Stuttgart: „Casanova“, Johann Strauss, Ralph Benatzky

Lange ist an der Stuttgarter Staatsoper keine Operette mehr gegeben worden. Umso erfreulicher ist es, dass mit dem bereits in der vergangenen Saison in der Württembergischen Landeshauptstadt neu produzierten Casanova nun ein gänzlich unbekanntes Werk dieser Gattung den Weg auf die Stuttgarter Opernbühne geschafft hat. Gespielt wurde eine extra für die Staatsoper Stuttgart erstellte Fassung. Diese Revueoperette in sieben Bildern stellt ein bemerkenswertes Beispiel ihrer Gattung dar und durfte sich am Ende zu Recht über den großen Applaus des zahlreich erschienenen Publikums freuen.

© Matthias Baus

Wenn man den großen Johann Strauss auf eine von ihm komponierte Operette mit dem Titel Casanova angesprochen hätte, würde er garantiert mit Unwissen reagiert und gesagt haben, dass er ein Stück dieses Namens niemals geschrieben hätte. Nun, da hat er nicht so unrecht. Die Entstehungsgeschichte des Werkes ist schon ganz eigener Art. Die Idee dazu stammte von Erik Charell, dem Intendanten des Großen Berliner Schauspielhauses aus den 1920er Jahren. Dieses stellte gleichsam den Vorläufer des heutigen Friedrichstadtpalastes dar. Charell war ein ehemaliger Tänzer, der am Broadway in New York mitbekommen hatte, mit welchen Mitteln man dort Revuen auf die Bühne brachte. Diese Umgangsart mit der Revue wollte er in den Goldenen 20ern nach Berlin holen. Und das mit Erfolg. Nacheinander entstanden drei große Werke der Gattung Revueoperette: Casanova (1928), Die drei Musketiere (1929) und last but not least Benatzkys Erfolgsklassiker Im weißen Rössl (1930). Dauernd auf den Spielplänen gehalten hat sich indes nur Im weißen Rössl. Aber auch dem Casanova würde man angesichts des hier zu besprechenden Abends weitere Produktionen an anderen Opern- und Operettentheatern wünschen. Hier handelt es sich gewissermaßen um eine Revueoperette von Johann Strauss, für die Ralph Benatzky die Musik arrangiert hat. Benatzky gelang ein hörenswertes Arrangement aus wenig bekannten Werken von Strauss, wie beispielsweise Indigo und die vierzig Räuber und Prinz Methusalem. Gekonnt stellte er dabei eine Brücke zum Jazz her. Mit großer Virtuosität verband er hier die Wiener Operette der 1870er Jahre mit der Berliner Operette der Goldenen 1920er Jahre. Als Krönung des Ganzen versah er den Casanova mit Einlagen für ein aus Männern bestehendes Vokalquintett, das mit diesem Werk seinen ganz großen Durchbruch feierte: den Comedian Harmonists. Auch in der Stuttgarter Produktion spielen diese eine große Rolle. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Zwischenspiele zu füllen. Mehrere Herren des Stuttgarter Sänger-Ensembles, die bei dieser Vorstellung auch in anderen Partien zu erleben waren, stürzten sich mit großem Elan in ihre dankbare Aufgabe.

Insgesamt haben wir es  hier mit einer großartigen Musik zu tun, die von GMD Cornelius Meister und dem bestens disponierten Staatsorchester Stuttgart bravourös vor den Ohren des Auditoriums ausgebreitet wurde. Meister, der am Ende der Saison die Stuttgarter Staatsoper verlässt, ist nicht nur ein phantastischer Opern-Dirigent. Auch für Operette bewies er bei dieser Aufführung ein treffliches Händchen. Der von ihm und den Musikern erzeugte Orchesterklang war süffig, zündend und blitzend, teilweise ausgesprochen spritzig, oft aber auch recht emotional. Zudem wartete Meister mit einer punktgenauen Detailarbeit auf. Alles in allem kann man dem Dirigenten zu dieser hervorragenden Arbeit nur gratulieren.

Der Name Casanova steht für Liebe, Erotik und Verführung. Das Klischee des Verführers ist untrennbar mit Casanova verbunden. Seine große Liebe heißt Barberina, die in Stuttgart zur eigentlichen Hauptfigur des Stückes mutiert und obendrein zweigeteilt ist. Sie wird von einer Sängerin und einer Choreographin verkörpert. Trotz aller seiner Bemühungen hat der Titelheld bei Barberina keinen Erfolg. Er interessiert sie nicht. Barberina setzt die Themen des Abends: Es geht um Begehren, um Sinnlichkeit, um Liebe, es geht um Verführung, um Sex (vgl. Programmheft S. 21). Diese Punkte werden im Laufe der Aufführung durchgespielt. Recht heiter präsentiert sich dabei das Libretto des Stuttgarter Casanova. Die gute Laune verbreitenden Gesangstexte stammen von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch. Dabei bleibt es aber nicht. Es werden auch gesprochene Textpassagen in das Werk eingefügt, die sich aus der Interpretation Barberinas ergeben. Casanova stellt die männliche Perspektive auf Liebe und Begehren war, während Barberina die weibliche Lesart dieser Aspekte bildet. Sie stellt gleichsam eine Gegenfigur zu Casanova dar, den sie gehörig in Frage stellt. Immer wieder zitiert Barberina Texte von Judith Schalansky, in dem das Gedankengut der alten griechischen Lyrikerin Sappho zum Ausdruck gebracht wird. Sappho war die erste Frau, die sich auf dem Gebiet der Lyrik gekonnt mit Themen wie Sex, Erotik und Leidenschaft befasste. Im Kontext der hier zu besprechenden Revue-Operette stellt sie einen Kontrapunkt zu Casanova dar, wobei sie ungemein zeitgemäß wirkt. In der Tat lässt sich mit gutem Gewissen behaupten, dass ihre Thesen auch heute noch von zentraler Relevanz sind. Die  Einbeziehung Sapphos in das Textbuch war jedenfalls eine gute Idee. Gegenüber ihren Aussagen kann sich Casanova verstecken. Was er zu bieten hat, wirkt im Vergleich zu Sappho ziemlich verstaubt. Seine Zeit ist eindeutig vorbei.

Gelungen ist die Inszenierung von Marco Storman in dem Bühnenbild von Demian Wohler und Yassu Yabaras opulenten Kostümen. Die muntere Choreographie besorgte Cassie Augusta Jorgensen. Im Vordergrund steht der Show-Effekt. Das Ganze ist mehr Revue als Operette und weist Ähnlichkeiten zur modernen Samstagabend-Show auf. Wetten dass und Ähnliches lassen grüßen. Ein goldener Glitzer-Vorhang trennt die Vorderbühne vom hinteren Teil des Bühnenraumes ab. Die Bühne wird von einer riesigen Muschel dominiert, zu der eine Treppe hinaufführt und der zu Beginn Casanova gleich Botticellis Venus entsteigt. Bei seiner Geburt ist er eine Frau – ein Zeichen für Androgynität. Den Geschlechterwechsel vollführt er wohl, um bei der ebenfalls aufgespaltenen Barberina besser landen zu können. Diese Intention geht indes, wie schon gesagt, ins Leere. Aber nicht nur mit Blick auf Barberina wird seine zunehmende Erfolgslosigkeit deutlich. Das steigert sich bei ihm zu einem allgemeinen Problem. Storman will die Beziehung Casanovas zu der ihn umgebenden Gesellschaft aufzeigen. Ihn interessiert die Wirkung, die die Menschen auf den Lebemann haben. Casanova muss schließlich resigniert feststellen, dass sich die Gesellschaft um ihn herum weiterentwickelt hat, während er auf seinem Weg irgendwo stecken geblieben ist und nicht mehr weiterkommt. Er gehört nicht mehr in die Zeit der Gemeinschaft. Letztere vermag ihm nichts mehr zu geben. Demgemäß versucht er nun seinerseits, ihr etwas zu geben, wobei er sich verschiedener Mittel und Outfits bedient. Erfolg ist ihm damit indes nicht beschieden. Er hat seine Wirkung verloren.

Der Regisseur ist nicht darauf bedacht, ein historisch korrektes Bild des berühmten Verführers zu zeichnen. Vielmehr begreift er Casanova als Bild, als Projektionsfläche und als Assoziation. Casanova wird von ihm zum Prinzip erhoben, das sich im Folgenden mit drei unterschiedlichen Paarkonstellationen auseinanderzusetzen hat: Laura und Hohenfels sind ein romantisches Paar. Trude und Costa kommt es nur auf Sex an. Beide geben sich ausgesprochen hemmungslos. Und mit Helene und Waldstein wird schließlich noch ein Paar vorgeführt, das den Lenz ihrer Liebe bereits hinter sich gelassen hat und nur noch aneinander vorbeilebt. Auch bei der Zeichnung dieser Partnerschaften wird die Moderne spürbar. Dabei werden mehrere Stationen durchlaufen: Der Karneval in Venedig, ein Kloster in Spanien und der Wiener Opernball. Insgesamt geht Storman lustig und heiter, aber durchaus auch kritisch ans Werk. Nicht zuletzt bezweckt er damit, den Zuschauer zum Nachdenken und Reflektieren aufzufordern. Dabei bringt er geschickt die verschiedensten Positionen miteinander in Verbindung. Im Großen und Ganzen ist seine Regiearbeit durchaus flüssig, intensiv und unterhaltsam.

© Matthias Baus

Nun zu den Sängern: Mit seinem hellen, gut durchgebildeten und farbenreichen Bariton sowie ausgeprägtem Spiel erzeugte der junge Matthias Störmer ein eindrucksvolles Portrait des Casanova. Die Barberina von Maria Theresa Ullrich zeichnete sich durch einen vorbildlich fokussierten, ebenmäßig dahinfliessenden und emotional angehauchten Mezzosopran aus. Das tänzerische Alter Ego von Barberina gab die Produktions-Choreographin Cassie Augusta Jorgensen. Dem Hohenfels von Sam Harris fehlte es erheblich an der nötigen Körperverankerung seines nicht gerade gefälligen, flachen Tenors. Ebenfalls lediglich mittelmäßig mutete Luiza Willerts Laura an. Eine imposante Altstimme brachte Stine Marie Fischer in die Rolle der Trude ein. Solide sang Elmar Gilbertsson den Costa. Gefällig entledigte sich Alma Ruoqi Sun als Helene ihrer Aufgabe. Sonor und kraftvoll gab Elliott Carlton Hines den Waldstein. Mit saft- und kraftvollem Tenor stattete Kai Kluge den Menuzzi aus. Stimmlich sehr charaktervoll legte Florian Hartmann den Dohna an. Nichts auszusetzen gab es an dem von Bernhard Moncado einstudierten Staatsopernchor Stuttgart.

Fazit: Ein gelungener Abend, dessen Besuch durchaus gelohnt hat! Hier haben wir es mit einer absoluten Rarität zu tun, die viel zu lange in der Versenkung verschwunden war. Es bleibt zu hoffen, dass andere Opern- und Operettentheater den Casanova nachspielen und dieser seinen festen Platz im Repertoire findet. Verdient hätte er es.

Ludwig Steinbach, 4. Juni 2026


Casanova
Johann Strauss, Ralph Benatzky
Staatsoper Stuttgart


Premiere: 22. Dezember 2024
Besuchte Aufführung: 3. Juni 2026


Inszenierung: Marco Storman
Musikalische Leitung: GMD Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart