Krefeld: „La Bohème“, Giacomo Puccini

© Matthias Stutte

Was schreibt man als Kritiker zu einer Opernpremiere, wenn es wirklich gar nichts zu kritisieren gibt? Giacomo Puccinis La Bohème gehört darüber hinaus auch heute noch zu den weltweit meistgespielten und erfolgreichsten Opern überhaupt, sodass vermeintlich bereits alles gesagt wurde. Der Erfolg dieses Werkes rührt sicherlich auch daher, dass La Bohème dem Zuschauer im Verismo-Stil neben mitreißenden Melodien eine realitätsnahe und tief emotionale Geschichte erzählt. Ein vielleicht eher unbekannter Randaspekt ist die Tatsache, dass Puccini für das Leitmotiv des Künstler-Quartetts auf eine Komposition aus seiner Abschlussarbeit am Konservatorium zurückgriff. Dadurch entsteht eine besondere Verbindung zwischen der Musik des jungen Künstlers und den Lebensumständen der Künstler-WG im ersten Akt. Dies ist eine von vielen interessanten Anekdoten, die man in der sehr empfehlenswerten musikalischen Einführung vor jeder Vorstellung dieser Oper in Krefeld erfährt. Hierbei gibt der junge Pianist und Dirigent Anton Brezinka, Mitglied des Opernstudio Niederrhein, informative Einblicke in die Komposition des Werkes und liefert gleichzeitig am Klavier anschauliche musikalische Kostproben zu den angesprochenen Punkten.

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Für die Inszenierung der Bohème konnte der junge Regisseur Dennis Krauß gewonnen werden, der am Theater Krefeld-Mönchengladbach bereits die Kammeroper Aida – Der fünfte Akt im kleineren Rahmen inszenierte. Im vergangenen Jahr wurde er für seine Inszenierung von Sleepless am Theater Chemnitz mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust in der Kategorie „Regie Musiktheater” ausgezeichnet. Zudem wurde er im selben Jahr mit dem Europäischen Opernregiepreis geehrt. Auch bei La Bohème trifft Dennis Krauß nun genau den richtigen Tonfall. Er inszeniert die Geschichte traditionell in der Zeit um 1900, mit einer klugen Personenführung und einem guten Gespür dafür, die kleinen, intimen Momente der Oper und die großen Bilder geschickt zu verbinden. Darüber hinaus zeichnet sich Dennis Krauß auch für das fantastische Bühnenbild in Form von großen Gemälden verantwortlich, in das viel Liebe zum Detail gesteckt wurde. So gibt es nicht nur einen passend rauchenden Schornstein oder ein paar Tauben, die beim Liebesduett zwischen Mimi und Rodolfo durchs Bild fliegen, auch Schatteneffekte werden immer wieder geschickt eingesetzt. Sei es das Feuer im Ofen, das für die kurze Brenndauer des Papiers ein kleines, orange schimmerndes Licht auf die Künstler wirft oder die Schatten der Darsteller bei Auf- und Abgängen im Treppenhaus zur Dachgeschosswohnung. Wie sagte eine Zuschauerin in der Pause ganz treffend und voller Begeisterung zu ihrer Begleitung: „Wie schön, eine Oper so wie früher.“

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Passend sind die Kostüme von Raphaela Rose an das Leben zur Zeit der Jahrhundertwende in Paris angepasst. Auch musikalisch kann La Bohème in Krefeld überzeugen. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson spielen die Niederrheinischen Sinfoniker wie gewohnt stark auf und zeigen ein gutes Gespür für Tempo und Lautstärke. Der Opernchor und Extrachor des Theaters Krefeld Mönchengladbach wurde von Michael Preiser gut einstudiert. Auch der ergänzende Kinder-Projektchor der Musikschule der Stadt Krefeld unter der Leitung von Marie-Kristin Steiner und Ricardo Navas ist bestens vorbereitet. Schön hierbei ist, dass man diesem nach dem zweiten Bild einen separaten Applaus vor der Pause gönnt, damit die Kinder vor der Heimreise noch entsprechend verabschiedet werden können. Wie immer kann sich das niederrheinische Gemeinschaftstheater auf sein Musiktheater-Ensemble verlassen, allen voran Woongyi Lee in der Rolle des Dichters Rodolfo, der einmal mehr mit seinem variablen Tenor glänzt. An seiner Seite steht Sofia Poulopoulou als Mimi, die mit klarem Sopran auch in den Höhen überzeugt und die Rolle zudem anrührend gebrechlich auf die Bühne bringt. Nicht nur in der großen Schlussszene leidet man als Zuschauer förmlich mit ihr mit. Positiv ist auch, dass in Krefeld alle Rollen altersmäßig passend besetzt werden können. So sind mit Jeconiah Retulla als Musiker Schaunard, Rafael Bruck als Maler Marcello, Matthias Wippich als Philosoph Colline sowie Sophie Witte als Musetta auch die weiteren vier großen Rollen erstklassig besetzt. Und selbst die vier kleineren Nebenrollen sind mit Hayk Deinyan als Vermieter Benoît, Markus Heinrich als Spielzeughändler Parpignol, Thomas Peter als Musettas Begleiter Alcindor und Chanyang Choi als wachhabender Sergeant hörenswert besetzt.

© Matthias Stutte

Am Ende des Abends steht somit zu Recht ein fast orkanartiger Jubel des Publikums im ausverkauften Krefelder Theater. Sänger, Sängerinnen, Orchester sowie das Kreativteam wurden bei der Premiere nach rund 2 1/2 Stunden Spieldauer für eine rundum gelungene Produktion gleichermaßen gefeiert. Somit bleibt am Ende eigentlich nur noch die Eingangsfrage zu beantworten. Vielleicht schreibt man einfach: „Was für ein schöner Opernabend! Hingehen und genießen!”

Markus Lamers, 13. April 2026


La Bohème
Oper in vier Bildern von Giacomo Puccini

Theater Krefeld

Premiere: 12. April 2026

Inszenierung und Bühne: Dennis Krauß
Musikalische Leitung: Mihkel Kütson
Niederrheinische Sinfoniker

Interview mit dem Regisseur

Weitere Aufführungen: 22. April, 26. April, 1. Mai, 5. Mai, 7. Mai, 5. Juni, 27. Juni, 9. Juli, 19. Juli und ab dem 14. November im Theater Mönchengladbach