Wuppertal: „Hoffmanns Erzählungen“

Premierenbesprechung vom 18.9.2016

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Wo sind wir denn hier?

Manche Dinge laufen einfach nicht. Wuppertal, nicht erst in jüngster Zeit finanziell in der Bredouille, versuchte vor Jahren eine Fusion mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen („Schiller-Theater“). Einige damals vom Rezensenten erlebte Vorstellungen waren erschreckend schlecht besucht. Lokalpatriotische Aspekte sind halt nicht zu unterschätzen.

Vor einiger Zeit versuchte man etwas Neues. Der seit mehr als zehn Jahren mit großem Erfolg das Sinfonieorchester Wuppertal leitende Toshiyuki Kamioka, gelegentlich auch in der Oper dirigierend, wurde zum Opernintendanten bestellt und initiierte ein Sparmodell bzw. kam ihm nach (schwer genau zu verifizieren), welches auf ein festes Sängerensemble verzichtete und die En-Suite-Produktionen mit Gästen besetzte. Die Wuppertaler waren es nicht zufrieden. Kamioka beendete vorzeitig seinen Vertrag und machte sich in seine Heimat Japan auf. Von einem „versöhnlichen Abschied“ war laut dpa die Rede. Freilich: wer hatte sich mit wem zu versöhnen? Inzwischen wurde Julia Jones auf die GMD-Stelle berufen. Zuvor an Theater in Basel und in Lissabon tätig, wird sie sicher auch im Opernhaus die eine oder andere Produktion übernehmen. Opernintendant ist jetzt Berthold Schneider, ausgewählt unter 54 Bewerbern. Ausbildung und Karriere sprechen für ihn. Zuletzt war er Operndirektor in Darmstadt.

Unter seiner Leitung wird ab sofort das Prinzip Ensembletheater reaktiviert, zunächst mit sechs festen Sängern (bitte nicht lächeln), ansonsten engagiert man weiterhin produktionsgezielt Gäste. So weit zu sehen, ist das Geld, welches zu den fatalen Reduktionen führte, auch jetzt nicht vorhanden. Wie man also rechnerisch hinkommt, bleibt im Dunkel. Auch bei „Hoffmanns Erzählungen“ gab es etliche zugereiste Sänger.

Bertold Schneider hatte zum Auftakt seiner Wuppertaler Intendanz verständlicherweise und absolut nicht unbillig Spektakuläres im Sinn. So gibt es nun “Sharing your opera“. Hier werden die Zuschauer eingeladen, „ihre Fotos schon während der Aufführung zu posten.“ Hoffentlich bleibt dabei gutes Benehmen nicht auf der Strecke.

Jetzt erst einmal ein doppelter Paukenschlag. Am 17. September startete man mit der Video-Oper „Three Tales“ von Steve Reich und Beryl Korot (erstmals im Repertoire eines Opernhauses) – diese Aufführung konnte nicht gesehen werden.

Schon am nächsten Abend folgte die Premiere der an dieser Stelle besprochenen Offenbach-Oper. Hierfür wurde David Parry als Dirigent gewonnen, nicht zuletzt durch Aufnahmen bei „Opera Rara“ bestens ausgewiesen. Das merkt man dem federnd und klangschön aufspielenden Orchester an. Einige ritardierende Tempi nicht kritisch unter die Lupe genommen: so präzise und gelenkig hörte man den Klangkörper schon lange nicht mehr.

Für die „Hoffmann“-Aufführung in der Kaye/Keck-Fassung (z.T. etwas frei gehandhabt und zwischen französischem und deutschem Text pendelnd) hat man vier Regisseure engagiert, wie Parry aus dem englischen Sprachraum stammend. Charles Edwards verantwortet den (hinzuerfundenen) „Prolog“ sowie den 1. Akt (Luthers/Lutters Weinstube), Nigel Lowery das Olympia-Geschehen, Christopher Alden die Antonia-Story, Inga Levant jene um Giulietta. Eine Regie für das Schlussbild ist nicht eigens vermerkt (aber vielleicht hat der Rezensent in dem Namensdschungel auch den Faden verloren).

Die Entscheidung gleicht nun freilich einer Schnapsidee, denn es geht ja wohl um eine tragische Entwicklung bei der Titelfigur, und das kann eigentlich nur sinnfällig werden, wenn eine konzeptionelle Einheitlichkeit waltet. Sicher bleibt in Wuppertal erkennbar: „Luthers Weinkeller ist für Hoffmann Insel und künstliches Paradies, in dem man sich dem Rausch … hingibt und die (fatale) Realität unterbricht“ (Programmheft). Wie man das Coverfoto des (reichlich mageren) Faltblattes in diese Gedanken einordnen soll, bedarf freilich einiger assoziativer Klimmzüge. Das Bild zeigt das 2013 vom Taifun Haiyan zerstörte Tacloban/Philippinen mit einer Frau, die nach ihren Habseligkeiten sucht. Zerstörung von Hoffmanns Idealismus? Also bitte, meine Damen und Herren Interpreten

Aber optisches Rätselraten ist für den vierstündigen Abend pausenlos angesagt. Unmöglich, die Irrungen und Wirrungen all dieser Spielabläufe beschreibend zu bündeln und womöglich auch noch sinnvertiefen zu erläutern und aufeinander zu beziehen. Das ganze Tohuwabohu fängt damit an, dass Kerstin Brix die Wuppertaler Dramaturgin mimt und ihren Auftritt reichlich beschwipst beendet (doch wohl keine Anspielung auf die Autorin des Programmblatttextes?). Später sieht man die Stadträtin (sic) Lindorf auf einem Video, „Das Gesicht leihen ihr Margaret Thatcher und Angela Merkel, Politik der Kälte mit Mutti-Charme“ (Programmblatt). Uff!

Danach geht es intellektuell holterdiepolter und mit rätselhaften Bildern weiter. Höhepunkt: „O Dieu de quelle ivresse“ unter einer veritablen Dusche. Bei diesen sich verselbstständigenden Regiespielereien bleibt psychologische Begründung und Vernetzung auf der Strecke. Bei der (fraglos nicht ganz billigen) Ausstattung haben neben einigen der Regisseure noch mitgewirkt: Petra Korink und Doey Lüthi. Irgendeine Faszination müssen die Inszenatoren dem Ensemble freilich übermittelt haben, denn Chor (Markus Baisch/Jens Bingert) und Solisten werfen sich mit einer Vehemenz in ihre Aufgaben hinein, dass man als Zuschauer nachgerade erschrickt.

Das gilt in Sonderheit für den italienisch-belgischen Tenor Mickael Spadaccini als Hoffmann, welcher sogar die Duschszene überzeugt mitzumachen scheint. Er besitzt einen schönen, geschmeidigen Tenor mit voluminöser Höhe, welche bei extremen Spitzentönen allerdings (Zeichen für technische Probleme) nur in Stufen „erklommen“ werden. Die aus Los Angeles stammende Sara Hershkowitz präsentiert sich mit Modelfigur, packendem Spiel und lyrischem Koloratursopran optimal in sämtlichen Frauengestalten. Da es der Aufführung wie erwähnt an psychologischer Stimmigkeit weitgehend fehlt, wirkt die sonst stärker dramatisch konturierte Figur Giuliettas bei ihr nicht verkleinert. Zu Recht besonders gefeiert wird die schottische Mezzosopranistin Catriona Morison als Nicklausse/Stimmeder Mutter (in Personalunion als Engel mit einem lediglich rechten Flügel ausstaffiert), welche speziell das Lied von der Geige mit betörendem Wohllaut zum Besten gibt. Bei Lucas Harbour hat sich auch nach der Geschlechtsumwandlung 2014 zu Lucia Lucas der raumgreifende Bariton erhalten, welcher den „Bösewichtern“ hochformatige vokale Statur gibt.

Bei den Dienerfiguren (Andrès ist gestrichen) wartet Mark Bowman-Hester mit einem hohen D auf, was beim Frantz-Couplet dem Text freilich zuwider läuft. Aber zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer schon längst nicht mehr auf Sinn und Sinnfälligkeit aus. Frantz geistert den ganzen Antonia-Akt über die Szene, während Crespel (Sebastian Campione – auch Luther/Lutter) in luftiger Höhe unentwegt an einer Violine bastelt. Wie das nervt! In kleinen Partien wirken noch mit Sangmin Jeon, Simon Stricker und Andreas Heichlinger. Nicht immer erschließt sich einem, was sie auf der Bühne tun – und vor allem: warum.

Ob die gelegentliche Einbindung von Sprechmonologen/dialogen durch Kaye/Keck gedeckt ist, kann nicht ohne weiteres entschieden werden. Aber da das final noch einmal aufgenommene Kleinzack-Lied klavierbegleitet aus einem Kofferradio ertönt, darf von simplen aufführungspraktischen Entscheidungen ausgegangen werden. Schlusspointe übrigens: die Muse wird von Hoffmann mit einem Elektrokabel abgemurkst. Aber da komme keiner mit hochfahrenden Erklärungen. Das Premierenpublikum, allem Anschein nach offen für jedwedes Amüsement, zeigte sich enthusiasmiert

Christoph Zimmermann 19.9.2016

Bilder (c) Wuppertaler Bühnen

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