Buchkritik: „Wahnfried – 50 Jahre Richard-Wagner-Museum 1976–2026“, Sven Friedrich

Im ersten Band ihrer Tagebücher nennt Cosima Wagner am 23. Dezember 1873 die noch im Bau befindliche Villa Wahnfried „Ärgersheim … da beständig irgendetwas Verfehltes oder Vergessenes sich uns darin entdeckt.“ Dennoch bezogen 1874  Richard und Cosima Wagner samt Kindern und Personal die hochherrschaftliche Villa am Rande des Hofgartens, mitten in Bayreuth.  Freilich, das am Gebäude bis heute  lesbare Motto „Hier wo mein Wähnen Frieden fand, Wahnfried sei dies Haus benannt“ erwies sich als trügerisch, wo nicht als uneingelöste Utopie. Schon das Klima der Stadt, in der Wagner sein Haus erbauen ließ, war unentwegtes Ärgernis für ihn. Er wurde nicht müde, sich wortreich über das oberfränkische Klima zu entrüsten, ja zu empören. Gegenüber seinem Parsifal-Bühnenbildner Paul von Joukowsky gestand er unumwunden, dass er sein „schönes Haus mit solch einem Scheiß-Klima“ gebaut habe.  

Vor 150 Jahren fand mit der Uraufführung von Richard Wagners Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend „Der Ring des Nibelungen“ im eigens dafür und ausschließlich für das eigene Werk in Bayreuth errichteten Festspielhaus die „erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst“ statt, wie Friedrich Nietzsche – damals noch sehr enthusiastisch – schrieb. Und anlässlich des Zentenariums der Bayreuther Festspiele im Jahr 1976 wurde vor genau 50 Jahren in jenem „Ärgersheim“, der Villa „Wahnfried“, das Richard-Wagner-Museum eröffnet. Hervorgegangen aus der städtischen „Richard-Wagner-Gedenkstätte“ besteht es 2026 mithin genau 50 Jahre.

Aus Anlass dieses Doppeljubiläums unter dem Titel „50/150 – Utopie und Echo“ erschien zur diesjährigen Festspielsaison beim Deutschen Kunstverlag die Dokumentation  „Wahnfried – 50 Jahre Richard-Wagner-Museum 1976–2026“ von Museumsdirektor Dr. Sven Friedrich. Unter den vielen überflüssigen und unzuverlässigen neuen Büchern, die über Wagner, die Festspiele und Bayreuth erschienen sind, ist es ohne Frage das profundeste und wichtigste.

Friedrich zeichnet präzise, kompetent und detailliert die Geschichte des Museums und seiner Geschichte nach und beleuchtet Wahnfried als Erinnerungsort zwischen künstlerischem Erbe, politischer Instrumentalisierung und kritischer Neubewertung. Reich bebildert schildert das Buch nicht nur die großen Linien des Wandels von Selbstverständnis und Erscheinung eines bedeutsamen Hauses der deutschen Kulturgeschichte als des weltweit führenden Richard-Wagner-Museums. Dass die Publikation in erster Linie Richard Wagner und dem Richard-Wagner-Museum dient, versteht sich von selbst. Es ist für das Buch bezeichnend, dass der Regierungspräsident von Oberfranken in seinem Grußwort schreibt: „Was wäre Bayreuth ohne seine Richard Wagner-Festspiele?“ Man möchte ihn an Alfred Kerrs Apell erinnern: „Vergessen dich die Deutschen heut? Du bist der Meister von Bayreuth!“ – gemeint ist Jean Paul, dem immerhin neben Franz Liszt ein kleines Museum gewidmet ist, das ebenfalls von Sven Friedrich geleitet wird, nebenher sozusagen.

Der Weg zum Richard-Wagner-Museum war ein langer, wie Sven Friedrich beeindruckend darstellt. Und er war immer von vielen Interessen begleitet, politischen wie Familiäre. Friedrich beginnt seine Museumsgeschichte mit Cosimas Sammeltätigkeit als Voraussetzung der „Richard Wagner-Gedenkstätte“, die die „besessene Wagner-Apologetin“ Helena Wallem initiierte. „Tatsächlich wurde Wallems Sammlung, für deren Präsentation sie … den ‚Damenflügel‘ des neuen Schlosses nutzen konnte, am 22. Juli 1924 die ‚Richard-Wagner-Gedenkstätte‘ eröffnet und am 1. August 1927von der Stadt Bayreuth erworben, die damit auch die Trägerschaft der Gedenkstätte übernahm.  … Die Wagner-Gedenkstätte fungierte vor diesem Hintergrund durchaus nicht nur als traditionalistischer Verehrungsort und Kultstätte für Richard Wagner als idealisierte Zentralfigur deutsche Nationalkultur, sondern – neben den Klassiker-Gedenkstätten in Weimar – auch als Ort des Widerstands gegen den vermeintlichen Kulturverfall durch die als dekadent und ‚jüdisch-bolschewistischen‘ apostrophierte ästhetische Moderne. Sie verstand sich als Hort ‚geistiger Erneuerung’ und hatte in ihrer Leiterin Helena Wallem eine zentrale Stellung und weltanschauliche Funktion im sognannten ‚Bayreuther Kreis‘ um das Haus Wahnfried, … die ideologische, völkisch-nationale und parareligiöse Wagner-Aneignung betrieben.“

In Cosima Wagners Töchtern Daniela Thode und Eva Chamberlain gewann sie prominente Unterstützer, die die Sammlung bereicherten, nicht zuletzt mit den Tagebüchern Cosimas, die freilich durch Evas Eingriffe (Schwärzungen) verfälscht wurden. Dem Briefwechsel ihrer Eltern Cosima und Richard war noch schlimmeres widerfahren: Sie hatte ihn nachweislich verbrannt.

Die Themen ‚Verlust‘ und ‚Vernichtung‘  seien beim Umgang mit der Vergangenheit nicht nur der Geschichte des Hauses Wahnfried eingeschrieben, sondern auch in die des Archivs, so liest man. „Nach Siegfried Wagners Tod 1930 hat seine junge, energische Witwe Winifred als Erbin des Familienvermögens auch die Leitung des Festspiele übernommen. Durch ihre künstlerischen Entscheidungen zog sie immer wieder den Zorn der ‚Alt-Wagnerianer’ auf sich, darunter ihre Schwägerinnen und auch Helena Wallem. Mit der Verwaltung des Familienarchivs …beauftragte sie 1932 Dr. Otto Strobel “  

Siegfried hat immerhin der Richard-Wagner-Gedenkstätte das Sterbesofa Richard Wagners aus dem Palazzo Vendramin in Venedig vermacht. Die Exponate der Sammlung seien „reliquienartig und dicht gedrängt als chronologische Hagiographie von Wagners Leben und Schaffen“ präsentiert worden so ist zu lesen. Die gesamte Präsentation habe zumal in den Zimmern mit persönlichen Erinnerungen Wagners, den „Weiheräumen“ eine „sakrale Aura“ erhalten. In der Zeit des Nationalsozialismus war die Gedenkstätte bereits fester Bestandteil der „Institution Bayreuth“. Sie war inzwischen auf 34 Räume angewachsen. „Der Wahnfried-Archivar Dr. Otto Strobel wurde indessen auch Leiter einer ersten ‚Richard-Wagner-Forschungsstätte“, die auf der Bibliothek des 1938 verstorbenen Hans von Wolzogen  basierte, in dessen Wohnhaus Lisztstrass 2 eingerichtet und 1939 an Wagners Todestag, dem 13. Februar, eröffnet wurde. … Die Forschungsstätte war auf Betreiben Winifred Wagners … direkt der Reichskanzlei unterstellt, worden, um eine Einflussnahme des als Bayreuther Oberbürgermeisters fungierenden, aber wenig geschätzten Gauleiters Fritz Wächler zu verhindern.“ Die Hauptaufgabe der Forschungsstätte sei die Abwehr kritischer Angriffe auf Person und Werk Richard Wagners gewesen.

„Gegen Kriegsende hatte auch die Gedenkstätte ihre Arbeit eingestellt und war zunächst geschlossen worden. Helena Wallem war aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft in ihrer Funktion nicht mehr tragbar…. Auch Helena Wallem stand als eigensinniges Relikt einer vergangenen Epoche der vollständigen Neuordnung der Gedenkstätte im Wege, die sie als ihre persönliche Angelegenheit betrachtete und die ausschließlich ihr Wagner-Bild vermitteln sollte.“ Otto Strobel organisierte die Gedenkstatte neu. Er „bestritt in einer ‚Denkschrift zur Neuorganisation der Gedenkstätte‘ vom 14. Dezember 1948 nicht nur die persönliche und wissenschaftliche Eignung der unkritischen Wagner-Apologetin Wallem, sondern warf ihr auch die Vernichtung von Quellen vor, welche ihrer Meinung nach dem von ihr gepflegten apodiktischen Wagner-Bild hätten abträglich sein können. Für eine Wiedereröffnung der ,,Gedenkstätte schlug Strobel die Eliminierung jeglichen ’Reliquienkults und gefühlsseliger Schwärmerei‘“ vor.

Genau 25 Jahre nach ihrer Gründung fand am 22. Juli 1949 im Neuen Schloss die Neueröffnung der Gedenkstätte in der von Otto Strobel entworfenen Form statt. Mit dem überraschende frühen Wiederbeginn der Festspiele wurde Bayreuth Epizentrum für Wagnerianer weltweit. Am 23. Februar 1953 verstarb Otto Strobel. Seine Nachfolgerin wurde seine Gattin Gertrud Strobel. „Politisch blieb sie wie Winifred Wagner der NS-Ideologie im Stillen treu… Tatsächlich verwaltete sie das Archiv weniger, als dass sie darüber herrschte.“

Joachim Bergfeld wurde nach Helena Wallems Tod der Leiter der Gedenkstätte. Auch er war nazibelastet. Aber „durch Erfahrung geläutert, betrat mit Bergfeld der Vertreter einer neuen, nüchternen und modernen, kritischen, wissenschaftlich orientierten Generation von Wagner-Forschern die Bayreuther Bühne.“ Eine der wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen Bergfelds war 1975 die Herausgabe von Wagners „Braunem Buch“, einer Art Tage- und Notizbuch der Jahre 1865 bis1882. 1973 endlich wurde Wahnfried Museum. Nach der zwanzigjährigen Konsolidierung der Gedenkstätte unter Bergfeld stand Martin Eger „schon mit Amtsübernehme vor der Herkulesaufgabe, diese zum hundertjährigen Jubiläum der Festspiele 1976 in das geplante Richard-Wagner-Museum im Haus Wahnfried zu überführen.“

Damit war die erfolgreiche und verdienstvolle Ära Manfred Egers, der das Museum unter dem Motto „Fakten und Faines statt Kult und Weihe“ aufbaute, angebrochen. Zuvor wurde die Richard Wagner-Stiftung gegründet, die die Mittel bereitstellen konnte, die kriegszerstörte, teilweise modern umgebaute Villa Wahnfried zu rekonstruieren und wieder instand zu setzen. Die Eröffnung des Richard-Wagner-Museum fand am 24. Juli1976 statt. „In Anwesenheit von Bundespräsident Walter Scheel und seiner Frau Mildred war dies der Auftakt  zur Eröffnung des ‚Richard-Wagner-Museums  mit Nationalarchiv  und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth‘, so die etwas umständliche vollständige Bezeichnung der neuen Institution.“ Walter Scheel hielt damals eine fulminante, als skandalös empfundene Rede, die leider neben anderen Reden nicht abgedruckt wurde in dem ansonsten dokumentenreichen Buch.

„Bayreuths Geschichte ist ein Teil deutscher Geschichte. Seine Irrtümer sind die Irrtümer unserer Nation gewesen. Und in diesem Sinn ist Bayreuth eine nationale Institution geworden, in der wir uns selbst erkennen können. Die dunkeln Kapitel deutscher Geschichte und Bayreuther Geschichte können wir nicht einfach wegwischen.“ Walter Scheel hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Zu diesen dunklen Kapiteln Bayreuther Geschichte gehört vor allem die Rolle, die Bayreuth während des Dritten Reichs spielte. „Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche ‚historischen‘ Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbildern, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: „Sicher, Wagner war ein Antisemit. Aber es ist einfach falsch, zu behaupten, Hitler habe seinen Antisemitismus von Wagner übernommen. Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden.“ Friedrich Nietzsche hat als Erster bemerkt, dass Wagner „unter Deutschen bloß ein Missverständnis ist“. 

Nun kann man Sven Friedrich keineswegs vorwerfen, dieses Missverständnis nicht bemerkt zu haben. Umso unverständlicher, dass er Walter Scheels Rede ausgespart hat.

Friedrich beschreibt und offenbart viele Zeugnisse der nationalsozialistischen Vereinnahmung Wagners, er dokumentiert aber auch die Architektur, die Räume und die Exponate des Museums. Sein besonderes Augenmerk gilt freilich der Neukonzeption des Museums, die auf sein Konto geht. Man liest „Nach 20 Jahren, in denen Dr. Manfred Eger den originalgetreuen Wiederaufbau des Hauses Wahnfried wissenschaftlich-kuratorisch begleitet, das neue Richard-Wagner-Museum konzipiert, mit den Beständen aus Gedenkstätte und Nationalarchiv realisiert und etabliert sowie die Gedenkstätte abgewickelt hatte, und mit der Verwaltung zweimal umgezogen war, das Jean-Paul-Museum realisiert, das Franz-Liszt-Museum entworfen und dafür seinen Ruhestand noch um zwei Jahre verschoben hatte, übergab er sein Lebenswerk dem unerfahrenen , noch nicht 30-jährigen Sven Friedrich“, schreibt der bescheidene Autor.

Friedrich arbeitete sich gründlich ein in die Wagnermaterie, er hatte viel gelernt vom langjährigen Mitarbeiter Wolfgang Wagners, Oswald Georg Bauer (der Friedrich förderte), den er ebenso würdigt wie Manfred Eger. Längst ist er einer der profundesten Wagnerkenner und -autoren geworden.

Es versteht sich von selbst, dass Friedrich seiner Neukonzeption, die er schon seit der Jahrtausendwende ins Auge gefasst hatte, eine Konzeption, die nach wie vor umstritten ist, das Wort redet. Er hat den Wallfahrtsort aller Wagnerianer  gründlich entrümpelt, aber auch entzaubert.

„Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte das runderneuerte und erweiterte Museum am 26. Juni 2015 … wiedereröffnet werden.“ Die einst überreich angefüllten, faszinierenden Vitrinen mit Fotos auch aus Venedig, die vor der Sanierung noch zu sehen waren, wo sind Sie geblieben? Mancher mag die frühere Museumsgestaltung des Wohnhauses der Wagners bis zur Gründung der Richard Wagner Stiftung, wahrlich eine Villa Kunterbunt, als „vollgerümpelt“ empfunden haben.  Aber es war doch ein atmosphärisch dichtes, animierendes, außerordentlich informationsreiches, anschauliches und anrührendes Museum. Man konnte sich in ihm auf eine Zeitreise begeben, die gefangen nahm und eindrucksvoll das Wagnerleben dokumentierte und auch noch an die besseren Tage der Richard Wagner Festspiele erinnerte mit seinen Bühnenfotos und Sängerporträts. Es war eine lehrreiche Chronik der Inszenierungsgeschichte Wagners in Bayreuth, nicht zu reden von Familiengeschichte, Kitsch und Kuriosa, die ebenfalls nicht zu kurz kamen.

Das nach fünf Jahren Sanierung und um einen an Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin erinnernden Erweiterungsbau von Volker Staab erweiterte Wahnfried-Museum wirkt heute nüchtern, ja steril. Zwanzig  Millionen soll die Überführung der Wagnervilla „in die Moderne“ gekostet haben. Nun gibt es also ein Café und einen Bookshop, großzügige Toiletten- und Schließfächerbereiche. Aber wohin sind die vielen, vielen Exponate gewandert, derer man sich so gern erinnert, und die immer wieder einen Besuch lohnten? Die meisten Räume im jetzigen Haus Wahnfried sind nahezu leer. Eine radikal entschlackte, ja entkernte Wagnerausstellung. Die denkmalgeschützen Räume auch im erstmals ins Museum einbezogenen Siegfried-Wagner-Bau habe man weitgehend unmöbliert gelassen, um sie für sich sprechen zu lassen, so hörte man. Aber was erzählt denn das absolut leere Kaminzimmer, in dem einst Adolf Hitler gesessen hatte? Ja, es gibt natürlich Monitore mit Kurzfilmen, die diesen Teil der Wagnerrezeption erläutern.  Es gibt auch die Originalpartitur des Tristan im Keller des Anbaus zu sehen, einige Kostüme und die berühmten Bühnenbildmodelle, die allerdings schlecht beleuchtet sind. Was sagt einem schon die heroisch anmutende Wagnerbüste vor goldenem Halbrund im Keller des Neubaus? Vielleicht erfährt man es in den dreisprachigen Media-Guides. Mag sein. Natürlich fehlt auch nicht eine „interaktive Partitur“, wie man sie auch im Bachmuseum in Leipzig und an anderen Orten der Welt hat. Ein nettes Spielzeug, gewiss!

Alle „unechten“ Erinnerungsstücke (Mobiliar, Bilder etc.) in den Wohnräumen der Familie Wagner sind eliminiert worden oder gespenstisch mit weißen Tüchern abgedeckt, nur sehr wenige authentische Einrichtungsgegenstände werden noch gezeigt. Alte Tapeten hingegen wurden nachgebildet. Sparsam beschriftete Stelen geben Auskunft über die ursprüngliche Ausstattung der Räume. Das Museum mag  zwar den Anschluss „an die Heutezeit“ gefunden haben, aber es ist, mit Verlaub gesagt, nichtssagender geworden, als es einmal war. Kein Ort mehr für Nostalgiker und für neugierige Lese- und Augenmenschen. Kein Staub mehr von Vorgestern. Auch das Herz kommt zu kurz. Wie schade!

Nike Wagner, die Kluge und Unerschrockene, hat in ihrer brillanten Rede beim Festakt der Eröffnung des Museums (die bei Friedrich ausgespart wird) nicht nur die wechselvolle Geschichte der Bewohner (zu denen sie ja auch zählt) von Villa Wahnfried Revue passieren lassen, sondern auch den Finger an die neuralgischen Punkte der Neukonzeption, die „Mühen des langen Weges zu Wahnfried heute, die Diskussionen, Wettbewerbe, Zuständigkeitsprobleme und Versäumnisse gelegt: nach allen Regeln zeitgenössisch-interaktiver Museumspädagogik“, barrierefreier correctness und klimatischer Zentralsteuerung. Die Nichtwiederherstellung der historischen Gartenanlage war der Preis, dafür erhielt die Zufahrtsallee – gottlob – wieder ihre originale Länge. Dass für die Idee eines Wahnfrieds als  „Musée sentimental“ – durchaus richtig und zeitgemäß – die Theater-geschichte  dieser Familie  mitsamt Museums- und Archiv-Depot  unter Tage verlegt wurde, in Nacht und Künstlichkeit, in ein gewaltiges Nibelheim, mag zu Reflexionen über das unterirdische Arbeiten des Wagner-Mythos selbst anregen, der sich über die sog. Sachzwänge der „großen Lösung“ eingeschlichen hat.  Oder war es nur das große Ego des Museumsleiters? Der Stiftung, die kein Geld hat, oder der Stadt, die auch kein Geld hat, stehen nun große Betriebskosten bevor. Mögen die Bayernministerialen im Geist ihres Märchenkönigs handeln, ohne den einer der bedeutendsten Opernkomponisten unserer Kulturgeschichte ja auch verhungert wäre. Jedenfalls ist mit viel Geld und vielen Grabungen der hundertjährige familiäre Wahn-Sinn nun wirklich in eine geschichtliche Sicherheitszone verwandelt und Wahnfried – jenseits bloßer Neo-Restauration – zum eigenen musealen Ort geworden. Ich vermeide bewusst das Tourismus-Wort vom „Erlebnisort“, obwohl Wahnfried ja auch das werden soll. Wie alles marktgängig zu machende Kulturgut…

Die schlimmsten Auswüchse solchen Denkens wurden – ich darf daran erinnern – mit  Hilfe meiner kämpferischen Schwester Iris Wagner vermieden, sowohl das „Bratwurstglöckl“, das in den Räumen des Siegfried-Hauses errichtet werden sollte, um den ideologisch verruchten Ort zu „humanisieren“ -– wie der schwungvolle Caféhausbetrieb unmittelbar neben dem Grab von Richard und Cosima Wagner. Immerhin ist es nun auch gelungen, das Erdgeschoss des Siegfried-Hauses, dieses perfekt erhaltene Interieur der 30er Jahre und Absteigequartier Adolf Hitlers, zum Lehrpfad lebendiger Geschichte werden zu lassen. Dass der Winifred-Film von Hans Jürgen Syberberg, ein einzigartiges historisches Dokument, dort seinen Platz hätte finden müssen, wenn schon auf „Authentizität“ Wert gelegt wird – dort, wo sie überhaupt noch zu haben ist! – sollte dem Museumsleiter freilich erneut und dick unterstrichen ins Stammbuch geschrieben werden. Ein bedeutender Cineast schrieb Zeitgeschichte: auf Bildschirm wäre Wini, wie sie leibte und lebte, zu haben gewesen. Aber natürlich in toto, nicht nur per Clip, nicht nur mit ihrem skandalösen Bekenntnis zu Adolf Hitler, wie man es hier gerne verkürzt haben wollte.“ Nike Wagner ist nichts hinzuzufügen. 

Zum Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung nur so viel: Mehrere Wissenschaftler haben  die mangelhafte Inventarisierung scharf kritisiert, die veraltete wissenschaftlichen Aufbereitung des Bestands, das Versäumnis, alle Handschriften zu digitalisieren und sich um die Integrierung der noch im Besitz der verstreuten Familienstämme befindenden Briefwechsel etc. zu bemühen.  

Nicht zuletzt der Politologe und profunde Wagnerkenner Udo Bermbach hat in der Neuen Zürcher Zeitung vom 19. Juli 2015  beklagt: „Vor allem der Nachlass von Winifred und Siegfried Wagner, der sich weitgehend im Besitz von Amélie Hohmann befindet, sollte endlich der Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Dass hier Material, welches für die Bewertung der politischen Rolle der Wagner-Familie wie der Festspiele bedeutend ist, der öffentlichen Auswertung und Diskussion entzogen wird, ist ein Skandal angesichts der Bedeutung, die Bayreuth in der deutschen Geschichte zukommt, und man kann sich nur wundern, wie wenig öffentliche Aufregung diese fragwürdige Privatisierung wichtiger Quellen erzeugt…. Das Archiv ist seit langem unterbesetzt, viele Bestände sind unzureichend erfasst, die knappen Öffnungszeiten – eine Zumutung. Dass ein weltweit so einzigartiges Archiv schlechter ausgestattet ist als manche Stadtbibliothek, kann nur als Skandal bezeichnet werden und zeigt die Geringschätzung, die inzwischen dem kulturellen Erbe Deutschlands entgegengebracht wird. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, die Bestände im Festspielhaus mit denen des Archivs zusammenzuführen, um sie der Forschung zugänglich zu machen. Das gilt auch für die privaten Nachlässe. Denn Richard Wagner gehört nicht seinen Nachkommen, er gehört allen, die sich für ihn interessieren.“ Bermbachs Klagen sind gehört worden. Inzwischen ist manches geschehen.

Friedrich verteidigt natürlich sein Museum vehement: „Mit der Erneuerung und Erweiterung hat sich das Museum von einer ausgestellten Sammlung zu einem vielfältigen Ort des Sammelns, Bewahrens, Ausstellens und Vermittelns, des Veranstaltungsbetriebs und der Forschung entwickelt. Von der eher herbariumartigen Präsentation historischer Objekte und Artefakte in Schauvitrinen mit handgemachten Objektbeschriftungen ist die Ausstellungs- zur Raumgestaltung geworden, bei der Präsentationsmobiliar und ,Exponate eine ansprechende Einheit bilden und mittels mehrstufiger Ausstellungstexte sowie  einem mehrsprachigen Media-Guide didaktisch zeitgemäß erschlossen werden.“

Sein Buch darf trotz aller kritischen Einwände (neben dem hervorragenden Buch von Markus Kiesel und Joachim Mldner: „Wahnfried. Das Haus von Richard Wagner“) als bisher umfassendste Monografie der Villa Wahnfried bzw. des Richard-Wagner-Museums betrachtet werden. Friedrich hat kenntnisreich wie kaum ein anderer Geschichte und Gegenwart des Museums auch mit opulenter Bebilderung darstellt, beschreibt das Tagesgeschäft, die Ausstellungen, Konzerte und sonstigen Aktivitäten des Museums und bietet Ausblicke.  

„Die Zukunft können wir nur ahnen. Erwartungen  gleich welcher Art, können  keine Ansprüche sein, werden sie doch stets erfüllt oder enttäuscht. Für Hoffnung dagegen besteht , gleich unter welchen Rahmenbedingungen, immer Anlass.“

Dieter David Scholz, 14. August 2026


Sven Friedrich: Wahnfried – 50 Jahre Richard-Wagner-Museum 1976–2026.
Herausgegeben von der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Berlin: Deutscher Kunstverlag 2026
ISBN 978-3-422-80440-1