Bonn: „Siberia“, Umberto Giordano

Lieber Opernfreund-Freund,

als Puccini seine Madama Butterfly nicht rechtzeitig vollendet hatte – der technikbegeisterte Komponist war mit seinem Automobil verunfallt, wurde stattdessen im Dezember 1903 an der Mailänder Scala Umberto Giordanos Siberia uraufgeführt. Und während im vergangenen Sommer Puccinis Butterfly auf der Seebühne über den Bodensee erklang, zeigte man im Festspielhaus Bregenz dieses nahezu vergessene Werk. Das Theater Bonn hat coproduziert und ebendort hatte die Inszenierung von Regiestar Vasily Barkhatov am Wochenende ihre fulminante Premiere.

(c) Thilo Beu

Umberto Giordano gehörte wie Giacomo Puccini, Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo zur so genannten Giovane scuola Italiana, einer Gruppe von italienischen Komponisten, die im ausgehenden 19. Jahrhundert die Nachfolge Giuseppe Verdis anstrebte und gleichzeitig den französischen Drame lyrique von Massenet und Gounod und dem deutschen Musiktheater eines Richard Wagner etwas Eigenes entgegen setzen wollte. Von seinen rund ein Dutzend Opern hat hierzulande nur Andrea Chenier, 1896 uraufgeführt, auf den Spielplänen überlebt. In seiner italienischen Heimat wird da und dort noch Fedora gezeigt, aus der Amor ti vieta als Tenor-Showstück die eine oder andere Opern-Gala auch hierzulande schmückt. In Siberia, die direkt nach den beiden genannten Werken entstand, zeigt der Komponist seinen Ideenreichtum, verschmilzt russisches Volksliedgut mit ausdrücklich italienischen Klangfarben und Anklängen an den Verismo und erzählt in dieser Symbiose die Geschichte von Stephana, die von ihrem ersten Geliebten Gleby zur Prostituierten gemacht worden war und sich in den Soldaten Vassili verliebt. Sie gibt ihr prunkvolles Leben für ihn auf, folgt ihm ins sibirische Straflager. Als Gleby dort ebenfalls landet und sie vor aller Augen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, entschließen sich Vassili und sie zur Flucht. Dabei wird Stephana tödlich getroffen und stirbt in Vassilis Armen.

(c) Thilo Beu

Das Werk steht in der Tradition der Heiligen-Huren-Opern wie Verdis Traviata und Puccinis Manon Lescaut, in der wahre Liebe „gefallene Mädchen“ läutert, die für ihr neues Glück dem Luxus entsagen und Entbehrungen auf sich nehmen, der Tod dieses aber jäh beendet. Die einzelnen Akte sind hier mit dem jeweiligen Wesen der Frauenfigur überschrieben: die Frau, die Liebhaberin, die Heroine. Siberia, nach einem Libretto von Luigi Illica komponiert, weist jedoch dramaturgische Schwächen auf. Die Szene der Flucht ist äußerst knapp geraten, spielt sich insgesamt in kaum fünf Minuten ab und kann so ihre Emotionen nicht wirklich entfalten. Sie wirkt beinahe wie ein unfertiges Finale, obwohl Giordano das Werk 1927 nochmals musikalisch überarbeitet hat. Und auch Vasily Barkhatovs an sich kurzweilige Deutung vermag diese Unzulänglichkeiten nicht zu heilen, sondern verstärkt sie stattdessen. Er ersinnt eine Rahmenhandlung samt zusätzlicher Figur: eine alte Frau begibt sich mit der Urne ihres Bruders auf die Spuren ihrer Vergangenheit, reist von Rom über St. Petersburg nach Sibirien und beobachtet dabei die Liebesgeschichte ihrer Eltern Stephana und Vassili. Diesen Ansatz integriert Barkhatov in genialer Weise in die eigentliche Handlung, die stimmungsvollen Videos von Christian Borchers dokumentieren dabei nicht nur die Fahrt der alten Dame, sondern bieten auch immer wieder eine herrliche Kulisse für die Zeitreise, Nicole von Graevenitz kann sich bei ihren Kostümen zwischen der Mode des 19. Jahrhunderts, dem Ostblockcharme der Sowjetzeit und dem Hier und Heute bestens austoben. Doch ausgerechnet im bereits erwähnten Blitzfinale gleitet Barkhatov ins Groteske ab, lässt die Alte gerade noch auf einen Spielplatz zwischen sibirischen Wohnbaracken umherzappeln, um im nächsten Moment den knappen Bühnentod von Stephana zu zeigen. So kommt das Ende des musikalisch eindrucksvollen Werkes doch allzu plötzlich – das ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen in dieser originellen und schlüssigen Regiearbeit.

(c) Thilo Beu

Die weibliche Hauptfigur Stephana findet in Yannick-Muriel Noah eine ideale Interpretin. Das Ensemblemitglied – wie überhaupt nahezu alle Sängerinnen und Sänger in Bonn musikalisch zuhause sind – gestaltet mit ihrem warmen, satten Sopran eine gefühlvolle Frau, die durchaus energisch um ihr Glück im unseligen Sibirien kämpft. Da fehlt es keine Sekunde an Gefühl – Noah macht die Hoffnung und das Leid ihrer Figur gleichermaßen erlebbar. Ihr zur Seite steht George Oniani mit stählernem Tenor, was sowohl Kraft als auch Farbe angeht. Mit ungebrochener Power präsentiert er einen Spitzenton nach dem anderen und treibt so das Publikum schon nach den einzelnen Szenen zu Bravorufen. Den Gleby legt Giorgos Kanaris ein wenig linkisch an, verleiht seinem eindrucksvollen Bariton etwas Undurchsichtiges und weiß auch darstellerisch zu überzeugen. Von den zahlreichen kleineren Rollen macht vor allem der junge Santiago Sánchez mit seinem farbenreichen Tenor Eindruck als Prinz Alexis. Der will Stephana anfangs heiraten und ist letztendlich für Vassilis Verbannung ins titelgebende Sibirien verantwortlich.

(c) Thilo Beu

Einziger Gast und wichtiger Motor in dieser Produktion ist Clarry Bartha, die in den Einspielern die alte Frau mimt, auf der Bühne nahezu omnipräsent ist und einige Passagen aus Stephanas Originalpartie sowie den Text einer Mädchenfigur singt. Beides fügt sich reibungslos in die Erzählung ein, Bartha spielt himmlisch, singt berührend und ist für diese Rolle nach zehnjähriger Abstinenz (in den 1990ern war sie Ensemblemitglied in Frankfurt) auf die Opernbühne zurückgekehrt. Marco Medved hat die Damen und Herren des Chores nicht nur bestens auf die russischen Melodien vorbereitet, die sie stimmungsvoll aus dem Off zu singen haben, und auch Daniel Johannes Mayr findet die richtige Balance zwischen russischer Seele, orchestraler Farbenmalerei in den Vorspielen und echter Italianitá in Giordanos Komposition. Das Publikum ist zu Recht begeistert und applaudiert frenetisch am Ende dieses kurzen Abends. Und auch ich lege Ihnen, lieber Opernfreund-Freund, diese Rarität aus vollstem Herzen an Ihr selbiges: nichts wie hin nach Bonn!

Ihr Jochen Rüth, 15. März 2023


Siberia

Umberto Giordano

Oper Bonn

Besuchte Premiere: 12. März 2023

Inszenierung: Vasily Barkhatov

Bühne: Christian Schmidt

Kostüme: Nicole von Graevenitz

Video: Christian Borchers

Chorleitung: Marco Medved

Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr

Beethoven Orchester Bonn

Weitere Vorstellungen: 18. und 21. März, 2. und 20. April sowie 3. und 9. Juni.