Pionteks Bayreuth: „Elaia Quartett & Nasti“

© Lukas Diller

Wer weiß: Vielleicht wäre niemals ein Werk Giuseppe Martuccis in Bayreuth, geschweige denn bei den Kulturfreunden Bayreuth e.V., live gespielt worden, wäre nicht im Jahr 2026 das Gedenkjahr 150 Jahre Bayreuther Festspiele über die Stadt gekommen. Was aber hat Giuseppe – „wer??“ – Martucci mit den Festspielen zu tun? Direkt nichts, indirekt Wesentliches, denn der Komponist hat in seiner Eigenschaft als Dirigent in Bologna, wo schon 1871 mit dem Lohengrin die italienische Erstaufführung einer Wagner-Oper, damit die erste Aufführung einer Wagner-Oper auf dem Stiefel überhaupt stattfand – Martucci hat also 1888 Tristano e Isotta aus der Taufe gehoben. Einige Rezensenten fanden die Oper scheußlich, ja: empfanden sie als Werk eines künstlerisch Impotenten, auch als ein Opus, das mit seinem (angeblich) melodie- und (angeblich) nummernlosen Stil an den recitar cantando eines Monteverdi oder Peri erinnerte. Martucci aber wurde als legitimer Nachfolger Angelo Marianis gefeiert.

Wer sich heute mit Martucci befasst, kann sich Aufnahmen im Internet anhören oder CDs kaufen. Sein Klavierquintett C-Dur op. 45 im Konzertsaal zu hören, ist jedoch eine Rarität. Bei den Kulturfreunde wird es gespielt, weil der Vorstand sich für das Werk eingesetzt hat. Auch dem Elaia Quartett und Nasti war es unbekannt; noch unbekannter dürfte es der Einspringerin gewesen sein, der Violinistin Clara Mesplé, die die Kühnheit besaß, kurzfristig nach Bayreuth zu reisen, um das Nicht-Repertoire-Stück mitzuspielen. Neben ihr sitzen Barbara Köbele (erste Geige, im zweiten Teil dann an der zweiten Geige), die Violaspielerin Francesca Rivinius und die Violoncellistin Karolin Spegg. Dass sie den Martucci spielen, ist schon bemerkenswert – doch wie sie ihn spielen, schier mirakulös. Statt der Legende zu vertrauen, dass Martucci ein Schüler Mendelssohns und Schumanns gewesen sei, bringen sie das Werk des 21jährigen, das er ein Jahr nach der Eröffnung der Bayreuther Festspiele komponierte, wie ein Stück Zukunftsmusik. Man hört: Das mit 35 Minuten lange, doch nicht überlange Werk, hat noch Teil an der Tradition; der Beginn könnte auch von Schubert entworfen worden sein, aber dann wird es impressionistisch. Drei Sätze lang verzaubern uns das Elaia Quartett und Nasti am Flügel mit einer zwischen Traum und Wirklichkeit changierenden Musik, die nicht allein im Andante con moto des zweiten Satzes nur mit drei S-Begriffen beschrieben werden kann: sensualistsch, sensibel, somptuös. Man schwelgt geradezu in den Klangräumen, ohne die thematische Entwicklung genau im Blick haben zu wollen. Mag sein, dass der Komponist selbst schon so unakademisch war, dass er gleichzeitig formal und klangsinnlich überzeugen wollte. Zusammen mit Nasti spielt das Frauen-Quartett das geradezu orchestrale Opus – orchestral, um noch im Scherzo schönste pianissmo-Töne zu produzieren. Nur der vierte Satz, das Allegro con brio, wirkt relativ akademisch, als habe es der junge Musikstudent mit dem Blick auf Wagners Kritik an der „Quadratur des Tonsatzes – eben so angelegt. Es hat etwas von Schumann, dem es thematisch ein wenig verwandt ist, und wäre es von Schumann, würde man es für stimmig halten, doch im Ganzen des Quintetts wirkt es wie ein wenn auch gut gemachter Fremdkörper. Dass das Quintett auch diesen Satz mit Verve und klanglicher Vergleichbar monumental ist César Francks Klavierquintett f-Moll. Mit einer Länge von 36 Minuten entspricht es dem Martucci-Quintett; mag sein, dass sich das Wagnerische der Komposition vor Allem in seiner Länge äußert, aber auch schon Schuberts Kammermusikwerke besitzen die Ausdehnung, die am Abend zwei Werke völlig ausreichend macht. Eine Zugabe kommt denn auch nicht, denn was sollte man nach zwei derartigen Solitären auch spielen? Das Quartett bewältigt die Quadratur des Kreises, indem die herausstechenden Soli nicht mit den Anforderungen dissonieren, die man an ein Streichquartett zu stellen pflegt. Hinzu kommt der Klavierpart, der, hier wie bei Martucci, größte konzertante Qualitäten aufweist und doch nicht autistisch aus der Totale heraustönen darf. Zusammen klingen Nasti und das Elaia Quartett an diesem Abend einfach grandios. Der langsame Satz, Lento, con molto sentimento, ist nach dem farblich und thematisch großen Kopfsatz beim Ensemble schlicht und einfach zum Zurücklehnen, bevor das Finale die Expressivität des Beginns noch einmal bekräftigt. Dass man zwischendurch Tristan-Anklänge, also chromatische Linien zu hören meint, dürfte kaum ein Zufall sein. Wie gesagt: orchestral, womit das Quintett auf glanzvolle Weise erstens die Güte großer Kammermusik bewies und zweitens mit dem konzentrierten wie starken Programm und seiner Interpretation die zehn Jahre dauernde Gastspieltätigkeit der Kulturfreunde Bayreuth e.V. krönte und beendete – denn demnächst wird man sich im Friedrichsforum, der ehemaligen Stadthalle also, wiedersehen und -hören.

Frank Piontek, 12. März 2026


Klavierquintett C-Dur op. 45
Giuseppe Martucci
Zentrum, Bayreuth
11. März 2026

César Franck: Klavierquintett f-Moll
Elaia Quartett & Nasti