Wo Schönberg drauf steht, muss nicht Schönberg drin sein.
Dies war schon einmal die erste Überraschung, die das bekannte Klavierduo Tal & Groethuysen im Zentrum präsentierte. Auch in Bayreuth sind sie keine Unbekannten; sie waren bereits im letzten Wagner-Jubiläumsjahr am Ort, als sie in der Stadthalle Vierhändiges zu Gehör brachten. Nun also kamen sie wieder: und wieder anlässlich eines Wagner-Jahres. 1876 fanden hier die ersten Festspiele statt, nun feiert man die 150jährige Wiederkehr des historischen Ereignisses, und da bis heute bekannte Komponisten die Spiele auf dem Grünen Hügel besucht haben, wünschte sich der Vorsitzende der Kulturfreunde Bayreuth e.V., also der Konzertveranstalter, dass die beiden Musiker Werke und Bearbeitungen jener Komponisten zu Gehör bringen sollten, die mit Wagner, genauer: mit den Festspielen zu tun hatten.

Daher also der Schönberg, der kein Schönberg ist – zumindest kein richtiger, denn das, was der Jüngling Arnold noch am Ende des 19. Jahrhunderts mit den 6 Klavierstücken oO geschrieben hat, klingt reichlich nach volltönend-harmonischem Brahms. Selbst die Verklärte Nacht ist dagegen ein Stück modernster Musik. Es passt, denn obwohl Schönberg Wagner geschätzt hat – jeder intelligente Komponist der Epoche wusste selbst dann, wenn er „es“ ganz anders machte, was er Wagner zu verdanken hatte (Theodor W. Adorno hätte vielleicht von „dezidierter Negation“ gesprochen) – es passt, weil Schönberg, anders die anderen Komponisten des Programms, niemals in Bayreuth war. Er wusste, warum. Wagner als Komponist, das ging, aber die Festspiele als Ort der gesellschaftlichen, ja: antisemitisch unterfütterten Reaktion: das ging nicht. Und also spielen Yaara Tal und Andreas Groethuysen die sechs frühen Stücke, als habe es nie eine Kontroverse zwischen den Wagnerianern und den Brahminen gegeben. Dass im letzten Stücklein der Walküren-Rhythmus anklingt, dürfte Zufall sein. Umso schöner, dass das Duo die Noten des kleinen Zyklus nach Jahrzehnten wieder auf die Notenablage legte.
Was folgt, ist eine Kette von Kostbarkeiten. Debussys Six épigraphes antiques sind jene „Musik von anderem Planeten“, die Stefan George dichtete und Schönberg liedhaft komponierte: sublime Klänge der Debussy‘schen Spätzeit. Fast wären, sagt der Pianist, vier Hände zu viel für diese verfeinerte Tonsprache. Trotzdem klingen die Inschriften bei den Beiden meist sehr dezent, nur selten wölbt sich der Klang zu einem vorgeschriebenen forte hoch. Archaische Lakonik, gepaart mit moderner Harmonik, so hat Debussy auf Wagner reagiert, nachdem er, der Tristan und Parsifal liebte, auf durch ihn hindurchgegangen ist. Tal und Groethuysen kredenzen uns eine Feinschmeckerkost, die mit Debussy nicht aufhört – nur, dass die beiden Nummern 1 und 6 aus Max Regers 6 Stücken op. 94 für andere Feinschmecker komponiert wurden. Wer bei „Reger“ an Ochsenfleisch denkt, liegt ja nicht ganz falsch, aber wer genau hinhört, erkennt, dass der Koloss die feinste Musik für jene Eidechsenohren machte, die Heinrich Heine allen empfahl, die Mendelssohns Musik hören wollen. Das gebetartige Stück wie die typisch Reger‘sche Fuge kommen makellos.
Was im zweiten Teil folgt, ist wagnerisch und vergleichsweise leichter. Tal und Groethuysen spielen zwei Transkriptionen Wagnerscher Vorspiele und rahmen damit Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune ein, darauf hinweisend, dass Engelbert Humperdincks Bearbeitung des Parsifal-Préludes impressionistische Tendenzen besitze, wie sie in Debussys Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns unüberhörbar sind. Das Wagner-Vorspiel funkelt, so dass tatsächlich – das ist eine Leistung – der Originalklang, der in manch Hörer-Ohr innerlich mitklingt, vergessen wird. Tatsächlich eignen sich das Parsifal-Vorspiel und das zu den Meistersingern sehr gut für Klavierbearbeitungen: das erste, weil es eine bemerkenswerte Sparsamkeit der Textur aufweist (Adorno sprach von Wagners „Greisenavantgardismus“), das zweite, weil die kontrapunktischen Linien durch die Reduktion auf das Schlaginstrument Klavier deutlicher hörbar werden als im Orchestersatz. Groethuysen spricht von der „Essenz“, die durch die Transkriptionen herausgearbeitet werden könne. Nur schade, dass das relativ pauschal gebrachte Vorspiel zu den Meistersingern am Ende denn doch lärmender klingt als mit dem vollen Orchester; es scheint unvermeidbar zu sein. Wie gesagt: Das Klavier ist ein Schlaginstrument, doch die Klangmagie, die Debussys originales Prélude auszeichnet, wird von den beiden Tastenspielern völlig verwirklicht.
Und da auch Peter Tschaikowsky 1876 die Bayreuther Festspiele besuchte, folgt als ausgiebiges Encore schließlich noch der dritte Satz seiner sechsten Symphonie: der mitreißende Marschsatz, das Scherzo, bevor die Depression über das symphonische Subjekt kommt. In der Tat: der Rhythmus wird geschärft, die Akzente kommen messerscharf. Der starke Applaus versteht sich danach von selbst.
Frank Piontek, 26. Februar 2026
Arnold Schönberg: 6 Stücke
Claude Debussy: Six épigraphes antiques
Max Reger: 6 Stücke op. 94/ 1 und 6
Richard Wagner / Engelbert Humperdinck: Vorspiel zu Parsifal
Claude Debussy / Maurice Ravel: Prélude à l’après-midi d’un faune
Richard Wagner / Carl Tausig: Vorspiel zu Die Meistersinger von Nürnberg
Peter Tschaikowsky: 6. Symphonie, 3. Satz: Scherzo
Zentrum, Bayreuth
25. Februar 2026
Klavierduo Tal & Groethuysen