Zürich, Konzert: „Alban Berg, Gustav Mahler“, Teodor Currentzis & TOPIA Orchestra, Vilde Frang

Er ist der zurzeit wohl – sowohl künstlerisch als auch politisch – umstrittenste Dirigent der Klassik-Szene, der in Griechenland aufgewachsene Dirigent Teodor Currentzis. Seine Karriere begann nach seinem Studium in St.Petersburg als Leiter der des Opern- und Ballettensembles in Nowosibirsk. Dort gründete er auch sein eigenes Ensemble, das Orchester MusicAeterna. Dieses Orchester wurde dann auch das Residenzorchester an seiner nächsten Position als Chefdirigent in der russischen Metropole Perm. 2014 erhielt er die russische Staatsbürgerschaft, knüpfte aber auch enge Beziehungen zum Balthasar-Neumann-Ensemble in Freiburg und wurde 2018 Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters, gastierte in Bregenz und regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. Seine Einspielungen mit MusicAeterna wurden mehrfach ausgezeichnet. Am Opernhaus Zürich leitete er die Premierenserie der umjubelten MACBETH-Produktion von 2016. Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine wurde es kompliziert. Viele westliche Medienvertreter und Intendanten verlangten von Currentzis eine Distanzierung vom russischen Regime und eine Verurteilung des Angriffskriegs. Ähnlich wie bei der Starsopranistin Anna Netrebko. Doch im Gegensatz zu ihrem (halbherzigen?) Statement hüllte sich Currentzis in Schweigen – die Spekulationen über die Gründe kochten hoch (Nähe zu russischen Geldgebern für seine Projekte, z.B. die staatsnahe VTB-Bank).

Für einige wurde er zur persona non grata, der SWR wurde aufgefordert, ihn als Chefdirigenten zu entlassen (tat er nicht), wie es die Münchner Philharmoniker mit Gergiev getan hatten, andere hielten jüngerhaft zu ihm. Und – ähnlich wie bei Netrebko – traute man sich nur noch engen Freunden zu erzählen, dass man ein Konzert von ihm besucht habe. Andererseits wurden und werden Currentzis Auftritte bejubelt, die Leute stehen Schlange (wie auch gestern Abend), um ein Konzertticket zu erhalten. Teodor Currentzis gastierte in der Tonhalle Zürich (es folgen Auftritte in Genf und Bern) mit seinem 2022 gegründeten Utopia Orchestra auf Einladung von Migros-Kulturprozent-Klassik. Das Konzert war restlos ausverkauft – und, um es gleich vorwegzunehmen, versetzte das Publikum am Ende in jubelnde, stehende Ekstase!

Den ersten Teil des Konzerts bildete also Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“. Currentzis blieb seinem bekannten Outfit treu: Ärmelloses, weit geschnittenes schwarzes Top, hautenge schwarze Jeans, schwarz gefärbtes Haar – wie auf dem Weg zu einer Gothic-Party. Er stellte sich auch nicht aufs Dirigentenpodest, sondern schräg zur in engelsgleichem Weiss auftretenden Solistin Vilde Frang. Den zweiten Violinen rechts wandte er also quasi den Rücken zu. Mit berückender Zartheit intonierte die Solistin die Grundtöne der vier Geigensaiten g-d-a-e, erfüllte sie mit Terzen und führte so das Ohr zu der Zwölftonreihe, auf der die Komposition aufgebaut ist. Ganz ergreifend erklangen die weit ausschwingenden Kantilenen, Currentzis liess seine nackten Arme gleich Engelsschwingen kreisen, um die Musik zu formen, das Wesen der jungen, viel zu früh an einer Polio-Infektion verstorbenen Manon Gropius (der Tochter Alma Mahlers und des Bauhaus-Architekten Walter Gropius) einzufangen. Zart stieg ein Walzer für die lebenslustige Manon auf, eine leicht verfremdete Kärntner Volksweise verwies auf die Lebenslust und -freude Manons. Dieser erste Satz von Bergs Violinkonzert erklang als bewegendes, voller Einfühlsamkeit gezeichnetes Porträt der jungen Frau.

Man vergass beim Zuhören, dass das Werk streng mathematisch aufgebaut ist, man ließ sich mittragen in manchmal sphärische, mystische Welten, dann wieder in ungestüme Lebensfreude. Aus diesen Stimmungen wurde man jedoch zu Beginn des zweiten Satzes jäh gerissen: Zerreissender Schmerz, ausgedrückt mit komplexen, kratzenden Doppelgriffen der unheimlich souverän spielenden Vilde Frang und begleitet vom unter der klaren Leitung von Currentzis jedes Detail aushorchenden Utopia Orchestra. Die Dissonanzen ließen erschauern, der Walzer und die Kärntner Ländler Weisen erklangen nun verlangsamt und noch schräger. Doch in all dem Unglück und der Trauer bahnte sich eine berührend inszenierte Aufnahme des Engels in die Engelsgemeinschaft an: In der Kadenz und den nachfolgenden Duetten mit Bratsche und den Violinen der beiden Konzertmeister*innen erhoben sich diese, spielten auf Augenhöhe mit der Solistin, welche anschließend auf der Violine weiterspielend die Reihen ihrer Mitspieler*innen abschritt – ein Engel unter Engeln. Dem aufwühlenden Todeskampf folgte quasi der Eintritt in das Himmelreich mit verinnerlichter Streicherkultur in der höchsten Lage. Bergs Violinkonzert stellte– ohne dass es dem Komponisten so richtig bewusst war – auch dessen eigenes Requiem dar, denn die Uraufführung des in seinem Todesjahr entstandenen Werks durfte Alban Berg nicht mehr erleben. Nach dieser zutiefst berührenden Interpretation folgte tosender Applaus – aber keine Zugabe. Da hätte sowieso nur Bach gepasst, dessen Choral „Es ist genug“ Berg ja in diesem Schlusssatz zitiert hatte.

Sehr passend zu Berg stand für den zweiten Teil des Konzerts Mahlers Sinfonie Nr. 1 auf dem Programm. Gustav Mahler war ebenfalls mit Alban Berg bekannt gewesen und die Mutter Manons war ja Mahlers Ehefrau gewesen. Auch Mahler hatte in seinen Werken – ähnlich wie Alban Berg – immer wieder Volksweisen einfließen lassen. So auch im Kopfsatz seiner ersten Sinfonie, wo nach der Evokation des Erwachens der Natur schon bald die fröhliche Melodie des Liedes „Ging heut‘ morgen übers Feld“ aus den Liedern eines fahrenden Gesellen ertönte. Wunderbar sauber intonierten vier Blechbläser Signale der erwachenden Natur aus dem Off, herrlich erschallten die Hörner, differenziert die imitierten Vogelrufe der Holzbläser, eine ländliche Idylle, plastisch vom tänzelnden Dirigenten gezeichnet, der es sich nicht nehmen liess, auch mal dirigierend quer durchs Orchester zu spazieren, um den Holzbläsern ganz nah zu sein und die Musik durch seinen Körper hindurch in ihre Instrumente fließen zu lassen.

Wie im Zitat aus seinem Mund im Programmheft: „Der magische Moment ist, ein paar Tränen und ein bisschen Schweiß auf das Papier zu geben. Dann wächst eine kleine Pflanze daraus, und die trage ich zum Orchester.“ Currentzis ist nicht nur detailversessen, sondern detailverliebt – und das machte sein Dirigat eben zum Erlebnis. Nicht abgehobene, kalte Akribie, sondern lebendiges und gelebtes Musizieren. Das mag für einige manieristisch, ja gar affektiert herüberkommen – dann muss man halt die Augen schließen. Egal ob mit offenen oder geschlossenen Augen – dem magischen Zauber dieser Art der Interpretationskunst von Teodor Currentzis kann man sich nicht entziehen. Was er an Finessen, dynamischen und technischen, aus seinem exzellent spielenden Orchester herausholt, ist von exquisiter Qualität und man spürt die Vertrautheit zwischen dem Klangkörper und seinem Chef in jeder Phrase. Der überbordende orchestrale Jubel nach dem von Mahler so effektvoll platzierten Beckenschlag war von dermaßen überragender, ansteckender Wucht, das sogar nach diesem fulminanten Kopfsatz Applaus aufbrandete. Die Wanderung durch die Natur bestimmte die Agogik des zweiten Satzes, tänzerisch (fast wie ein Schuhplattler), dann wieder überraschend knallig mit derben Crescendi, unterbrochen von einem wiegend intonierten Trio-Teil, auf den die vehement dargebotene Reprise der stampfenden Ländler Musik folgte. Mahler wünschte sich ja eine längere Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Satz.

Foto vom Rezensenten

Currentzis kam dem Wunsch nach und griff sich eine Wasserflasche, um seinen Durst zu löschen. Danach folgte die Dauerschleife des in Moll abgewandelten Bruder-Jakob-Themas. Düstere Melancholie hielt Einzug; der ungemein schöne und transparente Bläserklang mit der elegischen Grundstimmung weckte Erinnerungen an später entstandene Musik, z.B. an Schostakowitschs Jazz-Suite oder an Nino Rotas Filmscore zu DER PATE. Dieser dritte Satz war eine unglaublich starke Klangerfahrung, alles so transparent ausgehorcht und am Ende in die Unhörbarkeit verklingend – meisterhaft. Der darauffolgende orchestrale Peitschenknall der Eröffnung des Schlusssatzes ließ einen dann regelrecht aufschrecken, ja aus der Haut fahren. Unglaublich lärmig, vermeintlich chaotisch klingend, Currentzis dirigierte sich und das Orchester in Rage, in eine wild dahinbrausende Fahrt. Doch plötzlich schimmerte betörend wiegende Zärtlichkeit auf. Das Erwachen der Natur und andere Themen des ersten Satzes zogen ein, wurden verdichtet zu heroischem Aufbäumen, das bald wieder ermattete. Die Ruhe währte allerdings nur kurz. Currentzis peitschte sein Orchester im Choralthema (Parallele zu Berg!) und der Apotheose zu überschäumenden Klangkaskaden: „Höchste Kraft“, „triumphal“ und „pesante“ schrieb Mahler in seine Partitur. Wahrlich, mehr Kraft hätte die Akustik des großen Saals in der Tonhalle Zürich kaum ertragen. Das Publikum brach in Jubelstürme aus und wurde aus den Sitzen gerissen. Ich war regelrecht erschlagen und musste mich erst etwas sammeln. Ein unvergessliches Konzert – und nein, ich schäme mich nicht, hingegangen zu sein.

Kaspar Sannemann 4. Juni 2026


Currentzis & Frang
Alban Berg: Violinkonzert
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur

Zürich, Tonhalle
29.Mai 2026

Dirigat: Teodor Currentzis
Vilde Frang Solistin
UTOPIA Orchestra