Szenischer Totalausfall
Die Deutsche Oper am Rhein stand bei ihrer neuen Produktion von Richard Strauss’ Elektra bereits vor der Premiere vor einer großen Herausforderung: Kurzfristig erkrankte die Hauptdarstellerin, sodass die Sängerin der Titelpartie ihre eigentliche Premiere erst in der dritten Vorstellung absolvieren konnte. Für ein Opernhaus ist eine solche Situation immer heikel – für eine Partie wie Elektra, die vokal wie darstellerisch einem Marathonlauf gleicht, erst recht. Quasi aus dem Stand musste sich nun Magdalena Anna Hofmann nach krankheitsbedingter Unterbrechung in diese extrem fordernde Rolle werfen, ohne die entscheidende finale Probenphase vollständig durchlaufen zu haben. Das ist für alle Beteiligten eine enorme Herausforderung und fordert Nerven und Stimmbänder der Protagonistin gleichermaßen. Musikalisch glückt aber alles, dennoch mag dieser Umstand den szenischen Totalausfall noch verschärft haben, denn was inszenatorisch auf der Bühne geboten wird, ist mehr als desolat. Dabei sei vorweg gesagt: Die musikalische Seite besitzt ihre Meriten. Die Besetzung ist ausgezeichnet, bis in die kleinsten Rollen wird auf höchstem Niveau gesungen – dazu später mehr. Umso enttäuschender ist es, dass Regisseur Stephan Kimmig sich der eigentlichen Inszenierungsarbeit nahezu komplett verweigert. Statt psychologischer Durchdringung oder einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Abgründen dieser Oper bietet er nichts als langweiligstes Rumgestehe. Katja Haß liefert ein Bühnenbild, das eine belanglose Wüste aus Sichtbeton und Klinker ist, in die sich eine verstohlene Palme und ein Auto geschoben haben. Unatmosphärisch, teils ebenso ausgeleuchtet (Licht: Hendrik Möschler), unterstreicht diese Ausstattung den konzertanten Charakter des Abends. Kostüme von Anja Rabes, die so nichtssagend sind, dass man sich nur wundern kann, runden diesen Flop ab. Elektra darf sich im blauen Overall als Automechanikerin versuchen und findet ihre Erlösung am Ende im weißen Outfit aus dem Versandhandel. Was das für ein Ort ist, wird nicht klar, warum diese Personen dort sind, ebenfalls nicht. Da ist nichts Schwüles, nichts Drückendes, nichts Brutales, nichts Unbändiges, nichts Verstörendes… einfach nichts. Und in alledem darf natürlich vollkommen überflüssige Video-Bespielung nicht fehlen, die – oh Wunder! – genauso nichtssagend ist wie der Rest.

Aber auch von einer psychologischen Führung der Figuren ist nichts zu spüren. Die Regie verliert sich in lächerlichen Mätzchen, die keinerlei Mehrwert schaffen. Über Elektra selbst lässt sich fast nur sagen: Sie steht und singt – gelegentlich sitzt sie auch und singt. Das ist besonders bedauerlich, weil gerade dieses Werk mit seiner hochdramatischen Musik, seinen emotionalen Extremen und den vielschichtigen Figuren unzählige Möglichkeiten böte, musikalisch und szenisch miteinander zu arbeiten.
Doch genau das geschieht in keinem einzigen Moment. Die Musik scheint für diese Regie keinerlei Rolle zu spielen. Im Graben eskaliert die Innensicht auf Elektra, und die Figur setzt sich auf ein Mäuerchen und guckt und greift zum Butterbrot. Wartet sie, dass das Drama im Graben endlich vorbei ist? Stattdessen lässt man Statisten (Agamemnon) über die Bühne hüpfen, Purzelbäume schlagen, und meint so den Fluch, der als böser Clown ihr Leben zu bestimmen scheint, irgendwie in Bilder fangen zu können, was letztlich nur unheimlich bemüht erscheint. Alles wirkt, als empfinde die Inszenierung Strauss’ Musik eher als störendes Beiwerk denn als eigentlichen Motor des Dramas. Das Ergebnis ist ein permanentes Rampensingen, ein statisches, ideenloses Nebeneinander von Personen auf der Bühne, die das Schicksal irgendwie dahin geschwemmt hat. Gerade bei einem Werk wie Elektra, das von innerer Spannung, psychologischer Radikalität und musikalischer Ekstase lebt, ist das ein besonders schmerzlicher Befund. Hier hat man die Chance für einen ganz großen Abend vertan, denn die musikalische Seite hat das Zeug dazu.

Allen voran ist die Leistung von Magdalena Anna Hofmann in der Titelpartie eine echte Sensation. Sie stemmt diese gewaltige Aufgabe mit beeindruckender Wucht und Kraft, bleibt dabei scheinbar stets unangestrengt und gestaltet ihre Elektra mit großer stimmlicher Souveränität und feiner Nuancierung. Sie verliert sich nicht in Gekeife oder Hysterie, sie lässt es strömen, fließen, mit einer Wärme, die man bei der Aufgeladenheit ihrer Figur fast nicht vermutet. Gleichwohl weiß sie Schärfen wohl zu platzieren, und auch die Textverständlichkeit ist beachtlich. Auch wenn die Regie ihr oft kaum mehr zu tun gibt, als an der Rampe zu stehen und zu singen, nutzt sie genau diesen Umstand musikalisch zu ihrem Vorteil und wird so zur eigentlichen Trägerin des Abends.
Ihr zur Seite steht Liana Aleksanyan als Chrysothemis, die von der Regie optisch als eine Art Insta-Püppchen gezeichnet wird. Musikalisch jedoch meistert sie ihre Partie souverän. Lediglich in ihrem ersten großen Monolog hat sie kurz mit der enormen Lautstärke aus dem Graben zu kämpfen, findet danach aber sicher zu ihrer Linie und überzeugt mit klarem, kraftvollem Gesang und einem wohlklingenden Sopran.
Mit Linda Watson als Klytämnestra hat man eine echte Grande Dame der Düsseldorfer Oper für diese Partie gewonnen – und das erweist sich als Glücksgriff. Sie bringt genau das mit, was diese Figur braucht: eine natürliche, der Figur würdige, gewachsene Ausstrahlung, Autorität und jene düstere Präsenz, die Klytämnestra glaubhaft macht, ohne sie künstlich überzeichnen zu müssen.
Cornel Frey gestaltet den Aegisth mit strahlender, kräftiger Tenorstimme und großer Energie. Er wirft sich mit hörbarer Kraft in diese vergleichsweise kurze, aber prägnante Partie. Umso unverständlicher bleibt allerdings die Entscheidung der Regie, ihn derart affektiert auftreten zu lassen.
Auch Richard Šveda als Orest ist überzeugend besetzt. Er singt seinen Part souverän, mit schöner Stimme und jener Ruhe, die als Gegenpol zum hysterischen Kosmos der Frauenfiguren unverzichtbar ist.
Erfreulich geraten auch die kleineren Partien: Vor allem die Mägde bilden ein ausgezeichnetes Ensemble, das dem Abend zusätzliche musikalische Qualität verleiht.

Im Graben entfachen die Düsseldorfer Symphoniker schließlich ein echtes Feuerwerk. Vitali Alekseenok kostet Strauss’ Partitur mit großer Lust an der Klanggewalt aus und treibt die Lautstärke bis an ihre äußersten Grenzen. Mitunter wünschte man sich etwas mehr Feinzeichnung, etwas mehr Differenzierung – denn Elektra kennt nicht nur das Fortissimo. Dennoch bleibt die orchestrale Leistung beeindruckend souverän: Das Blech dröhnt prachtvoll, das Orchester klingt opulent und klangschön, genau so, wie man Strauss hören möchte. Das hat Kraft, Wucht und macht großen Spaß.
Am Ende zeigt sich auch das – an diesem Abend eher spärlich vertretene – Düsseldorfer Publikum hörbar angetan von den musikalischen Leistungen.
Der inszenatorische Totalausfall mag durch die schwierigen Bedingungen der Endprobenwoche noch verschärft worden sein. Vielleicht wäre manches unter regulären Umständen weniger unerquicklich ausgefallen. Entschuldigen lässt sich das Ergebnis dennoch nicht. Eine derart konsequente Verweigerung, sich dem Stück, seinen Figuren und vor allem seiner Musik wirklich anzunehmen, bleibt enttäuschend. Für die Regie wäre eigentlich nicht mehr als eine Opernfreund-Schnuppe zu vergeben – für die musikalische Seite hingegen wäre der Opernfreund-Stern drin. So bleibt ein Abend, den man sich durchaus anhören sollte. Die Augen kann man ja schließen.
Sebastian Jacobs, 26. April 2026
Elektra
Richard Strauss
Besuchte Vorstellung: 24. April 2026
Premiere: 12. April 2026
Inszenierung: Stephan Kimmig
Musikalische Leitung: Vitali Alekseenok
Düsseldorfer Symphoniker