Aachen: „Herzog Blaubarts Burg“, Béla Bartók

Das Theater Aachen brachte mit Bartóks Herzog Blaubarts Burg als Lichtspieloper die letzte Opernproduktion dieser Spielzeit auf die Bühne. Diese ungewöhnliche Form der Produktion, eine halbszenische Aufführung mit Videoprojektion, wurde von der Oper Bielefeld übernommen und eröffnet neue Perspektiven, auch wenn das Gesamtergebnis für das Publikum teilweise schwieriger zugänglich ist, unter anderem aufgrund der räumlichen Gegebenheiten des Saals und der großen Reizüberflutung. Den Videoprojektionen gelingt es dennoch, die unheimlichen Seelenlandschaften von Bartóks symbolistischer Oper auf die sozialen Probleme der heutigen Zeit zu übertragen, ohne dass dies auf Kosten ihrer emotionalen und psychologischen Intensität geht. Wenn wir den Opernsaal verlassen und auf die Straße treten, können wir uns zu Recht die Frage aus dem Prolog der Oper stellen: „Wo ist die Bühne: draußen oder drinnen?“

© Matthias Baus

Eine Oper der Kontraste

Die 1911 uraufgeführte Oper Herzog Blaubarts Burg ist symbolisch facettenreich. Gerade wegen ihres symbolistischen Stils ist es schwierig, eindeutig zu bestimmen, worum es in der Oper eigentlich geht. Ihre markanten Themen lassen sich jedoch in kontrastierende Paare zusammenfassen.

Das vordergründige, jedoch nicht das wichtigste Motiv ist die Beziehung zwischen Mann und Frau: Judith, die frischvermählte Gattin des emotional kühlen und rationalen Blaubart, kommt in seine Burg mit der Vorstellung, ihn durch ihre Liebe zu retten. Nach und nach öffnet sie sieben verschlossene, geheimnisvolle Kammern seiner Burg bzw. seiner Seele, in der Hoffnung, Licht in sein dunkles Leben zu bringen („Und die Burg wird nicht mehr dunkel, /Wenn zu zweit wir Wände öffnen.“). Die Möglichkeit einer emotionalen Läuterung der männlichen Rationalität durch eine Frau, wie wir sie beispielsweise von Gretchen in Goethes Faust kennen, zerbricht jedoch im 19. Jahrhundert. Auch in der Oper ist Judith nicht erfolgreich. In der damaligen Kultur setzte sich die Vorstellung unversöhnlicher Gegensätze zwischen Mann und Frau durch (man denke an Nietzsche, Weininger oder Strindberg).

Ein weiterer Kontrast ist Blaubarts Einsamkeit und Verschlossenheit einerseits sowie Judiths Liebe und Hingabe andererseits. Viel mehr als vom Strindberg’schen Kampf zwischen Mann und Frau handelt die Oper von der (Un-)Möglichkeit, in die Seele des anderen einzudringen, unabhängig vom Geschlecht. Es liegt die Vermutung nahe, dass Bartók das Gefühl der Einsamkeit, das ihn sein ganzes Leben lang verfolgte, in die Oper einfließen ließ. Die Grundstimmung der Oper ist existentialistisch: Blaubarts Einsamkeit steht symbolisch für die Einsamkeit eines jeden Menschen; eine Einsamkeit, die weder geheilt noch überwunden werden kann. Blaubart weiß von Anfang an, dass er sich nicht von Judiths Liebe durchdringen lassen wird, dass er allein bleiben wird und Judith zu einer weiteren eroberten Beute unter seinen früheren Frauen machen wird.

© Matthias Baus

Schaurige Atonalität des Blutes

Die musikalische Dichotomie besteht in einer sehr markanten Atonalität im Kontrast zur Polytonalität. Die Grundlage des zentralen, sich wiederholenden Blutmotivs bildet die kleine Sekunde. Dieses schmerzhaft empfindbare ‚Schurkenintervall‘ hat bei Bartók die kontrastierende Bedeutung eines plötzlichen Erschreckens. Wenn sich eine neue Tür öffnet, folgt in der Regel eine lautmalerische Harmonie, die mehrere Tonarten miteinander vermischt. Ein ähnliches Verfahren ist aus derselben Zeit von Debussy oder Strawinsky bekannt. Dadurch wird ein Bild vom Inhalt der Kammer geschaffen. Erst nach einer Weile bemerkt Judith das Blut, das von einem atonalen Motiv begleitet wird.

Eine filmische Keimzelle in der Oper

Der Librettist Béla Balázs lässt sich von dem alten französischen Märchen über den frauenmordenden Blaubart inspirieren, erzählt die Geschichte jedoch in einem symbolistischen Stil neu. Den für Bartók typischen Kontrast zwischen Volkstradition und Moderne setzt Balázs durch einen epischen Prolog des Barden um, einer Figur also, die fester Bestandteil der ungarischen Volksdichtung ist. Balázs, der später zu einem der ersten bedeutenden Filmtheoretiker wurde, baut in das Libretto filmische Momente ein, etwa Judiths plötzliches Erblicken des allgegenwärtigen Blutes. Dieser Schauermoment, der musikalisch bildlich durch einen Übergang zu schrillen Akkorden ausgedrückt wird, lässt sich mit traditionellen Bühnenbildmitteln nur schwer umsetzen. Das Blut muss nämlich bereits vorhanden sein, darf aber von Judith und am besten auch vom Publikum zuerst nicht wahrgenommen werden. Die filmische Perspektive kann dieses Problem durch eine entsprechende Kameraeinstellung lösen.  

Neben dem Blut misst Balázs einem weiteren filmischen Phänomen Bedeutung bei: dem Licht. Der Beginn der Oper spielt in Blaubarts verdunkelter (Seelen-)Burg, die sich bis zum Öffnen der fünften Tür durch Judiths Liebe erhellt, um dann am Ende wieder in die Dunkelheit zu versinken. Die Inszenierung als Lichtspieloper erscheint unter Berücksichtigung dieser kinematographischen Keimzellen in der Komposition mehr als angemessen.

© Matthias Baus

Von außen nach drinnen und zurück

Im Prolog fragt der Barde das Publikum, wo die Geschichte der Oper stattfindet: draußen in einer Burg oder drinnen in der menschlichen Seele? Bei den häufigen Konzertaufführungen von Blaubart lautet die Antwort auf diese Frage: drinnen. Die Burg verkörpert symbolisch die Seele des psychisch gestörten Fürsten, die Judiths Liebe aufhellen will. Der Videoprojektion von Sascha Vredenburg in Verbindung mit dem Bühnenbild von Cedric Krause gelingt es, diese Konzeption durch eine neue Perspektive zu beleben. Durch weite, unheimliche Landschaften im Video, die unter anderem von der aktuellen ökologischen Katastrophe gezeichnet sind, werden Beziehungskrisen innerhalb der Gesellschaft sowie zwischen Gesellschaft und Natur thematisiert. In die dunklen Kammern werden somit nicht psychische, sondern soziale Probleme eingeschlossen und verdrängt.

Der von Vredenburg gewählte Übergang auf eine neue symbolische Ebene ist zwar riskant, bereichert aber die musikalischen Bilder um neue Perspektiven. Dominant wird hier mit dem Verfahren der metaphorischen Ersetzung gearbeitet: Blut als direktestes, brutales Bild kommt im Video nicht vor, stattdessen sehen wir andere Flüssigkeiten, z. B. ölverschmutzte Wüstenlandschaften oder eine von einem Hochwasser zerstörte Großstadt. Das filmische Erblicken des Blutmotivs geht einher mit der Erkenntnis einer Realität, die sich zunächst anders darstellt: So entpuppt sich beispielsweise ein Feuerwerk über einem Dorf beim Erklingen des Blutmotivs als Bombenangriff.

Die Macht über die Frau und die Erde

Die patriarchale Unterdrückung durch einen Mann, der seine Frauen wie Trophäen seiner Art hält, wird in dem Video als Unterdrückung der Natur interpretiert: am Rande sei angemerkt, dass es überwiegend Männer in den entscheidenden Zentren der Macht waren und sind, die auch für die aktuelle Klimakrise verantwortlich sind. Am eindrucksvollsten kommt diese Überlagerung beim Öffnen der letzten Tür zum Ausdruck, hinter der Blaubart seine Frauen sammelt. Bei seinem Ausruf „Schau all’ meine früheren Frauen, Schau all’, die ich geliebt habe!“ eröffnet sich uns ein apokalyptischer Blick auf die verlassenen Ruinen einer Stadt, durch die ein reißender Wasserstrom fließt. Das menschliche (oder männliche?) Verlangen nach der Beherrschung der Natur, das unweigerlich zu ihrer Zerstörung führt, steht hier in Analogie zu Blaubarts perverser besitzerischer Beziehung zu seinen Ehefrauen.

Eine Horrorfilmvorführung

Die Filmvorführung bildet den landschaftlichen Hintergrund für die Bühne, auf der das Orchester platziert ist. Die Umgebung des Burgsaals ist undefiniert und könnte auch ein verlassenes Fabrikgebäude sein. Die Inszenierung geht jedoch in ihrer Hybridität und Vielschichtigkeit so weit, dass sich sogar der kleine Saal des Aachener Theaters in Blaubarts Burg verwandelt: Judith (Irina Popova) und Blaubart (Marcell Bakonyi) schlendern oft geheimnisvoll durch den Saal. Blaubart öffnet sogar sechs Türen, die vom Foyer in den Saal führen, und lässt Licht in den abgedunkelten Saal strömen, so wie es auch in der Oper der Fall ist. Darüber hinaus lässt die Inszenierung mehrmals die Deckenbeleuchtung des Saals aufblitzen. So erreicht das Opernerlebnis die Spukhaftigkeit, die man beim Anschauen eines Horrorfilms im Kino empfindet.

© Matthias Baus

Warm- und Kaltblütigkeit

Irina Popova dringt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich getreu in die emotionalen Extreme ein, die Judith durchlebt. Von der eisigen Angst vor der Burg („Bleibt sie kalt? Bleibt sie dunkel?“) über die bis zur Aufopferung getriebene Liebe zu Blaubart bis hin zu einer gewissen Schlauheit, mit der sie von ihm einen weiteren Schlüssel verlangt. Das kräftige Vibrato von Popovas warmem Sopran ist wie eine Lampe, die die starre Hoffnungslosigkeit von Blaubarts Burg erhellt und in Bewegung bringt. Zu bemängeln sind  einige wenige Unsicherheiten und allzu hastige Einsätze.

Marcell Bakonyi, der als Gast auftrat und bereits viel Erfahrung mit der Rolle des Blaubarts hat, verkörpert die Figur als perfekten Gegenpol zur emotional aufgewühlten Judith. Um seine langsamen Bewegungen durch den Raum, die Hände hinter dem Rücken, strömt kaltblütige Ruhe. Phrasierung und Intonation sind makellos. nur seine oft eher weniger tragfähige Stimme, die im orchestralen Klangmeer untergeht, ist ein kleiner Malus.

Bartóks Orchestrierung ist selbst für die megalomanen Verhältnisse der Jahrhundertwende sehr ambitioniert. Das Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Christopher Ward drängt sich fast auf der Bühne. Die meisterhaft gespielten Läufe des Xylophons und der Holzbläser beim Öffnen der ersten Tür mit seinen Folterinstrumenten sind Gänsehaut erregend, und die Streicher erzeugen in den langgezogenen Passagen das Gefühl einer geheimnisvollen Zeitlosigkeit.

Die Grenzen des Möglichen

Die Aachener Lichtspieloper-Inszenierung von Blaubart ist sehr ambitioniert und stößt leider manchmal an ihre Grenzen. Das Orchester klang mehrfach intonatorisch ungenau und schrill, und zwar aus Gründen, die nichts mit Bartóks kompositorischer Absicht zu tun hatten. Der Saal des klassizistischen Theaters in Aachen war zu klein, um eine störungsfreie Koexistenz der Projektionsfläche und des Orchesters sowie der Sänger und Sängerin auf der Bühne zu ermöglichen. Die Zuschauer im Parterre konnten daher den Blick auf die Großbild-Videoprojektion nur teilweise genießen, da diese größtenteils von den Sängern und dem Dirigenten verdeckt wurde. 

Obwohl ich die Inszenierung der Oper in der Originalsprache als respektvoller gegenüber den Autoren des Werks und dem internationalen Publikum erachte, war es für mich eine Herausforderung, gleichzeitig die Projektion, das Orchester, die schauspielerischen Darbietungen und noch dazu die Untertitel zu verfolgen. Die ursprüngliche Bielefelder Produktion hatte sich dafür entschieden, die Oper auf Deutsch zu spielen, was bei einer so komplexen Inszenierung sinnvoller erscheint.

Auch das Videokonzept hat sich meiner Meinung nach zu viel vorgenommen, indem es versuchte, gleichzeitig auf so unterschiedliche Probleme der Gegenwart von den sozialen Medien bis zur Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Hätte man sich nur auf den stärksten Aspekt, nämlich auf die Klimakrise, beschränkt, wäre die Oper keineswegs ärmer geworden, und der ohnehin schon starke gesellschaftliche Appell hätte noch an Dringlichkeit gewonnen.

© Matthias Baus

Wo ist die Bühne: draußen oder drinnen?

Die Oper endet in der düsteren Tonart fis-Moll, mit der sie auch beginnt. Blaubart hat eine neue Trophäe erobert, aus Judith wird „die ewige Nacht“. Judiths Versuch, Blaubart zu ändern, ist gescheitert: Der Patriarch unterwirft eine weitere Frau seiner starren Macht. Die letzten, ins Leere gesungenen Worte Blaubarts („Nacht bleibt es nun ewig, immer, ewig, immer“) bilden das Gegenstück zum Schluss von Mahlers Der Abschied, dem letzten Satz aus Das Lied von der Erde („Allüberall und ewig, blauen Licht die Fernen. Ewig… Ewig…“). Blaubarts Ewigkeit kennt keine weiten Horizonte und letztlich auch keine Erde, sondern nur verschlossene Gemächer, Erstarrung und die Unfähigkeit zur Liebe.

Nach dem Verlassen des klimatisierten Theaters in Aachen treffen die Zuschauer auch in den späten Abendstunden auf kaum erträgliche Temperaturen. Dies ist eine direkte Folge des menschlichen Einflusses auf das Klima. Zu Recht muss man fragen: Sind die postapokalyptischen Bilder eines zerstörten, unbewohnbaren Landes nur eine Lichtspieloper oder unsere gelebte Realität? Sind die Gemächer unserer planetarischen Burg bereits für immer durch unseren herrschenden Blaubart-Egoismus verschlossen, oder haben wir noch eine Chance, sie zu öffnen und Licht der Fernen mit neuer Hoffnung in die düsteren Vorhersagen der Zukunft zu lassen? Wo ist die Bühne: draußen oder drinnen?

Dass solche Fragen nach dem Besuch dieser Oper gestellt werden können, ist allein ein Beweis für den Erfolg des gesellschaftskritischen Herzog Blaubarts Burg am Theater Aachen. Die Oper, die in verzweifelter Erstarrung endet, wird inszenatorisch in eine Warnung vor einer solchen Erstarrung verwandelt, vor der Gefühllosigkeit des Blaubarts, der stellvertretend für die gesamte westliche Gesellschaft steht.

Šimon Kinc, 30. Juni 2026


Herzog Blaubarts Burg
Béla Bartók
Aufführung als Lichtspieloper

Theater Aachen

Besuchte Aufführung: 28. Juni 2026
Premiere: 21. Juni 2026

Video: Sascha Vredenburg
Szenenbild: Cedric Kraus

Musikalische Leitung: Christopher Ward
Sinfonieorchester Aachen