Aachen: „Il Viaggio a Reims“, Gioachino Rossini

Lieber Opernfreund-Freund,

vielleicht ist es Ihnen in den vergangenen Tagen und Wochen ähnlich ergangen: Sie haben einen wichtigen Termin, zum Beispiel beim Zahnarzt oder zum Geburtstagskaffee bei Tante Inge. Aber weil Busse und Bahnen nicht fahren, der Flughafen bestreikt wird oder aufgebrachte Bauern Autobahnauffahrten blockieren, geht gar nichts – Sie kommen einfach nicht vom Fleck. Diese Erfahrung machen schon die Protagonisten von Gioachino Rossinis letzter italienischsprachiger Oper Il Viaggio a Reims: Sie sind auf dem Weg zur Krönung Karls V. und stranden in einem Hotel in Plombières-les-Bains rund 300 km vor ihrem Ziel, können aber nicht weiterreisen, weil keine Pferde aufzutreiben sind. Dabei kommen sich die Reisenden näher, operntypische Irrungen und Wirrungen entstehen. Schließlich macht die illustre Schar aus acht Ländern Europas aus der Not kurzerhand eine Tugend, feiert selbst ein großes Fest und lässt Kaiser Karl auf Ihre Weise hochleben.

(c) Annemone Take

Der Niederländer Michiel Dijkema hat den Plot von einer Herberge in den Vogesen in einen Stau auf der Autobahn verlegt. Die Straße ist gesperrt, alles Geschimpfe von Madame Cortese, hier Chefin eines Reiseveranstalters, nützen nichts, die Bauarbeiter geben den Weg nicht frei. Das funktioniert ganz wunderbar und der Grund für die Sperrung, der sich am Ende offenbart, ist so abstrus wie die eigentliche Opernhandlung. Dijkema aktualisiert mit viel Witz, schafft den nötigen Drive durch spannende Personenführung – und das ist wohlgemerkt im Stau schon eine Kunst – und überspitzt, ohne allzu platt zu werden. Dazu erfreuen die ausgezeichneten Kostüme von Jula Reindell das Auge und bieten ein buntes Kaleidoskop aktueller Mode. Dass zum Finale Karl V. höchstselbst erscheint und die Gesänge nicht nur zum Ausdruck des Miteinander der Völker der Welt, sondern sogar intergalaktisch werden, ist die groteske Kirsche auf der knallbunten Sahnetorte.

Die Reise nach Reims ist trotz ihres Melodienreichtums und ihres sprühenden Witzes vergleichsweise selten auf deutschen Bühnen zu erleben. Das liegt wohl auch daran, dass es rund ein Dutzend solistische Rollen gibt, die typ- und fachgerecht besetzt werden wollen. Das Theater Aachen schafft dies jedoch mühelos und dabei zum größten Teil mit Mitgliedern aus dem eigenen Ensemble. Suzanne Jerosme, Larisa Akbari und Randall Bills als Gast überbieten sich in Bezug auf die Virtuosität ihrer Koloraturen, Àngel Macías und Jorge Ruvalcaba sind die Machos in der Runde, überzeugen aber auch stimmlich und mit bestem Gespür für komödiantisches Timing, während Ensembleneuzugang Laia Vallés mit ihren ausdruckstarken Kantilenen für die romantischen Momente zuständig ist. Und auch der Rest des Ensemble überzeugt; man kann förmlich spüren, wie viel Spaß den Sängern diese Oper macht.

(c) Annemone Take

Im Graben zeigt Hiroshi Ueno ein forsches, tempogeladenes Dirigat, da und dort mit kleinen Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Bühne und Graben. Aber das ist angesichts der mörderisch vielen Noten, die da zu spielen sind, verzeihlich – bei der ansteckenden Spielfreude ganz und gar. Der von Jori Klomp betreute Chor ist bestens disponiert und macht so den Abend vollends musikalisch rund. Michiel Dijkema ist ein echter Wurf gelungen, dieser Abend ist Unterhaltung pur. Wer also Zeit und Lust auf eher unbekannten Rossini hat, dem empfehle ich eine Viaggio ad Aachen.


Ihr Jochen Rüth, 7. Februar 2024


Il Viaggio a Reims
Gioachino Rossini

Theater Aachen

Premiere: 13. Januar 2024
besuchte Vorstellung: 4. Februar 2024

Regie und Bühne: Michiel Dijkema
Musikalische Leitung: Hiroshi Ueno
Sinfonieorchester Aachen

Trailer

weitere Vorstellungen: 7. und 25. Februar, 24. und 31. März sowie 7. und 13. April