Zürich: „Turandot“, Giacomo Puccini

Für den Regisseur der Neuproduktion von Puccinis Turandot am Opernhaus Zürich, Sebastian Baumgarten, ist die Entstehungszeit der Oper die Folie, über die er ein großes Stück Papier legt, auf welchem sich dann seine Assoziationen, seine Interpretation des Stoffes abspielt. Er nennt das im Programmheft „Überschreibung“. Und genau dies macht er dann auch, wortwörtlich. Wenn man den Zuschauersaal an diesem Abend betritt, sieht man auf der Bühne bereits fleißige Menschen in weißen Overalls an der Arbeit, sie überschreiben den gigantischen Papierbogen, zeichnen mit dicken schwarzen Strichen ein Gitternetz, fügen Markierungen ein (später werden diese Overall-Menschen die Mitglieder des Chores entsprechend den Markierungen positionieren) und bringen auf der Rückwand zwölf Zählstriche an – der dreizehnte wird dann nach der Enthauptung des Prinzen von Persien dazukommen. Was sich dann während der nächsten zwei Stunden abspielt, ist eine Flut von Bildern, ein atemberaubender Eklat der verwegensten Assoziationen. Die Folie, auf welcher Baumgarten und sein Team das Geschehen ablaufen lassen, entpuppt sich im zweiten Akt, wenn das Papier heruntergerissen wird, als eine grobkörnige Fotografie aus einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Dieser Krieg hatte die Welt verändert, führte zum Umbruch in der Gesellschaft und folglich auch in der Kunst. Es war die Zeit, in der Puccini an seiner letzten Oper zu schreiben begann.

Es war auch die Zeit des italienischen Futurismus, der im aufkommenden Faschismus auf fruchtbaren Boden fiel. Dieses Futuristische haben Sebastian Baumgarten, der Bühnenbildner Thilo Reuther und die Kostümbildnerin aufgenommen und mit einer überragenden Wucht in diese Inszenierung eingearbeitet – ohne dabei die Handlung aus den Augen zu verlieren. Klar, das ist ungewohnt, manchmal vielleicht auch verrätselt, aber nie langweilig! Vieles, das wir hier zu sehen kriegen, ist im Gründungsmanifest des führenden Futuristen Filippo Tommaso Marinetti enthalten: Liebe zur Gefahr, Verwegenheit, Auflehnung, Angriffslustigkeit, das Besingen der Geschwindigkeit, der Mann als Superheld, „ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein“, Verherrlichung des Krieges als Hygiene der Welt, Verachtung des Weibes und des Feminismus, Verherrlichung der Technik, Glorifizierung des Gigantismus. Es sind solche Bilder, die sich in der Inszenierung wiederfinden: Die Ankunft des Kaisers und seiner Tochter Turandot in einem riesigen Gefährt, das an ein Raumschiff erinnert, die Projektion von Atompilzen, die groteske Zeichnung der Minister mit ihren Riesenköpfen, die grell uniformierte Masse, die wie Marionetten auf Befehl im Takt der Musik hopst und schreit, fleißig und folgsam, wie ein pfadfinderisches Bienenvolk (gelbe Strümpfe, gelbe Bandanas). Turandot erscheint bei ihrem ersten Auftritt in einer Bienenwabe mit Honigtopf, Blitze, fahren vom Himmel, gewaltige Folterinstrumente und Henkerbeile werden aufgefahren (Liùs Kopf wird in in der Folterszene in einen überdimensionierten Zigarrenschneider gesteckt – auch nicht weit hergeholt, Puccini war starker Raucher, starb an Kehlkopfkrebs noch bevor er das Werk vollenden konnte). Ja, man wird einem immensen Strudel an Bildern ausgesetzt, kann vieles kaum gedanklich verarbeiten, dann wird man schon mit dem nächsten „Erreger“ konfrontiert. Das entspricht aber auch genau der Kompositionsweise Puccinis, der sich viel mit Wagner auseinandergesetzt hat, die Tristan-Partitur aber auch frustriert weggelegt hatte. Dieses ausufernde Versinken war nicht sein Verständnis von Musiktheater, Puccini setzte auf knallharte, schnelle Szenenwechsel – und darin ist die Turandot sein modernstes Werk.

(c) Monika Rittershaus

In keiner seiner anderen Opern hat der Chor eine dermaßen dominante Rolle. Was der Chor der Oper Zürich, die Chorzuzüger und der Zusatzchor des Opernhauses Zürich hier leisten, erregt in jedem Moment Gänsehaut. Das fährt genauso stark ein, wie die Flut der Bilder. Wahnsinn – auch in den wenigen, von sphärischer Mystik verklärten Momenten.

Die Riege der Solisten ist von exzeptioneller Qualität: Sondra Radvanovsky hat kürzlich die Turandot in der Einspielung unter Sir Antonio Pappano gesungen, sie aber vor der Zürcher Produktion noch nie szenisch erarbeitet. Ihre Stimme ist eine gleissende Wucht in den Fortepassagen, aber von wunderbarer Fragilität in den tragfähigen und berührenden Piani. Mit bebender Intensität gestaltet sie ihre Auftrittsszene im zweiten Akt In questa reggia, erkämpft sich mit langen Phrasen strahlende Dominanz über Chor, Orchester (und Calaf) im Finale II und zeigt sich szenisch echt berührt von Liùs Stärke in der Folterszene, ja sie wirkt regelrecht körperlich gebrochen. Man spürt, wie sehr sich Frau Radvanovsky in diese komplexe, eisumgürtete Prinzessin hineinversetzt, ihr viele Schattierungen des Charakters abringt. Die stringente Personenführung durch Sebastian Baumgarten zeigt große Wirkung. Als Liù erlebt man mit Rosa Feola (sie debütierte in dieser Rolle am letzten Sonntag in Zürich) eine Sängerin, die ihren wunderschön timbrierten Sopran mit berührender Leuchtkraft aufblühen lässt. Pure Ergriffenheit stellt sich ein!

Mit Piotr Beczala hat man einen der weltweit führenden Tenöre als Calaf verpflichten können, auch er debütierte letzten Sonntag hier. Sein bronzener Klang, wunderbar gerundet und strahlend, macht ihn (wie auch sein Kostüm …) zum Superhelden. Den Hickser beim höchsten Ton im Finale II (das passierte ihm schon in der Stretta des Manrico im TROVATORE vor zwei Jahren) macht er mit einem perfekten und sicher strahlenden H in Nessun dorma mehr als wett. Die komödiantischen Auftritte der drei Minister werden dank Xiaomeng Zhang (Ping), Iain Milne (Pang) und Nathan Haller (Pong) zu stimmlichen und darstellerischen Ereignissen. Welch eine überragende Gesangskultur und musikalische Harmonie werden da offenbart! Nicola Ulivieri beeindruckt mit der wunderbaren Wärme seines Baritons als Timur. Martin Zysset ist mit seinem fein geführten Charaktertenor eine Idealbesetzung für den Kaiser Altoum und Jungrea Noah Kim beeindruckt nicht nur szenisch (er schwebt in einem gigantischen Luftballon vom Himmel), sondern auch stimmlich als Mandarin.

(c) Monika Rittershaus

Marc Albrecht entlockt der Philharmonia Zürich die überraschende Modernität von Puccinis Kompositionsstil. Da ist nichts geglättet, mit fantastischer Transparenz im Gesamtklang werden Reibungen, Schärfen und harte Wendungen herausgearbeitet, das alles hat trotzdem Schmiss und Wucht und wirkt nie akademisch. Trotz aller Gänsehaut erregender Lautstärke werden nie die Grenzen zum Lärmigen überschritten, und die Sänger haben glücklicherweise alle eine dermassen kräftige, gesunde Substanz, dass sie nie zu hässlichem Forcieren gezwungen waren.

Zum Aktende werden nach dem ersten und dem zweiten Akt Zitate aus Puccinis Briefen in grossen Schriftbalken eingeblendet. Darin schrieb Puccini von den Hoffnungen, welche er sich bezüglich seiner Radiumtherapie in Brüssel machte. Der dritte Akt wurde in Zürich nun nur so weit gespielt, wie ihn Puccini vollendet hatte, schliesst also nach dem Suizid Liùs mit den Worten des Chors Liù, bontà, Liù, dolcezza, dormi, oblia! Liù, poesia! Calaf und Turandot stehen sich gegenüber, nähern sich an, dann schweben von oben wieder Textbalken nach unten mit den Worten Toscaninis, die er an das Publikum richtete, als er anlässlich der Uraufführung die Vorstellung an dieser Stelle abbrach. Natürlich weiss man nicht, wie genau Puccinis Version des Schlussduetts geklungen haben könnte, es wird viel über die zugegebenermaßen etwas plakative Version von Alfano gelästert; die vom Komponisten Berio erstellte Fassung hat sich aber auch nie durchsetzen können. Und so endet in Zürich Turandot also als Fragment – es stellt sich auf den ersten Blick tatsächlich eine Poesie ein, die zwar rührend ist, aber letztendlich auch unbefriedigend und so überhaupt nicht zur grellen Inszenierung passen will. Da hätte sich doch der leicht bruitistische Alfano-Schluss bestens geeignet, um im Futurismus zu bleiben und das Werk mit einem mutigen Paukenschlag zu Ende zu bringen – und man hätte auch den beiden Superstars der Oper, Sondra Radvanovsky und Piotr Beczala, etwas mehr Gelegenheit zur stimmlichen Prachtentfaltung gegeben. Verpasste Chance!

Kaspar Sannemann, 23. Juni 2023


Turandot
Giacomo Puccini

Opernhaus Zürich

Regie: Sebastian Baumgarten
Musikalische Leitung: Marc Albrecht
Philharmonia Zürich