Wuppertal: „Das Licht auf der Piazza“, Adam Guettel

Dieses Musical wurde 2005 erstmalig am Broadway aufgeführt, hielt sich dort über 500 Vorstellungen und gewann sechs Tony Awards. Die New York Times sprach von der leidenschaftlichsten, romantischen Partitur eines Broadway-Musicals seit West Side Story. Dem Stück liegt die Novelle von Elizabeth Spencer (1921-2019) zugrunde, die immerhin für den Pulitzer Preis vorgeschlagen wurde. Der Komponist Adam Guettel ist der Enkel des vielleicht berühmtesten Broadway- Komponisten Richard Rogers (1902-1979), von dem u.a „Cinderella“ stammt (2023 in Wuppertal aufgeführt). Guettel brachte zuletzt 2025 das Musical Floyd Collins am Broadway heraus.

© Pedro Malinowski

Bei solcher Vorgeschichte werden Erwartungen geweckt und es ist erstaunlich, dass die deutsche Erstaufführung erst 2018 in Radebeul erfolgte, gefolgt von einer zweiten 2024 in Linz. Die nunmehr dritte Inszenierung entstand jetzt als Gemeinschaftsproduktion der Oper Wuppertal und des Musiktheaters im Revier zu Gelsenkirchen. Gemeinschaftsproduktion bedeutet:  eine Regie; das Bühnenbild wurde in Wuppertal gebaut, die Kostüme in Gelsenkirchen geschneidert; Orchester und Sänger stammen jeweils aus den Häusern, in denen die Aufführungen stattfinden. Besucht und besprochen wurde die Premiere in Wuppertal am 7. März 2026.

Worum geht es? Margaret Johnson (Stefanie Smailes als Gast, hier in Wuppertal zuletzt als Stiefmutter in Cinderella zu sehen) reist mit ihrer Tochter Clara (Harriet Jones als Gast) 1953 nach Florenz. Sie möchte ihre eigene Hochzeitsreise wiederholen und der Tochter die architektonischen und kulturellen Schönheiten Italiens zeigen. Auf einer Piazza trifft Tochter Clara auf den jungen Fabrizio Naccarelli (Merlin Wagner), der nur gesprochen Englisch spricht, sich aber sofort in die charmante, offene junge Frau verliebt, die den Flirt und die schnell aufkeimende Liebe erwidert. Fabrizio lässt sich von Vater und Bruder bezüglich Kleidung und Benehmen beraten. Hinreißend zeigt ihm Bruder Giuseppe (Agostino Subacchi) wie man mit Tanz junge Frauen begeistern kann. Hier besticht kurzzeitig die Musik durch jazzigen Rhythmus. Die Familien kommen sich bei einer Einladung ins Haus der Naccarellis näher, aber Margarete lehnt Fabrizio als Zukünftigen für Tochter Clara ab. Bein einem geplanten nächtlichen Rendezvous mit Fabrizio verläuft sich Clara, gerät in Panik, wird von der Mutter aufgefunden und im Hotel ins Bett gebracht. Während sich die Mutter in der Hotelbar von der Aufregung erholt, klopft Fabrizio an die Schlafzimmertür Claras. Die beiden kommen sich näher und wollen heiraten. Mutter Margret erwischt sie und reist mit Clara nach Rom, um die Hochzeit zu verhindern. Dort unter den Säulen des Castor- und Pollux-Tempels erkennt sie, wie sehr sie ihre Tochter bevormundet und wie sehr sie selbst in ihrer eigenen Beziehung die Liebe fehlt. Sie gewinnt dabei auch musikalisch eindrucksvoll als Person  an menschlicher Tiefe und stellt sich der Verbindung des Paares nicht länger entgegen.

© Pedro Malinowski

Die an sich einfache Geschichte gewinnt an Substanz dadurch, dass Clara, als 12jährige von der Hufe eines Ponys am Kopf getroffen, ein Schädelhirntrauma mit Verzögerung ihrer Entwicklung erlitt und jünger erschien als dem tatsächlichen Alter von 26 Jahren entsprach.

Die Qualität der Inszenierung bestach vor allem auch dadurch, dass auf den Konflikt zwischen Fremdbestimmung durch eine sehr besorgte, dominante, fürsorgliche Mutter und Selbstbestimmung einer jungen Frau als beherrschendes Thema fokussiert wurde -ein Konflikt, wie er auch ohne Handicap immer wieder bewältigt werden muss.

Bei glänzender Regie (Carsten Kirchmeier) mit ausgeprägtem Sinn für absurde wie dramatische Komik und entzückendem Bühnenbild (Julia Schnittger) zeigte sich das Publikum im ausverkauften Opernhaus von dieser Melange aus Musical, Operette, Singspiel und klangvollem, musikalisch modernem Musiktheater am Ende begeistert.

Die Orte der Handlung -Florenz und Rom-, wurden durch vom Schnürboden herab- und hinaufschwebende Rahmen mit und ohne Bilder charakterisiert, wodurch Szenenwechsel elegant und schnell möglich wurden. Einzelne Elemente wieTheke, Doppelbett, Café-Tische auf der Piazza wurden bei Bedarf auf die Bühne gerollt oder gebracht.  Die herrlichen Kostüme (Hedi Mohr) ganz im Stil der eleganten 50er boten zusätzliches Vergnügen.

Die differenzierte instrumentierte Musik mit perlenden Harfenarpeggien, angereichert durch Klavier und Holzschlagwerk- fließt zunächst ohne Hit und Ohrwurm wie Filmmusik leicht ins Ohr und nimmt unter dem routinierten Dirigat von Yorgos Ziavris nach der der Pause aber an Intensität und Leidenschaft zu.

Schauspielerisch kamen komische wie hochdramatische Momente temperament- wie glanzvoll auf die Bühne. Das Publikum reagierte auf das Geschehen hoch emotional, einmal tatsächlich mit lautem Aufseufzen.  Die italienische Mama (Signora Naccarelli: Banu Schult) bestach gesanglich und spielerisch als gelassene zentrale Figur im Familienchaos ebenso wie Papa Naccarelli (Otto Weidinger) als sympathisch eleganter Macho. Dass sich die musikalisch wie schauspielerisch bezaubernde, zunehmend emanzipierte und selbstbewusstere Clara in den intensiv werbenden Fabrizio schnell verliebte, war ohne weiteres nachvollziehbar.

Stimmlich bestach -elektronischer Mikroportverstärkung-  das gesamte Ensemble. Eindrucksvoll warnte Franca (Elena Sverdiolaité) Clara vor Enttäuschungen und Unglück infolge der Untreue aller Männer.  Die fehlende Übersetzung der italienischen Übertitel sollte wohl das Publikum an eigene Erlebnisse mit der italienischen Sprache erinnern.

Fazit: Am Ende des sehr gut in Szene gesetzten Broadway Musicals gab es gewaltigen Applaus eines begeisterten Publikums.  

Johannes Vesper 9. März 2026


Das Licht auf der Piazza
Adam Guettel
Wuppertal

7. März 2026

Inszenierung: Carsten Kirchmeier
Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Wuppertaler Sinfoniker