Köln: „Tancredi“, Gioacchino Rossini

Nun also war es so weit: Zum letzten Mal machte sich das Kölner Opernpublikum für eine Opernpremiere auf den Weg ins Staatenhaus. Mit Beginn der kommenden Spielzeit kehrt die Oper Köln an ihren angestammten Platz am Offenbachplatz zurück. Für diesen Abschied aus dem Interimsquartier hatte man sich allerdings nicht für einen sicheren Repertoireerfolg entschieden, sondern für ein Werk, das selbst unter Rossini-Kennern eher selten auf den Spielplänen erscheint: Tancredi.

1813 uraufgeführt, markierte das „Melodramma eroico“ nach einem Libretto von Gaetano Rossi den ersten großen Triumph des gerade einmal 21-jährigen Komponisten. Bereits hier zeigt sich jene melodische Genialität, die Rossini späteren Weltruhm begründen sollte. Berühmt wurde aus diesem Frühwerk immerhin die Arie „Di tanti palpiti“, doch auch darüber hinaus offenbart das Werk bereits jene raffinierten musikalischen Ideen, mit denen der Komponist die italienische Oper nachhaltig erneuern sollte.

Die Handlung spielt ursprünglich im mittelalterlichen Syrakus: Zwei verfeindete Familien wollen ihren Machtkampf beenden, indemAmenaide, die Tochter Argirios, mit Orbazzano verheiratet wird. Doch Amenaide liebt den verbannten Ritter Tancredi, der unerkannt in seine Heimat zurückkehrt. Durch Intrigen gerät Amenaide unter Verratsverdacht, Tancredi zweifelt an ihrer Treue, und die Liebenden werden in einen Strudel aus Missverständnissen, politischer Gewalt und persönlicher Tragik gerissen.

Für Köln wurde die 2024 bei den Bregenzer Festspielen entstandene Produktion von Jan Philipp Gloger übernommen – eine Entscheidung, die sich als ausgesprochener Glücksgriff erweist. Denn Gloger gelingt etwas Seltenes: Er nimmt das Werk ernst, ohne ihm museal zu begegnen und weiß mit einem Zugriff weit abseits des Historiendramas zu punkten.

© Matthias Jung

Zwei zentrale Eingriffe bestimmen seine Lesart. Zum einen verzichtet er darauf, Tancredi als traditionelle Hosenrolle zu präsentieren und zeigt die Titelfigur ganz klar als Frau, wodurch die Beziehung zwischen Tancredi und Amenaide zu einer lesbischen Liebesgeschichte wird. Zum anderen verlegt Gloger die Handlung in das Milieu rivalisierender Drogenclans einer süditalienisch anmutenden Metropole.

Solche Regieentscheidungen lösen bei konservativen Opernbesuchern reflexhaft Skepsis aus. Doch hier erweisen sie sich als erstaunlich schlüssig. Die verfeindeten Familien stehen nun gemeinsam einem übermächtigen Gegner gegenüber: dem Staat und seinen Sicherheitsorganen. Dadurch erhält die Notwendigkeit ihres Bündnisses eine konkrete clan-politische Dimension. Gleichzeitig gewinnt die Liebesgeschichte zusätzliche Fallhöhe: Die Beziehung zweier Frauen erscheint in diesem Milieu von vornherein zum Scheitern verurteilt. Glogers Konzept entwickelt daraus eine psychologisch präzise und emotional überzeugende Erzählung, die dem Werk nicht Gewalt antut, sondern verborgene Konflikte freilegt.

Maßgeblichen Anteil daran hat das Bühnenbild von Ben Baur. Seine raffinierte Drehbühne zeigt eine Welt verblasster mediterraner Pracht, irgendwo zwischen Verfall und Nostalgie. Ständig öffnen sich neue Räume und Perspektiven, wodurch die Aufführung eine bemerkenswerte Dynamik gewinnt. Geradezu virtuos sind Bühnenbewegung und Inszenierung verzahnt, weil Gloger auch noch so kleine Details schlüssig und gut erzählt, weil sich das Bühnenlabyrinth zum scheinbar ausweglosen Seelenraum der Protagonisten wandelt und so einfach alles in sich stimmig ist. Gerade einem Werk wie diesem, das bei konventioneller Behandlung durchaus zu Längen neigen kann, verleiht die Inszenierung eine bemerkenswerte theatralische Energie.

© Matthias Jung

Was den Abend jedoch endgültig auf außergewöhnliches Niveau hebt, ist die musikalische Seite: In der Titelpartie begeistert Adriana Bastidas-Gamboa mit beeindruckender stimmlicher Präsenz. Ihr dunkel lodernder Mezzosopran verbindet Kraft und Beweglichkeit, ihre Phrasierung wirkt stets souverän und durchdacht. Vor allem aber gelingt ihr eine glaubwürdige Darstellung der inneren Zerrissenheit Tancredis und der dieser Figur innewohnenden Tragik.

Neben ihr erweist sich Giuliana Gianfaldoni als Amenaide vielleicht als eigentlicher Star des Abends. Mit leuchtendem Sopran, großer Ausdrucksintensität und geradezu betörenden Pianissimi – so schön und leise hat man Rossini selten gehört! – gestaltet sie die Partie auf höchstem Niveau. Ihre großen Szenen geraten zu den musikalischen Höhepunkten der Aufführung und werden mit langanhaltendem Szenenapplaus bedacht.

Auch Dmitry Ivanchey überzeugt als Argirio mit mühelosen Höhen und stilistischer Sicherheit. Gabriele Sagona verleiht dem Orbazzano vokales Gewicht und dramatische Präsenz. Besonders bemerkenswert ist zudem Johanna Thomsen als Isaura. Obwohl noch Mitglied des Opernstudios der Oper Köln, gestaltet sie ihre vergleichsweise kleine Partie mit einer Reife und Bühnenpräsenz, die aufhorchen lassen. Wesley Harrison rundet als Roggiero das durchweg starke Ensemble überzeugend ab.

Am Pult des Gürzenich-Orchesters steht George Petrou, der sich als idealer Rossini-Interpret erweist. Seine Lesart verbindet Leichtigkeit und Dramatik, geht nie ins Übertriebene, aber feiert die Virtuosität der Partitur. Die Tempi sind lebendig, ohne jemals gehetzt zu wirken. Dabei arbeitet Petrou die vielfältigen Farben der Musik sorgfältig heraus. Mal fühlt man sich mitunter an Mozart erinnert, dann wieder scheint bereits der spätere Rossini durch. Besonders die Holzbläser glänzen mit Soli von großer Delikatesse und sorgen für charakteristischen Rossini-Klang voll überbordender Virtuosität.

Der Chor der Oper Köln erfüllt seine musikalischen Aufgaben mit gewohnter Qualität. Szenisch bleibt er gelegentlich etwas zurückhaltend. Doch Glogers Regiekonzept begegnet diesem Umstand geschickt, indem er die Chorszenen durch Kampfchoreografien und zusätzliche Darsteller belebt. Prügeleien, Verfolgungen und gewaltsame Auseinandersetzungen erzeugen ein glaubwürdiges und packendes Milieu, das die Spannung des Abends kontinuierlich hochhält und für viel Tempo sorgt.

© Matthias Jung

Am Ende des Abends feiert das Haus Solisten, Chor, Orchester, Dirigenten und Regieteam mit lang anhaltendem Jubel und zahlreichen Bravo-Rufen.

Diese Produktion erweist Rossinis Tancredi einen großen Dienst. Gewiss entfernt sich Glogers Lesart weit von der historischen Vorlage. Doch sie tut dies nicht aus bloßer Aktualisierungswut, sondern aus einem ernsthaften Interesse am Werk. Seine Inszenierung erzählt die Geschichte stringent, psychologisch nachvollziehbar und mit großer theatralischer Fantasie.

Dieser Abend ist eine absolute Empfehlung – und dies nicht nur, weil das Staatenhaus auch bei diesen Temperaturen vorzüglich klimatisiert ist.

Sebastian Jacobs, 22. Juni 2026


Tancredi
Gioacchino Rossini

Oper Köln

Premiere: 21. Juni 2026

Inszenierung: Jan Philipp Gloger
Musikalische Leitung: George Petrou
Gürzenich Orchester Köln