Während sich die betuchten Musikfreunde in nichtklimatisierten und reparaturbedürftigen Konzerträumen oder in Freilichtarenen mit fragwürdiger Tontechnik ihren Kulturhunger stillten, gab es wenige Kilometer nördlich Dresdens die Möglichkeit, bei den Moritzburger Musikfestspielen auserlesene Kammermusik unter idyllischen Bedingungen zu erleben.
Das in den 1540-er Jahren vom Wettiner Herzog Moritz (1521-1553) erbaute Jagdhaus war im 18. Jahrhundert nach Plänen August des Starken zu einen barocken Jagd- und Lustschloss erweitert worden. Es dient inzwischen für Konzerte sowie Ausstellungen und wurde mehrfach als Handlungsort für Märchenfilme genutzt.
Seit dem Jahre 2006 treffen sich im August eines jeden Jahres Solisten der internationalen Musikszene und herausragende Nachwuchs-Musiker, um gemeinsam an neuen Interpretationen kammermusikalischer Werke zu arbeiten und die Ergebnisse in wechselnden Besetzungen beim Moritzburg Festival vorzustellen.

Auf der Terrasse des Nordflügels zwischen dem Gebäude und dem Schlossteich erfreuten uns zum Beginn des Konzertes die Pianistin Marie Sophie Hauzel mit dem Cellisten Jan Vogler mit drei Liedern Sergej Rachmaninows (1873-1949) mit ihrer großen romantischen Spannweite. Das Cello sang mit warmen, tiefem Klang, während der musikalische Dialog vom Klavier feinfühlig und kraftvoll getragen wurde. Zwischen leidenschaftlicher Ekstase und innigen Momenten verschmolzen beide Instrumente, so dass eine emotionale Atmosphäre erstand.
Aus dem Liedschaffen Rachmaninows sang dann die Sopranistin Chelsea Guo vier Werke, die russische Melancholie und Sehnsucht ausdrückten. Als gleichberechtigter symphonischer und dennoch transparenter Klangpartner agierte der Pianist Anton Gerzenberg als Begleiter.
Zwischen den Liedbeiträgen spielten die Musiker Fiona Khuong-Huu und Mira Wang (Violinen), Nicholas Swensen Viola sowie Astrig Siranossian Violoncello Peter Tschaikowskys (1840-1893) Streichquartett D-Dur op. 11 mit einer sehr intimen, zugleich persönlichen und warmen Interpretation. Mit kammermusikalischer Durchsichtigkeit erfassten die mit klaren Melodien die eindrucksvollen russischen Weiten der Landschaften. Besonders der zweite Satz Andante cantabile zog mit seinem stillen, sehnsüchtigen Gesang die Hörer in ihren Bann. Besonders eindrucksvoll war zu spüren, dass die vier Streichinstrumente regelrecht miteinander sprachen, und sich nicht nur begleiteten. Durch dieses sensible aufeinander Reagieren zerfielen die die zarten Passagen der Komposition nicht und ließen die leidenschaftlichen Stellen zur Wirkung kommen. Mit Energie brachte der Finalsatz einen schwungvollen tänzerischen Ausklang des Streichquartetts.
Den Abschluss des Konzertes bildete Dimitri Schostakowitschs (1906-1975) einziges Klavierquintett g-Moll op. 57 aus dem Jahre 1940. Ursprünglich 1938 als Streichquartett konzipiert, hatte der Komponist die Instrumentierung auf seine eigenen Mitwirkungsmöglichkeit bei Konzertreisen überarbeitet.
Das fünfsätzige Werk wurde im Newa-Konzert von der Pianistin Marie Sophie Hauzel, den Violinisten Guido SantꞌAnna und Mira Wang, dem Bratscher Paul Neubauer und dem Cellisten Jan Vogler dargeboten. Zum Beginn spielte zunächst das Klavier allein, um das musikalische Material klar und trocken vorzustellen. Dann traten die Streicher hinzu und aus dem einsamen Klavierspiel entstand zunehmend ein kammermusikalisches Gespräch, aber ohne Feierlichkeit. Erste Risse wurden bereits in der Fassade hörbar.
Mit dem zweiten Satz Adagio wurde die Musik dunkler und nachdenklicher. Grüblerischer, fragender, zurückhaltender und plötzliches Aufbegehren ließen die Musik, erstaunlich durchsichtig wie ein innerer Mechanismus, alles auf ihrem Platz, streng in der Form und emotional in der Spannung, erklingen. In der Folge kam mit dem Scherzo der große Bruch. Nach der Belastung der vorigen Fuge wurde die Musik bissig, aggressiver, voller schwarzem Humor und wirkte wie ein übermütiger grotesker Tanz mit einem kalten, präzisem Lachen. Der vierte Satz Lento, ein Intermezzo, veränderte die Stimmung ins Private, ins Intime und Verletzliche. Die Streicher wirkten zunehmend wie menschliche Stimmen, während das Klavier eingebettet und weniger dominant erschien. Die Naivität und Einfachheit, die langen Linien und leisen Klangfarben der Musik erzeugten eine Atmosphäre des Nachdenkens. Das Finale kam überraschend leichtfüßig, bewegte sich zunächst tänzerisch. Am Ende wurde die Musik immer leichter und es gab keinen triumphalen Schluss. Eine merkwürdige Form der Gelöstheit, aber mit einen Schatten darunter. Es gab ein Gefühl der Zurückhaltung und Mehrdeutigkeit, wie eine bewusste Rückkehr zur Normalität. Charakteristisch für die Doppelbödigkeit der Interpretation war, dass ständig zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, zwischen Anpassung und innerem Widerstand sowie zwischen öffentlicher Ordnung und privater Individualität gewechselt wurde. Von den Musikern war eine Art psychologisches Drama aufgebaut worden.
Ein Schostakowitsch, wie wir ihn lieben.
Thomas Thielemann, 15. August 2026
Sergej Rachmaninow: Lieder für Klavier und Cello; Lieder für Sopran und Klavier op. 14 Nr. 11; Nr. 1, Nr. 5 und op. 38 Nr. 5
Peter Tschaikowsky: Streichquartett D-Dur op. 11
Dimitri Schostakowitsch: Klavierquintett G-Moll op. 57
Schloss Moritzburg, Nord-Terrasse
14. August 2026
Musikalische Leitung: Jan Vogler