Frankfurt: „Manon Lescaut“, Giacomo Puccini

Als die Oper Frankfurt vor drei Jahren eine Neuproduktion von Puccinis „Manon Lescaut“ herausbrachte, da überschlugen sich Publikum und Kritik in ihrer Begeisterung für das Traumpaar in den Hauptrollen. Nun ist dieses Traumpaar für die zweite Wiederaufnahmeserie zurückgekehrt und erntet erneut jubelnden Beifall. Dieser gilt nicht nur der musikalischen Seite. Regisseur Àlex Ollé hatte der außerordentlichen Asmik Grigorian die Titelpartie auf den Leib inszeniert und so das tiefenscharfe Porträt einer schillernden Opernfigur geschaffen. Ihre Manon beginnt als rotziges Girlie mit aufgesetztem Selbstbewußtsein, weiß mit Männern kokett zu spielen, zeigt im zweiten Akt als Edelprostituierte einen Ton von kalter Selbstgefälligkeit und entwickelt erst am Ende die glühende Emphase der Verzweiflung. Für jede Nuance dieser vielschichtigen Persönlichkeit findet sie die richtigen Klangfarben und den überzeugenden gestischen Ausdruck. Wie in der parallellaufenden Aufführungsserie von Tschaikowskis „Zauberin“ ist auch hier bei ihr die völlige Verschmelzung von stimmlichen und darstellerischen Mitteln zu erleben. Daß die Oper Frankfurt mit Asmik Grigorian eine der attraktivsten Sopranstimmen im gegenwärtigen Musiktheatergeschäft gleich für zwei parallele Produktionen in insgesamt 15 Aufführungen verpflichten konnte, ist ein Geschenk an das Publikum. Ideal ergänzt wird die Ausnahmesängerin von Joshua Guerrero als ihrem Geliebten Les Grieux, den seine bedingungslose Leidenschaft für diesen kapriziösen Charakter ins Verderben stürzt. Der amerikanische Tenor überzeugt erneut durch eine saftige Stimme mit virilem Kern. Gelegentlich angeschluchzte Töne sind eine Geschmackssache, die nicht ins Gewicht fällt.

Liebestod mit Traumpaar: Asmik Grigorian (Manon) und Joshua Guerrero (Des Grieux) /
(c) Barbara Aumüller

Diese Reprise einer Idealbesetzung aus der Premiere wird auf gutem Frankfurter Ensembleniveau ergänzt. Jonathan Abernethy gehören in der kleinen Rolle des Edmondo die ersten Gesangstöne der Oper, und er weiß das mit seinem zwar nicht großen, aber attraktiv timbrierten lyrischen Tenor zu nutzen. Wie schon in der letzten Wiederaufnahme agiert Domen Križaj als Lescaut mit dunkel gefärbtem, männlich-kernigem Bariton auf Augenhöhe mit den Hauptpartien. Alfred Reiter in der Rolle des Geronte de Ravoir überzeugt wie stets vor allem darstellerisch und formt durch intelligente Textgestaltung ein durchaus gelungenes Rollenporträt. Allerdings bleibt sein inzwischen reichlich hohl klingender Baß über weite Strecken glanzlos. In kleinen Solonummern machen Kelsey Lauritano und Andrew Bidlack auf ihr attraktives Stimmmaterial aufmerksam. Auch Pilgoo Kang empfiehlt sich als Sergeant mit kernigem Baßbariton für größere Aufgaben.

Das Bühnenbild von Alfons Flores hat das Zeug zum Klassiker. Es wird bestimmt von einer raumfüllenden Skulptur, die in Waschbetonoptik dreidimensional die Lettern LOVE ausstellt. Im ersten Akt nimmt man diese Skulptur kaum wahr, denn sie ist geschickt in das Vordach eines Hotels eingebaut. Zum zweiten Akt vollzieht sich auf offener Bühne ein wahrer Theatercoup, der sogar mit Szenenapplaus belohnt wird: Das Vordach senkt sich bis zum Bühnenboden und offenbart, daß auf ihm die Tabledance-Bar eines Rotlicht-Lokals aufgebaut ist. Die Lettern werden dadurch freigelegt und erscheinen rot illuminiert. Im Schlußakt schließlich sind auf nackter, dunkler Bühne nur noch diese turmhohen Symbole verblieben, das erstarrte Monument einer gescheiterten Hoffnung. Diese Skulptur wird von der Seite angeleuchtet und wirft ihren gewaltigen, kalten Schatten in eine öde Welt, in der die Titelfigur ihr Leben aushaucht.

Das Bühnenbild als Hauptdarsteller: Zweiter Akt im Rotlichtviertel / (c) Barbara Aumüller

Modestas Pitrenas animiert das Orchester zu vollem, süffigem Klang. Die mittleren Aufzüge offenbaren kleine Konzentrationsschwächen und gelegentliche Intonationstrübungen. Im letzten Aufzug können die Musiker angesichts zweier starker Stimmen auf der Bühne aus dem Vollen schöpfen und fluten den Zuschauerraum mit einem bitter-süßen Klangrausch zum Bühnentod der Protagonistin.

Wenn wie hier eine intelligent aktualisierende Regie in einem attraktiven Bühnenbild von einer Starbesetzung in der Titelpartie gekrönt wird, ist man dem siebten Opernhimmel ganz nahe.

Michael Demel, 12. Dezember 2022


„Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini

Oper Frankfurt

Wiederaufnahme am 10. Dezember 2022

(Premiere am 6. Oktober 2019)

Inszenierung: Àlex Ollé

Musikalische Leitung: Modestas Pitrenas

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Trailer

Weitere Vorstellungen: 16., 23., 25. und 31. Dezember 2022 sowie 6., 14. und 21. Januar 2023