Pionteks Bayreuth: Antoine Wagner – „Pianos, Studien und Standbilder (Klangräume.Bildspuren)“

Eine junge Frau setzt sich an das Piano und beginnt zu spielen. Fast scheint sie mit dem Instrument zu verschmelzen. Das macht: der Klang des Klaviers und ihre Bluse – denn die Bluse und das Instrument tragen akkurat dasselbe Muster.

So, denkt sich der Besucher, können Natur und Kunst auch eins werden. „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen“, so beginnt ein Gedicht von Goethe. Die Betonung liegt auf „scheinen“, denn Natur und Kunst kommen zusammen, wenn Antoine Wagner – nebenbei: Sohn von Eva Wagner-Pasquier und seit etlichen Jahren auch ohne wagnerfamiliäre Bindung interessant und künstlerisch aktiv – bei Steingraeber Werke präsentiert, die eben dies genau repräsentieren: Natur und Kunst. Was unser Verhältnis zur (geschändeten, abgeholzten, vergewaltigten) Natur betrifft, muss man, denkt man zwischen den Artefakten, nichts sagen. Genug, dass mit Kunst auch auf die Natur und die Natur in der Kunst hingewiesen werden kann. Bevor also am 11. und 12. August in Steingraebers Klavierfabrik, mitten unter den von Wagner gestalteten Klavieren und dem Flügel, junge Kompositionsschüler Fredrik Schwenks ihre von den Instrumenten inspirierten Werke in einem Wandelkonzert erklingen lassen, werden die Wandelhallen selbst dem Publikum geöffnet. „Klangräume.Bildspuren“, so heißt das Format, in dem sich Bild und Klang einander annähern sollen. Vorderhand hat Antoine Wagner die Steingraebers im  Tropenhaus des Ökologisch-Botanischen Gartens Bayreuth bei Hundstemperaturen bearbeitet. Er hat, sagt er, furniert, gemalt, gelasert und graviert, bis die Motive auf den Instrumenten buchstäblich drin waren. Ästhetischer Höhepunkt des Ganzen: „Das kontinentale Klavier“ – ein Werk mit eingelegten Holzplatten aus jedem Kontinent: französischer Nussbaum, westafrikanisches Padouk, australischer Eukalyptus undundund – so wie die Zeichnungen alle vier Elemente abbilden. So werden „Klangschaften der Musik“ geschaffen, auf optimalen Oberflächen, und so wird die „universale Sprache der Musik“ beschworen, auf dass „die Natur uns alle zusammenbringt“.

© Andreas Harbach

So, wie Wagner Natur und Kunst zusammenbringt, so gehen auch die Besucher, sichtlich enthusiasmiert, an den Instrumenten vorbei, um „die schweißtreibendste Arbeit seines Lebens“, wie Fanny Schmidt-Steingraeber sagt, zu genießen. Und wer weiß – könnten die Alpen auf dem Notenpult nicht zu einer neuen pianistischen Alpensymphonie inspirieren? Zwar haben sich, schaut man nur in Wagners freundlich-sympathisches Gesicht, die typisch scharfkantigen Züge der Urahnen Richard und Cosima Wagner, auch die des Urururgroßvaters Liszt in Antoine Wagners Generation – soll man sagen: endlich? – verloren, doch ist die Affinität zur Musik offensichtlich: in diesem Fall auch in Lisztscher Hinsicht. Um die Schau komplett zu machen, hat Wagner seinen bisherigen Publikationen, die bereits auf den Spuren des Natur-Liebhabers Wagner waren (womit zugleich Richard und Antoine gemeint sind: der Bildband Wagner in der Schweiz und der Film Wagner im Exil) eine neue folgen lassen. Dass sie äußerlich daherkommt wie ein klassischer Notendruck eines klassischen Musikverlags dürfte kein Zufall sein. Pianos, Studien und Standbilder, diesen Titel trägt das schöne großformatige Heft, das als Ausstellungskatalog, aber auch als Dokumentation einer bemerkenswerten Arbeit firmiert. Wir erfahren da einiges über den Vorlauf des Projekts, über die ATEM-Video-Installation bei den Festspielen in Erl, die 2019 den Beginn des Nachdenkens über die Bayreuther Arbeit markierte. Impossible Forest, diese Bezeichnung findet sich im Text, den der Künstler den Fotos der Werke und der Werkentstehung voranstellte – wie in den Klavieren der Wald noch vorhanden ist: Das ist eine Sache, die auch Goethe gewiss gefreut hätte.

Frank Piontek, 23. Juli 2026


Antoine Wagner: Pianos, Studien und Standbilder

Ausstellung in der Klavierfabrik Steingraeber

Vernissage am 22. Juli 2026