Das war wieder einmal ein überaus gelungener Opernabend an der Staatsoper Stuttgart! Die Uraufführung von Sara Glojnarics auf einem Libretto von Tanja Sljivar beruhender neuer Oper Station Paradiso geriet zu einem vollen Erfolg für alle Beteiligten. Bei dem frenetischen Schlussapplaus ohne jegliche irgendwie gearteten Missfallenskundgebungen erhoben sich im Parkett sogar einige der begeisterten Zuschauer von ihren Sitzen und spendeten Standing Ovations. Und das zu Recht. Einmal mehr hat die Stuttgarter Staatsoper nachhaltig unter Beweis gestellt, dass sie für neue Opern ein ausgezeichnetes Händchen hat.

Bei Station Paradiso handelt es sich um eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause. Dieses Werk richtet sich an alle Personen, deren Gefühle für Heimat und Zuhause eine ganz andere Ausrichtung erfahren als es sonst der Fall ist. Im Zentrum des Stückes steht die Suche nach diesem Zuhause, wobei die Handlungsträger eine Busreise in die Erinnerung, in Nostalgie und Sehnsüchte antreten. Ausgangspunkt dieser Fahrt ist Stuttgart, das Ziel ist Neapel. Am Ende landen die beteiligten Personen wieder an ihrem Ausgangspunkt Stuttgart. Sie alle sind Ausländer, Kinder und Enkel von Gastarbeitern, die in den 1950er Jahren und auch noch später nach Stuttgart gekommen sind und sich dort niedergelassen haben. Ihre Heimat haben sie indes nicht vergessen. Die Sehnsucht danach haben sie an ihre Nachkommen weitergegeben, die sich nun auf den Weg machen, das ursprüngliche Zuhause ihrer Eltern und Großeltern kennen zu lernen. STATION PARADISO erzählt von Menschen, die ihr Land verlassen haben, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Figuren tragen Erfahrungen von Migration in sich. Damit verbunden sind Gefühle, die sie ein Leben lang begleiten (vgl. Programmheft, S. 5).
Es ist schon eine sehr eindringliche Geschichte, die sich da vor den Augen des zahlreich erschienenen Publikums abspielte. Es geht hier um die Musik der alten Gastarbeiter in Stuttgart, von Menschen, die ab den 1950er Jahren aus Südosteuropa in die Württembergische Landeshauptstadt gekommen sind und sich dort fern ihrer Heimat ein Familienleben aufgebaut haben. Dabei hatten sie oft Kassetten mit Tonaufnahmen ihrer Eltern und Verwandten dabei. Eine solche Kassette, die von einer in Neapel gebliebenen Großmutter für ihre nach Deutschland ausgewanderten Kinder aufgenommen wurde und heute im Stuttgarter Stadtpalais aufbewahrt wird, bildete den Ausgangspunkt der Komposition. Daneben wurde Sara Glojnaric vor allem aber auch von Gesprächen und Interviews inspiriert, die sie mit zahlreichen Angehörigen der zweiten Generation der Gastarbeiter geführt hat. Diese machten sie mit dem Liedgut ihrer Heimat vertraut, das die Komponistin dann auch geschickt in die Oper einarbeitete. Zu der Musik unten mehr.

Die Hauptrolle in Station Paradiso spielt der Busfahrer. Er stellt die Regeln auf und fährt die übrigen Handlungsträger in einem Bus entlang der ehemaligen Europastraße 5 quer durch Europa. Der gleichsam allwissende Busfahrer lässt zu Beginn an einer Stuttgarter Haltestelle mit Namen Station Paradiso eine Gruppe sehr heterogen veranlagter ausländischer Menschen in seinen Bus einsteigen, die er dann an ihre unterschiedlichen Heimatorte fährt. Er ist gleichsam eine mythologische Figur. Er gleicht dem Fährmann Charon, der die Toten über den Fluss Styx in die Unterwelt gebracht hat. Das ist eine sehr interessante Deutung des Busfahrers. Bemerkenswert ist, dass die Fahrgäste keine Fahrkarte kaufen und die Reise auch nicht mit Geld bezahlen müssen. Das Entgelt für die Fahrt besteht in einem Song, der etwas in ihnen hervorruft und den sie auf Geheiß des Busfahrers singen müssen. Dabei ist die Reise selbst das Ziel. Auf den ersten Blick scheint die Busfahrt von Stuttgart nach Neapel äußerer Natur zu sein. Bei näherem Hinsehen wird aber offenkundig, dass wir es hier mit einer Reise ins Innere zu tun haben. Erinnerungen, Nostalgie und Sehnsüchte schlummern in diesen Menschen und werden durch die Songs an die Oberfläche gebracht. Immer mehr Lieder ertönen in dem Bus. Die Zeit vergeht schnell. Dieser Fahrt dienten etliche ähnliche reale Fahrten als Ausgangspunkt. In der Tat beruhen sämtliche hier erzählten Geschichten auf wahren Begebenheiten. Auf diesen Reisen wurde, wie die Komponistin sagte, immer ein Mixtape gehört, eine Musik, die vorbereitet auf das, was kommen wird. Das ist ein sehr essenzieller Teil des Stückes. Diese Songs bilden gleichzeitig einen Teil des Librettos und schließlich auch einen Teil der Musik. Sie werden teilweise zitiert, aber ebenso oft elektronisch stark verfremdet. Und wie die Musik wirken zudem auch Gerüche heftig auf unsere Sinne ein und können Emotionen auslösen. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass auf der Bühne gekocht wird und so Gerüche produziert werden. Das ist alles ausgesprochen interessant. Wesentlich ist dabei die Erkenntnis, dass es in dieser Oper nicht nur darum geht, zu versinnbildlichen, wie die Gastarbeiter die Stadt Stuttgart geprägt haben. Ebenso wichtig ist es für die Komponistin und die Librettistin aufzuzeigen, wie man sich ein Zuhause fern der Heimat aufbaut. In einem Interview auf der Homepage der Staatsoper Stuttgart stellt Frau Glojnaric die Fragen: Was ist das überhaupt? Und welche Musik bringt uns dieses Gefühl von Wärme und Zuhause immer wieder? Im Vordergrund steht mithin die Problematik, wie Musik als Träger von Erinnerungen funktionieren kann. Und worin steckt die Erinnerung? Hier ist die Antwort klar: In Landschaften und Gerüchen. Die Komponistin bringt es im Programmheft auf S. 32 auf den Punkt: STATION PARADISO erkundet die oft vergessenen Geschichten, die in den Liedern verborgen liegen, die wir mit uns tragen, und verwebt Erzählungen von Sehnsucht, Nostalgie und der fortwährenden Suche nach Zugehörigkeit. Die emotionale Kraft dieser Songs ist enorm. Sie berühren den Zuhörer auf einer ganz eigenen Ebene.

Gelungen ist die Inszenierung von Anika Rutkofsky in dem Bühnenbild von Christina Schmitt und Adrian Stapfs Kostümen. Die Regisseurin war von Beginn an in den Entstehungsprozess von Station Paradiso einbezogen. Nicht zuletzt diesem engen Kontakt zu Sara Glojnaric dürfte es zu verdanken sein, dass ihre Regiearbeit so genial Hand in Hand geht mit den Intentionen von Komponistin und Textdichterin. Die fiktive Reise von Stuttgart nach Neapel wird von ihr mit Hilfe einer flüssigen Personenregie einfühlsam geschildert. Die durch und durch gelungene Produktion ist recht bunt und gleichzeitig ausgesprochen surreal. Der emotionale Faktor kommt ebenfalls nicht zu kurz.
Zu Beginn sieht man den Busfahrer in einer Halle. Im Hintergrund läuft eine alte Schallplatte mit dem Titel Station Paradiso ab. Im Folgenden sieht man die Projektionen von verschiedenen alten Audio-Kassetten, die die Songs der Fahrgäste enthalten. Der Beginn der Reise in Stuttgart wird durch Bilder der württembergischen Landeshauptstadt versinnbildlicht. Auch die Staatsoper Stuttgart wird gezeigt. Im Folgenden geht es auf der Europastraße 5 durch verschiedene Landschaften, Städte, Tunnel usw. Bei jeder berührten Stadt wird von Statisten ein Schild mit dem Namen der betreffenden Metropole über die Bühne getragen. Bei der von dem Busfahrer angekündigten Pause erscheint ein riesiger Waschsalon auf der Bühne. Die Grenze wird durch einen vom Schnürboden herabschwebenden großen Stempel symbolisiert, unter den die beteiligten Personen treten. Der Bus wird oftmals in zwei Teile zerlegt und seine Segmente getrennt voneinander über die Bühne geschoben. So werden auch die Fahrgäste voneinander getrennt. Insgesamt ist der Regisseurin eine sehr interessante Reise durch die Zeit gelungen, die nicht nur äußerlich ist, sondern, wie bereits oben erwähnt, auch in das Innere der hier versammelten Menschen und durch ihre Gefühle geht. Am Ende gelangen diese Leute wieder zurück nach Stuttgart, sitzen gemeinsam an einem großen Esstisch und lassen sich Gerichte aus ihrer Heimat schmecken.
Das Lokale spielt hier eine gewichtige Rolle. Das Thema der Migration betrifft sicher ganz Deutschland. Hier bezieht es sich aber lediglich auf Stuttgart mit so renommierten Arbeitgebern wie Daimler und Bosch. Der Bus stammt von Mercedes. Demgemäß wird in dieser Inszenierung manchmal der Mercedes-Stern sichtbar. Gekonnt wird hier die Stuttgarter Umgebung in den Vordergrund gestellt. Der Bezug zu den 1950er Jahren, der Zeit des Wirtschaftswunders, wird durch Bilder der Politiker Adenauer und Erhard hergestellt. Ihrem Wirken war es zu verdanken, dass damals so viele Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Haben die Reisegefährten eigentlich Stuttgart überhaupt verlassen? Man weiß es nicht genau. Dass die Fahrt nach Neapel lediglich in ihrer Imagination stattfand, ist zumindest möglich. Schließlich geht die Reise ja in ihr Inneres. Insgesamt hinterließ Frau Rutkofskys Regiearbeit einen ganz starken Eindruck.

Sara Glojnaric versteht ihre Musik zu Station Paradiso als Erinnerung, Überlebensstrategie und als Möglichkeit, sich in der Welt zu verorten (vgl. Programmheft, S. 10), ferner als ein Artefakt, als eine Zeitkapsel, die ein ganzes Leben an Erinnerungen, Ritualen, Sprachen und Geschichten in sich trägt (vgl. Programmheft, S. 10). Ihre Klangsprache ist insgesamt recht tonal und gut anzuhören. Sie wartet mit einer ausgewogenen Mischung aus Songs, Volksliedern, Schlagern und Pop auf. Garniert wird das Ganze mit elektronischer Musik, Synthesizern, Samples und Keyboards. Traditionelle Hörgewohnheiten und moderne Klangmalerei reichen sich hier gefällig die Hand. Das Orchester spielt oft live, zeitweilig wird die Musik aber auch durch Zuspielungen eingeblendet. Und da wird es manchmal etwas schwierig, zu unterscheiden, was live ist und was zugespielt. Erwähnenswert ist noch, dass die verschiedenen Songs von der Komponistin recht opernhaft angelegt sind. Der Vortrag dieser Gesänge mutet insgesamt äußerst differenziert und nuancenreich an. Es sind schon sehr vielschichtige, dynamisch ausgewogene Klänge, mit denen sie hier aufwartet. Sicher haben wir es hier mit einem großartigen Klanggemälde zu tun, das von Dirigent Peter Rundel und dem versiert aufspielenden Staatsorchester Stuttgart energiegeladen, intensiv und emotional vor den Ohren des Auditoriums ausgebreitet wird. Das kann sich alles hören lassen. Nachhaltig entsteht der Wunsch, von Frau Glojnaric in naher Zukunft weitere Kompositionen zu hören.
Ebenfalls auf hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. Goran Juric brillierte mit sattem, voluminösem und über andächtige Piani verfügenden Bass als Busfahrer, den er auch überzeugend spielte. Wunderbares, bestens italienisch geschultes und höhensicheres Sopran-Material brachte die schon oft bewährte Josefin Feiler in die Partie der Braut ein. Markant sang Andrew Bogard den Yugo-Vater. Eine voll und rund, dabei sehr intensiv klingende Yugo-Tochter war Diana Haller. Einen imposanten, trefflich durchgebildeten Tenor nannte der Neapolitaner von Joseph Tancredi sein Eigen. Technisch perfekt, schön auf Linie und recht gefühlvoll singend gab Matthias Klink der Trauer des türkischen Vaters um seinen verstorbenen Sohn beredten Ausdruck. Aus der türkischen Tochter machte Fanie Antonelou vokal viel. Eine imposante Alt-Stimme zeichnete Stine Marie Fischers süditalienische Mutter aus. Die süditalienische Tochter war bei der sehr geradlinig intonierenden Martina Mikelic in besten Händen. Carole Wilson klang in der Rolle der singenden Tante Mari(j)a bei den hohen Tönen etwas schrill. Die kochende Tante Mari(j)a war Loretta Petti anvertraut.
Fazit: Wieder einmal eine sehr beachtliche Uraufführung, die der Staatsoper Stuttgart zu hohen Ehren gereicht und deren Besuch dringendst empfohlen wird!
Ludwig Steinbach, 12. Mai 2026
Station Paradiso
Sara Glojnaric
Staatsoper Stuttgart
Uraufführung, Premiere und besuchte Aufführung: 10. Mai 2026
Inszenierung: Anika Rutkofsky
Musikalische Leitung: Peter Rundel
Staatsorchester Stuttgart