Stuttgart: „Carmen“, Georges Bizet

Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ die Aufführung von Bizets Carmen an der Staatsoper Stuttgart. Regisseur Sebastian Nübling hat zusammen mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Muriel Gerstner ganze Arbeit geleistet, um den Abend abwechslungsreich und interessant zu gestalten.

Die Grundlage von Nüblings ansprechendem Konzept besteht in der gänzlichen Eliminierung von traditioneller spanischer Folklore. Mit herkömmlichen Sehgewohnheiten wird hier gründlich aufgeräumt, was der Oper gut tut. Das erweist sich schon zu Beginn: Bereits während der durchinszenierten Ouvertüre wird man Don Josés in seiner sehr marode anmutenden Behausung ansichtig. Im Unterhemd sitzt er vor einem Fernseher, über dem ständig ein allwissendes Auge erscheint. Big Brother is watching you. Vor ihm auf dem Boden liegt die tote Carmen in einem schicken grauen Glitzerkleid.

©  Martin Sigmund

In seinem Nacken hat ein von Nübling dazu erfundenes, clowneske Züge aufweisendes grünes Männchen es sich bequem gemacht. Dieses grüne Wesen, das praktisch die ganze Vorstellung über präsent ist, heißt Surplus. Dieser Name stammt aus der Psychologie. Beziehen tut er sich auf die Surplus-Realität, die nach Bekunden des Stuttgarter Dramaturgen Miron Hakenbeck eine subjektive und imaginierte Dimension der Realität beschreibt. Man kann das grüne Männchen als die böse Seite des Don José interpretieren. Für seinen Träger, mit dessen Psyche es eine untrennbare Symbiose eingeht, ist es stets unsichtbar, dennoch aber zu jedem Zeitpunkt spürbar. Immer wieder aufs Neue animiert es ihn zu den verschiedensten Tätigkeiten, wobei es auch mal seine Stelle einnimmt. Unter der Ägide des Surplus wendet sich Tragisches häufig ins Komische. Auch zur Tötung Carmens treibt das grüne Männchen Don José an. Dieser versucht zwar am Schluss, Surplus abzuschütteln, hat damit aber keinen Erfolg. Surplus, der der ganzen Produktion seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückt, wird auf ewig mit ihm verbunden sein.

Unabhängig davon konzentriert sich Nüblings ausgefeilte Regiearbeit gänzlich auf die vier Protagonisten Carmen, Don José, Micaela und Escamillo. Diese Figuren sind ganz auf Don José zu beziehen. Im Chor und Kinderchor sieht man durchweg Alter Egos der vier Hauptpersonen agieren. Allesamt bilden sie Gegenbilder zu dem innerlich stark gespaltenen Don José. In gleicher Weise gilt das für die ausgesprochen dominant auftretende Soldatin Micaela sowie für den einen Frack tragenden Conférencier Escamillo. Gekonnt spielt der Regisseur mit den unterschiedlichen Realitätsebenen. Das Geschehen siedelt er in einer rätselhaften, geradezu unheimlich wirkenden Traumwelt an. Dabei greift er gerne auf Rückblenden zurück. Immer wieder wird Carmen von Don José ins Jenseits befördert. Nübling überlässt es dem Auditorium, sich ein eigenes Bild von dem Gesehenen zu machen. Der Charakter dieser Vorgänge ist nicht äußerlich aufzufassen, sondern lediglich innerer Natur. Hier spielt Sigmund Freud eine große Rolle. Entsprechend dem grünen Männchen deutet Nübling die Schmuggler als Clowns. Sie sind darauf bedacht, Don Josés Dasein zu hinterfragen und ihn mit einem anderen Lebensplan zu konfrontieren. Nach Angaben von Dramaturg Hakenbeck symbolisieren diese Clowns eine Grenzüberschreitung ins Unbewusste. So ist auch die Passage du désir – auf Deutsch Korridor des Begehrens – zu begreifen, die sich am Ende des zweiten Aktes zum Hintergrund hin öffnet und Don José den Zugang zu einem bis zuletzt unbekannt bleibenden Ort weisen will. Es ist durchaus möglich, dass sie in die Freiheit führt. Man weiß es nicht, aber die Option besteht.

Wesentliche Bedeutung misst Nübling dem Begriff Freiheit zu. In Carmen und Don José prallen verschiedene Arten von Freiheit aufeinander. Diese lassen sich nach einem erbittert geführten Kampf um die Dominanz in dieser Beziehung indes nicht miteinander vereinbaren. Diese Tatsache mündet zu guter Letzt in die finale Katastrophe. Carmen betrachtet ihre unbedingte Freiheit auch in einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung als den für sie essentiellen Punkt. Für Don José dagegen gehen das Begehren einerseits und ein totaler Besitzanspruch andererseits eine unlösbare Verbindung ein, für deren Realisierung er vehement kämpft. Und diesem tritt die ungebunden sein wollende Carmen mit all ihrer Kraft entgegen. Gleichzeitig provoziert sie derart seine gewalttätigen Phantasien. Resigniert muss Don José am Ende erkennen, dass er Carmen verloren hat. Es gelingt ihm nicht, sie voll und ganz zu besitzen. Die ganze Zeit über stellte sie für ihn nur eine Projektionsfläche für seine obsessiven Triebe dar. In seiner verletzten Männlichkeit ist der Grund für die Ermordung Carmens zu sehen. Wie eine Seifenblase zerplatzt schließlich sein persönlich gebasteltes Selbstbild. In diesem Zusammenhang kommt seiner offen ausgelebten Eifersucht auf Escamillo ebenfalls eine zentrale Relevanz zu. Der Schluss beschwört die Utopie eines geruhsamen Zusammenlebens Don Josés mit Micaela herauf. Aber nur hier haben wir es mit einer Utopie zu tun. Sein innerer Dämon drängt Don José aufs Neue gnadenlos zu Carmen hin, die am Ende ein letztes Mal von ihm getötet wird. Mit diesem überzeugenden, spannend umgesetzten Ansatzpunkt Nüblings lässt es sich gut leben.

©  Martin Sigmund

In insgesamt recht zügigen Tempi wies Roberto Kalb dem trefflich disponierten Staatsorchester Stuttgart den Weg durch Bizets Partitur. Bereits die Ouvertüre klang unter seiner Stabführung recht prägnant und spritzig. Im Folgenden schlug er auch oft mal recht ernste Töne an, die das Dramatische der Handlung bestens unterstrichen. So beispielsweise das sehr eindringlich intonierte Schicksals-Motiv. Aber auch sonst gelang ihm eine hervorragende Auslotung der Musik.

Auf hohem Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen. Ida Ränzlöv war eine recht sinnliche Carmen, der sie mit ihrem sauber fundierten, fülligen und tiefgründigen Mezzosopran auch gesanglich voll und ganz entsprach. Mit ebenfalls vorbildlich sitzendem, virilem und ausdrucksstarkem Tenor sang Atalla Ayan einen überzeugenden Don José. Der Escamillo von Danylo Matviienko zeichnete sich durch einen kraftvollen, profunden Bariton aus. Wegen einer Indisposition ansagen ließ sich Josefin Feiler, die als Micaela indes gut über die Runden kam. Der durchgehend enorme lyrische Wohlklang, den sie mit ihrem vorbildlich italienisch fokussierten Sopran verströmte, war in hohem Maße ansprechend. Gefällige, ein Versprechen für die Zukunft abgebende Stimmen brachten Luiza Willert und Laura Orueta für die Frasquita und die Mercedes mit. Wohlklingendes sonores Bass-Material wies Jaewoung Lees Zuniga auf. Zufriedenstellend präsentierte sich der Morales von Jacobo Ochoa. Ordentlich, wenn auch nicht außergewöhnlich, waren Heinz Göhrig (Dancaire) und Oscar Encinas (Remendado). In der Rolle des grünen Männchens Surplus gefiel Luis Hergón. Prachtvoll sangen der von Bernhard Moncado einstudierte Staatsopernchor Stuttgart und der Kinderchor der Staatsoper Stuttgart.

Ludwig Steinbach, 23. Februar 2026


Carmen
Georges Bizet

Staatsoper Stuttgart

Premiere: 22. Oktober 2006
Besuchte Aufführung: 22. Februar 2026

Inszenierung: Sebastian Nübling
Musikalische Leitung: Roberto Kalb
Staatsorchester Stuttgart