Etiam altera pars audiatur
Die Premiere von Verdis vorletzter Oper Otello in Bonn fand in der Lokalpresse, aber nicht zuletzt auch in den Besprechungen im opernfreund.de (Kritiken von Jochen Rühl und Pedro Obiera) einhellige Zustimmung. Die Erwartungen des Publikums der zweiten ausverkauften Vorstellung waren vielleicht auch deshalb dementsprechend hoch und wurden, zumindest was die musikalische Seite des Abends anging, sicherlich nicht enttäuscht. Chor und Extrachor des Theater Bonn (André Kellinghaus) sowie das groß aufspielende Beethoven Orchester Bonn unter der souveränen Leitung ihres GMD Dirk Kaftan wurden zu Hauptakteuren einer musikdramatischen Handlung, in der Verdi nicht zuletzt unter dem Einfluss Wagners die italienische Gesangstradition mit modernem Musikdrama vereinte. Die Sturmszene gleich zu Beginn des 1. Aktes in ihrer beklemmenden Düsternis kann sicherlich als ein besonders grandioser, das Schicksal des Helden vorwegnehmender Operneinstieg bezeichnet werden und wurde von Chor und Orchester der Bonner Oper meisterhaft in faszinierende Klanggewalt umgesetzt. Damit stand bereits der vielleicht beeindruckendste Höhepunkt der Aufführung ganz am Anfang des Abends.
Aus der vorzüglichen Sängerriege ragte die amerikanische Sopranistin Kathryn Henry als Desdemona heraus, die nicht nur mit dieser Rolle ihr Europadebüt gibt, sondern zur Freude des Bonner Publikums festes Ensemblemitglied der Bonner Oper wird. Mit ihrem leuchtenden, in den Spitzentönen groß aufblühenden lyrischen Sopran stellt sie Othellos unglückliche Gattin nicht ausschließlich als eine engelsgleiche, dem Schicksal ergebene und sich aufopfernde Liebende dar, sondern als eine couragierte junge Frau, die vehement ihre Treue bekundet und sich Othellos haltlosen Verdächtigungen widersetzt. Mit großer Emphase schleudert sie Othello in der Bonner Version der Übersetzung des italienischen Librettos von Arrigo Boito entgegen: „Ich bin deine Ehefrau, nicht deine Sklavin!“ Ihr berühmtes Lied von der Weide, mit dem Desdemona ihren Tod vorausahnt, und das anschließende Gebet, in wunderschönstem Piano und mit herrlicher Linienführung gesungen, wurden zu einem besonderen musikalischen Höhepunkt an diesem Opernabend.
Der georgische Tenor George Oniani, seit der Spielzeit 2008/09 fest im Bonner Ensemble, verleiht dem ehrgeizigen Emporkömmling und Befehlshaber der venezianischen Flotte – in der Bonner Inszenierung mutiert Othello zu einem fremden Söldner, der als Anführer die republikanische Armee auf Zypern befehligt – in dessen toxischer männlicher Gewalttätigkeit schauspielerisch, vor allem aber auch sängerisch ein beeindruckendes Profil. Onianis Tenorstimme strömt vor allem in der Mittellage in baritonaler Färbung besonders schön, aber auch die Eifersuchtsausbrüche Othellos gerade im zweiten und dritten Akt gestaltet er mit ungeheurer Intensität, wobei er sich auch nicht scheut, die Spitzentöne z.T. mehr herauszuschleudern als in Linie zu singen. Da fühlt man sich an den legendären Mario del Monaco erinnert, der in der Karajaneinspielung von Verdis Meisterwerk zusammen mit Renata Tebaldi und Aldi Protti in der Interpretation des Othello Maßstäbe gesetzt hat. Dass Oniani bei aller Stimmgewalt auch über ein schönes tragfähiges Piano verfügt, bewies das herrliche Liebesduett im 1. Akt Già nella notte densa, das mit dem berühmten Kussmotiv endet, das Verdi in der Todesszene des letzten Aktes wieder aufgreift.
Othellos Widersacher Jago verleiht der italienische Bariton Simone Piazzola, an allen bedeutenden Opernhäusern in Italien und Spanien, aber auch in Wien, München oder Berlin in den verschiedensten Verdi- und Puccinirollen gefeiert, alle Züge des intriganten, heuchlerischen Schurken, der die Schwächen seiner Gegenspieler schonungslos um des eigenen Vorteils willen ausnutzt. Bei Verdi wird Jago zum personifizierten Bösen, wie man dem ansonsten wenig aussagekräftigen Programmflyer der Bonner Oper zu Verdis Otello entnehmen kann. Mit seinem voluminösen, runden und warmem Bariton, der nicht nur die schmeichlerisch-infamen Passagen der Partitur glänzend interpretiert, sondern auch sein nihilistisches Credo im zweiten Akt mit der notwendigen dämonischen Attacke geradezu herausschleudert und im Racheduett zu großer Form aufläuft, ist Simone Piazolla eine Idealbesetzung für die Rolle des Jago. Auch die Nebenrollen waren durchweg rollendeckend besetzt, sodass man eine rundum musikalisch beglückende Aufführung erleben durfte.
Nun doch noch ein paar Sätze zu der auch von den Kollegen im Opernfreund gelobten Inszenierung des Regisseurs Leo Muscato. Wie neuerdings in allen Inszenierungen des Otellos üblich, umgeht auch Muscato die noch bei Shakespeare und Boito zentral angelegte Begründung für Othellos rasende Eifersucht, nämlich seine Außenseiterrolle aufgrund seiner Hautfarbe, die ihn für Jagos beispiellose Intrige anfällig macht. Othello ist nun ein Fremdling, der nicht durch seine schwarze Hautfarbe in Zweifel gerät, sondern – so die deutsche Übersetzung in den Bonner Untertiteln – an seinen Kriegsnarben im Gesicht leidet. Überhaupt ist Othello in der Inszenierung Muscatos ein durch den Krieg tief traumatisierter Mann, der in der Liebe zu Desdemona Rettung vor seinen Dämonen sucht, dann aber aus grundlos verletztem Ehrgefühl zu einem getriebenen Gewalttäter wird und einen Femizid, einen eher strukturell bedingten Mord an seiner Frau begeht, wie man im Programmflyer erfährt. Diese Lesart mag interessant sein, wird sie aber wirklich dem Stoff, wie wir ihn von Shakespeare und Boito kennen, gerecht?
Warum ist Desdemona bei Muscato zudem eine Kriegsfotografin, die auch sonst bei jeder günstigen, aber auch bei wenig geeigneten Gelegenheiten ihren Fotoapparat zückt und den Blitz auslöst? Die verfallenen Festungsgemäuer (Bühne: Federica Parolini), in die im Baukastenprinzip die Dunkelkammer der Fotografin, Othellos Kommandostelle oder das Schlafzimmer der frisch Verheirateten hineingeschoben werden, bilden den Schauplatz der Handlung, die Muscato ansonsten recht plausibel erzählt, wobei das Schlussbild fast schon wieder das gewohnte Ambiente unzähliger Inszenierungen repräsentiert, wäre da nicht der Versuch des Regisseurs, den Bogen zum Anfang zu schließen. Denn im ersten Akt findet das Liebesduett zunächst in der Dunkelkammer statt, bevor dann die Liebenden in das Schlafzimmer auf der anderen Bühnenseite wechseln, wo Othello aber von seinen Kriegstraumata eingeholt wird und zusammenbricht. Nun im Schlussbild erinnert er sich in der Dunkelkammer an vergangenes Liebesglück, bevor er in das Schlafzimmer geht, um Desdemona zu töten.
Fazit: Die Inszenierung Muscatos mag nicht in jedem Punkt stimmig sein, sie ist aber allemal interessant und anregend. Musikalisch kann man in Bonn mit Verdis Otello einen großen Opernabend erleben. Auch das Publikum feierte alle Beteiligten mit starkem, lang anhaltendem Beifall, der bei Kathryn Henry besonders stürmisch ausfiel. Und dies vollkommen zu Recht!
Norbert Pabelick, 28. März 2026
Otello
Oper von Giuseppe Verdi
Oper Bonn
Premiere: 22. März 2026
Besuchte Vorstellung 27. März 2026
Regie: Leo Muscato
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Beethoven Orchester Bonn
weitere Vorstellungen: 4. und 26. April, 17. Mai sowie am 5., 18. und 28. Juni und am 6. Juli 2026