Bayreuth: „Wagnermanie“ – eine Woche auf dem Grünen Hügel

Unser Gastautor, Wagnerianer und Psychoanalytiker, hat uns diesen Text überlassen, in dem er profunde Beschreibungen der Aufführungen bei den diesjährigen Festspielen mit seinen Erlebnissen rund um den Grünen Hügel und einigen weiterführenden Gedanken zu Werk, Komponist und den Festspielen verbindet.


Seit vielen Jahren strebe ich als einem oder auch dem Höhepunkt des Sommers in die Fränkische Provinz, einst von Norden, dann von Westen, jetzt vom Süden her. Bei allen örtlichen und sonstigen Lebensveränderungen ist mir Bayreuth Konstante im Jahreskalender. Dieses Jahr war die Vorfreude gedämpft, ganz im Gegensatz zu dem vor einem Jahr erworbenen überdimensionierten „Wagnermanie“-Paket – oder gerade deshalb, das Überdosis-Problem antizipierend? Die Rezensionen zum ersten „Ring“-Zyklus ließen eher Schlimmes befürchten, als das Herz höherschlagen. Die Anreise mit der Bahn war baustellenbedingt lang, neun Stunden; ich war von Persönlichem beschwert, zugegebenermaßen aber auch von all den Auseinandersetzungen und Anwürfen von Freundinnen und Freunden, die sich im Vorfeld dieser Jubiläumsfestspiele zwischen die Wagnersche Musik und mich geschoben hatten.

Vieles war durcheinandergebracht, musste auseinandersortiert werden, der Antisemitismus von Wagner war teilweise verrührt worden mit der persönlichen Freundschaft oder Liebschaft Winifreds mit Hitler samt Familienanschluss. Es wurde so getan, als wäre durch dieses unheilvolle Paar mit dem Houston Stewart Chamberlain im Hintergrund, die nationalsozialistische Instrumentalisierung von Wagners Musik und insbesondere von Bayreuth „alles“ davor und danach „verseucht“, als dürfe „man“ „nun“ da nicht mehr hinfahren! Dass es auch eine sozialdemokratische Wagner-Rezeption gab beispielsweise, dass Siegfried weniger mitgemacht hatte, ging unter; und Hitler z.B. wutschnaubend den Friedrich Schorr als Wotan hatte ertragen müssen bzw. deshalb nicht anreiste. Ja, es wurde so getan, als hätte es nicht auch eine Friedelind gegeben, und mittlerweile keinen Herheim-„Parsifal“, nicht die Kosky-„Meistersinger“ oder auch die vom letzten Jahr nicht, in denen sich der junge Wagner „richtig-stellend“ vom Klezmer etwas ablauscht; so, als wäre Wagner ausschließlich ein schlimmer Antisemit und unsympathisch-egozentrischer Mensch gewesen – und als wäre all das neu. Als hätten nur die Nazis seine Musik missbraucht. Das haben sie allerdings, und wie – auch wenn so manche Nazi-Bosse zu dieser Musik nahezu geprügelt werden mussten und der Wagner verehrende Hitler ob des Schnarchens seiner Entourage erboste. Thomas Mann, sein Antagonist unter den Wagnerianern, hat es treffend wie kein Zweiter formuliert, dass er Wagners Werke bewundere, trotz des „feindseligen Missbrauchs, zu dem ihr großer Gegenstand etwa die Handhabe bietet“. Die Handhabe bietet. Leider! Aber genau das war mir das Ärgernis: Tiefschürfende Auseinandersetzungen aus Jahrzehnten waren nicht zur Kenntnis genommen, jedoch lange Bekanntes wiederholt aufgewärmt oder sogar schrill-dramatisierend durch die Gazetten und Kanäle geschleudert worden, so als gäbe es zu all dem bedrückend-beschämend lange Erforschten noch irgendetwas Erhellendes hinzuzufügen – viel Aufgeregtheiten also, „Müh` ohne Zweck!“ –

Ich war anhand des Buches von Alex Ross noch einmal dem Reichtum nach-wagnerscher Musikentwicklungen von Bruckner bis Debussy nachgegangen und hatte mich mit den 261 Leitmotiven nach Stefan Mickisch beschäftigt, dabei immer wieder staunend mit noch einmal vertiefterem Verständnis dieses Kompositionsgenie bewundernd. Und dennoch kam ich etwas fremdelnd in der vertrauten „Lohmühle“ an. Meine hellwache Lieblingskellnerin, die ich im letzten Jahr ermutigt hatte, sich eine herausforderndere Stelle zu besorgen, war nun auch nicht mehr da. In abendlich lauer Luft ein ortstypisches Gericht zu mir zu nehmen, half mir ein bisschen in die Bayreuther Atmosphäre hinein.

Mit dem Fahrrad durch Bayreuth

Am folgenden Mittag mit meiner Opernfreundin H. die Fahrräder auszuleihen, gegenüber dem Markgräflichen Opernhaus beim Eiskaffee gemeinsam anzukommen und alsbald bei der Hitze den Fahrtwind zu genießen, wird zu einem leicht erhebenden Start, „ausgebremst“ durch einige „Startschwierigkeiten“ wie Fahrradkorb und Elektrik. Fremdeln auch da und Herausforderungen; insbesondere zu bedenken, wie und wo das eigens für diesen „Ring“ zum analogen Preis der Karten neuerworbene wunderschöne Kleid auf den Hügel transportiert und dort angelegt werden sollte.

Für mich ist zur „Ring“-Eröffnung das „ganze Outfit“ mit Fliege ebenfalls unverzichtbar. Sich mit E-Bike im schwarzen Anzug an Autos und Fußgängern vorbeizuschlängeln, ist eine weitere Herausforderung. Die dunklen engen Hosen und Schuhe sind bei der großen Hitze nicht gerade wohlfühlunterstützend, H. bekommt Blasen und braucht neue Schuhe. Und meine Metastasen-Knochenschmerzen beim Sitzen haben sich zwar nach der Bestrahlung vor einem Monat vermindert, sind aber weiter zu spüren. Auf dem Hügel angekommen erwarten uns Umständlichkeiten, wo die Sachen bleiben können – nicht in der Haus-Garderobe, unterhalb des Hügels ist eine Gepäckabgabe; Sicherheitsbedenken ebenfalls betreffs meines Rückenkissens: Was tun, wenn ein ärztliches Attest verlangt wird und ich selbst Arzt bin? Es gibt eine Lösung. „Heitere Sommerspiele“ zu genießen, wie sich der Meister das gewünscht hatte, wird in Zeiten des islamistischen Terrors nicht einfach.

Der Autor auf dem Grünen Hügel

Dann sitzen wir endlich in diesem besonderen Resonanzraum auf den engen Klappsitzen. Bei den ersten, so besonderen Tönen des „Rheingold“ ist das Publikum – zum Teil jedenfalls, und es kommt ja hierbei auf jeden an – noch nicht konzentriert, natürlich fremdle ich auch damit, um nicht von Ärger zu sprechen, der nur noch alles schlimmer machen würde. Wobei ich immer genau das betont habe: Nirgends gäbe es ein so kundiges und diszipliniertes Publikum wie in Bayreuth. Die beste Stelle des „Rheingold“, diese einzigartige, ertönt gleich am Beginn. Es gelingt mir, ganz diesen ersten aus den Tiefen der Dunkelheit und der Kontrabässe kommenden Takten zu folgen, dem Anschwellen des Natur-Motivs und seinen Folgemotiven. Dies ist so, so großartig komponiert, „wie für diesen Raum“ und ebenso großartig musiziert – für mich an diesem Ort das dritte und wohl das letzte Mal in meinem Leben. Genau dafür geht man „hier“ in das „Rheingold“! Welch musikalisch großer Bogen zum den „Ring“ ausklingen lassenden Welterlösungs-/Liebesmotiv, in welches auch das dieses Rheingoldes hineingewoben sein wird, erwartet uns nun in dieser Woche!

Dann treten die Rheintöchter auf und das weitere Personal, bis auf den Alberich alle top-besetzt. Vogt als Loge passt klasse, Volle als Wotan ist die Idealbesetzung schlechthin, die junge Ungarin Anna Kissjudit als Fricka die überragende Neuentdeckung; auch Evelin Novak als Freia singt frei und wunderschön, der Mika Kares als Fasolt ist ein kaum je so gut gehörter wohlklingend-kraftvoller Riesen-Bass. Wir sind wirklich baff! Und Thielemann trägt die Sänger auf den Händen, nimmt bei einem dynamischen Tempo immer wieder neue Anläufe zu diesen Bögen, ist der Zauberer des Abends. Wie schafft er es nur, so in ein Diminuendo zu gleiten und dann auf eine Weise wieder in Fahrt zu kommen, bei der alle – und das macht es aus – im gleichen Atem mitmachen? Mit den Noten der Walküre werden er und das Orchester dies noch mehr zeigen können, so dass Igor Levit, der ebenfalls in einem der Stühle sitzt, postet: „Wenn ich in diesem Leben so eine Walküre, so ein Musizieren nicht mehr erleben sollte… Vergessen werd’ ich das nicht mehr.“

Szenenbild aus „Das Rheingold“ / © Enrico Nawrath

Und die KI? Sie liefert optischen Blödsinn, Farbspiele, Klötze, Gerümpel, meist in dunklen Farben. Ihre optischen Bewegungen sind offenbar langsamer als im ersten Zyklus, es gibt keinen in den Rezensionen beklagten störenden Bildersturm mehr; aber sie ist nicht nur uninspiriert, sondern reagiert nicht auf den Fluss der Musik, wie sollte sie auch. Selten gelingt ihr etwas passend wie bei Alberichs Tarnhelm-Verwandlung in einen gigantischen detailreich ausgestalteten Drachen. Dafür kommen statt einer gleich zwei Regenbogenbrücken, einmal zu früh, einmal zu spät. Die Sängerinnen und Sänger stehen da und singen wunderschön und werden von der KI angeleuchtet oder abgedunkelt.

Ich kann mich entscheiden, diese Bilder, die nichts erzählen wollen, auszublenden und die Augen zu schließen, also nicht zuzuwarten, ob doch einmal ein Zufallstreffer etwas auch optisch gelingen lässt, mich also nur dem Akustischen zu öffnen. Denn das ist überragend, Sängerinnen und Sänger sind ganz darauf konzentriert, sie müssen ja nichts darstellen und sich nicht verrenken, können auf den Thielemann schauen und ins Publikum singen. Da aber jeder im Raum genau dies für sich entscheidet, keine Regie unser aller Gefühle bündelt, es kein gemeinsames Schmunzeln, Verwundern, Mitfreuen oder -bangen durch ein optisches Geschehen gibt, kommt es nicht zu dem, was Wagner eigentlich besonders gut vermag: Dass nicht nur die Musiker, sondern zugleich auch das Publikum in ein gemeinsames Atmen, in eine rhythmische Resonanz hineingleiten, dass es zur berühmt-berüchtigten Überwältigungsdynamik musikalischer Psychedelik Wagnerscher Musik kommt. Die von ihrem Wesen her unemotionale KI zerstört das Gesamtkunstwerk insofern, als dass sie nichts beiträgt zu einer gemeinsamen Resonanz. Ein Baustein – Wagner war immer auch Theaterdramaturg – ist herausgebrochen. Dadurch wird das Hineingezogenwerden geringer, die Stühle werden härter, die Ablenkung einzelner wächst, damit die Unruhe insgesamt, und damit wird das Hineingezogenwerden in den Musikrausch wiederum vermindert – ein negativer Kreislauf statt eines positiven. „Die Empathie-Kette reißt“, meint meine Opernfreundin.

Auch die Gespräche im Hotel unter den Wagnerianern wirken auf mich flacher. Man ist sich in der Ablehnung einig und das wars. Die Uninspiriertheit setzt sich fort. Und das, was ich immer so betone, einmal im Jahr fühlte ich mich in der Mehrheit, hier könne ich spontan mit fast jeder und jedem um mich herum ein beiderseits fruchtbares Gespräch beginnen – auch das erlebe ich gerade nicht.

Am nächsten Morgen vor der „Walküre“ erhoffe ich mir etwas Unterstützung durch die „Ring“-Einführung zur KI von Sven Friedrich. Er hat sich mit dem Konzept beschäftigt, ich verstehe einiges besser, z.B. seien die 150 Jahre auf die „Ring“-Zeit heruntergebrochen worden, alle sechs Minuten werde ein Bild zu einem Jahr eingeblendet, 1903 z.B. Thomas Mann, weil in diesem Sommer seine „Buddenbrooks“ auf dem Hügel das Pausengespräch waren. In der „Walküre“ werde ich das Jahr 1936 erkennen, die Olympiaringe mit dem Reichsadler, verschwommen, wie der gesamte Bilderfluss meist ist, changierend in andere Bilder oder Farbgestaltungen hinein. Diese sind in der „Walküre“ teilweise prachtvoll, Willem de Kooning kommt mir in den Sinn, andere abstrakte Maler, es ist aber l’art pour l’art, mit der Musik des „Rings“ hat das alles nichts zu tun. Sven Friedrich kann mir erläutern, wie die KI das macht, aber seine Apologie ist mir unverständlich oder wird mir verständlich, als er beginnt Unsinn zu reden, die KI träume, so wie wir nach Freud unsere Tagesreste träumten. Das ist natürlich Quatsch, weil das menschliche Traumgeschehen seinen Ausgang von Affekten nimmt, die die KI nicht hat – und die KI deshalb nur illustrieren, dekorieren, aber nicht den passenden Ausdruck für die Musik gestalten kann, jedenfalls nicht, wenn man Algorithmen entscheiden lässt.

Das aber können die Sängerinnen und Sänger! Und sie machen es zunehmend! In der „Walküre“! Der Vogt und die van den Heever kennen sich; gerade habe ich sie gemeinsam das Wälsungenpaar in der Scala singen gehört – und nun machen sie dort vorn in ihren KI-Kostümen einfach das gleiche oder noch besser, sie machen das, was sie immer schon in dieser Rolle machen wollten, wenn kein Regisseur sie dabei gestört hätte. Und hier ist es so: Es gibt keine Regie, die Personenführung machen sie selbst, zunehmend nicht nur freier singend, sondern freier gestaltend und dadurch noch freier singend. Siegmund zieht das Schwert von unten aus dem Stamm, woanders hätte er es vielleicht von oben ziehen müssen. Es gibt kein Schwert und keinen Stamm, aber es gibt die Gestik! Die gibt es auch, wenn der Wotan der Brünnhilde die Gottheit „weg-küsst“, sie es halb geschehen, halb sich verweigernd nicht geschehen lässt. Mon Dieu, lass doch diese wunderbaren Sängerinnen und Sänger einfach mal machen! Sie machen es, das Auge hat wieder einen Anker! Persönliches mischt sich mit Professionalität – der Ausfall von Kreativität wird mit Kreativität beantwortet, das ist doch der Kern, das Schönste an Bayreuth, das ist die „Werkstatt Bayreuth“ in statu nascendi! „Wir“ verfolgen Musik im Einklang mit der gestischen Gestaltung – und dass die KI dazu Licht und Bilder produziert, das ist wunderbare oder unsinnige, aber zunehmend nur selten ablenkende Untermalung. Dass die KI allerdings beim „Lenz“, obwohl sie – auch das war uns erläutert worden – durch ein Mikro den Gesang von Vogt geliefert bekommt, nur Düsterkeit zustande bringt, also da bin ich sogar von der KI enttäuscht, obwohl es ihr ja nichts ausmacht, von ihr enttäuscht zu sein.

Szenenbild aus „Die Walküre“ / © Enrico Nawrath

Also: Die KI ist Musik betreffend dumm; das hier Eingespeiste steht vielleicht mit dem Zeit- und Bühnengeschehen der letzten 150 Jahre in einem Zusammenhang, aber es steht in keinem Gefühlszusammenhang mit der Musik und den Geschehnissen des „Rings“; was sie liefert, kann nur ein aus rationalen Einspeisungen entstehendes Konstrukt sein. In ihrem Fluss hat sie sich der „ewigen Melodie“ Wagners ein wenig angepasst und stört mich deshalb kaum noch, weil ich hinschaue zu den Sängerinnen und Sängern, die immer mehr gestaltend die Regie übernommen haben, ihre Verwunderung zeigen, Abscheu, Wut, Zuneigung – all das berührt hier im Saal mehr und mehr und lässt ihn tobend vom Applaus erbeben; als Thielemann erscheint, konnte einem ob der alten Bretter leicht bange werden.

Sein erster Aufzug war ein kammermusikalisches Meisterwerk gewesen, Thielemann brauchte nur 60 Minuten. Wir waren begeistert, vor dem Balkon am Portal aber meinte jemand, das sei ja „so harmlos“ gewesen, „das war kein Wagner, das war Schumann“ – ja, endlich wird wieder kontrovers diskutiert! Es ertönt die Bündnisfanfare zum zweiten Aufzug, zu Brünnhildes erstem Schritt in die Mensch-Werdung durch ihr Mit-Gefühl! Dieses Thema wird dann den ganzen „Parsifal“ bestimmen. Wie herzzerreißend dieser Dialog zwischen der Camilla und dem Klaus Florian, was haben die schon gemeinsam gesungen, und ihre Brünnhilde ist seit dem Zürcher Homoki-Ring noch einmal gereift! Im dritten Aufzug ergreift es mich ganz. Ich schwimme mit Augen und Seele ob dieser wunderbaren Musik voll saftiger Traurigkeit in diesem Wagener-Wasser der unendlichen Melodie dieses mich immer wieder so berührenden Tochter-Vater-Abschieds. Ja, rasender Applaus, auch von Igor Levit. „Dafür“, denke ich, „genau dafür nimmst du all das auf dich.“ Und ich bin wunderbar im Einklang mit mir selbst, jetzt hier zu sein.

In der Pause hatte ich einige Rückenübungen gemacht, die chiropraktische Intervention vom letzten Jahr „im Nacken“; „nach Wagner-Konzert“, wie es die eher Mozart mögende Kollegin im Arztbrief formuliert hatte. Ein Parkbank-Nachbar zeigte sich mitfühlend-solidarisch, und wir tauschten uns über die zugenommenen Anstrengungen aus, die einzupreisen sind bei der jährlichen Pilgerfahrt auf den Grünen Hügel; da hatte ich mich plötzlich wieder „in der Mehrheit“ gefühlt – und das hält an beim Speisen im lichterschönen nächtlichen Garten des Bürgerreuth unter all den anderen Beglückten hoch über der Stadt und dem Festspielhaus, an dem vorbei wir uns dann nicht ganz ungebremst zur „Lohmühle“ rollen lassen; im „Weihenstephan“ ist noch Stimmung – dort werden wir nach dem „Siegfried“ sitzen, wird beschlossen. Was für eine Oase, dieses Bayreuth im Sommer, bei all den weltpolitischen Ungeheuerlichkeiten. Und in dieser Ausgespanntheit meiner Seele denke ich: Es bleibt dabei – meine Sorge sollte mehr der natürlichen Dummheit gelten als der künstlichen Intelligenz, in den Abgrund aber rasen wir, wenn künstliche Intelligenz die natürliche Dummheit antreibt.

Der Folgetag ist entspannter; der vergleichsweise kurze „Holländer“ beginnt zwei Stunden später als üblich erst 18 Uhr. Die stimmige Tcherniakov-Inszenierung kannte ich aus früheren Jahren, jeweils dirigiert von der kleinen, schlanken, sich anschließend ausgesprochen elegant verbeugenden Oksana Lyniv. Viel gibt es dazu nicht zu sagen: Die heutige Besetzung mit Mika Kares, Nicholas Brownlee und der Asmik ließen diese Vorstellung zum besten „Holländer“ meines Lebens erblühen. Vor fünf Jahren trafen wir die Asmik anschließend in der „Eule“, sie sprach am Nebentisch russisch, wir vermuteten mit der Kinderfrau. Ich bekam mit dem Autogramm einen Nähe-Moment geschenkt, heute speisen wir allseits beglückten Festspielgäste in diesem Traditionslokal ohne sie.

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“ / © Enrico Nawrath

Asmik Grigorian war schon damals meine Favoritin. Ihr erster Ton heute jedoch, diese Sehnsuchts-Vokalise mit dem Holländer-Bild in der Hand ist so überragend, so erschütternd schön und voll, dass nicht nur dies, sondern auch meine Ergriffenheit unbeschreiblich sind.

Sodann spielt sie diese Senta-Rotzgöre so großartig, als sei sie genau und nur das; sie ist es in diesen zwei Akten, und sie singt einfach göttlich. Mein Nachbar hinter mir, der weder nach Wien, München oder Salzburg, sondern nur nach Bayreuth fährt und sie deshalb noch nicht gehört hat, bekommt sich vor Begeisterung kaum wieder ein; mit ihm muss ich künftig um Karten rivalisieren. Kares ist ein prächtiger Basso profundus, und das Liebesduett mit dem Brownlee gerät – musikalisch den „Tristan“ vorwegnehmend – seelenerschütternd stimmig; sie erleben das beide selbst wohl auch so, aus dem zu schließen, wie herzlich-beglückt sie sich beim Applaus umarmen. Asmik hat für 2028 ihre erste Isolde in Wien angekündigt. Ich WILL sie dort hören! Ein wichtiger Grund, am Leben zu bleiben!

Der nächste Tag hätte hinsichtlich emotionaler Verarbeitungskapazität und körperlicher Belastbarkeit ein spielfreier Tag sein dürfen, angesagt ist jedoch die Halbzeit dieser „Wagnermanie“ mit dem „Siegfried“. Eine Einführung brauchen wir nicht und nutzten diesen Vormittag unklugerweise, einen Text schwereren Inhalts zu besprechen, was emotionale Kraft saugt, wie „dumm“ bloß!

Nach dem üblichen Mittagsschlaf radeln wir ostwärts auf neuen, autofreieren Wegen auf den Hügel; die Stimmung hebt sich ob des Eintreffens von A., die kurzfristig hatte Karten über „die Freunde“ bekommen können: Am „Rheingold“-Tag hatte Frau N. zu mir gemeint, „mal sehen, wer nicht an- oder früher abreist“, dazu fiel mir anders als jetzt nicht ein: Das könnte auch mich betreffen. Der Anruf kam bereits am nächsten Morgen, gerade beim Betreten des Festspielhauses zur KI-Einführung: Nicht nur für den „Siegfried“, auch für die „Götterdämmerung“ sei bereits eine Karte verfügbar; später gestand A., dass sie ambivalent gewesen sei, ob auch dies klappen solle, da der Montag nach der „Götterdämmerung“ recht streng werde. Aber ich möchte nicht vorgreifen.

Trotz des Ausruhens am frühen Nachmittag wird mir dieser erste Aufzug des KI-„Siegfried“ mit seiner „spröden“ Musik – und all seiner treffend komponierten menschlichen Falschheit – zu anstrengend, ich komme wenig in den Musikgenuss. Und spüre mehr Schmerzen in der rechten Hüfte. Das erste Mal helfe ich mir mit zwei Ibuprofen. Auf Jackett und Fliege hätte ich bei der Hitze verzichten sollen, aber bei diesem ersten Abend zu dritt hatte ich die angemessene Kleidung gewählt.

Die jeweils einstündigen Pausen nun zu dritt sind heiter und vergnüglich, die Gänge über den Hügel werden ausgedehnter, heute ist es auch nicht mehr ganz so heiß. Das Vorspiel zum zweiten Aufzug, dieser düster schleichende Tritonus Fafners und das wunderbare Waldweben mit den enthaltenen Vogelstimmen von Goldammer, Pirol, Nachtigall, Baumpieper und Amsel sowie dem Sehnsuchtsmotiv berühren mich schon mehr. Im dritten Aufzug vom großartigen Vorspiel mit der Wotan-Charakterisierung an, über die Erda-Szene zum wunderbaren Schluss mit den Melodien zur Vereinigung von Camilla und Klaus Florian hinführend, bin ich in Resonanz. Ich halte die Augen meist geschlossen und lausche mehr noch als den beiden dem Orchester: Hier in diesem Saal war vor 150 Jahren die Uraufführung! Wie großartig all dies komponiert ist und nun musiziert wird! Und dazwischen Wotans Abtreten, der Enkelgeneration halb wollend, halb geschehen-lassen-müssend, Schopenhauers sich zurücknehmender, Raum gebender Weltwille. Ist das nicht ohnehin mein persönliches Ring-Zentrum in diesem „Ring“ 2026? – Wann ist „genug“, auch von diesem sommerlichen Bayreuth Abschied zu nehmen, wann holt die Anstrengung die Beglückung ein?

Szenenbild aus „Siegfried“ / © Enrico Nawrath

Michael Volle bekommt mit Recht frenetischen Beifall. Nicht nur mir ist er der Lieblings-Wotan unserer Zeit; die Rezension von Phillip Richter lese ich mit viel Zustimmung: „Seit den Tagen von Hans Hotter hat es kaum einen Wotan von diesem Format gegeben – und so schnell wird es keinen zweiten geben. Volles Stimme trägt mühelos durch den Raum, doch seine eigentliche Größe liegt in der Phrasierungskunst. Er weiß es, jedem Wort Bedeutung zu geben und jedem noch so feinen Gefühl Ausdruck zu verleihen. Er durchdringt seinen Wotan mit Stimme, Geist und Authentizität. Zum Schlussapplaus wäre daher ein Kniefall angemessener gewesen als jeder noch so frenetische Jubel: Ein Zeichen der Dankbarkeit für einen Wotan, der selbst nach 150 Jahren Bayreuther Festspiele noch neue Maßstäbe gesetzt hat.“ Wow! Und ja, so war es – sein Dialog mit der Erda vielleicht der musikalische Höhepunkt dieses „Rings“: Ebenfalls gut textverständlich bot Christa Mayer mit ihren saftigen Tiefen und ausdrucksstarker Mittellage als Weltweisheit diesem spürbaren Weltwillen ein würdiges Gegenüber. Traurig ihr gegenseitiges Missverstehen und Gekränktsein, ihr Zerwürfnis. So muss „die Welt“ untergehen, wenn es der Siegfried nicht schafft; er wird es nicht schaffen.

Es wird zu dritt bei guter Stimmung noch „gesellig“ im „Weihenstephan“. Früher hatte ich oft hier in anderer Besetzung gesessen, getrunken, geredet und deftig gegessen. Nun ist das älteste Brauhaus zu einem Nobelitaliener mutiert, kein Scheufele mehr, sondern eine anders gute Art von Gästen, Bedienung, Speisen. Ja, auch hier ist etwas untergegangen, aber das ist gerade nebensächlich, wir plaudern uns weiter zu unserer Dreiergruppe zusammen – als der Tag jedoch seinen Rand erreicht, ist auch der meinige überschritten, muss ich „abtreten“ und werde neun Stunden durchschlafen.

Beim morgendlichen Frühstück in der „Lohmühle“ begegnen H. und ich uns erstaunlich frisch. Im Kontrast dazu gestehen wir uns wechselseitig das Erreichen unserer gestrigen Leistungsgrenzen; und ich gestehe zudem, mich mit dem heute zu erwartenden „Rienzi“ bereits befasst, ja geradezu froh zu sein, in Antizipation der beanspruchenden Wagner-Tage vor einer Woche dessen Aufzeichnung gesehen zu haben – als absolute Ausnahme (!), grundsätzlich ist mir das unmittelbare Erleben paradigmatisch.

Von der A-Dur-Fanfare, die Wagner aus dem Schlusssatz Beethovens Neunter übernahm, weiß ich also schon, als wir auf den Hügel zum Festspielhaus radeln. Das war für einen 27jährigen mindestens selbstbewusst, für Richard Wagner geradezu typisch in seiner Selbstüberzeugung, „schon zu Lebzeiten ein Genie gewesen“ zu sein, um den Lapsus Horst Seehofers zu zitieren. Heute erwarte ich einiges in dieser Richtung und trage deshalb mein „Wahn, Wahn, überall Wahn“-T-Shirt.

Über Musik jedoch wird Sven Friedrich nicht sprechen. Wir erwarten etwas zur Einordnung und Regie – das macht er geist- und kenntnisreich wie kein Zweiter. Vieles „Belastende“ – Ouvertüre bei den Reichsparteitagen, die Partitur als Geburtstagsgeschenk usw. – ist inzwischen allseits bekannt. Er kann einiges mehr beitragen, und so fühlen wir uns – ihm zu dritt lauschend – anschließend umfassend informiert. Ob es passend war, Hitlers Linzer Jugenderlebnis „in jener Stunde begann es“ in dessen Sprachfärbung zu zitieren, ist unter uns strittig. In zehn Sommern saß er gleich uns in diesem Festspielhaus, und obgleich er „Rienzi“ hier nie hat hören können – wir erleben dessen Erstaufführung in diesem Hause –, musste für einen Publikumslacher diesem böseren Nachfahren Rienzis weiterer Raum gegeben werden? Andererseits, war das nun schlimm?

Egal, ob „Rienzi“ nun „die beste Oper Meyerbeers“ geworden ist, oder „seine schlechteste“ – wir werden am Abend erleben, was diese Musik vermag und mit uns macht. Spannender finde ich im Moment die Frage, warum Wagner dieses Frühwerk später als „Schreihals“ bezeichnend ablehnte? Wieso er sie nicht in seinem Kanon versammelt sehen, im Festspielhaus nicht gespielt haben wollte? Und Cosima das verstetigte. Zunächst hoffte er ja, in der Welthauptstadt der Oper mit dieser Grand Opera seinen Durchbruch zu meistern, den geschätzten Star-Komponisten Giacomo Meyerbeer gar zu überflügeln. Trotz dessen Empfehlung wurde sie in Paris nicht einmal aufgeführt.

Die Beziehung zwischen beiden misslang später in analoger Weise wie die zu dem nur wenig älteren, in seinen jungen Jahren bewunderten Felix Mendelssohn Bartholdy, dem er die zarten, fließenden Streicher-Legati zur Untermalung des Gesangs, das orchestrale Nachklingen und manch anderes „ablauschte“, oder auch ganz konkret: Gäbe es den „Walkürenritt“ ohne den Eingangschor des „Paulus“? Und: Wäre Wagner kein Antisemit geworden, wenn Mendelssohn 1836 reagiert hätte, als er vom 22jährigen dessen C-Dur-Symphonie angeboten bekam?

Nachdem Wagner erfolgreich wurde, sprühte er jedenfalls voll Hass gegen die beiden einst bewunderten Kollegen. Hasste er in ihnen projektiv das, was er aus seiner gereiften Musikalität heraus an sich selbst mittlerweile für „schwach“ hielt? Konnte er seine unfertigen Entwicklungsschritte schamvoll nicht aushalten? Hat er nicht ertragen, dass er Meyerbeer und Mendelssohn „gebraucht“ hatte, wie übrigens auch zahlreiche jüdische Geldgeber, um sein „Nothung“ zu schmieden? Ist der Schlüssel zum „persönlichen“ Grund für seinen Antisemitismus die nicht-aushaltbare Abhängigkeits-Anerkennung des Narzissten, der Wagner zweifellos war? Ist ein Forscher dieser These einmal nachgegangen? –

Die Oper ist lang, sehr lang. Die gekürzte „Bayreuther Fassung“ verlegt das berühmte Gebet an den Anfang des vierten Aktes und hat „Walküre“-Länge, Ende 21.45 Uhr. Wir vernehmen an diesem Abend wenig vom „Holländer“, aber manch Vorweggenommenes vom „Tannhäuser“ und „Lohengrin“. Manch einfältiger Marsch hätte von mir aus zusätzlich gestrichen werden können. Sehr simpel ist die im zweiten Akt obligatorische Ballettmusik, während der jedoch unvergesslich amüsant – Spiel im Spiel – von einem goldenen Wagner-Männlein dirigiert das gesamte Personal des Wagnerschen Kosmos an uns vorbeizieht. So hübsch diese Einfälle! Wie die Senta mit dem Bilderrahmen herumläuft und immer wieder enttäuscht die Männerköpfe auf Passung prüft oder am Schluss alle riesig erleichtert sind, als der Gral doch noch „gefunden“ wird. Als Persiflage wird angedeutet, was diese Jubiläumsfestspiele geldnotbedingt nicht umsetzen konnten: Alle zehn Wagner-Opern des Hügels plus den „Rienzi“ aufzuführen.

Szenenbild aus „Rienzi“ / © Enrico Nawrath

Es gibt sehr viele Chorszenen, die der besser gewordene neue Chor, insbesondere deren Männer, kraftvoll und schön darbieten. Ansonsten ist der lyrische Teil dem Adriano und der kraftvolle dem Rienzi zugeteilt, Gabriela Scherers schöne Stimme als Irene hat von Wagner leider wenig Noten gegönnt bekommen. Andreas Schager ist – abgesehen ausgerechnet von dem „allen“ bekannten Gebet, er kann kein gestütztes Piano-Legato (mehr) – eine kraftvolle, tolle Besetzung. Er hat viel zu deklamieren, eben herauszuschreien, und das kann er wie kein anderer.

Und der Inhalt? Rienzi, mit dem sich Hitler möglicherweise identifizierte, ist mit Irene inzestuös-ungetrennt „verschwistert“ und bleibt auf dieser Entwicklungsstufe stehen, kann keine (fremde) Frau lieben, er liebt „Rom“, ein Abstraktum, keinen Menschen. Er führt die Stadt aus der Korruption der Adligen, die auch seinen Bruder auf dem Gewissen haben, wird zum Diktator und wird dann mit Hilfe der Kirche vom Volke gestürzt.

Rom mach’ ich groß und frei,
aus seinem Schlaf weck’ ich es auf

Wer sollte dabei nicht denken an „Deutschland erwache“? Er will nicht König sein, sondern „Schützer“ und „Volkstribun“, nimmt die Autorität von „Gott“ und dem „Volk“ – die vermittelnden irdischen Instanzen einer Demokratie werden abgeschafft. Nach vielen Toten brennt Rom. Und Rienzi wird verrückt, nur seine inzestuös an ihn gebundene Schwester hält zu ihm. Überhaupt geht es viel um Loyalität und „Treue“, auch von Adriano zu seiner Familie, seinem Vater. Ausweglos, gewissermaßen im „Führerbunker“, verflucht er die „treulose Roma“:

Der letzte Römer fluchet euch!
Verflucht, vertilgt sei diese Stadt!
Vermodre und verdorre, Rom!
So will es dein entartet Volk.

Das ist reinster destruktiver Narzissmus, entspricht dem „Nero-Befehl“: „Deutschland war meiner nicht würdig“, ist „entartet“, soll „mit mir untergehen“, „dem stärkeren Ostvolk gehört die Zukunft“ – eklig!

Ich greife die These noch einmal auf: Dieser „simple“ „Rienzi“, der eine Anregung für das „simple“ Prinzip des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen sein mag, war dem späteren Wagner – dem nahezu perfekten Kenner der Psyche – zu platt? Und er hat es „den Juden“ in die Schuhe geschoben, so simpel gewesen zu sein? Sein allmähliches Geworden-sein projektiv „entsorgt“? Während – die These fortsetzend – andererseits Hitler die Person des Rienzi zu seinem ihm durch Wagner vermittelten Idol machte? Dann hätte er die „Warnung“ mitgeliefert bekommen, gegenüber den Feinden nicht so vertrauensselig-barmherzig zu sein wie Rienzi im zweiten Akt, sondern „erbarmungslos“, dem Machtprinzip eines Machiavelli entsprechend? „Erbarmungslos“ gegenüber den Feinden, dies waren nicht mehr die römischen Adligen oder nur z.T. die Eliten der Weimarer Republik, sondern vor allem „die Juden“ mit ihrer „verschwörerischen Hinterhältigkeit“, das hatte ihm sein anderes Idol Richard Wagner mit seinem Antisemitismus jedenfalls bestätigt. Ist daran etwas plausibel?

Die Inszenierung überzeugt und wird bejubelt. Am nächsten Vormittag besuchen wir das Künstlergespräch mit den beiden klugen, sympathischen jungen ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka und bereuen es nicht.

Künstlergespräch mit den Regisseurinnen

Ich erlebe sie offen, suchend, nachdenklich und kenntnisreich, es fallen Namen wie Karl Popper und der der auch von mir geschätzten Agnes Heller, die dem Totalitarismus-Konzept Hannah Arendts an einigen Stellen begründet widersprochen hatte. Die beiden zeigen ganz darauf fokussiert das zeitgemäße und mit dieser Figur aus dem 14. Jahrhundert demnach zeitlose Funktionieren von Populismus sowie die Veränderung des „Volkstribuns“ durch die Machtfülle über die Paranoia bis zum destruktiven Wahn. Das Ganze wird zum Lehrstück und indirekt zu einem Demokratie-Bekenntnis als Machtbegrenzungs-Erfindung der Menschheit. Der neben uns sitzende Lehrer ist von all dem so begeistert, dass er diesen „Rienzi“ auf dem Hügel gern verstetigen würde; das ist aus musikalisch gutem Grunde – trotz des sorgfältigen Dirigats der von uns geschätzten Nathalie Stutzmann – nicht vorgesehen.

An diesem Abend gibt es wieder Deftiges – wir sitzen, reden und trinken beim „Kaiserwirt“ in der „Eule“, das Foto zeigt uns „lachenden Munds“:

„Lachenden Munds“, das ist Rilkes, es ist jedoch auch Wagnersche Ambivalenz; „es“ geht zu Ende – und doch nicht. Die „Götterdämmerung“ ist mir inzwischen die „liebste“ der vier, gleich dem Wotan bin ich von der „Walküre“ über den „Siegfried“ in sie hineingewandert. Ich freue mich auf die Nornen, das überschwänglich-glückliche Paar, die Rheinfahrt, den Besuch Waltrautes, den Plausch Siegfrieds mit den Rheintöchtern, weniger auf dessen naiv-argloses Hineinreden in Hagens Falle, den Trauermarsch, die immer verwobenere musikalische Struktur bis hin zur großartigen Apotheose.

Im „Siegfried“ war das gestische Spiel der Sängerinnen und Sänger leider wieder zurückgenommen worden – am freisten „spielt und singt dabei“ Klaus Florian. So beschließe ich, mich unabgelenkt von optischen Beliebigkeiten der KI-Generierungen ganz der Musik hinzugeben. Fast den gesamten Abend wende ich meine Aufmerksamkeit bei geschlossenen Augen ausschließlich dieser symphonischen Musik zu, in die der Gesang eingewoben ist, und werde aufs Höchste belohnt. Ich höre mehr denn je – in diesem Raum, das sei noch einmal gesagt, in dem vor 150 Jahren auch diese Töne erstmals erklangen; im Foyer hängt die Gedenktafel mit den Namen der Beteiligten, Hans Richter dirigierte. Damals ging auch Vieles schief, der Hals der eigens in London bestellten Drachen-Requisite wurde nach Beirut verschifft, beispielsweise. Richard soll über dem Vielen, seinem Anspruch nicht Genügenden dem Selbstmord verzweifelt nahe gewesen sein.

Zurück ins Heute: Der Nachteil des zerstörten Gesamtkunstwerkes durch die fehlende theatralische Bedeutungsebene führt mich mit meiner Entscheidung dazu, dass ich diesem Raumklang, seiner Wärme „durch die Bretter hindurch“ folge wie sonst nie; ich höre diese „Götterdämmerung“ – dank der Mickisch-Vorbereitung – vor allem intensiv als Orchesterwerk. Das ist sie zu wichtigen Teilen ja auch. Den Trauermarsch dirigiert Thielemann mich tief erschütternd – in seiner Trauer und in seinem Triumpf: Dieser Mensch hat nicht umsonst gelebt! Nie habe ich den Trauermarsch so ergreifend gehört, das war sehr besonders, hier wurde gerade Festspielgeschichte geschrieben. Das nehme ich mit.

Ebenfalls große Klasse in seiner bösartigen Kraftfülle bis in die tiefsten dunklen Regionen ist dieser Hagen des Finnen Mika Kares. Dem erfolgreichen üblen Intriganten gehören die letzten Worte des gesamten Opus, und er wird sodann – wie kann ich doch aufgrund der Mickisch-Vorbereitung sein so treffend in Musik gefasstes glucksendes Ertrinken genießen! – von den Rheintöchtern in die Tiefe gezogen. Ach, sollen sie doch all diese Putins gleich mitnehmen!

Camilla wurde in ihrer Abgangsarie etwas dünn, der Schluss jedoch vollkommen, als das Orchester die große Apotheose musizierte – erschütternd gut! Auch der Wotan war zu seiner Zeit wirksam, hat mit sich und dem Alberich gerungen, auch er hat nicht umsonst gelebt. Er lebt gerade jetzt hier in seinen ihn charakterisierenden Tönen fort. Er hat keine Stimme mehr, aber in Musik gegossene emotionale Schwingungen, die in dieser Schluss-Apotheose noch einmal zum Klingen gebracht werden. Sie, er haben nicht das letzte Wort – und das ist gut so; das gehört der Welterlösung, der Zukunftsgewissheit in der Liebe, deren Melodie erneut zu hören wir seit dem „hehrsten Wunder“ von Vor-vor-vorgestern hatten warten müssen. Was für ein tiefer Abschluss nach fünfzehn durchgearbeiteten Stunden. Ich bin erfüllt erschöpft und erschöpft erfüllt.

Szenenbild aus „Götterdämmerung“ / © Enrico Nawrath

Nach diesem längsten der Abende, der Vorhang fiel halb elf – und noch lange ging er danach auf und zu bzw. ließ er Sängerinnen und Sänger und Christian Thielemann vor ihn treten, von dort mit sehr großer Dankbarkeit gegenseitig allseits Abschied nehmend – sinken wir auf die Gartenstühle im nahen Bürgerreuth, es braucht gerade viel Bier. Wir sind erschöpft, beglückt, dankbar. Als Klaus Florian Vogt sich an einen der Nachbartische setzt, gibt es noch einmal Beifall. Er strahlt und wirkt nicht wirklich erschöpft; offenbar hat er sich von früheren kurzen Gesprächen mein Gesicht gemerkt, er nickt mir zu. Was für ein Gigant an Sänger! Alle vier großen Tenorrollen des „Rings“ hat er uns gesungen, auch als Loge fand ich ihn stimmig! Vor ihm haben das nur Siegfried Jerusalem und Wolfgang Windgassen gewagt, jedoch nicht im gleichen Sommer! Was für eine sängerische Kraft! Auch sein heutiger Siegfried blühte auf und schwang sich in einem großen Gesangsbogen liedhaft über die Spitzentöne. Es war die reinste Freude ihm zu lauschen und – so ich die Augen doch öffnete – seiner geradezu verblüffenden Leichtigkeit zuzuschauen, mit der er sich dort hinter der Gaze bewegte. Da geht gerade noch jemand in die Festspielgeschichte ein! Vom ätherischen Lohengrin über den kernigeren Stolzing zur umfangreichsten Heldentenor-Partie der Opernliteratur: Klaus Florian Vogt ist zum stimmschönen Marathonläufer dieses „Rings“ geworden, und wir waren dabei! Danke!

Und doch: Diese „Götterdämmerung“ war zu viel; zu viel an zehrendem Wagner, zu viel an hartem Sitzen, obwohl ich bereits vor dem langen ersten Aufzug Ibuprofen eingenommen hatte, zu viel an der zurückgekehrten alltäglichen Hitze, obwohl ich – ebenfalls wohlweislich – auf Fliege und Jackett verzichtet hatte. Die Dauerhitze zermürbt. Anderswo in Europa brennen die Wälder. Klimaanpassung ist das Wort des Jahres. Die Nacht hat zur Erholung nicht ausgereicht. Heute noch der „Parsifal“? Ich sollte pausieren, abreisen, ruhen… aber natürlich kann ich dieses Meisterwerk nun auch nicht auslassen. „Wagnermanie“, wir, ich (!) hatte es sehenden Auges riskiert! 

H. geht es ebenso. Sie hatte sich gestern in der zweiten Pause bereits zurückgezogen. Mit A. war ich zum Kneippbad hinter dem Parkgelände gelaufen, auf sich abkühlende Füße hoffend, das war nach acht Uhr allerdings schon geschlossen; die lockere Stimmung in dessen Freiluftgelände allerdings hatte uns wohltuend angesteckt. Dann hatten über dem Portal die Bläser im warmen Abendlicht mit warmem Klang zum letzten Mal in diesen „Ring“ geladen.

Sehr früh war A. zu ihren Verpflichtungen abgereist und wird uns abends von der Hiddensee-Fähre ein Foto senden. Aber wir sind noch hier! H. und ich spüren beim Frühstück unsere Gereiztheit, gestehen uns wechselseitig das Erreichen unserer Leistungsgrenzen einschließlich künftig reduzierter Leidensbereitschaft – und sind achtsam genug, unsere Angespanntheit nicht gegenseitig an uns abzuladen; wir beschließen, den Tag bis zur gemeinsamen letzten E-Bike-Fahrt hinauf, den Hauptverkehr umfahrend, jeder für sich selbststabilisierend zu verbringen.

Ich versuche es zunächst auf meine Art mit schreibender Reflexion auf dem noch einigermaßen nachtkühlen Zimmer und radle später den Fahrtwind genießend durch Bayreuth, an wohltuend-vertrauten Orten Kraft schöpfend und Abschied nehmend. Vor Haus Wahnfried, wo ich noch einmal dankbar dem Ludwig zunicke, bemerke ich bei meinem Affogato und der kurzen Replik der Parsifal-Musik aus dem Thielemann-Buch, dass Sven Friedrich allein an einem der anderen Tische sitzt. Ich nutze die Gelegenheit ihn zu fragen, ob er etwas Zeit habe, er lädt mich ein, Platz zu nehmen, und ich komme gleich zur Sache: Dass seine Analogisierung von KI mit dem Träumen nach meiner psychoanalytischen Kenntnis unpassend sei, da das Movens der Träume die Affekte seien, die die KI ja nicht kenne. Er stimmt mir zwar zu, verteidigt aber seine Einführungs-Aussage als „anschaulich“ – und ich gewinne den Eindruck, er wolle oder könne, was den kategorialen Unterschied zwischen kulturellem Gedächtnis und Erinnerung einerseits und Speicherung von Materialbeständen andererseits betrifft, gerade nicht in ein sachlich vertieftes Gespräch eintreten. Nun, ich habe keinen „Behandlungsauftrag“ und deshalb nicht die Lizenz zur Widerstandsanalyse und verabschiede mich; wir haben uns nicht getroffen.

„Abstrus“ hatte H. diesen „Ring“ gestern beim Hinausgehen genannt. Ja, das war er – die Spaltung zwischen Auge und Ohr war falsch und anstrengend. Ich hatte mich zwar durch die geschlossenen Augen vor dem Mangel an optischer und akustischer Übereinstimmung geschützt und mit dem dadurch intensiveren Hören viel gewonnen. Mich jedoch auf das Hören allein konzentrieren zu müssen – das war ja Notwehr – war anstrengend. Natürlich ist Oper für beide Sinne gemacht; es entlastet, wenn sich die Wahrnehmungsebenen Musik, Inszenierung, Gesang, Text immer wieder abwechseln können.

Wieso gelingt hier in Bayreuth, wo der „Ring“ vor 150 Jahren seine Uraufführung hatte, so lange schon keine Inszenierung dieses Werkes? Beim „Lohengrin“, beim „Tannhäuser“, bei den „Meistersingern“ und anderen war doch in den letzten beiden Jahrzehnten viel Treffendes, Weg-weisendes dabei, so wie auch jetzt mit diesem „Rienzi“.

Musikalisch geht es kaum besser. Christian Thielemann ist der Wagner-Meister unserer Tage. Kritiken und Publikum sind sich einig. Warum jedoch ist seit Jahrzehnten hier im Festspielhaus kein auch szenisch überzeugendes Gesamtkunstwerk des „Rings“ zu erleben? Gesehen habe ich noch einen Teil von Tankred Dorst, da ließ sich das Epos noch wiedererkennen. Danach wurde es zusehends absurder. Ebenfalls musikalisch hervorragend war der Castorf-“Ring“ unter der Leitung Kirill Petrenkos. Der bekam aber jenseits des „Rheingold“ erhebliche Schwächen, wirkte bühnentechnisch überladen, es mangelte an Personenführung und einem verbindenden Gesamtbogen, wirkte auf mich persönlich mit seinen proletenhaften Grobheiten teilweise abstoßend. Gegenüber dem folgenden Valentin-Schwarz-“Ring“ war aber noch eine Bindung an Musik und Text erkennbar. Mit nicht weitergeführten Handlungssträngen, der absurden Unschlüssigkeit und einer teilweise gegen die Musik arbeitenden Regie, insbesondere in der „Götterdämmerung“, hatte ich mich im Sommer 2022 von ihm arg betrogen gefühlt, auch wenn einige seiner Coups ganz geistreich waren. Die Überforderung des Regieteams drang diesem „Ring“ jedoch aus allen Poren. 

Wieso hat Katharina damals nicht eingegriffen? Sie muss doch rasch gemerkt haben, dass da ein sich selbst überschätzender Mann kenntnisfrei herumdoktert. Der beim Betreten des Hügels noch nicht einmal über die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse Bescheid weiß und ein Genogramm benötigt – geschweige denn die Musik wirklich kennt und ernst nimmt. Schon da hätte doch Schluss sein müssen! Ist das Bayreuther Selbsthass?

Wäre dieser Valentin-Schwarz-„Ring“ einem geeigneten Künstler, einer geeigneten Künstlerin anvertraut worden – das ist ja keineswegs aussichtslos (!), Tobias Kratzer wagt in München gerade eine Deutungslinie, ohne die Komplexität des Werkes zu zerstören; bis zur „Walküre“ ist sein Konzept aufgegangen, ich bin bespannt, wie sein „Siegfried“ im Herbst wird. Oder warum nicht so etwas wie der Scala-„Ring“ vom Frühjahr, der weitgehend zeitlos-werkgetreu-musikkonform war, anders stimmig als der von Homoki in Zürich; von Vera Nemirova in Frankfurt habe ich eine schlüssige Inszenierung gesehen, und Brigitte Fassbaender soll in Erl ebenfalls ein stimmiges Regiekonzept gezeigt haben. Sie alle haben sich auf ihre Weise bescheiden und rezeptiv auf die überwältigende Einheit von Musik, Wort, Handlung und Affekt dieses Musikdramas eingelassen – wie es mir auch vom „Ring“ Pierre Audis in Amsterdam berichtet wurde. Wäre auch hier 2022 etwas Gescheites produziert worden, dieser „Ring“ wäre im fünften Jahr aufgeführt eine zum Jubiläum umjubelte reife Frucht geworden. Dass wegen des Schwarz-Desasters diese Notbehelfs-„Lösung“ dann schlechter wurde als gedacht, ist vielleicht für die Zukunft „gut“. Aber abgesehen vom allseits Kritisierten war dieser KI-„Ring“ mit seinem Gaze-Vorhang insbesondere für die weiblichen Stimmen mit ihren höheren Frequenzen ein noch stärkerer Angriff nicht nur auf das Gesamtkunstwerk, sondern auch auf die Musik, als die akustikfeindlichen Bühnenaufbauten in der „Götterdämmerung“ beim Schwarz-„Ring“. Dass die großartige Camilla das dann ausbaden musste – wie peinlich war das, als Teile des Publikums es lautstark ihr anlasteten; es war zum Fremdschämen!

Warum passiert das? Warum bin ich heute Morgen nicht rundum beglückt, sondern erschöpft? Warum hatte Katharina nicht die Kraft, die Sache beizeiten zu drehen? Sie kann doch sonst alles durchsetzen. Sogar den Thielemann ein paar Jahre vom Hügel verbannen, den Friedman sprechen lassen, Sicherheitsbedenken hin oder her. Sie ist doch nicht weniger Herrin des Hügels als einst die Cosima.

Zum 100. Jubiläum gab es den künstlerisch wegweisenden Chéreau-Ring – so heißt es allgemein; ehrlich gesagt, fielen mir, nachdem ich da schon einen Götz-Friedrich-Ring gesehen hatte, von diesen Video-Aufnahmen nicht beide Augen heraus. Nun, mag es für das Publikum 1976 so gewesen sein, man ereiferte sich jedenfalls heftigst. War das eine Affekt-Verschiebung auf die Kunst? Weil damals die politische Verstrickung der Familie Wagner mit Deutschlands Barbarei und die Instrumentalisierung Wagners und Bayreuths für den Nationalsozialismus zwar mit dem Syberberg-Film evident, aber nicht offiziell thematisiert wurde?

Das war jetzt anders, sehr anders! Katharinas Ansprache, die Reden von Nike Wagner und Michel Friedman im Festspielhaus, das war so etwas wie die Weizsäcker-Rede 1985. Natürlich gibt es seit langem, seit Jahrzehnten (!) das Schuld-Eingeständnis, war das Ausrufen eines „neuen Bayreuth“ durch Friedman vermessen und unsinnig – und sind andererseits mit dieser Festspieleröffnung und diesem „Rienzi“ Schuld und Scham nicht „abgegolten“; so funktioniert nicht, was Prozesscharakter hat. Was zählt, ist Verantwortung zu übernehmen; und da geht Katharina seit vielen Jahren einen konsequenten Weg. Aber vielleicht hat bislang doch etwas gefehlt?

Mir fällt dieses gemeinsame Wandeln von Katharina Wagner und Michel Friedman durch die Ausstellung an der Breker-Büste ein. Und mir kommt der Gedanke, dass es dieses öffentliche Scham-Bekenntnis gebraucht haben könnte, damit der Hügel gesunden, sich wieder selbst lieben und das Kernstück Bayreuths, einen „Ring“ zu schmieden wirklich „zulassen“ kann. Dass der Bayreuth-Selbsthass erst Aussicht auf Überwindung hat, wenn nicht nur das Verstricktsein der Wagner-Familie in diese Vernichtungsdiktatur anerkannt, die Mitschuld an den Verbrechen eingestanden, sondern vor allem die Scham darüber durchgearbeitet wurde. Hatte ich davon etwas in den Gesichtszügen von Katharina gesehen, als der Rabbiner seinen Klagegesang an diesen Tafeln der „Verstummten Stimmen“ anstimmte? Dass sie in diesem Augenblick diese Ungeheuerlichkeiten nicht nur sprachlich wohlformuliert anerkannte, sondern seelisch durchlitt: Daran hat meine Familie Anteil! Diese verstummten Stimmen sind meine Geschichte! Muss(te) das – stellvertretend von ihr – erst „begriffen“ werden, um eintreten zu können für einen „guten Ring“? „Wollte“ ihr Unbewusstes bislang dieses Scheitern? Müssen „wir alle“ – natürlich steht Katharina nur paradigmatisch dort, (fast) jede/r Deutsche hier im Festspielhaus hat seine eigene Familiengeschichte mit Täterschuld und/oder Mitläuferscham in der Ahnentafel stehen – deshalb seit Jahren solch bescheuerte oder Nicht-Inszenierungen ertragen? Diese Spaltung zwischen kaum zu steigerndem Musikgenuss und optischer Bedeutungsödnis?

Dabei ist Bayreuth ja schon seit Langem wieder nicht mehr nur deutsch – kein Komponist außer Bach wird international so geschätzt und ist weltweit dermaßen vertreten. Wir sahen Besucherinnen mit Kimono, recht viele Japaner übrigens, eine Gruppe aus Taiwan, Amerikaner, hörten italienisch, französisch und was alles noch um uns herum, sogar einen arabischen Scheich. Die Welt leidet mit, sie kommt doch nicht, um den Deutschen bei ihrer Selbstbestrafung zuzusehen!

Jetzt brauche ich einen tiefen Mittagsschlaf, allein schon als Zäsur, um mich der menschlichsten Oper Wagners öffnen zu können. – Dieser letzte Abend im Festspielhaus gerät zu einem sehr, sehr versöhnlichen Abschied!

Der „Parsifal“ ist so klangschön, dessen Musik ja selbst so menschlich-einbindend-versöhnend – es wird der einzig passende Abschluss dieser Wagner-Woche. Georg Zeppenfeld ist an diesem Abend noch einmal besser als immer, jedes Wort ist zu verstehen; und er hat das Legato, wo es sein muss, „durch Mitleid wissend“, „zum Raum wird hier die Zeit“, sein Gurnemanz bekommt von mir elf von zehn Punkten und auch meine zweite Nachbarin stimmt mir da zu. Michael Volle, Miina-Liisa Värelä und Andreas Schager sind nicht die Herausragendsten in ihren Rollen; die Värelä mit ihrer Mezzo-Stimme passt noch am besten, im letzten Jahr als Ortrud war sie überragend, als Brünnhilde in München letzten Monat nicht so überzeugend, die Kundry macht sie sehr gut. Michael Volle, unser Traum-Wotan, ist durch die Kraft, die er ausstrahlt, eigentlich eine Fehlbesetzung. Derek Welton in den letzten Jahren war noch wärmer, vor allem sang er weniger kraftvoll, sein Verletztsein wirkte so durchscheinend-authentisch, dass mir die Amfortas-Identifikation geradezu schaudernd „in den Schoß fiel“. Allerdings ist dann wiederum das „Erbarmen“ Michael Volles so markerschütternd-großartig – wie auch Schagers Fortissimo „die Wunde“. Das Dirigat von Pablo Heras-Casado gefällt uns, das Orchester aus diesem Graben ist ein Traum, der Männerchor kraftvoll – die Inszenierung hat Sinn und Hintersinn und ist dem Stoff entsprechend voller Liebenswürdigkeit und Menschenfreundlichkeit.

Szenenbild aus „Parsifal“ / © Enrico Nawrath

Ich bin in der Tiefe beglückt und auch ein bisschen „von der Rolle“, verabschiede mich von den Mit-Wagnerianern dieser Woche auf den Plätzen um mich herum, mit denen gelegentlich immer mal wieder einige Worte gewechselt worden waren, vergesse das zweite Mal mein Keilkissen für den Rücken, was bei den strengen Sicherheitsvorkehrungen nicht so einfach wiederzubekommen ist, gehe dann doch mit ihm unter dem Arm glücklich und wehmütig über den vertrauten Vorplatz zum Fahrrad. Ein letztes Mal (in diesem Jahr?) winke ich beim Hinunterrollen dem Festspielhaus zu, diesem Hause, das mich quält und beschenkt, in großer Dankbarkeit – ein Dank fliegt dabei noch einmal auch dem Ludwig vor Haus Wahnfried zu, der all das hier nun schon Generationen ermöglicht hat. Ich rolle hinunter, und an mir ziehen die vielen aus allen Weltgegenden vorbei, so mancher hatte wie ich inzwischen auf das Jackett und die Fliege verzichtet. Manches fällt mir ein, auch die schöne Geschichte von 2013, als ich kartenlos am Taxistand stand und eines hielt, ein Berater Obamas auf mich zukam und mir die „Ring“-Karte überreichte mit den Worten: „You are my lucky man. This is a gift.“ Ja, damals war ich lucky man, kein Wehwalt oder ein in musikalische Schwingungen entgleitender Wotan.

Sehr, sehr versöhnt mit dem Grünen Hügel, mit uns, mit Vielem und auch mit der Community – mit der ob des „Wagnermanie“-Programms das Gespräch zu suchen weder beim Frühstück noch auf dem Hügel viel Bedürfnis aufgekommen war, mit der wir aber nun im „Wolffenzacher“ doch noch in ein nachtfüllendes Gespräch kommen – fallen wir beglückt in den Schlummer, Birnenschnaps nach dem Scheufele im Bauch; ja, das Scheufele, das gab es am letzten Abend dann auch noch.

Ulrich Bahrke im August 2026