150 Jahre Festspiele – der Blick in die Vergangenheit der Richard-Wagner-Festspiele hat, vor Allem auf publizistischem Gebiet, wenige Wochen vor deren Beginn für zwei Publikationen gesorgt, die sich vor Allem mit dem 20. Jahrhundert befassen: zum einen Stephan Möschs kardinaler Band Bayreuth als Theater, zum anderen, ihn ergänzend und ein anderes Gebiet tief erforschend, Anno Mungens Von Bayreuth nach Auschwitz, das die Bayreuther Theatergeschichte gleichfalls in politischer Hinsicht verortet. Nun öffnete, nur sieben Stunden, bevor mit dem ersten Tremolo der Neunten Symphonie die diesjährigen Bayreuther Jubiläums-Festspiele beginnen, bei Steingraeber eine Ausstellung ihre Pforten, die so mit Mungens wegweisender Arbeit zusammenhängt wie die Nürnberger Hitler Macht Oper-Ausstellung, die die Geschichte der Nürnberger Oper im NS darstellte, vorher, gleichzeitig und nachher von drei guten Publikationen nachhaltig sekundiert wurde. Damals wie heute ging und geht es nicht ohne Prof. Mungens und Prof. Astrid Swensons Studentinnen und Studenten ab, die nun, in einem interdisziplinären Ansatz, im Fokus von Theater-, Geschichts- und Medienwissenschaft, eine ungemein reichhaltige Schau zusammenbrachten.

Die drei Hauptthemen Organisation der Festspiele, propagierte Idylle der Kriegsfestspiele und Kriegsfestspiele werden also ausschließlich mit zeitgenössischen Zeitungsartikeln beleuchtet: natürlich kommentiert. Wir stoßen da auf die miteinander und untereinander verkoppelten Teilbereiche Bayreuth – Publikum, Heldentum Krieg Kunst, Rundfunk Propaganda Zeitungen, Wagner, Kdf, Fest und Idylle, Stadt, Oper und Bayreuth – und merken am Ende, Stichwort „Bayreuth“, dass seinerzeit zwischen Kunst und Vernichtung, Idyllenpropaganda und KZ eine mehr als dialektische Verbindung geschaffen wurde; die Collage der „heiteren“ Überschriften einschlägiger Propagandablätter (die Einzigen, die überhaupt noch offiziell im NS existierten) und einer Fotografie von KZ-Insassen und einer Karte, die Bayreuth mit Flossenbürg in unmittelbare Verbindung bringt, zeigt an, dass Von Bayreuth nach Auschwitz kein polemisches Schlagwort ist, sondern, auch räumlich, historische Realität war. KriegsFestSpiele: die Wortnähe ist, wie man ausführlicher aus Anno Mungens Buch erfahren kann, nicht manieristisch, sondern Wirklichkeit gewesen.
Schön also, dass man, indem sich die Studentinnen und Studenten fast ein Jahr dem häßlichen wie interessanten Thema quasi archäologisch verschrieben (denn die meisten Artikel waren, man muss das betonen, bislang ungehobene Schätze), die Frage praktisch beantwortet haben, die die Bayreuther Universitätsdekanin Paula Schrode zitierte: „Wie die Geschichte in der Gegenwart erzählt wird“. Sie verweist in ihrer Rede auch auf die Gleichzeitigkeit von Mikro- und Makrogeschichte, also auf das Lokale und das Globale, das in den gefundenen, ausgestellten und thematisch strukturierten Quellen quasi zwischen Stalingrad und dem Grünen Hügel, offenbar wird – und auf die Tatsache, dass im jüngst eröffneten Friedrichsforum u.a. eine Büste von Wieland Wagner steht. Der war zwar nicht, wie sie sagt, stellvertretender Leiter des Flossenbürger Außenlagers Bayreuth, sondern „nur“ dort in den letzten Kriegstagen als Experimentator an künstlerischem Material tätig (vielleicht nicht nebenbei: schon dies beweist die absolute Abstrusität der NS-Kulturpolitik wie der Wagnerfamilie im NS), doch darf gern die Frage gestellt werden, wie man es nach den Forschungen von Brigitte Hamann, Anno Mungen und Stephan Mösch mit diesem Teil des Wieland Wagner-Erbes in der Bayreuther Öffentlichkeit hält.
Jenseits aller politischen und historischen Fragen aber bleibt die Tatsache zu bemerken, dass die gut bestückte Ausstellung nun auch auf dem Gebiet der Tageszeitungen musikhistorische Forschungen präsentiert. Es ist noch nicht gar so lange her, dass die Musikwissenschaft den Quellenwert von Presseerzeugnissen für die Musikgeschichtsschreibung begriffen und produktiv umgesetzt hat. Es nun mit dem latent ekligen NS-Material, noch dazu öffentlich und barrierefrei, getan zu haben, ist so bemerkenswert, dass eine Publikation des Materials und seiner unabdingbaren Kontextualisierung schon schnell folgen sollte: quasi als eigenständiger Quellenanhang zu Mungens wichtiger Untersuchung. Doch schon vorher kann man nun schwarz auf weiß einen zentralen Satz der Ausstellung und der NS-Propaganda, die bei den die Kriegsfestspiele besuchenden Soldaten übrigens nicht verfing, weil sie schlicht und einfach an Wagner nicht interessiert waren – schon vorher also kann der Besucher beim Gauleiter Fritz Wächtler den in einem NS-Blatt publizierten Satz lesen, in dem, wörtlich, 1943 die „Vernichtung der Juden“ als Endziel des deutschen Kulturstrebens benannt wird.
Dies nur als Hinweis für all diejenigen, die eine Bayreuther Tonaufnahme der Meistersinger oder der Götterdämmerung der Kriegsfestspiele als „reine Kunst“ zu genießen vermögen.
Frank Piontek, 26. Juli 2026
KriegsFestSpiele im Spiegel der Bayreuther Presse
Ausstellung bei Steingraeber, Friedrichstr. 5, Bayreuth
Bis 4. Oktober 2026.