Man habe es, sagt der Museumsdirektor Sven Friedrich zwischen seinen Publikumsbeschimpfungen, nicht mit „musealen“ Objekten, sondern mit Gegenwartskunst zu tun. Der Bayreuther OB spricht gar von einem „Ausstellungsexperiment“, aber so weit würde man als Kunstfreund vielleicht nicht gehen, auch wenn Derartiges selten im Wagnermuseum ausgestellt wird. Natürlich passt das. Die Bayreuther und die Wahnfriedbesucher – eine schwache Schnittmenge-, die sich für so etwas wie Gegenwartskunst und Wagner interessieren, auch zur Biennale und Documenta zu fahren pflegen, müssen sich nicht erschrecken. Dass das Jahresjubelthema 150 Jahre Bayreuther Festspiele in Wahnfried nicht allein Anlass für ein wissenschaftliches Symposion gab, das den Festspielbegriff und die Festspielidee national und international überzeitlich und gegenwärtig beleuchtete, sondern nun auch, im Zeichen der neuesten Moderne, dem Thema mit Werken lebender und junger Künstler zu Leibe gerückt wird, versteht sich da fast schon von selbst.
Positionen: so heißt der Teil der Tetralogie namens Utopie und Echo, die im Sommer 2026 die Festspiele weniger befeiert als befragt. Dass da Einiges latent oder deutlich humoristisch verläuft, dürfte jedem klar sein, der schon den Namen „Georg Nussbaumer“ liest. Der Österreicher – man möchte ihn „typisch“ nennen – verfügt über einen Humor, der sich in der vor Wahnfried aufgestellten Installation Hundhaus – Wahnhall – Schaumfried dem Thema Hund Haus und Bier widmet: Kein Wunder bei einem Künstler, dessen Linzer Konzertinstallation Ringlandschaft mit Bierstrom Wagner-Kunstgeschichte schrieb. Dagegen wirken die rosa Riesenhundehütten mit ihren Sounds fast schon intim. Weniger intim als brutal, leider auch naheliegend, ist die Arbeit der Gruppe SoundingSituations. Deren mehrteilige Video- und Raumarbeiten wirken wie ein dramaturgisch versierter Kommentar zum Verhältnis von Krieg und Kunst, grausam versinnbildlicht in der Söldnertruppe, die sich perverserweise nach Richard Wagner benannte. Allein auch dies ist authentisches Beispiel der militarisierten Wagner-Rezeption des 20. Jahrhunderts, die durchaus nicht singulär ist. SoundingSituations reagierte darauf mit WagnerWeltweit, für die sich der Besucher der „begehbaren Bühne“ Zeit lassen sollt, um den Kontakt von Propaganda, Pop und Hochkultur zu begreifen. Verwirrungen dürften im Zeichen von Macht, Verrat, Weihe und Marsch nicht ausgeschlossen sein, ebenso wenig die dazugehörigen Erhellungen, zu denen gerade die extremen Verfremdungen der Wagner-Musik und der Wagner-Dramaturgie erfolgreich beitragen.

Im Kontrast wirken Antoine Wagners Arbeiten, großformatige Tuschezeichnungen und ein Film, im Untergeschoss des Museumsneubaus fast idyllisch, auch anknüpfend an seine Pianos, die gerade bei Steingraeber ausgestellt sind. Und latent humoristisch kommt schließlich Felix Burger, Sohn des Münchner Liszt-Kenners und Sammlers Ernst Burger, Arbeit Swanhood daher: latent humoristisch – und sehr körperbezogen, wenn die Transformation eines jungen Mannes zum Schwan umschrieben wird. Allein auch die zur Installation gehörenden sprechenden Handpuppen bzw. Stofftiere gehören zum Werk, das den Besucher vielleicht denken lässt: „Ein Hauch Biennale“.
Was für ein Wagnerscher Echoraum! Doch wurde hier Wagner, Richard, wirklich reflektiert? Oder „nur“ ein neuer Raum geöffnet, der vom Wagnerraum extrem getrennt ist? Oder gehören alle Arbeiten, wie auch immer, zur Wagnerwirkung, über die der Schöpfer eigener Welten nicht mehr zu verfügen vermag? Wie auch immer: Man wüsste gern, was ER zu den Installationen und, wie’s heute modisch heißt, den „Interventionen“ sagen würde – doch leider schweigt sich die Totenmaske im Hauptraum aus, so monumental sie auch ist.
Frank Piontek, 24. Juli 2026
Richard Wagner Museum:
Utopie und Echo: Positionen
Ausstellung, bis 4. Oktober 2026