DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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PARIS Théâtre des Champs-Elysées

www.theatrechampselysees.fr/

 

 

IL BARBIERE DI SIVIGLIA

am 8.12.2017

Mit viel „Jugend“ und „élégance“ – demnächst auf Tournee in Marseille, Luxemburg und Bordeaux

„Den jungen Talenten eine Chance geben“ – das ist das Leitmotiv von Theaterdirektor Michel Franck, der diesen „Barbiere“ doppelt besetzte: einerseits mit bekannten Sängern, an anderen Abenden mit „jungen Talenten“, die quasi auf der Bühne debütieren. Eine lobenswerte Initiative in einer Welt, in der alle darüber klagen, wie schwierig es für einen jungen Sänger ist, sich auf einer der großen Bühnen zu präsentieren. Gleichzeitig werden jeden Abend mit Hilfe der Caisse des Dépôts 300 Plätze für Jugendliche unter 26 Jahren reserviert für nur 20 Euro. So gibt es Jugend im Saal und auf der Bühne für einen erfrischenden „Barbiere di Siviglia“, bei dessen Uraufführung 1816 Gioachino Rossini gerade 24 Jahre alt war und seine erste Rosina, Geltrude Righetti-Giorgi, 23 Jahre.

Alles unter Leitung eines immer noch jugendlichen Theatermannes Laurent Pelly (in Wien bekannt für seine „Fille du Régiment“), der nach über 40 Operninszenierungen nun zum ersten Mal bei Rossini angelangt ist und sich dort ebenso wohl fühlt wie bei Donizetti oder Offenbach. Pelly ist wieder sein eigener Bühnen- und Kostümbildner und entwirft eine zugleich jugendlich-frische und französisch-elegante Inszenierung, mit vielen kleinen Witzen und einem Hauch von Selbstspott, die beim Publikum gut ankam und den Sängern alle Möglichkeiten gab um ihr Talent zu entfalten. Die Erstbesetzung wurde angeführt durch Florian Sempey, in Fachkreisen bekannt als „le Figaro du moment“ – denn er singt den Figaro zur Zeit an allen großen französischen Häusern, von der Opéra de Paris bis zu den Chorégies d’Orange und zusätzlich auch noch in London, Rom und Pesaro. Sempey entstammt dem gleichen legendären 2010-Jahrgang des Atelier Lyrique der Opéra de Paris (über den wir öfters berichtet haben), ebenso wie die gleichaltrigen Marianne Crebassa und Stanislas de Barbeyrac, die beide inzwischen auch in Wien debütiert haben. Sempey ist ein überaus sympathischer und spielfreudiger Figaro – da konnte einfach nichts schief gehen.

Doch an einem Theaterabend spielen so viele Faktoren mit und nach einer anscheinend sehr gelungenen Generalprobe und Premiere, war dies die gefürchtete zweite Vorstellung. Schon die Ouvertüre wollte nicht so richtig klingen. Wie oft haben wir den jungen, talentierten Jérémie Rhorer und sein 2005 gegründetes Orchester le Cercle de l’Harmonie schon gelobt, u.a. für ihren Mozart-Zyklus an diesem gleichen Hause. Doch jetzt fehlte – für unsere Ohren – alles, was wir an dieser Musik schätzen. Lag es an dem ungewöhnlich langsamen Tempo? An der ungewöhnlich kleinen Orchesterbesetzung (nur 10 erste Geigen, 6 Bratschen, 5 Celli, 2 Flöten etc)? An der niedrigeren Stimmung der Originalinstrumente? Wo waren hier Rossinis Jugend, Witz und Brillanz? In der Auftrittsarie des Grafen Almaviva verfehlte Michele Angelini alle seine hohen Töne (die er auch im Laufe des Abends nicht wieder fand). Zum Glück folgt ja gleich in der nächsten Szene Figaros Auftritt, der jeden schwachen Anfang hochstemmen kann. Doch bei „Largo al factotum“ kam Figaro nicht von der Seitenbühne oder aus dem Saal auf die Bühne gerannt, sondern erschien in einer Sänfte aus dem Schnürboden.

Optisch eine originelle Idee – so wie es deren viele in dem aparten Bühnenbild gab – aber spieltechnisch eine Zwangsjacke für den Darsteller, der sich kaum bewegen kann und sitzend singen muss. Catherine Trottmann trat gleich als junge, sexy und selbstbewusste Rosina auf – so wie Rossini sie interpretiert hat –, doch damit ging auch der Überraschungseffekt in ihrer cavatina „Una voce poco fa“ verloren, wenn sie von „docile, rispettosa, ubidiente“ plötzlich zu einer „vipera“ mutiert. Keine Arie wollte wirklich gelingen. Auch nicht Basilios „La calunnia“, die Robert Gleadow  (der im Oktober als Leporello in der Wiener Staatsoper debütierte) sehr stimmgewaltig ansetzte, womit er sich selbst alle weiteren Entwicklungs- und Differenzierungsmöglichkeiten raubte. Wie oft haben wir positiv über diesen Sänger berichtet – auch an diesem gleichen Hause...

Für Musikerohren, die anderes gewohnt sind, war es ein schwacher Abend und einige namhafte Rezensenten gingen schon in der Pause. Doch am Ende gab es großen Applaus eines offensichtlich zufriedenen Publikums. Dieser jugendliche „Barbiere“ wird noch viel gespielt werden: im Februar in Marseille, im März in Luxemburg, und nächste Spielzeit in Bordeaux und wird sicher noch bessere Abende erleben. Wir sind gespannt!

Noch bis zum 16. Dezember im Théâtre des Champs-Elysées, Info

Bilder (c) Vincent Pontet

Waldemar Kamer 11.12.2017

 

Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online, Paris.

 

TV-Tipp !

Am 16. Dezember auf ARTE-concert und am 29. Dezember auf ARTE-Fernsehen

Am 31. Dezember um 20h auf France Musique, Info : www.francemusique.fr/

 

 

 

PELLÉAS ET MÉLISANDE

Premiere am 9.5.2017

Mit viel „savoir faire“ und „raffinement“ – bald auf Tournee in Klagenfurt und Dijon

„Pelléas et Mélisande“ gehört zu den meist gespielten Opern in Frankreich. So haben wir schon unzählige Inszenierungen gesehen und viele verschiedene Interpretationen gehört. Bei Peter Stein und Pierre Boulez waren Bühne und Orchester sehr üppig, für Peter Brook genügten ein paar Teppiche und ein alter Konzertflügel (in einer von Claude Debussy selbst erstellten Fassung für zwei Klaviere). Und - um bei den Interpreten mit dem Vornahmen „Peter“ zu bleiben - Peter Sellars verlegte die Handlung in ein modernes Krankenhaus und Pierre Médecin in ein bürgerliches Wohnzimmer. Was sie auch taten, die Rechnung ging auf, denn „das Stück funktioniert immer“. Doch manchmal, wenn man genau den richtigen Ton trifft, bekommt es noch eine zusätzliche, fast mystische Dimension. Und das kann man über die letzte Pariser Premiere sagen: sie war für unsere Augen, Ohren und Seele ganz wunderbar.

Eric Ruf trat 1993 als Schauspieler in die Comédie Française ein und wurde auf Bitten der anderen Schauspieler 2014 ihr neuer Direktor. Nebenher spielt er in Theater und Film und ist seit zehn Jahre auch als Regisseur und Bühnenbildner tätig. Mit großem Erfolg: sein sensationeller „Peer Gynt“ wurde 2012 mit vielen Theaterpreisen überhäuft. In der Oper hat er eine besondere Affinität zu wenig gespielten Werken des neunzehnten Jahrhunderts, wie z. B. „Le Pré aux Clercs“ von Ferdinand Hérold (siehe Merker 4/2015). Ruf weiß also mit den symbolistischen „Gedicht“ von Maurice Maeterlinck umzugehen, das Debussy so begeisterte, dass er sich (ohne jeglichen Auftrag) Jahre lang darum bemühte, daraus ein „drame lyrique“zu machen. Maeterlinck schwebte eine „gespenstische Harmonie“ („une harmonie épouvantée et sombre“) vor Augen, in denen „Nachtwandler mit schweren Träumen herumirren“ („des somnambules un peu sourds constamment arrachés à un songe pénible“). Das Ganze solle bitte „mehr angedeutet als beschrieben“ werden.

Ruf entwarf in diesem Sinne ein stimmungsvolles Bühnenbild mit viel Wasser, Nebel und Netzen: einerseits ein Brunnen, andererseits ein Hafen, mit moderigem Gemäuer, in das die Sonne nicht mehr vordringt. In seiner Biografie im Programmheft schreibt der Beleuchter Bertrand Couderc, dass sein Lieblingslicht „die Sonne, gleich nach dem Regen auf einem nassen Bürgersteig“ ist. Er scheint also wie prädestiniert für „Pelléas“ und beleuchtet das Werk mit einem ausgesprochenen Sinn für Nuancen und Reflektionen. Er weiß, wie man Licht schillern, changieren, irisieren und opalisieren lassen kann. Eine derart gekonnte und musikalische Beleuchtung haben wir seit Jahren nicht mehr gesehen – seit der Zeit als Couderc noch für Luc Bondy und Patrice Chéreau gearbeitet hat. In diesem Ambiente können sich die sehr ästhetischen Kostüme von Christian Lacroix – den man wohl nicht mehr vorzustellen braucht – wundervoll entfalten. Alles stimmte. Es gab weder „falsche Noten“ noch szenische Peinlichkeiten. Auch nicht bei der berühmten Turmszene. Das dramaturgisch so wichtige meterlange Haar von Mélisande wurde selten so überzeugend inszeniert wie hier. Ein großes „Bravo“ für das gesamte Bühnen-Team.

Und auch für die Musiker. Dass der Abend einen so besonders feinen Klang hatte, lag vor allem an dem Dirigenten. Schon nach zehn Takten Ouvertüre wussten alle, dass dies ein besonderer „Pelléas“ werden würde. Louis Langrée – im Ausland viel zu wenig bekannt – gilt in Frankreich schon seit zwanzig Jahren als einer der besten Debussy-Dirigenten. Im Programmheft präsentiert er eine interessante Collage mit Texten von Maeterlinck, Debussy und Désiré-Emile Inghelbrecht, der von 1913 bis 1965 als einer der besten Debussy-Dirigenten galt. Inghelbrecht war auch 1934 der Gründer des Orchestre National de France, das viel Debussy mit ihm gespielt hat (u.a. die berühmte „Pelléas“-Aufnahme aus 1962). Und so versteht man die sehr langsamen Tempi die Langrée nimmt (fast das halbe Tempo als z.B. die Aufnahme mit Abbado und den Wiener Philharmonikern aus 1992). Doch solch ein langsames Tempo muss ein Orchester mit einer eigenen „Klangsprache“ füllen können. Und das konnten die Musiker souverän. Sie ließen jeden kleinen Glockenton, jede Zimbel, jeden Harfenakkord langsam aus dem Graben über die dunkle Bühne schweben bevor sie vorsichtig wieder einsetzten. Das war ein wirkliches „savoir faire“ und „raffinement“ auf höchstem Niveau – so wie es eben nur mit Musikern möglich ist, die wirklich „Kultur“ haben. So wie wir es letztes Jahr schon bei „Tristan“ im gleichen Graben schrieben: das Orchester gehört zu den allerbesten in Frankreich – schade, dass es im Ausland so wenig bekannt ist. 

Eine Besetzung für „Pelléas et Mélisande“ ist immer eine heikle Angelegenheit, denn es kommt auf ganz feine Nuancen an. Maeterlinck und Debussy zerstritten sich definitiv über die Frage ob Georgette Leblanc (Maeterlincks Frau) oder die junge Mary Garden Mélisande singen sollten. Auch über Jean Perrier, der den ersten Pelléas sang, teilten sich die Meinungen. Die Rolle des Pelléas liegt in der Turmszene und in seiner Sterbeszene sehr hoch für einen Bariton. Deswegen wird sie heute oft mit einem Tenor besetzt. Aber Debussy bestand auf einem „baryton Martin“, einem typisch französischen Stimmtypus, dem man immer seltener begegnet. François Le Roux galt viele Jahre lang als Idealbesetzung, bis er ab 2000 zur tieferen Partie des bösen Bruders Golaud wechselte. Da übernahm Jean-Sébastien Bou, den wir vor zwei Monaten noch als Don Giovanni in Versailles erlebt haben (siehe Merker 4/2017). Sein Pelléas ist fast zwanzig Jahre später immer noch stilistisch makellos, doch auch für ihn kommt nun die Zeit, wo er aus stimmlichen Gründen zum Golaud wechseln wird. Bei Patricia Petibon ist die Situation als Melisande genau umgekehrt. Sie ist ursprünglich ein Koloratur-Sopran, der inzwischen wirklich alles singen kann (man braucht sie nicht mehr vorzustellen). In Frankreich kennen wir sie vor allem vom Fernsehen, in dem sie Talkshows moderiert und mit abstehenden roten Zöpfen wie eine freche Pipi Langstrumpf auftritt.

Auf der Bühne kennt man sie eher als kämpferische Lulu, doch Petibon wollte unbedingt die schüchterne und schweigsame Melisande singen. Sie spielt sehr verinnerlicht und wird sicher eines Tages auch sängerisch-stilistisch eine große Mélisande sein. Die Sänger-Überraschung des Abends waren die drei tiefen Bässe des Golaud, Arkel und Arztes (& Hirten). Niemand hatte je von Kye Ketelsen gehört, der einen fulminanten Golaud sang. Meine französischen Kollegen waren begeistert: „il a tout“. Er hat alles: eine wunderbare Stimme, Musikalität und Spielfreudigkeit. Und wie sehr gewinnt der Bruderzwist um die gleiche Frau, wenn beide Männer ungefähr gleich alt sind (oft wird Golaud mit einem älteren Sänger besetzt). Jean Teitgen ist ein unüblich junger König Arkel – beinahe hätten wir „Marke“ geschrieben (Debussy hat die Rolle drei Mal umgeschrieben, weil man „immer noch zu viel Wagner in ihr hörte“). Wie Golaud singt er fulminant, was zum Beispiel der Sterbeszene von Melisande eine ganz andere Dimension gibt. Denn auch der Arzt Arnaud Richard ist ein großer Bass. So entschwindet Mélisande auch stimmlich als „einziger Sonnenstrahl in der alten Burg“. Ihre Schwiegermutter, die schon seit vierzig Jahren in den dunklen Gemäuern vermodert, bekommt den samtenen Alt von Sylvie Brunet-Grupposo, eine opulente Besetzung. Und da in Besetzungsfragen offensichtlich der Dirigent das Sagen hatte, wurde der kleine Yniold nicht durch einen Jungen, sondern durch Jennifer Courcier gesungen. Das ist sicher im Sinne Debussys, der kurz vor der Uraufführung die Szene mit Yniold und dem Hirten stark kürzen musste, weil der kleine Knabe die Partie nicht bewältigen konnte. Und jetzt war es perfekt – musikalisch wie szenisch.

Selten sind wir so beschwingt aus einer Aufführung heraus gekommen. Wir waren nicht die Einzigen, denn die Premiere war ein Riesenerfolg. Der Regisseur und sein Team wurden nicht ausgebuht – das will in Paris schon etwas heißen – und die vielen anwesenden Intendanten zeigten sich begeistert. Alle wollen diese Produktion nun haben, die ab 2018 vorerst im Stadttheater Klagenfurt zu sehen sein wird (wo die schönen Kostüme genäht wurden) und dann an der Opéra de Dijon. Und auch noch ab 2021 im Capitole in Toulouse, wie es uns der neue dortige Direktor, Christophe Ghristi, auf der Premierenfeier erzählte. Wir sind gespannt!

Bilder (c) Vincent Pontet

Waldemar Kamer, Paris 11..5.2017

Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

Bis zum 17. Mai im Théâtre des Champs-Elysées

Info: www.theatrechampselysees.fr

Am 14. Juni um 20h auf France Musique, Info: www.francemusique.fr/

Danach auf Tournee in Klagenfurt, Dijon und Toulouse

 

OPERNFREUND PLATTEN TIPP

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

Premiere am 12. Mai 2016

 Nachdem das wunderschöne Art Deco Théatre des Champs-Élysées, die frühere Wirkungsstätte des Wiener Staatsoperndirektors Dominique Meyer, in den 1980er Jahren einen „Ring des Nibelungen“ und 2012 „Parsifal“ aufgeführt hatte, wagte man sich nun an Wagners opus summum „Tristan und Isolde“ heran, in der Regie von Pierre Audi vom Musiktheater Amsterdam. Er hatte an jenem Opernhaus ab 1999 einen exzeptionellen „Ring“ geschaffen, von dem man noch heute nicht nur in Amsterdam spricht. Nicht zuletzt an dieser Arbeit war Audis großes Interesse an Werktreue zu erkennen, also der Versuch, das Stück aus dem Geiste der Musik und der Aussage des Komponisten heraus zu inszenieren, bei gleichzeitiger und in der Regel eindrucksvoller Präsentation unkonventioneller, ja innovatorischer dramaturgischer Ideen. Audis Dramaturg, Willem Bruls, bezeichnet den „Tristan“ auch als Wagners opus metaphysicum, also als ein metaphysisches Werk. Folgerichtig wählte Audi auch für seinen Pariser „Tristan“ eine solche Konzeption, in der es ihm wiederum auf eine äußerst enge Zusammenarbeit mit dem Dirigenten, in diesem Falle Daniele Gatti, ankam, um eine größtmögliche Entsprechung seines Regiekonzepts mit der Musik Wagners zu erreichen. Gatti, der mit dieser Produktion seinen ersten „Tristan“ überhaupt dirigierte – ein lang ersehnter Wunsch, wie der dem Rezensenten beim Premieren-Empfang sagte – sieht in dem Stück nicht eine Liebesgeschichte sondern eine Geschichte des Todes, wie er in einem Interview mit Yutha Tep in der Pariser Zeitschrift Cadences wissen lässt.

Und dass Pierre Audi und Gatti unter diesem Motto eng zusammenbearbeitet haben, offenbart sich schon vor dem Beginn des Vorspiels und den ganzen 1. Aufzug über. Christof Hetzer, der Bühnen- und Kostümbildner, zeigt zunächst ein übergroßes schwarzes Quadrat vor einem weißen Hintergrund. Im Laufe des Vorspiels schieben sich hinter dieses Quadrat drei riesige dunkle Wände, den Schotten großer Passagierschiffe ähnlich. Das Quadrat hebt sich nun, auch wenn es später immer wieder eine Rolle spielen wird. Diese drei großen Schottenwände geben durch ständige seitliche und rotierende Bewegungen immer neu Sichtachsen frei, die ein müheloses und kaum merkbares Aneinanderreihen der Szenen des 1. Aufzugs ermöglichen. Sie ziehen sich sogar über den Bühnenausschnitt hinaus auf die Zeitenwände weiter. Anna Bertsch sorgte für die jeweilige Stimmungen verstärkende Videoprojektionen auf diese großen Wände.

 Der 1. Aufzug ist, dem Thema von Gatti und Audi entsprechend, von schwarzen, immer aber dunklen Tönen gekennzeichnet. Statisten auf dem so angedeuteten Schiff, werden im Hintergrund, aber auch Tristan und Isolde auf der Vorderbühne, als schwarze Scherenschnitte sichtbar und erinnern bisweilen an das Illusionstheater von Robert Wilson. Der aus dem Off agierende junge Seemann Marc Larcher, der später auch den Hirten gibt, singt prägnant, aber mit einem leicht näselnden Beiton. Die großen braunen Schiffskörper rufen Erinnerungen an die „Tristan“-Produktion in Oslo vor einigen Jahren wach, in der ebenfalls bühnenbeherrschende Schiffssegmente gezeigt wurden. Rachel Nicholls, die für Emily Magee einsprang (Magee hatte ihre erste Isolde zuvor abgesagt) und die Rolle beim Longborough Festival interpretiert hatte, gestaltet ihren ersten langen Auftritt und das Zwiegespräch mit Brangäne fulminant und mit einem klaren und prägnanten dramatischen Sopran bei guter Diktion.

Allein, sie war den stimmlichen Anforderungen der Isolde nicht ganz gewachsen. Zwar sang sie alle Spitzentöne, auch die beiden hohen Cs im 1. Aufzug sowie jene im zweiten, aber sobald es in die Höhe ging, wurde die Stimme relativ schrill und litt unter erheblichem Resonanzverlust. Von Klang und gar leuchtenden Tönen war da recht wenig zu vernehmen. Dass Nicholls sehr viel Empathie in die Rolle einbrachte, vermochte diesen Mangel nicht auszugleichen. Hingegen ließ Michelle Breedt als Brangäne mit ebenfalls starker Emotion in der Darstellung diese leuchtenden Töne ihres perfekt geführten und satten Mezzos bei ebenfalls bester Wortdeutlichkeit hören. Audi wendete für den Tausch des Todestrankes gegen den Liebestrank einen geschickten dramaturgischen „Trick“ an. Die ohnehin als starke Persönlichkeit gezeichnete Brangäne erhebt den goldenen Liebestrank in einem Moment intensivster Emotion und richtet ihn gegen das Paar, welches das nicht gewahrt, aber auch den Todestrank nicht einnimmt. So wird der Liebeseffekt wie durch Hypnose aus gewisser Entfernung erreicht – eine interessante Idee, die den Regisseur der oftmals allzu bemühten Austauschversuche Brangänes enthebt.

 Im 2. Aufzug sehen wir die verrotteten Holzspanten eines alten Segelschiffes aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, die wie große Elefanten-Stoßzähne in die Höhe ragen. Was die Schiffsassoziation betrifft, sind Audi und Hetzer hier aus unerklärlichen Gründen also zwei Jahrhunderte zurück gegangen. Immerhin symbolisieren diese verrotteten Schiffspanten, die deutlich an den „Tristan“ von Elisabeth Linton 2013 in Helsinki erinnern, den Verfall der Hoffnung der Liebenden auf eine erfüllte Liebe im Diesseits. Eine marode Ästhetik dominiert die Bühne, die sich stark aufhellt, als das wieder eingesetzte schwarze Quadrat den Blick auf Marke und seine Gefolgschaft frei gibt.

 Was sich schon im 1. Aufzug andeutete, wird nun in seinem intensiveren Zusammenspiel mit Isolde offenbar. Torsten Kerl als Tristan ist zwar ein echter Heldentenor mit einem bisweilen zu dunkel getönten, baritonal unterlegten Timbre, dokumentiert aber so wenig Charisma und Spielfreude, dass er die Intensität der Beziehung zu Isolde nicht glaubhaft machen kann. Während Nicholls ihn mit großer emotionaler Intensität bei allen Dialogen direkt ansieht, gibt es bei Kerl nur in den seltensten Momenten einen Blickkontakt – so kann der vielgerühmte Funke nicht überspringen. Eine Regieanweisung konnte das auch nicht sein, dann wäre es eine schlechte gewesen. Die Personenregie des überaus erfahrenen Theaterkünstlers Audi war nämlich gut. Das Stück lebt doch geradezu von der Intensität der Liebesbeziehung beider. Hier findet mit Isolde nur die Hälfte davon statt. Die Grundlage für das kleine Wörtchen „und“, das sie hier ja anspricht, war also an diesem Abend zumindest nicht gegeben. Manchmal meint man, Kerl sei in erster Linie mit dem Produzieren der Töne beschäftigt und vergisst darüber die Schauspielerei, baut sich bisweilen dazu auch an der Rampe auf. Ein signifikanter Mangel an Bewegung auf der Bühne, um die jeweilige Aussage auch optisch zu untermauern, mag auch an der relativen Korpulenz des Sängers liegen. Ein Prototyp des Sängerdarstellers ist Torsten Kerl sicher nicht.

Herrlich aus dem Hintergrund erklingen die Mahnrufe der Brangäne. Die Lichtregie von Jean Kalman stellt nahezu immer bestens auf die jeweilige Stimmung der Szenen ab, wobei stets Schwarz- und Grautöne dominieren – immer vor einem hellen Hintergrund, um Konturen stärker wahrnehmbar zu machen. Marke führt einen Melot mit sich, der unverständlicherweise wie der Großinquisitor aus „Don Carlo“ von Giuseppe Verdi aussieht. Trotz seiner Gehbehinderung mit Stock schafft Melot es, Tristan mit einem Messer tödlich zu verletzen. Es machte dennoch Eindruck, zumalAndrew Rees einen farbigen Bariton hören ließ. Steven Humes singt einen eindringlichen König Marke mit einem wohlklingenden hellen Bass und stellt den großen Monolog mit beachtlicher Emotionalität dar.

 Im 3. Aufzug, man befindet sich nun wieder im Zeitalter der Dampf- und Motorschiffe, liegt der sieche Tristan vor einer hochgestellten Ladeluke für Massenfracht. Später nach dem Liebestod wird Isolde durch dieses dann offene Rechteck in eine verklärte Zukunft schreiten. Von Tristan ist da schon nichts mehr zu sehen, er liegt abgedeckt in einer Ecke. Nach den großartigen Bildwirkungen der ersten beiden Aufzüge erscheinen die Bilder von Hetzer im dritten doch etwas einfallslos. So viele große und kleine Findlinge – wohl um Cornwalls Küste zu symbolisieren – hat man schon allzu oft gesehen… Es ist jedoch der Aufzug von Brett Polegato als Kurwenal. Er singt die Rolle mit einem wunderschönen, farbigen lyrischen Bariton, und man merkt den Don Giovanni, den er unter anderen im Repertoire hat. Bei guter Wortdeutlichkeit sind seine Höhen sicher und die Gestaltung der Partie sehr ausdrucksvoll. Am Schluss gibt es ein großes Gemetzel, sogar Brangäne muss mit einem Messerstich Kurwenals dran glauben, darf aber im Todeskampf noch ihre letzten Verse singen. Rachel Nicholls singt dann nach Isoldes Klage noch einen berührenden Schlussgesang. Ihr Kostüm gleicht hier dem einer Gemüsehändlerin auf einem Wochenmarkt, wie auch die „Robe“ von Tristan nicht gerade auf den hehren Helden hindeutet, der König Marke die Braut zuführen soll. In den ersten beiden Aufzügen trägt Isolde immerhin eine königliche Robe, ist aber da – total richtig nach Wagners Intentionen – auch die junge hübsche Königin aus Irland. Was Christof Hetzer mit dieser gemischten Kostüm-Ästhetik bezwecken wollte, bleibt im Unklaren, bzw. im allgemeinen Dunkel der Bühnenoptik. Der von Stéphane Petitjean geleitete Chor de Radio France aus dem Off singt mit guter Transpatenz und kräftigen Stimmen.

 Die eigentliche Offenbarung des Abends war aber Daniele Gatti am Pult des Orchestre National de France. Es war bewundernswert, wie leicht und unpathetisch dieser „Tristan“ bei ihm klang, in gewisser Weise italienisch. Gatti erklärt in einem Interview mit Christian Wasselin im Programmheft, dass er sich zusammen mit Pierre Audi für eine Art kammermusikalische Fassung entschieden habe, und das ist ihm tonal voll gelungen mit dem wohl besten Orchester von Paris, das er bereits seit acht Jahren leitet. Die Chromatik im Tristan sieht Gatti nicht auf die Erotik und die Sinnlichkeit beschränkt. Er versteht das Vorspiel als ein Resümee dessen, was vorher passiert ist und nun ausdrückt, dass die Protagonisten, um die es dann geht, von Beginn an dazu verurteilt sind, ihre Sache nicht gewinnen zu können. Sie sind alle der Niederlage geweiht. Er sieht die Welt der Chromatik, die hier erklingt, als eine reine Welt Tristans und Isoldes, in die Marke, Brangäne und Kurwenal einzudringen versuchen, die ihnen in ihrer Diatonik aber vollkommen verschlossen bleibt. Man meint an diesem Abend diese division des Werkes, wie Gatti es nennt, in der perfekten Transparenz und lyrischen Akzentuierung des Orchesters zu hören. Nach anfänglicher Kritik mit seinem Bayreuther „Parsifal“ vor einigen Jahren hat sich Gatti hiermit als eine musikalische Wagner-Referenz erwiesen, mit einer ganz speziellen Sicht auf die musikaliche Dimension dessen Oeuvres. Er hat unter andrem so lange mit dem opus summum des Bayreuther Meisters gewartet, bis er das nach seiner Sicht richtige Orchester und das Theater gefunden hatte, das die Dimensionen und die Atmosphäre bietet, um die Intimität des Werkes zu verdeutlichen. Glaubhafte Argumente für das Théatre des Champs-Élysées!

Klaus Billand 16.5.16

Bilder (c) Théatre des Champs-Élysées / Vincent Pontet.

 

 

NORMA

Premiere 20.12.15

Maria Agresta als „andere Norma mit Herz und Seele

Wie relativ ist doch unser künstlerisches Urteil – oder besser gesagt: wie abhängig vom Kontext. Als der Theaterregisseur Stéphane Braunschweig (Paris, 1964) sich ab 1992 in die Opernregie vorwagte, waren wir im Allgemeinen nicht sehr begeistert: immer die gleichen grauen Einheitsbühnenbilder, dieselben Alltagskostüme und das Gefühl, er lasse die Sänger ganz alleine auf der Bühne stehen. Doch zwanzig Jahre später erleben wir das ganz anders. Seitdem fängt das „deutsche Regietheater“ an, in Paris Fuß zu fassen und am gleichen Abend der „Norma“-Première strandete die (letzte Woche rezensierte) Première der „Damnation de Faust“ an der Pariser Oper in einem Buh-Orkan.

Nach einem solchen „Overkill“ an (dummer) Regie erschien die leere Einheitsbühne, die uns früher so langweilte, plötzlich als eine sehr willkommene Oase der optischen Ruhe, die der Musik und den Sängern allen Raum ließ. Und wie erfreulich zu sehen, dass es auch noch Regisseure gibt, die mit Sängern an Rollenprofilen arbeiten, und die eine Geschichte inszenieren, anstatt sie zu kommentieren. Plötzlich erscheint es fast unwirklich, dass ein Regisseur an einem Abend „nur“ drei Requisiten braucht: eine kleine heilige Bonsai-Eiche, eine geweihte Sichel und einen Gong. Bei Normas berühmter Arie „Casta Diva“ genügte ein Lichteffekt, um den Bonsai in einen großen Baum zu verwandeln, in dessen riesigen Schatten die Sängerin, erst eine kleine Frau in grauem Mantel, zu einer zeitlosen, überlebensgroßen Priesterin mutierte – einer „Projektion“ der Menge, die eine Führerin braucht. So poetisch, mystisch und dazu auch noch intelligent interpretiert haben wir diese Arie noch nie gesehen und gehört.

Maria Agresta (geb.1978 in Vallo della Lucania,) steht noch am Anfang einer sicherlich großen Karriere. 2011 sang sie ihre erste Norma und im Frühling debütierte sie als Nedda an den Osterfestspielen in Salzburg. Sie debütierte letztes Jahr in Paris als Elvira in Bellinis „Puritani“, ohne dass sie einen überwältigenden Eindruck auf uns machte (siehe Merker 1/2014). Aber diese Norma war, ist und bleibt wirklich sehr besonders. Denn Maria Agresta stellt sich der mörderisch langen Partie ohne zu mogeln und singt jede für Giulia Pasta geschriebene Verzierung aus, ohne einen Spitzenton zu überspringen.

Und gleichzeitig präsentiert sie – mit Hilfe des Regisseurs – ein wirklich eigenes Rollenprofil. Seit Maria Callas kennen wir Norma vor allem als stolze, hehre Oberpriesterin mit einem metallischen, fast kriegerischen Timbre. Eine strenge Vestalin mit einer „celeste austerità“, so wie es die junge Priesterin Adalgisa ausdrückt, die es nicht wagt, ihr zu gestehen, dass sie sich in einen Mann verliebt hat. Doch Maria Agresta präsentiert uns eine junge, leidenschaftlich liebende Frau und Mutter – was Norma bis jetzt nur heimlich war. Keine Callas, eher eine Tebaldi oder Freni (an die sie manchmal erinnert). Und so werden aus den zwei Gegenspielerinnen zwei Schwestern, zwei Frauen die mit der Liebe kämpfen und sich gegenseitig ihre Schwächen und Zweifel eingestehen. Denn anstatt des üblichen Kontrastes Sopran und Alt (oder Mezzo-Sopran und Sopran), stehen jetzt zwei „lirico spinto“ Soprane auf der Bühne, deren Stimmen wunderbar harmonieren. Sonia Ganassi ist eine ebenso warme und überzeugende Adalgisa – sehr viel besser als in den letzten Rollen, in denen wir sie in Paris gehört haben (siehe Merker 5/2015). Neben diesen beiden „Schwestern“, die vielleicht die Rollen ihres Lebens gefunden haben, verblassen alle anderen Sänger.

Marco Berti bekam als Pollione in allen Vorstellungen vernichtende Kritiken: die Presse rügte seinen „malcanto“. Im zweiten Akt sang er ganze Phrasen fast einen halben Ton zu tief, sodass ein missmutiges Raunen durch den Saal ging. Riccardo Zanellato war ein solider Orovese und Sophie Van de Woestyne und Marc Larcher überzeugten als Clotilde und Flavius. Dirigent Riccardo Frizza leitete im Juli den „Nabucco“ in Verona und wird im Januar „Maria Stuarda“ an der Met in New York dirigieren – er kennt also sein Handwerk. Er soll – so Bellini – den Sängern einen Teppich vor den Füßen ausrollen, auf dem sie tanzen können. Doch anstatt eines feinen Teppichs voller Farben, bekamen sie nur einen eintönigen Bodenbelag, auf dem man zumindest nicht ausrutschte. Das lag vielleicht auch an dem nicht sehr inspirierten Orchestre de chambre de Paris und dem soliden, aber hier nicht verfeinerten Choeur de Radio France. Die Produktion wird weiter nach Nürnberg und Saint-Etienne weiterreisen – vielleicht noch mit Maria Agresta und Sonia Ganassi. Denn es steht außer Frage, dass sie nach einer solchen Leistung diese Rollen bald an den großen Häusern singen werden. Wir freuen uns schon!

Photos (c) Vincent PONTET

Waldemar Kamer 21.12.15

Mit freundlicher Genehmigung MERKER-online (Wien)

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