Berlin: „Das Rheingold“, Richard Wagner (konzertant)

Es ist eine lange Tradition der Berliner Philharmoniker, ihre Osterfestspielproduktionen zum Abschluss in ihrer philharmonischen Berliner Heimat aufzuführen. Und zwar konzertant, was Publikum und Sängern die ideale Möglichkeit bietet, sich ganz und gar auf die Musik zu konzentrieren.
Nachdem die Rückkehr des Orchesters nach Salzburg von Publikum und Presse gleichermaßen frenetisch gefeiert wurde, waren die Erwartungen beim Heimspiel freilich sehr hoch. Für den überwiegenden Teil des Publikums – darunter auch Paare fortgeschrittenen Alters, die die erste Wagneroper ihres Lebens erlebten – wurden sie, dem großen Jubel nach zu urteilen, auch eingelöst.
Kirill Petrenko, wagnererfahren seit seiner erfolgsverwöhnten Ära an der Bayerischen Staatsoper, nahm bei diesem Rheingold vor allem mit dramatischer Wucht für sich ein. Und konnte sich dabei auf das fulminante Blech des Orchesters verlassen, unübertroffen vor allem die Hörner in ihrer Brillanz und Makellosigkeit.  

Aber auch im Wagner-Olymp bleibt bisweilen Luft nach oben.
So tönte etwa schon das Vorspiel weniger leise und mystisch, als Wagner es sich vorgestellt haben mag. In der Partitur steht schließlich über jeder Orchesterstimme piano und noch nach 40 Takten „immer piano“! Aber abgesehen davon, dass die Celli, die zuerst die Wellenbewegungen des Wassers andeuten, und die Bläser für einige Takte nicht präzise zusammenspielten, überdeckten Hörner, Posaunen und die Kontrabasstuba mit ihren zu lauten Haltetönen die Streicher, die sich dagegen schwer in einem Crescendo aufbauen konnten.

Auch einige kleinere Stimmen innerhalb des Ensembles wie der Loge von Brentan Ryan, der Alberich von Leigh Melrose oder der Mime von Thomas Ciluffo hätten noch besser zur Geltung kommen können, wenn Petrenko das Orchester zu ihrem Gesang stärker zurückgenommen hätte.

Generell reizt Petrenko die Musik in den dynamischen Spitzen extrem aus, verschießt aber zu früh sein Pulver. Schon beim ersten Auftritt der Riesen ist die maximal vorstellbare Lautstärke eines Orchesters erreicht. Für Alberichs Fluch, Fafners Mord an seinem Bruder oder den finalen Einzug der Götter in die Burg Walhall ist damit kaum noch Steigerungspotenzial gegeben, geschweige denn im Blick auf den gesamten Ring.
Pianostellen lotet Petrenko weniger in ihren Extremen aus, sie hätten noch spannungsvoller knistern dürfen, wenn Alberich in Nibelheim Wotan und Loge in die Geheimnisse seines Tarnhelms einweist, oder an lyrischer Stelle noch mehr Zartheit vertragen, wenn Riese Fasolt (profunde große Stimme: Le Bu) einmal aus seinem Herzen spricht („ein Weib zu gewinnen, das wonnig und mild“).

Positiv hervorzuheben ist die überwiegend sehr gute Textverständlichkeit des Ensembles, mit der allen voran Christian Gerhaher den Wotan singt, dessen Interpretation die hohe Kunst des Liedgesangs prägt. Dabei erstaunt das große Volumen, das er an gebotenen Stellen aufbieten kann, war doch von seinem Amfortas im Parsifal 2018 in München weniger zu hören.
Von Leigh Melrose ist selbst dann noch jedes Wort zu verstehen, wenn sein Alberich im Flüsterton geifert, nur kommt in seinem ausgeprägten Sprechgesang bisweilen die Melodie ein wenig kurz. Kleine Abstriche galt es auch bei Patrick Guetti zu machen, dessen Fafner mit nicht ganz perfektem Stimmsitz etwas kehlig tönte, und bei Sara Brady, eine Freia mit engem Vibrato.

Unter den auf dem internationalen Parkett noch weniger bekannten Sängerinnen ließen sich aber auch Bayreuth würdige Entdeckungen ausmachen: allen voran die Fricka von Catriona Morison, ein warmer Mezzo von großer Leuchtkraft, agil in allen Lagen und bei alledem eine Interpretin, die ihre Figur sehr menschlich in ihren Sorgen um ihre Schwester durchlebt. Und Jasmin White, die – mit einer der schönsten und mächtigsten Altstimmen ihrer Generation gesegnet – aus der kleineren Partie der Erda eine ganz große macht.
Auch die drei Rheintöchter fanden in Louise Foor, Yajie Zhang und Jess Dandy überdurchschnittliche Interpretinnen, die bestens miteinander harmonierten.

Ein bisschen überbewertet wird die Einstudierung gleichwohl, misst man sie an dem Rheingold, mit dem Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper die Saison eröffnete. Seine klanglichen Raffinessen, dynamischen feinen Abstufungen und lang angelegten Spannungsbögen sind einfach singulär.

Kirsten Liese, 11. April 2026


Das Rheingold
Richard Wagner

Philharmonie Berlin

Konzertante Aufführung am 10. April 2026

Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Berliner Philharmoniker