Linz: „Le Prophète“

Musikalischer Effekt ohne szenische Wirkung!

Bei meiner Rundreise zu Eröffnungspremieren österreichischer Bundesländerbühnen gab es ein interessantes Zusammentreffen:

Auf den Tannhäuser in Klagenfurt folgte nun in Linz Giacomo Meyerbeers Grand opéra Le Prophète! Tannhäuser wurde 1845 uraufgeführt und Le Prophète 1849. Als Wagner in Paris von 1840 bis 1842 unter ärmlichen wirtschaftlichen Bedingungen lebte, erhielt er von Meyerbeer mehrmals finanzielle Hilfe. Der deutsche Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer schreibt dazu: „aber dieser hat es ihm nicht gedankt, sondern er hat Konkurrenzneid entwickelt. In einer Besprechung von Le Prophète feierte Wagner zwar zunächst den Komponisten als den Propheten der neuen WeltKommt das Genie und wirft uns in andere Bahnen, so folgt ein Begeisterter gern überall hin, selbst wenn er sich unfähig fühlt, in diesen Bahnen etwas leisten zu können. Kurz danach allerdings änderte Richard Wagner seine Meinung wegen der jüdischen Herkunft von Meyerbeer radikal und schrieb: Das Geheimnis der Meyerbeerschen Opernmusik ist – der Effekt und Wirkung ohne Ursache.

Dieses Wagner-Wort kann man abgewandelt durchaus auf die Linzer Produktion ummünzen: Es war wahrhaft Musikalischer Effekt ohne szenische Wirkung!

Vor allem durch das Bruckner Orchester Linz, den Chor und Extrachor des Landestheaters Linz (Leitung Elena Pierini) unter der Gesamtleitung des Opernchefs Markus Poschner sowie durch die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen Brigitte Geller als Berthe und Katherine Lerner als Fidès war es ein respektabler und hörenswerter Versuch, das Meyerbeer-Werk wieder auf die Bühne zu bringen.

Das Werk nach dem Textbuch von Eugène Scribe war bei seiner Pariser Uraufführung 1849 ein ungeheurer Erfolg und erlebte dort in 2 Spielzeiten 100 Aufführungen. Rasch breitete sich der Erfolg über ganz Europa aus. In Österreich wurde Le Prophète schon im Jahr danach im Wiener Kärntnerthor-Theater und in Graz mit großem Erfolg aufgeführt. Gustav Mahler setzte das Werk dann 1897 mit dem berühmten Tenor Hermann Winkelmann auf den Spielplan der Wiener Staatsoper. Dann dauerte es allerdings fast 100 Jahre, bis Le Prophète wieder in Wien aufgeführt wurde. Das war dann 1998/99 mit Agnes Baltsa als Fidès und mit Plácido Domingo als Jean. Und damit sind wir bereits bei einem entscheidenden Manko der Linzer Neuproduktion: der amerikanische Tenor Jeffrey Hartman hat leider weder stimmlich noch darstellerisch das nötige Format für die immens schwierige Titelpartie. Im Neuen Merker gibt es eine kluge Premierenkritik , der ich mich vor allem was die Inszenierung anlangt, durchaus anschließe. Gerne bescheinige ich Jeffrey Hartman, dass ihm in der von mir besuchten Aufführung die Kickser der Premiere nicht passierten und dass er in den letzten beiden Akten auch diesmal an stimmlicher Präsenz gewonnen hatte. Aber die Stimme sitzt einfach zu weit hinten, hat keinen Glanz und erreicht die Spitzentöne immer nur mit beträchtlicher, guttural-kehliger Anstrengung. Dazu kommt, dass er auch schauspielerisch als zentrale Figur des Stücks nicht überzeugen kann – wohl auch, weil er von der Regie recht allein gelassen wird und sich wiederholt mit rhythmisch-mitbewegenden Armgesten behelfen muss. Besser war es um die drei düsteren, sektiererischen Wiedertäufer-Figuren bestellt, die Jean begleiten und in die Propheten-Rolle drängen. Matthäus Schmidlechner mit seinem markanten und gut sitzenden Charaktertenor, Adam Kim mit seinem sicheren, wenn auch schmalem Bariton und vor allem Dominik Nekel mit in allen Lagen souveränem Bass machten ihr Sache stimmlich sehr gut. Die wichtige Figur des Grafen Oberthal war mit der Ensemblestütze Martin Achrainer darstellerisch prägnant besetzt. Allerdings ist sein Bariton nur bedingt für die Bassrolle geeignet. Aber mit seiner Routine konnte er das gut kaschieren.

Leider ist aus meiner Sicht die Regie bei der Umsetzung dieser Grand Opéra gescheitert. Im Programmheft finden sich kluge Gedanken des Dramaturgen Christoph Blitt zu Werk, Entstehungszeit und Katastrophenszenarien. Leider haben diese Gedanken im szenischen Konzept (Alexander von Pfeil – Regie, Piero Vinciguerra – Bühne und Katharina Gault – Kostüme) zu keiner effektvollen Bühnenwirkung geführt. Im Programmheft liest man: Meyerbeer war nur in zweiter Linie Komponist oder Tonsetzer; denn zunächst und vor allem war er ein „Homme du théâtre“. Meyerbeer wäre vom trostlosen Einheitsbühnenbild in der gründerzeitlichen Werkshalle samt Flüchtlingslager und stereotyp Maschinenpistolen schwingenden, schäbig gewandeten Menschen zutiefst enttäuscht gewesen. Das war kein Bühnenspektakel, sondern eine triste Allerweltszenerie ohne Bezug zum Stück. Für einen Homme du théâtre wäre es wohl auch ganz unvorstellbar gewesen, die Balletteinlage Les Patineurs im 3. Akt und den Einzug von Jean in den Dom zu den Klängen des Krönungsmarsches im 4.Akt nicht szenisch zu gestalten. Der Vorhang fiel und die Musik klang aus dem Orchestergraben – übrigens erfeulich temperamentvoll interpretiert.

Da musste ich wehmütig an die zwar umstrittene, aber mit echter Theaterpranke gestaltete Konwitschny-Inszenierung der französischen Grand Opéra-Fassung des Verdischen Don Carlos vor etwa 15 Jahren an der Wiener Staatsoper denken – Konwitschny hatte eine Fülle von Einfällen, wie man Balletteinlagen einer Grand Opéra heute effektvoll auf die Bühnen stellen kann! Dem Linzer Leading-Team ist leider gar nichts Bühnenwirksames eingefallen. Zwischen den einzelnen Bildern wurden Texte auf den eisernen Vorhang projiziert – da gab es Bibel-Texte, Worte von Martin Luther über die Wiedertäufer und z.B. vor dem 2. Bild des 3. Aktes einen zeitgenössischen Text zur Vielweiberei der Wiedertäufer. Dieser Text wurde dann szenisch aufgegriffen – plötzlich war das Lager mit schwangeren Frauen und Müttern mit Säuglingen bevölkert. Der Graf von Oberthal war in eine Jacke mit der Aufschrift Au bon Lait gehüllt und brachte offenbar eine Lieferung mit abgepumpter Muttermilch, bevor er als Graf entlarvt und gemordet wurde..…. Nicht nur hier wurde man den Eindruck nicht los, dass man eher eine Opernparodie als eine effektvolle Wiederbelebung einer Meyerbeer-Oper erlebte. Dazu passte letztlich auch die peinliche Kleinigkeit, dass sich in die Textprojektion ein Schreibfehler eingeschlichen hatte: der zitierte Münstersche Handwerksmeister des Jahres 1534 hieß Heinrich Gr esbeck, wie hier nachzulesen ist, und nicht Heinrich Grasbeck …

Leider: das war eine vertane Chance, in dem kaum 10 Jahre alten wunderbaren Linzer Musiktheater Meyerbeer zeitgemäß auf die Bühne zu bringen! Ich kann mich nur dem Schluss-Satz der eingangs zitierten Kritik anschließen: Die beiden „leading ladies“ sind, neben der orchestralen Seite, absolut den Besuch der Produktion wert, und ansonsten kann man bekanntlich ja die Augen zu machen.

Hermann Becke, 28.9.2019

Aufführungsfotos: Landestheater Linz, © Barbara Pálffy und Reinhard Winkler

Hinweise:


Noch 10 weitere Vorstellungen bis März 2020