Mailand: „Marina “, Umberto Giordano (konzertant)

Der Musikverleger Eduardo Sonzogno organisierte in den Achtziger- und Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts mehrmals Wettbewerbe zur Gestaltung von Operneinaktern, bei denen sich junge, unbekannte Komponisten mit ihren Erstlingswerken bewarben. Das berühmteste Ergebnis der zweiten Ausschreibung 1888 ist bekannt, denn Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ läutete die Periode des Verismo ein (Verdis „Otello“ ist aus 1887!).

© Lorenza Daverio

Einer der Teilnehmer war auch Umberto Giordano, dessen „Marina“ nicht nur nicht gewann, sondern von der hochkarätig besetzten Jury auch nicht in die lobenswerten, Interesse für die Zukunft erweckenden Kompositionen gereiht wurde. Sonzogno hatte jedoch den richtigen Riecher und nahm Giordano dennoch unter Vertrag („Mala Vita“, sein erstes Werk unter Sanzognos Ägide, wurde denn auch zum Erfolg). Von der beim Wettbewerb eingereichten Partitur hatten sich allerdings die Spuren verloren, bis das Autograf von dem Musikwissenschaftler Andreas Gies vor vier Jahren in der Koch Collection der Beinecke Library in Yale entdeckt wurde.

Nun kam es in Mailand konzertant zur Uraufführung. Die Handlung (Libretto von Enrico Golisciani, u.a. Autor von Wolf-Ferraris „Susannens Geheimnis“) ist typisch für einen Verismus Reißer, denn in einer knappen Stunde verliebt sich die einsame Montenegrinerin Marina (Sopran), Tochter eines von den Serben ermordeten Partisanen, deren Bruder den Tod des Vaters rächen will, in den verwundeten Serben Giorgio (Tenor), pflegt ihn und will ihm zur Flucht verhelfen, aber er wird von Lambro (Bariton), ihrem abgewiesenen Verehrer, erschossen bevor dieser sie als Vaterlandsverräterin ersticht. Der dramaturgische Rhythmus des Einakters ist der von „Cavalleria“ bekannte: Einleitung mit Gesang hinter der Szene (hier ist es der Chor) und zwei durch ein symphonisches Intermezzo getrennte Teile. Eine raffinierte Orchestration verleiht der Musik viel Farbe, und das den ersten Teil beschließende Ensemble mit Chor zeigt Giordanos dramatische Pranke, wie sie sich 1896 im „Andrea Chénier“ vervollkommnet zeigen sollte.

© Lorenza Daverio

Die Besetzung war den sängerischen Herausforderungen gewachsen (DECCA schnitt alle Proben und die beiden Vorstellungen mit). Statt der wieder einmal (aber diesmal rechtzeitig) absagenden Sonya Yoncheva gestaltete Eleonora Buratto die Titelrolle, gleichzeitig auch die umfangreichste des Werks, nämlich eine große Arie, zwei Duette mit dem Tenor und eines mit ihrem Bruder Daniele (gleichfalls Bariton). Mit leuchtendem Sopran durchmaß die Künstlerin die Ausdruckspalette zwischen Einsamkeit, Leidenschaft und Verzweiflung, ohne die exponierte Lage der Tessitura zu fürchten. Dies gilt auch fuer Freddie De Tommaso, der sich hier viel mehr als z.B. bei Verdi in seinem Element befindet und die Höhen seiner Rolle applaustreibend hinknallte. Er war auch hörbar um Piani bemüht, die allerdings eher farblos ausfielen. Sehr interessant klang das Material des Rumänen Mihai Damian, in dessen Rolle als Bösewicht Lambro von Giordano einige schöne lyrische Stellen eingebaut wurden. Knorrig, aber rollendeckend erklang der Brite Nicholas Mogg als rachsüchtiger Daniele. Machtvoll und präzise erklang der Coro del Teatro Petruzzelli (das Opernhaus von Bari in Apulien) unter der Leitung von Marco Medved. Am Pult des fixen Orchesters des Teatro Dal Verme, dem Orchestra I Pomeriggi Musicali, stand Vincenzo Milletarì, der diese Urauffuehrung so temperamentvoll und stilistisch zutreffend gestaltete, dass man sich „Marina“, gekoppelt mit einem anderen Einakter, umso besser auch regulär an einem Opernhaus inszeniert vorstellen konnte. Großer, anhaltender Jubel.

Eva Pleus, 22. Februar 2026


Marina
Umberto Giordano
(konzertante Aufführung)

Mailand, Teatro Dal Verme

Vorstellung am 14. Februar 2026
Uraufführung am 12. Februar 2026

Musikalische Leitung: Vincenzo Milletarì
Orchestra I Pomeriggi Musicali