Wien: „Stiffelio“, Giuseppe Verdi

© Werner Kmetitsch

Giuseppe Verdis Oper Stiffelio entstand zwischen Luisa Miller und Rigoletto. Librettist war Francesco Maria Piave. Die Handlung basiert auf dem 1849 uraufgeführten Schauspiel Le pasteur, ou L’évangile et le foyer von Émile Souvestre (1806-54) und Claude Eugène Hippolyte Bourgeois (1818-47). Uraufgeführt wurde Stiffelio am 16. November 1850 am Teatro Grande in Triest. Nach Problemen mit der Zensur und verfälschenden Eingriffen arbeiteten Piave und Verdi die Oper sieben Jahre später zu dem in Rimini uraufgeführten Aroldo um. Die Handlung spielt in Südwestdeutschland im 19. Jhd. Der russische Regisseur Vasily Barkhatov erfand dazu eine Rahmenhandlung, da Verdi auf einen Teil der Vorgeschichte verzichtet hatte, wodurch die Rolle Linas, der Pfarrersfrau, und ihres Verführers nur unzureichend erklärt werden. Bei ihm tritt Stiffelio in einer Videoeinspielung von Andreas Deinert während der rund 10minütigen Ouvertüre als Jazztrompeter auf und schläft mit der Freundin eines Mafiabosses, weshalb er zu den Amish People fliehen muss. Dort lebt er unter dem Namen Rodolfo Müller bei Stankar, wird zu einem angesehenen Prediger dieser Ahasverianer-Sekte und heiratet (aus Dankbarkeit?) dessen Tochter Lina. Während einer längeren berufsbedingten Abwesenheit verleitet Raffaele Leuthold Stiffelios Frau Lina zum Ehebruch. Als dieser erkennt, dass Raffaele sein Nebenbuhler ist, plant er ihn zu töten, doch Stankar kommt ihm zuvor. Stiffelio und der Prediger Jorg fliehen den Ort des Verbrechens und gehen in den Gebetsraum, wo die Gläubigen einen Bußpsalm singen. Stankar bittet Gott um Verzeihung, während Stiffelio das Neue Testament an der Stelle aufschlägt, wo Jesus der Ehebrecherin vergibt, und die Stelle laut vorliest. Auch er verzeiht, wird aber von der Rache der Mafia eingeholt und erdolcht. Die Wiener Staatsoper hat das Werk 1996 mit José Carreras, Mara Zampieri und Renato Bruson aufgeführt. Bis 2009 gab es immerhin über 30 Vorstellungen.

© Werner Kmetitsch

Während viele Opern Verdis von großen politischen Ereignissen handeln, ist das bei „Stiffelio“ insofern anders als sich das Geschehen wie ein intimes Kammerspiel, in dem die persönliche Tragödie eines Menschen verhandelt wird, über vier Personen ausbreitet. Und dadurch bleibt Stiffelios Zerrissenheit auch für das heutige Publikum von herausfordernder Aktualität. Nach „Der Idiot“ und “Norma“ kehrte Regisseur Vasily Barkhatov ans MusikTheater an der Wien zurück, und arbeitete vor allem die dem Werk innewohnende Aktualität und Brisanz vielschichtig heraus, so etwa die extremen Ehr- und Rachegelüste von Stankar. Mag auch nicht alles völlig glaubwürdig erscheinen, am Ende fügt sich die Lesart des Regisseurs, stärker als bei seiner „Norma“, zu einem großen Finale, in dem die Mitglieder der Gemeinde wie Amish-Puppen (Kostüme: Stefanie Seitz) mit „leeren“ Gesichtern auftreten. DirigentJérémie Rhorer am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, zügelte dieses in seiner Lautstärke nur wenig, sodass die Sänger sich bemüßigt sahen, mit dem Orchester mitzuhalten: Luciano Ganci hat seinen hellen Tenor mit enthusiastischer Leidenschaft zu strahlenden Spitzentönen geführt und den Befindlichkeiten der Bühnenfigur in seiner permanenten Wut und Verzweiflung überzeugend Ausdruck verliehen. Franco Vassallo als sein Schwiegervater Stankar erhielt für seine große Verdi-Bariton-Rolle den stärksten Szenenapplaus des Abends. Zerfressen von übersteigertem Ehrgefühl treibt ihn seine Wut sogar bis zum Mord an Raffaele, den Verführer seiner Tochter. Stiffelios Gemahlin Lina, Joyce El-Khoury, überzeugte lediglich in den lyrischeren Passagen mit einem recht schönen Piano, in der Höhe kämpfte sie hörbar mit Intonationsproblemen, wodurch ihr überstark beanspruchter Sopran die Leidensbereitschaft der Figur und die des Publikums noch um ein Vielfaches zu steigern wusste.

© Werner Kmetitsch

„Feschak“ Luigi Morassi war als Verführer Raffaele der eigentliche Katalysator des Geschehens, ausgestattet mit einem geschmeidigen Tenor. Bass Alessio Cacciamani als Prediger Jorg in Klopstocks „Messias“ vertieft und Tenor James Kryshak als Linas Cousin Federico gaben zwei Amish-Alte, während Štěpánka Pučálková als Linas Cousine Dorothea hörbar nur selten mit ihrem herben Mezzosopran in Erscheinung trat. Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) bewies wieder einmal seinen Stellenwert als ein homogener Klangkörper von exzellenter Qualität. Der zustimmende Schlussbeifall war stark, verdientermaßen für Ganci und Vassallo.

Harald Lacina, 15. Mai 2026


Stiffelio
Giuseppe Verdi

MusikTheater an der Wien

Premiere am 13. Mai 2026

Regie: Vasily Barkhatov
Musikalische Leitung: Jérémie Rhorer
ORF Radio-Symphonieorchesters Wien