klangbild an. Die Streicher setzen auch scharfe Akzente, und die Holzbläser wechseln zwischen empfindsamen Lyrismen und quirliger Komik.

Neun Solisten benötigt diese Oper, von denen einige beispielhaft erwähnt sein sollen: Penny Sofroniadou ist zwar noch Mitglied des Gelsenkirchener Opernstudios, singt aber mit ihrem frischem Sopran eine Angelica, bei der viel Wehmut mitschwingt. Die großen Opera-Seria-Koloraturen ihrer Rolle meistert sie souverän. Mit leichtem Sopran, funkelnden Tönen und viel Spielwitz gestaltet Dongmin Lee die Eurilla.

Martin Homrich singt den Roland mit einem kräftigen Tenor, den er aber auch so drosseln kann, dass die Feinheiten der Rolle zur Geltung kommen. Den Sänger, dessen Stimme langsam ins jugendliche Heldenfach tendiert, würde man gerne einmal als „Freischütz“-Max, Florestan oder Lohengrin erleben. – Ein großer szenischer Wurf ist diese Inszenierung nicht, aber immerhin bietet sie die Möglichkeit, das selten gespielte Stück kennenzulernen.

 

Rudolf Hermes, 8.2.2020

Bilder (c) Karl und Monika Forster

 

 

Vec Makropulos

In tschechischer Originalsprache

Aufführungsdauer: pausenlose 2 Stunden

 

Premiere am 7. Dezember 2019

 

337 Jahre in nur zwei Stunden zusammengefasst können sehr lang sein

 

Janáčeks Werke, Ausnahme vielleicht Das schlaue Füchslein, gelten unverdienter Weise als „Kassengift“, obwohl die gängigen Werke wie Jenufa oder Katja Kabanova durchgehend schöne Musik bieten und auch eine nachvollziehbare, ergreifende Handlung. Leider kann man all das über Die Sache Makropulos nicht sagen. Sie ist reine Literatur- und Dialog-Oper. Vergleichbar vielleicht mit Giselher Klebes Opern. Ketzerisch könnte man sagen, dass neben den ersten fünf Minuten des beeindruckenden Vorspiels nur noch die letzten 15 das Normalpublikum begeistern. Warum man, trotz einer wirklich guten deutschen Übersetzung von Max Brod das Stück im Original spielt, bleibt mir rätselhaft. Insbesondere, da ja der tschechische Wort- und Ton-Duktus bei nicht Originalsprachlern nicht ansatzweise vorhanden ist. So kleben alle Zuschauer zwangsläufig an den Übertiteln. Kein schöner Anblick für die Künstler …

Karel Čapeks Urstück war noch eine Komödie, während Janáček daraus eine seltsam verquaste und schwer verdauliche, krude Mischung aus Science Fiction, Krimi, Dystopie und Altenheim-Love-Story machte. Wenn Regisseur Dietrich Hilsdorf die Geschichte als so spannend wie einen Hitchcock empfindet, dann sei es drum. Wahrscheinlich habe ich dann den Meister des Suspense anders in Erinnerung. Gelangweilt habe ich mich jedenfalls bei einem dieser durch die Bank meisterhaften, echten Kriminalfilme auch beim zehnten Mal nie.

Da das sperrige Werk recht unbekannt ist, hier der kurz gefasste Inhalt: Emilia Marty ist seit dem Jahre 1611 durch einen Zaubertrank ihres alchemistischen Vaters unsterblich. Von einem aus unerfindlichen Gründen über 100 Jahre dauernden Erbstreit erhofft sie sich, irgendwie in den Besitz des Zaubertrank-Rezepts zu gelangen. Sie möchte sich das ewige Weiterleben damit sichern, das aus ebenso unerfindlichen Gründen wohl langsam zu Ende geht. Zum Schluss erkennt sie jedoch, dass es durchaus sinnvoll ist, jetzt zu sterben

Das Bühnenbild von Dieter Richter zeigt im ersten Aufzug eine groteske Anwaltskanzlei, die eigentlich nur aus riesigen Aktenkisten-Wänden und hinaufführenden Treppen besteht. Kafkas Prozess lässt grüßen. Im zweiten Akt geht nicht der Vorhang zu, sondern im Saal das Licht an, während einige Bühnenarbeiter mühselig von Hand – ja, Leute, wir sind hier im Theater! Alles handmade. Nix Zauberkasten Bühne! – eine gefühlte Ewigkeit zur Musik die Akten-Wände mühsam auf die Hinterbühne schieben, arrangiert und zelebriert, als wohnten wir einem besondern Kunstereignis bei. Dieser Hilsdorf ist schon ein Teufelskerl. Danach wird ein rot-weißes Tatort-Trassierband beamtenkorrekt an der Rampe verspannt. Dahinter werden von eben diesen famosen Bühnenarbeitern nun zwei Stühle gestellt. Oh, wie schön ist es doch, anderen Menschen bei der Arbeit zuzuschauen …

Der dritte Akt, und damit die 337 Jahre alte Geschichte, endet mit einem verblüffenden Theatercoup: Emilia setzt sich auf den Fenstersims ihres Hotelzimmers. Man zieht einen dunklen Vorhang vor ihr zu, dann zieht man den Vorhang wieder auf – schwups, ist die weg. Ja, das ist schon hochspannend und schockierend gemacht. Die Erkenntnis allerdings, warum die Wirkung des Lebenselixiers sich in der Tochter des Kanzleivorstehers Vitek fortsetzt, ist allein dem Regisseur gegeben.

Petra Schmidt singt die undankbare, höllische Hauptrolle, mit der man eigentlich nur seine Stimme ruinieren kann, phänomenal. Wobei ihr die Altherrenriege nur wenig nachsteht. Gediegene Leistungen sind durch die Bank weg allen zu attestieren.

Besonders erwähnenswert, dass mit dem mittlerweile 83-jährigen Mario Brell als Hauk-Šendorf ein Gigant der MiR-Geschichte noch einmal zu sehen war, der agierte, wirbelte und sang, als habe er das Lebenselixier geschluckt. Da kommen schöne Erinnerungen auf … Keiner sang in meinen Ohren, pars pro toto, Zemlinskys Zwerg, den Paul aus Korngolds Toter Stadt oder Wagners Tannhäuser je schöner und ergreifender. Unvergessene Meilensteine in einem bisher über 45-jährigem Kritikerleben. Alleine dafür lohnte sich der Abend.

Die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann besserte sich nach dem langweiligen und farblos uninspirierten Vorspiel in trägem Tempo bis zum Ende hin stetig. Man hatte sich schließlich durchaus zufrieden stellend eingespielt. Großer hinreißender, farbenfroher und explosiv mitreißender Janáček klingt allerdings anders.

Fazit: Zu bescheinigen ist immerhin eine gute Ensemble-Leistung. Und es ist der Ansatz von Intendant Schulz grundsätzlich zu loben im Programmangebot – im Vergleich zu den meisten anderen NRW-Bühnen – doch ausgefallene, seltene Wege zu gehen. Der begeisterte Beifall des Premieren-Publikums im halbleeren Haus dankte es. Ob so etwas das Abovolk begeistert sei dahin gerstellt ...

 

Fotos von Monika und Karl Forster

Peter Bilsing 10-11-2019

 

Weitre Credits

 

Kostüme Nicola Reichert

Licht Patrick Fuchs

Chor Alexander Eberle

Dramaturgie Anna Chernomordik

Herrenchor des Musiktheater im Revier

 

Albert Gregor Martin Homrich

Dr. Kolenatý Joachim G. Maaß

Vítek Timothy Oliver

Krista Lina Hoffmann

Jaroslav Prus Urban Malmberg

Janek Khanyiso Gwenxane

Hauk-Šendorf Mario Brell

Bühnentechniker Gerard Farreras

Requisiteurin Karla Bytnarová

Kammerzofe Rina Hirayama

 

OPERNFREUND PLATTENTIPP

 

Aktuell gibt es die legendäre Mackerras Gesamtaufnahme sehr günstig für 13 Euro bei Amazon. So klingt Janacek ;-))

 

 

Jan Dvorak

FRANKENSTEIN

Oper in 16 Bildern nach Mary Shelley

 

Erstaufführung der vom Komponisten revidierten Neu-Fassung

Premiere am 28.9.2019 in Gelsenkirchen

 

 

Die Oper Frankenstein ist aus einer Produktion am Theater Basel hervor gegangen und wurde zu einem Auftragwerks der Hamburgischen Staatsoper -  UA 2018 ebd. in der Fabrik Kampnagel. Wir kennen Literaturopern, komische Opern, Singspiele...etc. Was ist nun das Neue an dieser so titulierten Erzähloper? Lassen wir dazu den Regisseur zu Worte kommen, der im Vorgespräch diesen Stil folgender Maßen erläuterte: Wenn die Zuschauer die Augen schließen und dem gesprochenen und gesungenen Wort lauschen, braucht es beinahe kein Bühnenspiel, weil die Geschichte auch so zu verfolgen ist. Denn die Erzähltexte sind sehr ungewöhnlich für eine Oper und machen sie darum sehr spannend.

Erzählt wird die Geschichte des gut 200 Jahre alten Gothic-Novel Klassikers von Mary Shelley, leicht gekürzt. In der Oper von Jan Dvorak tritt das Geschöpf gleich zu Anfang auf und erzählt seine Geschichte in ausgesuchten Etappen. Viktor Frankenstein - ausgezeichnet gesungen von Piotr Prochera - der Erschaffer der Kreatur kommt erst später hinzu und fungiert als quasi ergänzender Erzähler. So wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven präsentiert und endet dankenswerter Weise schon nach 2 3/4 Stunden. Es gibt eine Pause, in der man aber nicht (!) davon rennen muß, denn diese zeitgenössische Oper beinhaltet keine Körperverletzungs-Musik. Sie ist ausgesprochen ver- und erträglich, da sie in einer gefälligen ohrengenehmen Stilmixtur angesiedelt ist, irgendwo zwischen Filmmusik, Mozart, Bartok, der Sängerin Björk, etwas Jazz, bisserl Musicaltouch und modernen Clusterstrukturen. Die finalen anspruchsvollen Schlagwerkorgien gereichen jedem Percussionisten zur höchsten Ehre und sind allerdings das Lauteste in dieser sonst recht ruhigen Kammeroper.

Die Regie von Sebastian Schwab zeichnet ohne viel Verfremdung die spannende, traurige Geschichte sehr werktreu und gekonnt an der Grundstruktur des Originals nach. Die Kostüme von Rebekka Dornhege Reyes sind passend düster gewählt. Die Einheits-Bühne von Britta Tönne ist eine Art medizinischer Hörsaal, der variantenreich einsetzbar ist, inklusive der einfallsreichen Nutzung eines Stegs vor dem Orchestergraben. Selbst das Finale in der Arktis ist durch ausreichend Bühnennebel sehr einfühlsam umgesetzt.

Vom Komponisten Dvorak vorgegeben ist die Darstellung des Monsters als große Puppe, die ursprünglich von einer Schauspielerin gesprochen wird. Kommt in der Urfassung die Stimme noch aus dem Off, stehen in der MiR Produktion professionelle Puppenspielerinnen - Absolventinnen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch - real auf der Bühne und agieren teilweise auch in den Mordszenen, losgelöst vom Puppenkörper.

Evi Arnsbjerg Brygmann, Bianka Drozdik, Eileen von Hoyningen Huene und Anastasia Starodubova machen ihre Sache grandios und ernten am Ende zu Recht euphorischen Beifall. Ein toller Einstieg, eine superbe Präsentation der neuen Sparte des Marionettentheaters am Musiktheater in Gelsenkirchen.

Giuliano Betta leitet brillant die die Philharmonie Westphalen, die sich heuer überwiegend aus Percussions  und Streichern zusammensetzte; zusätzlich sehr stimmungsvoll begleitet vom Geräuschemacher Johannes Kuchta, der die Musik mit Waldklänge, Sturm, Gewitter und diversen skurrilen Lauten trefflich ergänzte.

Es gibt sogar einige sehr schön gesungene Frauenpartien - ungewöhnlich in einer modernen Oper - die an Lieder der extravaganten Schlager-Sängergin Björk erinnern; von Bele Kumberger als Frankensteins Braut Elisabeth und Rina Hirayama als Kindermädchen Justine sehr angenehm intoniert.

Fazit: Eine sehr spannendes, modernes Musiktheater, welches einmal nicht zum Flüchten, sondern zum Verbleiben einlädt; mit hoher Qualität seitens des Regieteams und den Sänger umgesetzt. Intendant Schulz beweist wieder einmal, daß dieses Haus zur Zeit sicherlich zu den Besten - nicht nur in NRW -gehört, und sowohl in der Programmvielfalt, als auch in kontinuierlicher Inszenierungsqualität vorbildlich arbeitet. Man fährt auch als Kritiker stets gerne nach Gelsenkirchen.

 

Peter Bilsing 30.9.2019

(c) Karl und Monika Förster

 

 

 

Jaromír Weinberger

SCHWANDA - Der Dudelsackpfeifer

Premiere am 15.6.2019

Herrlich charmante Märchenoper endlich wiedererweckt!

 

Jaromír Weinberger zählt zu den verbrannten Komponisten des Dritten Reiches, die leider bis heute nicht gebührend rehabilitiert wurden, daher gebührt dem Gelsenkirchener Intendanten Michael Schulz großer Respekt und Dank für diese wunderbare Ausgrabung einer herrlichen Oper, die eigentlich in jedes Repertoire gehört und sogar als Kinder/Jugendoper erheblich besser geeignet wäre, als die omnipotente unvermeidliche jährliche kitschige Weihnachtsbäckerei von Hänsel und Gretel.

 

Weinberger hat eine tschechische Volksoper im tonalen Stil geschrieben, die musikalische Sprache erinnert an Dvorak, Smetana, Humperdinck - aber auch Janacek, Debussy, Brahms, Mahler und Reger - sogar Puccini, Strauß und Schreker kann man heraushören. Dennoch ist es kein reines Konglomerat oder Sammelsurium an Stilen, sondern Weinberger hat eine eigene unverwechselbare effektvoll höchst unterhaltsame Musiksprache entwickelt, die sogar gelegentlich jazzige Rhythmen aufbietet.

Nach der noch nicht ganz so erfolgreichen Uraufführung in Prag 1927 startete die Oper über München und Breslau einen Siegeszug durch ganz Europa, der bis nach New York an die Met und nach Buenos Aires führte. In der textlichen Bearbeitung von Max Brod, der auch für die deutsche Übersetzung verantwortlich war, wurde das Stück - in immerhin 17 (!) Sprachen übersetzt - ein Riesenerfolg und bis 1933 über 2000 Mal aufgeführt. Dann im braunen Gedünst verschwand es komplett von den Spielplänen. Weinberger musste als Jude mit der Familie vor den Nazischergen in die USA flüchten. Dort lebte er wie viele seiner ebenfalls migrierten Komponisten-Freunde in ärmlichen Verhältnissen. Seine verdienten Tantiemen konnte er erst viele Jahre nach Kriegsende endlich einklagen. Da war der Komponist aber schon ein gebrochener Mensch und konnte an den einstigen Erfolg nicht mehr anknüpfen. Sein psychischer Zustand verschlechterte sich immer mehr und 1967 nahm er sich, weiterhin unrehabilitiert in der Opernszene, das Leben.

Dankenswerter Weise gelang es in den letzten Jahren nun endlich mutigen und verantwortungsvollen Waltern unseres großen musikalischen Welterbes Schwanda dem Vergessen zu entreißen; Dresden 2012, Gießen 2018 und demnächst auch in Berlin (Premiere im April 2020 an der KO - wo sonst?)

Die Geschichte verbindet Märchen- und Sagenwelt in personae zweier der beliebtesten tschechischen Helden: Schwanda, den Dudelsackpfeifer, der mit seinem Spiel auf dem Dudelsack die Menschen zum Tanzen bringt und ihre Sorgen vergessen lässt und Babinsky, eine Art Robin Hood, Don Juan und Till Eulenspiegel zugleich, der bereits zu Lebzeiten als böhmischer Kämpfer für die Gerechtigkeit verklärt wurde. Mythologische Märchenbilder aus dem Reich der Eiskönigin und der Hölle durchziehen die einfach gesponnene stets jugendfrei abenteuerliche Reise-Geschichte der beiden, die letztlich mit einem großen Lobgesang auf die Heimat und die Liebe endet. Ach wie schön kann Oper sein...

Das Regie-Team um Michiel Dijkema (wir erinnern uns noch an seine tollen Hoffmanns Erzählungen am gleichen Haus) hat wieder meisterlich überzeugende und phantasievolle Arbeit geleistet. Man bewahrt den märchenhaften Charakter der Vorlage ohne modernisieren zu wollen. Regie und Bühne stellen sich verantwortungsvoll unter den Schirm der Werktreue und überzeugen mit bunten, herrlichen Kostümen (Jula Reindell), einem fabelhaft und beeindruckend wechselnden Bühnenbild und tollen Lichteffekten (Thomas Ratzinger).

Babinsky, ein einsamer Wanderer, der wie weiland Wotan im Siegfried die Wälder ziellos durchstreift, erinnert mit seinem langen Rauschebart irgendwie an den sympathischen Räuber Hotzenplotz. Gesanglich meistert Uwe Stickert die schwierige, eine teuflisch hohe Tessitura fordernde Stimm-Partie, geradezu sensationell. Was für eine makellose Stimme, die nicht nur Kraft, sondern auch klangschönste lyrische Emphase und traumhaften Schmelz vereint. Eine Entdeckung! Eine Traumbesetzung für die nächste Schreker-Oper ;-).

Die als Zwischenvorhang fungierende Leinwand bleibt bei der Ouvertüre und den Zwischenspielen GsD zu; man setzt also ganz auf die Imagination des Zuhörers zu den wunderschönen Klängen. Sie ziert die einfache Zeichnung eines Dudelsacks, die zur daneben liegenden alten anatomischen weiteren Strichzeichnung des Herzen enorme Parallelen aufweist. Was für ein schönes Bild - Schwandas Spiel auf dem Dudelsack geht den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen.

Musikalisch hat man mit Giuliano Betta einen hochkompetenten Sachwalter für Weinbergers Musik gefunden. Die Verbindung folkloristischer Elemente mit großen fast filmmusikalisch anmutenden Bögen der Streicher und Bläser gelingt perfekt. Die Neue Philharmonie Westfalen hat einen Sterneabend und der von Alexander Eberle mal wieder blendend aufgestellte Chor singt (und agiert!) überragend gut.

Piotr Prochera (Schwanda) zeigt musiktheatralischer Lebensfreude, auch wenn die Stimme gelegentlich noch etwas ungeschliffen rau und etwas zu laut klingt. Ilia Papandreou ist Dorota - in ihre Mimik, Gestik und Musiksprache, die stets fröhlich zwischen Eifersucht, Liebe und Sorge pendelt - zeugt ihre Darstellung nicht nur von großer Spielfreude.

Last but not least hat Joachim G. Maaß (Bild oben - für den nicht benannten Maskenbildner ein zusätzlicher Opernfreund-Stern) der Oldstar des MiR - oder soll ich besser sagen die totale Rampensau - mal wieder einen Glanzabend in der Partie des Teufels. Was für ein Charaktersänger! Ich kenne ihn nun schon Jahrzehnte und er war immer grandios. Bei ihm hat sogar die anfängliche generelle Ansage über die Bitte-Nicht-Verwendung-des-Handys während der Vorstellung noch augenzwinkernden Humor. Natürlich halten sich diverse oft jugendliche Pappnasen nicht daran, die sogar während der Vorstellung ihre Erfahrung per SMS weitergeben. Na, Hauptsache keine Fotos, damit das Copyright nicht verletzt wird.

Fazit: Diese Oper in solch liebevoller Inszenierung ist auch musikalisch eine Entdeckung und jede Anreise wert. Sie verdient unbedingt einen festen Platz im Repertoire. Uns ist diese tolle Produktion, die auf allen Ebenen unterhält und überzeugt einen OPERNFREUND-STERN wert. Wir folgen damit dem begeisterten Freudentaumel des Premierenpublikums im leider nur halbverkauften Haus, welches vor Begeisterung und Jubel praktisch auf den Stühlen stand. So ergeht mein Schluss-Appell:

 

"Opernfreunde und Liebhaber schönen Musiktheaters! Bitte fahrt nach Gelsenkirchen. Es lohnt sich sehr. Schöner, fröhlicher, mitreißender und liebevoll charmanter sah man selten eine Opernproduktion. Diese köstliche Ausgrabung macht Spaß und ist auch die weiteste Anreise wert."

 

Peter Bilsing, 18.6.2019

Fotos© Karl und Monika Forster

 

CREDITS

 

Choreografie - Denis Untila

Dramaturgie - Anna Chernomordik

Schwanda - Piotr Prochera

Dorota - Ilia Papandreou

Babinsky - Uwe Stickert

Königin - Petra Schmidt

Magier - Michael Heine

Scharfrichter/Des Teufels Famulus - Tobias Glagau

Richter/Höllenhauptmann - Jiyuan Qiu

Landsknechte - Jiyuan Qiu / John Lim

 

CD TIPP der OPERNFREUND-Redaktion

 

nur 10 Euro !

 

 

 

 

Bridget Breiner:

Ein Sommernachtstraum

Premiere: 31. März 2019

Besuchte Vorstellung: 12. Mai 2019

 

Mit Shakespeare hat sich Bridget Breiner schon mehrfach als Choreografin auseinandergesetzt, hat „Der Sturm“ und „Romeo und Julia“ auf die Gelsenkirchener Bühne gebracht. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich auch den „Sommernachtstraum“ beschäftigt. Die Produktion ist auch ein Abschied von Gelsenkirchen, denn zur nächsten Saison wechselt Breiner an das Staatstheater Karlsruhe.

Während Youri Vamos für seine Version des „Sommernachtstraums“ (Basel 1995) nur auf Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy zurückgriff, erweitert Breiner das musikalische Spektrum. Da ihr bei dieser Produktion kein Orchester zur Verfügung steht, erklingen Teile der Schauspielmusik aus der Konserve, andere Stücke sind für Klavier und Akkordeon neu arrangiert worden. Annette Reifig steuert ein elegant-kraftvolles Klavierspiel bei, Marko Kassl musiziert am Akkordeon mit einer gehörigen Portion Biss.

Die Elfen- und Geisterwelt erhält durch zeitgenössische Akkordeonmusik oft einen aggressiv-düsteren Anstrich, in den Handwerkerszenen erklingen oft Stücke aus Duke Ellingtons Suite „Such Sweet Thunder“ vom Band. Manchmal wünscht man sich, trotz der Vielfältigkeit der Musik, die auch die Charaktere wiederspiegelt, eine geschlossene Musikauswahl. Selbst ein reines Duke-Ellington-Programm scheint denkbar, so gut funktioniert seine Suite als Ballettmusik.

Breiner erzählt die komplizierte Geschichte klar und verständlich, behält den Athener Hof, die zwei Liebespaare, die sechs Handwerker und die Elfenwelt bei. Oft erzählt sie mehrere Handlungsstränge gleichzeitig, ohne den Überblick zu verlieren. Dabei setzt sie auch eigene Akzente: So bleibt die Beziehung zwischen Theseus und Hippolyta bis zum Schluss angespannt, beide scheinen nur aus politischen Gründen zu heiraten. Bridgett Zehr tanzt die Titania und die Hippolyta als selbstbewusste Frauen auf der Suche nach der richtigen Liebe. Paul Calderonne verleiht dem Oberon und dem Theseus die nötige Energie.

Während sonst nur Peter Zettel in einen Esel verwandelt wird, darf der Puck in Gelsenkirchen alle Handwerker in Tiere verwandeln. Sogar ein tanzendes Eichhörnchen, ein Bieber und Eule sind hier zu erleben. Von der Handwerker-Truppe bleiben besonders Ledian Soto als eselshafter Nick Bottom und Rita Duclos, die als Mond in „Pyramus und Thisbe“ viel Humor zeigt, in Erinnerung. Sehnsuchtsvoll legen Francesca Berruto, Sara Zinna, Carelos Conterras und Louiz Rodrigues die zwei jungen Liebespaare an.

Gelungen ist das Bühnenbild von Jürgen Kirner. Die Dekoration des Athener Hofes ist eine große und kalte Betonwand, in der sich ein Wellenmuster befindet. Der Zauberwald wird durch eine schüsselförmige Konstruktion dargestellt, die über der Bühne schwebt. Ihr verflochtenes Muster ist von angedeuteten Baumstämmen durchzogen. Mal schwebt diese Konstruktion gut beleuchtet über der Bühne, in anderen Situationen wird sie von oben beleuchtet, so dass sie ein geheimnisvolles Gewirr von Schatten auf den Bühnenboden wirft.

Während Bridget Breiner ihre Aschenputtel-Version „Ruß“ in der nächsten Saison in Karlsruhe zeigt, ist „Ein Sommernachtstraum“ vorerst nur in Gelsenkirchen zu sehen. Ein kluge Entscheidung, denn in Karlsruhe ist zur Zeit noch die Choreographie von Youri Vamos zu sehen.

 

Bilder (c) Costin Radu

Rudolph Hermes 19.5.2019

 

 

 

 

(c) Der Opernfreund / Klier

 

Richard Wagner

DAS RHEINGOLD

Premiere: 11. Mai 2019

Erster Halt im Bahnhof Wallhalla

Der legendäre Rheingold Express (c) DB

 

Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier steht jetzt schon seit 1959, einen kompletten „Ring des Nibelungen“ hat es hier aber noch nie gegeben. Ende der 80er Jahre wollte der damalige Intendant Matthias Weigmann einen „Ring“ von Regielegende Herbert Wernicke inszenieren lassen, doch der Intendant scheiterte nach zwei Spielzeiten an den Finanzen. Wernicke brachte seinen „Ring“ dann in Brüssel und Frankfurt heraus.

Auch der aktuelle Intendant Michael Schulz inszeniert „Das Rheingold“ jetzt bloß als Einzelstück, weil er ansonsten eine „Ring“-Inflation befürchtet: Dietrich Hilsdorf hat an der Deutschen Oper am Rhein seine Produktion gerade abgeschlossen, und Peter Konwitschny steht in Dortmund in den Startlöchern.

Die Gelsenkirchener Produktion ist kein Remake der Weimarer Inszenierung, die Schulz 2006 im Rahmen eines kompletten Zyklus herausbrachte. Seine Inszenierung spielt im legendären „Rheingold Express“, der bis 1987 die Strecke Amsterdam-Basel befuhr und hier von der Bühnenbildnerin Heike Scheele rekonstruiert wird. Die Idee hört sich auf den ersten Blick mutig und originell an, weist dann aber viele Schwachstellen auf.

Im ersten Bild machen Projektionen deutlich, dass der Zug nicht am Rhein entlangfährt, sondern sich unter Wasser befindet. Die Vermischung des hyperrealistischen Zug-Szenarios mit Märchenelementen wie den Rheintöchtern, die hinter der Bar des Speisewagens auftauchen und dann ebenso wie Alberich bei voller Fahrt aus dem Fenster springen, um dann gleich wieder durch den Gang zu spazieren, macht diese Szene unglaubwürdig.

Den Alberich singt Urban Malmberg mit geschmeidigem Bariton, den er manchmal machomäßig steigert. Die Textverständlichkeit lässt bei ihm aber zu wünschen übrig. Die Rheintöchter sind mit Bele Kumberger, Lina Hoffmann und Boshana Milkov stark besetzt, wobei sich in den chorischen Szenen einige Ungenauigkeiten in der Intonation ergeben.

In der zweiten Szene befindet sich der Zug im Bahnhof „Walhall“: Wotan ist ein Konzernboss, der im Luxusabteil reist, Donner und Froh sind seine Leibwächter und Freia eine blondierte Luxusdiva. Optisch beeindruckend gelingt der Auftritt der Riesen, die als Videoprojektion in den Oberlichtern über dem Abteil zu sehen sind. Dann wird aber klar, dass dieser Effekt total verschenkt wird, denn hier wird ein vorbereitetes Video abgespielt, in dem die riesigen Riesen nur herumstehen und nicht die Lippen bewegen, während die Stimmen aus dem Off ertönen. Mit Live-Übertragung aus der Bluebox könnte dieser Effekt seine Wirkung entfalten, zumal die Riesen dann beim Auftreten Loges leibhaftig erscheinen und der ganze Effekt verpufft.

Bastiaan Everink singt den Wotan mit großer runder Stimme, bleibt aber trotz guten Gesanges eindimensional, während Almuth Herbst als Fricka gewitzte Dialoge liefert. Einen großartigen Loge singt Cornel Frey, der die Partie mit lyrischem Schmelz und großer Intelligenz ausstattet.

Piotr Prochera gibt einen so starken Donner, dass man sich fragt, ob er nicht besser den Alberich hätte übernehmen sollen? Den Froh singt Khanyiso Gwenxane mit schönem, aber etwas engem Tenor. Petra Schmidt als Freia bleibt unverständlich und blass. Die Riesen wirken hier nicht so gefährlich, wie man sonst gewohnt ist: Für Joachim Gabriel Maaß, der sonst ein zuverlässiger Bass ist, liegt der Fasolt zu hoch. Michael Heine, der am Haus zuverlässige Rollenporträts im französischen und russischen Fach bietet, artikuliert abseits vom Sinn des Textes.

Ab dem 3. Bild fährt der Rheingold-Express auf das Abstellgleis und spielt keine Rolle mehr. Trauen Schulz und sein Team dem eigenen Konzept nicht mehr, das vorher auch nur halbherzig umgesetzt wird? Warum spielt die erste Szene nicht am Loreleyfelsen, das zweite Bild nicht vor den Burgen des Rheintals, die Nibelheimszene nicht vor den Hochöfen und Fördertürmen des Ruhrgebiets? Eine reale geographische Verortung mit den Orten des historischen Zuges hätte der Inszenierung gutgetan.

Im 3. Bild wechselt die Produktion dann aber in ein Bergwerk, wie man es in jeder Klischee-Produktion des Stückes zu sehen bekommt. Wurden Projektionen vorher großgeschrieben, so wird der Drache nur als herumkriechende Metallrohre dargestellt. Zum Einzug der Götter nach Walhall wird für eine Minute ein riesiger Kubus mit der Leuchtschrift „MYTHOS“ hereingeschoben. Da fragt man sich, was dieser kurze Effekt gekostet hat?

Ein großes Lob verdienen noch Tobias Glagau für sein knappes, aber treffsicheres Porträt des Mime und Almuth Herbst, die neben der Fricka auch noch die Erda singt. Diese nimmt hier von Frickas Körper Besitz und verwandelt diese mit Augenklappe, Speer und Mantel in einen weiblichen Wotan. Herbst singt das mit groß strömendem Mezzo.

Ist Wagner an anderen Häusern Chefsache, so überlässt in Gelsenkirchen GMD Rasmus Baumann das Stück nun dem 1. Kapellmeister Giuliano Betta. Der dirigiert das Stück eher lyrisch, zerdehnt aber vor allem die Szenen der Riesen, sodass die Aufführung 150 Minuten dauert. Besonders die Hörner und Trompeten der Neuen Philharmonie Westfalen haben mit der Wagner-Partitur ihre Mühen.

Sängerisch erlebt man in Gelsenkirchen eine solide bis starke Aufführung, das Konzept „Rheingold im Rheingold-Express“ ist aber nur halbherzig und inkonsequent umgesetzt.

 

Rudolf Hermes 12.5.2019

Fotos (c) Karl und Monika Forster

 

 

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