Eigentlich – und uneigentlich –, denkt sich der Besucher, könnte er auch reine Tonleitern spielen. Es wäre doch schönste Musik. Eigentlich könnte sie dazwischen auch aus dem Telefonbuch lesen – es wäre reinste Literatur, Schauspielkunst und mimisches Genie.
Er: Das ist Kit Armstrong, der nicht das erste Mal im Auftrag der Klavierbaufirma Steingraeber auf der Bühne des Markgräflichen Opernhauses am Steingraeber sitzt. Sie: Das ist Katharina Thalbach, die bekannte Schauspielerin und Sprecherin; wer sie kennt, kennt auch ihr charakteristisches tiefes Vokalorgan, um es mal physiologisch auszudrücken. In Bayreuth setzen sie die Steingraeber-Festspielzeit mit einem literarisch-musikalischen Abend, nein: mit einer Performance fort, die dem Jubiläumsthema gewidmet ist. 150 Jahre Festspiele, das heißt in diesem Fall: Bayreuth 1876. Unter den prominenten Besuchern befanden sich seinerzeit auch etliche heute noch berühmte Komponisten, die zugleich gute Schriftsteller waren. Tschaikowsky, Saint-Säens und Grieg, sie haben allesamt Berichte für ihre Zeitgenossen geschrieben, die die Zeiten überdauert haben, ja: der Russe notierte damals Zeilen der latent ironischen Verzweiflung, die bekannter wurden als alle anderen, die von auswärtigen Gästen veröffentlicht worden sind. Worum ging’s? Um die defizitäre Versorgungslage, die Schlacht an den Buffets, die Not (schon Wagner wusste, was das Wort bedeutete) der ersten Festspielbesucher beim Kampf um ein Stück Brot. Indem Thalbach die Texte der Repräsentanten der Musikkultur dreier durchaus unterschiedlicher Nationen und Musikkulturen liest, erhalten wir zugleich einen Blick aus drei Perspektiven, in denen die Kunst wie die (nicht vorhandene bzw. erkämpfte) Kulinarik, das „Kunstwerk der Zukunft“ und die kulturpolitischen Kämpfe der Gegenwart festgehalten worden sind. Zum Pluspunkt der Auswahl der Texte gehört die Intelligenz der Autoren, die Wagners Musik und Musikdramen, dies betrifft vor Allem Tschaikowsky, kritisch gegenüberstanden, aber objektiv genug waren, um das Gute, ja: das überzeitlich Gültige zu erkennen und mehr oder weniger feuilletonistisch herauszuarbeiten. Gerade die Texte von Camille Saint-Säens gehören nach wie vor zum Erhellendsten, was seinerzeit über Wagners revolutionäre Musikdramatik geschrieben werden konnte.

Und die Musik? Wenn Kit Armstrong die Werke von Tschaikowsky, Saint-Säens und Grieg spielt, ist Katharina Thalbach seine erste und begeistertste Zuhörerin. Sie swingt leise mit, wenn es rhythmisch primitiv zugeht, sie scheint sich zu verträumen, wenn es elegisch vorangeht. Sie ist ganz bei der Sache und versucht erst gar nicht – und wieso auch? – so zu tun, als müsse sie als sichtbare Lauscherin neutral bleiben. Kein Wunder: Kit Armstrong, der seinerseits leise, also zustimmend lächelt, wenn Katharina Thalbach die köstlichen Texte köstlich zu Gehör bringt, kann das ja alles: das Heftige und das Luzide, die Versenkung und die rhythmische Komplexität. Auf eigene Weise komplex wie hintersinnig ist bereits die Musikauswahl. Nur selten „passen“ die Musikstücke zum jeweiligen Text. Natürlich ist es witzig, wenn auf Griegs Ruf „Nun auf zur Generalprobe!“ sein Trollzug ertönt oder In der Halle des Bergkönigs auf verwandte Mythologien verweist. Natürlich macht es Sinn, wenn Schmetterlinge in Oberammergau erwähnt werden und der Musiker sogleich Griegs Schmetterling op. 43/1 spielt. Einzelne Passagen von Handlungs- und Musikbeschreibungen des Rheingold und der Walküre werden vom Mann am Klavier durch kurze Zitate genügend angedeutet. Ansonsten herrscht eine deutliche Indifferenz zwischen Text und Musik – die indes tiefen Sinn macht. Denn wirken die Werke der drei Autoren, oft Salonstücke wie Saint-Säens’ Elégie op. 160, Tschaikowskys August und Griegs Glockenklang op. 54/6, nicht wie subtile Gegenkommentare zur offiziösen Größe des Wagnerschen Festspiels? Als völlig authentische Gegenwelt also?
So steht am Ende auch nicht die Wagnerweihe, sondern ein deutliches Plädoyer für alle Kunst, die vor, neben und nach Wagner geschaffen wurde: mit Wagner als einem der Großen. Wenn Armstrong zuletzt Saint-Säens’ Fuge op. 161/6 spielt, begreifen wir, wenn wir es nicht vergessen haben, dass das Erbe Bachs vielleicht – horribile dictu! – doch wichtiger ist als das Richard Wagners – nicht, weil Wagner schlechter ist als Bach, sondern weil er, wie Bach, zu Jenen gehört, dessen Kunst, nicht dessen Person von Saint-Säens und seinen Kollegen so verehrt wurde wie die eines W.A. Mozart.
Für dieses Plädoyer gab es übrigens Szenenapplaus, bevor mit dem berühmten Bayreuther Pausengespräch eines anderen bekannten Bayreuth-Besuchers, also Loriots, und dem Finale von Gabriel Faurés und André Messagers Quadrille auf Themen aus dem Ring, den Souvenirs de Bayreuth, der Abend lustig schloss.
Frank Piontek, 24. Juli 2026
„‘… von Takt zu That…‘“
Katharina Thalbach und Kit Armstrong
Markgräfliches Opernhaus, 23. Juli 2026