Es ist schon ein sehr großes Repertoire, das die jungen Sängerinnen und der junge Mann sich für den Abend raufgeschaufelt haben. Da hat man schon ein wenig Angst um sie, denn die Vergleiche sind gewaltig: Fischer-Dieskau, Mathis, Wunderlich, Garanča, um nur einige wenige zu nennen, die die ausgewählten Wagner- (Abendstern!), Korngold-, Tschaikowsky- (Lenskis Abschied!) und Schubert-Arien und Lieder eingespielt haben. Am Ende aber werden die Besucher feststellen, dass er doch alles in allem geglückt ist: der Liederabend, die Abschlusspräsentation des Workshops, den, zum wiederholten Mal beim Festival, der Liedbegleiter Paul Sturm mit einigen jungen Talenten (Alter: 26 bis 28 Jahre) aus Australien, Uruguay und China veranstaltet hat. Dem ist nicht jedes Jahr so, doch in diesem Jahr kann man mit vollem Vergnügen sagen, dass sich die Investition gelohnt hat.
Überraschenderweise erscheinen auf der Singfläche vor dem Steingraeber nicht allein die drei angekündigten Vokalprotagonisten, auch eine junge Dame aus Uruguay. Sie heißt Josefina Ricarda Legarra – und überrascht das Publikum durch eine Klarheit in Ton und Artikulation, die man manch native speaker wünscht, der Schubert zu singen hat. Hier wurde, bei einem ausgesprochen guten Grundmaterial, äußerst solide gearbeitet; Schuberts Des Fräuleins Liebeslauschen, an sich ein Männerlied, klingt deliziös in den Raum. Ein Männerlied? Auch Wagners Träume können von einem Tenor gesungen werden. Hao Li macht das mit seinem lyrischen Tenor, der sich zum Heldentenor lyrischer Prägung auswachsen könnte, schon sehr gut, bevor er Rienzis Gebet als gut gestaltete Prunknummer, nicht als intimes Bekenntnis eines Verzweifelten, ausstellt. Ebenso überraschend angenehm, souverän und völlig überzeugend klingt der Sopran von Breanna Stuart, wenn sie die großen Bögen in Debussys Recueillement und Liszts Freudvoll und leidvoll anstimmt. Man wird an Carl Orff erinnert, also auf den Dreiklang von Sprache, Musik und Bewegung, der vom Rhythmus grundiert wird bzw. der zusammen den Rhythmus erst ergibt. Legarra gerät in Bewegung, wenn sie Ernani Bragas Capim di Pranta singt, also ein schnelles und heiter klingendes brasilianisches Lied, dessen Quirligkeit am Ende des Abends von Leonard Bernsteins berühmter Parodie auf eine exaltierte Opernlady, Glitter and be gay aus Candide, beantwortet wird. Auch das kann J.R. Legarra – und zusammen mit Stuart singt sie das Lakmésche Blumenduett so entzückend, dass die Erinnerung an bekannte Sopranduos zwar aufgerufen, aber nicht konterkariert wird.

Natürlich: Alle Sänger, auch der Bariton Daniel Felton, der eine sympathische, aber noch nicht fertige Singstimme hat, sind noch auf dem Weg – ihrem Weg. In Bayreuth haben sie sich vom Mann am Klavier geduldig begleiten lassen; während mancher Arie und manchen Lieds – man hatte vergessen, dass Korngolds Glück, das mir verblieb „sehr langsam“ und „breit“ und Debussys Recueillement „lent et calme“ vorzutragen ist – bewältigen sie die Anforderungen an einen langen Atem, und zwar souverän. Er wird, ja muss sie ihr Berufsleben lang, wenn sie denn beim professionellen Gesang bleiben, begleiten. Sehr schön also, dass man schon einmal in die kreative Werkstatt des Festivals junger Künstler hineinhören konnte.
Frank Piontek, 14. August 2026
Wagner in RE:SONANZ
Franz Schubert: Des Fräuleins Liebeslauschen
Franz Liszt: Freudvoll und leidvoll
Gustav Mahler: Ich bin der Welt abhanden gekommen
Ernani Braga: Capim di Pranta
Erich Wolfgang Korngold: Glück, das mir verblieb
Richard Wagner: Allmächt’ger Vater aus Rienzi
– Der Engel / Träume
– Wie Todesahnung – Lied an den Abendstern
Leo Delibes: Blumenduett aus Lakmé
Peter Tschaikowsky: Kuda, kuda aus Eugen Onegin
Leonard Bernstein: Glitter and be gay aus Candide
Franz Lehár: Meine Lippen, sie küssen so heiß aus Giuditta
Bayreuth, Steingraeber, Kammermusiksaal
11. August 2026
Solisten: Breanna Stuart, Josefine Ricarda Legarra, Daniel Felton, Han Li