Wuppertal, Konzert: „Mahler: 6. Sinfonie“, Sinfonieorchester Wuppertal unter Patrick Hahn

Abschied von Patrick Hahn

Mahlers Sechste, die „Tragische“, „ist ihm aus dem Herzen geflossen“ wird Alma Mahler zitiert. Nachdem er in Wuppertal die Erste, seine Vierte und Fünfte in den letzten Jahren schon aufgeführt hatte, hat Patrick Hahn die Sechste zu seinem Abschiedskonzert gewählt (zuletzt hier im Juni 2015 unter Toshiyuki Kamioka aufgeführt).

Bei der Uraufführung vor ziemlich genau 120 Jahren, am 27. Mai 1906 im Essener Saalbau (Essener Philharmoniker und Utrecht Symphony Orchestra unter der Leitung des Komponisten) war sie ziemlich freundlich aufgenommen worden, obwohl sein Komponistenkollege Richard Strauss sie „überinstrumentiert“ fand. Mahler wird und wurde im Rheinland sehr geschätzt. Nach der gefeierten Uraufführung seiner Dritten Sinfonie beim Musikfest 1902 in Krefeld wurde seine Fünfte 1904 im Kölner Gürzenich uraufgeführt.

Jetzt gab es bei erheblicher Hitze draußen in dem angenehm temperierten Großen Saal also seine Sechste.

Voller Verve und Kraft schlugen Dirigent und Orchester das Publikum sogleich in ihren Bann, als sich „heftig, aber markig“ aus mächtig stapfenden Repetitionen des bedrohlichen Motivs zu Beginn mit kurzem, punktierten Abschluss und Oktavsprung nach unten das abfallende erste Thema entwickelt und das Schicksalsmotiv der Sinfonie – von A-Dur nach A-Moll wechselnder Dreiklang – zum ersten Mal ans Ohr dringt. Es wird immer wieder auch in anderen Sätzen auftauchen. Gewaltig sich aufbauende Klangkaskaden werden von Abstürzen unterbrochen und enden in tiefem, leisem Blech. Endlich scheint sich das Chaos unter den leisen Klängen eines Holzbläserchorals etwas zu beruhigen, bevor ein leidenschaftliches zweites Thema der Streicher schwelgerisch andere Gefühlswelten anspricht. Celesta, Holzbläser, Kuhglocken verbreiten milde Stimmungen. Solovioline und Horn stimmen ein lyrisch-seelenvolles Duo, nach dem anschließend der Sturm der Gefühle wieder Fahrt aufnimmt. Die Instrumentalsolisten dieses Orchesters, auch die Holzbläser, lassen wirklich aufhorchen.

© Johannes Vesper

Hier folgt als zweite Satz das wuchtige Scherzo, das zunächst die starken Repetitionen des Marschrhythmus aus dem ersten Satz aufnimmt. Dann stimmt die Oboe ein gesangliches Thema an. Idyllische Intermezzi mit Pizzicati, Taktwechseln, Sforzati, Kontrabässe als Schlagzeuge für ihre Bögen erzeugen eine eigenartig unernste, romantisch hintergründige Stimmung. Phasenweise marschartig an Bruckner erinnernd, kann zuletzt mit wälzender Bassfigur vielleicht sogar Fafner aus das Rheingold assoziiert werden.

Das elegische, melodiöse Andante moderato des dritten Satzes verlässt angespannte Gemütslagen. Bei Oboe d‘amore, dem gefühlvollen Horn über Harfe und Orgelpunkt kann die Seele baumeln, was auch im Hinblick auf die chaotischen Schicksalstürme des folgenden letzten Satzes nicht schadet.

Der letzte Satz beginnt zwar sostenuto, entwickelt sich aber bei stets souveränem und exaktem Dirigat von Patrick Hahn zu einem musikalischen zerrissenen, halbstündigen Schicksalssturm. Ob in dieser pessimistischen Sinfonie das eigene Schicksal mit dem Verlust der Tochter, oder das Schicksal des grässlichen 20. Jahrhunderts vorweg erahnt wird? 1907 sprach man in der Wiener Presse von „Höllenlärm eines genialen Klangwüterichs“. Aufmerksam und konzentriert folgt dabei das Orchester bei komplizierter Agogik und stark fordernder Dynamik der sparsamen Gestik des Dirigenten. Choral, Paukenwirbel, Doppelpauke, drei Becken, insgesamt acht Schlagzeuger: Das Ganze führt bei wüstem, instrumentalem Chaos zu zwei musikalisch überraschend gnadenlosen Schicksalsschlägen mit mächtigem Holzhammer: kurz, ohne jeden Nachhall, eindeutig. Anschließend erstirbt die Musik pianissimo in der Tiefe, in „Hoffnungslosigkeit und Seelennacht“. Der allerletzte Tuttiorchesterschlag bekräftigt die Tragik. Lange Stille, bevor in dem inklusive Chorpodium ausverkauften Großen Saal frenetisch jubelnder Applaus losbricht. Blumen, Präsentation der vorzüglichen Solistinnen und Solisten im Orchester, immer wieder Bravi und Pfiffe: Patrick Hahn schien bei diesem Abschied von Publikum und Orchester wirklich gerührt.

© Johannes Vesper

Nachdem Hikura Moriyama und Matthias Neumann aus der Bratschengruppe nach jahrzehntelangem Orchesterdienst mit Blumen und ehrenden Worten in den Ruhestand entlassen worden waren, verabschiedete sich Patrick Hahn endgültig mit einer Zugabe (Stokowski/Bach, Largo aus dem Cembalokonzert BWV 1056). Eine Ära ging zu Ende, und das Publikum trat hinaus in die Hitze dieser Tage.

Johannes Vesper, 29. Juni 2026


Gustav Mahler: 6. Sinfonie

Historische Stadthalle Wuppertal

28. Juni 2026

Dirigat; Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal