Dortmund: „Wir“, Sarah Nemtsov

Jewgeni Samjatins Roman Wir ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Dabei wurde die 1920 entstandene dystopische Science-Fiction Geschichte schon 1982 im Auftrag des ZDF verfilmt, und 2006 wurde die Vertonung von Christoph Staude bei der Münchener Biennale uraufgeführt. 2014 brachte der SWR eine Hörspielfassung in der Regie von Christoph Kalkowski heraus. Die starke Musik dazu schrieb Raphael Thöne. Da dachte man, der könnte auch eine packende Oper aus dieser Geschichte machen.

Dortmund Opern-Intendant Heribert Germeshausen ließ die neue Wir-Oper jedoch von Sarah Nemtsov komponieren. Eigentlich stand dabei lediglich die abstrakte Idee einer Science-Fiction-Oper im Raum. Nemtsov wurde durch ihren Ehemann, den Pianisten und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, auf Samjatins Roman aufmerksam gemacht.

© Thomas M. Jauk

Das bereits 1920 entstandene Buch spielt in einem totalitären Zukunftsstaat, der vom sogenannten „Wohltäter“ geführt wird. Die Menschen sind nur Nummern: Ingenieur D-503 hat das Raumschiff „Integral“ entwickelt, das bald seinen ersten Flug antreten soll. Eigentlich befindet er sich in einer staatlich verordneten Partnerschaft mit O-90. Dann lernt er jedoch die Frau I-330 kennen, die ihn zu einem Haus aus der Vergangenheit führt. D-503 verliebt sich in I-330, fängt an zu träumen, entwickelt Phantasie und beginnt das System in Frage zu stellen. Schließlich entpuppt sich I-330 sogar als Teil einer Widerstandsgruppe gegen den Staat.

In der Dortmunder Uraufführungsproduktion sitzen gerade einmal 180 Besucher auf der Bühne, schauen in den Zuschauerraum als Bühnenbild und bekommen eine moderne Grand Opera mit ihren klassischen Elementen aus Politik, Verschwörung und Liebe geboten. Sarah Nemtsov hat für diese Geschichte einen ganz eigenen futuristischen Klang gefunden.

Das Orchester begleitet die Sänger meist in dichten Klangflächen, die sich in permanenter Unruhe befinden. Weil diese Bewegungsmuster dann aber über größere Abschnitte bestehen bleiben, bekommt die Musik wieder etwas Statisches. Echte Ruhepole sind lediglich die Liebesduette. Ansonsten scheinen die Klangflächen in ihrer Dauerdramatik aber austauschbar. In der Harmonik benutzt Nemtsov viele schwebende, leicht reibende und helle Zusammenklänge.

© Thomas M. Jauk

Das von Michael Wendeberg mit energischer Gestik geleitete Orchester sitzt unsichtbar im Graben, klingt nur über die Lautsprecher zum Publikum. Dazu mischen sich elektronische Klänge und Synthesizer, E-Gitarre und Schlagzeug. Bei dem, was man da zu hören bekommt, ist man oft ratlos, ob das vorproduziertes elektronisches Material oder live gespielte Instrumentalmusik ist?

Obwohl der Zuschauerraum des Dortmunder Opernhauses, das von den Architekten Heinrich Rosskotten und Edgar Tritthart entworfen wurde, das eigentliche Bühnenbild ist, wird Fabian Liszt als Bühnenbildner genannt. Als weitere Spielfläche, auf der ein paar Requisiten positioniert sind, lässt er außerdem zwei Podien hochfahren. Kostümbildnerin Julia Rösler kleidet die Akteure in grauen Einheitsuniformen des totalitären Staates. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr lässt die Sänger als glaubhafte Individuen agieren, wobei man sich als Zuschauer besonders mit dem Ingenieur D-503 identifiziert. Die Regie nutzt den Zuschauerraum eindrucksvoll, bespielt das ansteigende Parkett und den ersten Rang.

Darstellerisch und sängerisch präsentieren sich die Akteure von ihrer bestens Seite Seth Carico singt die gezackten Melodien des D-503 mit geschmeidigem Bariton und verkörpert überzeugend seinen Weg vom treuen Staatsdiener zum Zweifler. Perfekt meistern Gloria Rehm als I-330 und Sooyeon Lee als O-90 ihre koloratur-gespickten Rollen. Gloria Rehm ist dabei die rätselhafte Verführerin und Aufwieglerin, während Sooyeon Lee vor allem die liebende Frau verkörpert. Countertenor David DQ Lee singt seinen kurzen Auftritt des Wohltäters mit der Autorität des unangefochtenen Diktators.

© Thomas M. Jauk

Sarah Nemtsov gelingt mit dieser Oper ein starkes Stück neues Musiktheater, das man gerne auch in einer anderen Inszenierung sehen würde. Dann gerne ohne elektronische Verstärkung des Orchesters und in einer klassischen Raumaufteilung: Mit dem Publikum im Zuschauerraum und den Sängern in einem Bühnenbild.

Rudolf Hermes, 18. Mai 2026


Wir
Oper in 5 Akten von Sarah Nemtsov

Oper Dortmund

Uraufführung: 14. Mai 2026

Inszenierung: Eva-Maria Höckmayr
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Dortmunder Philharmoniker