Romantisch-melancholische Komödie als poetische Opéra-comique und pazifistisches Bekenntnisstück in Passau
Jacques Offenbachs Fantasio kam 1872 erstmals auf die Bühne – aufgrund des deutsch-französischen Kriegs mit zweijähriger Verspätung. Der Komponist schrieb die Partitur 1871, als preußische Truppen Paris besetzten. Der deutsch-französische Krieg verhinderte die Aufführung der Oper. Sie kam erst ein Jahr später, nach dem Frieden von Versailles, heraus. Das Stück, das für die Pariser Opéra comique geschrieben wurde, ist dort nach nur zehn Aufführungen abgesetzt worden. Kein Wunder: Eine so dezidiert pazifistische Oper entsprach nach der französischen Niederlage in Sedan nicht gerade dem Zeitgeist.
Es handelt sich um eine Opéra comique in drei Akten. Offenbach hat immerhin fünf Opern komponiert, neben seinen weit über hundert Buffonnerien. Fantasio entstand genau zwischen den 1864 in Wien uraufgeführten, erst vor wenigen Jahren ausgegrabenen Rheinnixen und seinem Weltabschiedsstück Hoffmanns Erzählungen. Es handelt sich um ein vergessenes Meisterwerk, das nur selten aufgeführt wird. Die wenigen Aufführungen im 20. Jahrhundert fanden 1927 in Magdeburg, 1957 konzertant beim Westdeutschen Rundfunk Köln, 1994 in Gelsenkirchen und Wuppertal statt Für diese Aufführungen wurden die Teile, die in der Wiener Partitur fehlten, nach dem Choudens-Klavierauszug neu instrumentiert. Die Titelpartie wurde vom Sopran in den Tenor transponiert. 2000 wurde eine Neuproduktion in Rennes, Nantes, Angers und Tours aufgeführt. Für sie wurde der deutsche Text ins Französische zurückübersetzt. Ab 1999 erschien bei Boosey & Hawkes sowie bei Bote & Bock die kritische Neuedition OEK von Jean-Christophe Keck. Der Dirigent, Sänger, Komponist und Musikwissenschaftler Keck ist seit seiner Jugend mit Offenbach verbunden. In seinem 18. Lebensjahr erwarb er seine ersten Sammlerstücke zu Offenbach. Der Choudens-Klavierauszug war seine zweite Erwerbung. 2011 fand er die letzte noch fehlende Nummer der handschr6iftlichen Pariser Partitur, das Couplet des Prinzen, in privatem Besitz. Mit diesem Fund kam die Neuedition zu ihrem Abschluss. Beim Orchestra of the Age of Enlightenment ertönte am 15. Dezember 2013 erstmals wieder die Pariser Fassung; konzertant in Offenbachs Originalinstrumentation. Die szenische Uraufführung der kritischen Neuausgabe fand am 13. Dezember 2014 am Staatstheater Karlsruhe statt. Hier trug die Prinzessin abweichend vom Original den Namen „Theres“. Zehn Jahre später, im November 2024, wurde am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden eine Neuinszenierung der Berliner Regisseurin Anna Weber gezeigt. An der Komischen Oper Berlin kam 2016 konzertant die Urfassung mit Tenor statt Mezzosopran heraus.
Im Landestheater Niederbayern, im Theater im Fürstbischöflichen Opernhaus Passau, wird es in einer neuen Dialogfassung von Swantje Schmidt-Bundschuh gegeben. Man spielt die kritische Ausgab der Edition Keck, die beim Verlag Boosey & Hawkes erschienen ist und im Wesentlichen auf der Uraufführungsversion der Pariser Opéra Comique 1872 basiert.
Zu hören ist ein Offenbach jenseits von Parodie, Ironie und Satire, wie sie die von ihm kreierte Gattung der Opéra bouffe auszeichnet, jenseits also von heiter-satirischem Musiktheater. Das Stück ist eine melancholische Komödie, sie basiert auf einem Libretto von Paul de Musset, Camille du Locle , Charles Nuitter und vermutlich auch Alexandre Dumas Sohn. Es handelt sich um eine romantische Oper. Frank Harders-Wuthenow vom Verlag Boosey & Hawkes, der seit 1999 eine von Jean-Christphe Keck edierte neue wissenschaftliche Offenbach-Edition herausgibt, betont denn auch:
„Die Handlung spielt – wie so häufig in den Französischen Opern des Kölner Komponisten Jacques Offenbach – in deutschen Landen: Am Vorabend der Hochzeit der Prinzessin von Bayern und des Prinzen von Mantua feiern viele Menschen vor der Münchner Königsresidenz. Unter ihnen ist auch der Student Fantasio, der – wie ihm das auch immer gelingt – die Prinzessin belauscht, als sie heimlich über ihre Zukunft sinniert. Um noch mehr zu erfahren, beschließt er, sich als Hofnarr zu verkleiden und so in den Palast zu gelangen. Auch der Bräutigam, der Prinz von Mantua, schlüpft in die Uniform seines eigenen Adjutanten, weil er die Gefühle seiner zukünftigen Gattin auf die Probe stellen möchte. Eine turbulente Geschichte aus Verwechslungsspielen mit Figuren, die eigentlich einer Staatsraison unterliegen – wie so häufig in den Opern des 18. und 19. Jahrhunderts!“
Offenbach gesteht den beiden Hauptdarstellern große Melancholie, ja Weltschmerzhaftigkeit zu. Da ist einerseits der Student Fantasio, Mezzosopran, andererseits die bayerische Prinzessin Therese, Koloratursopran. Die Figuren sind alles andere als komisch. Sie haben fast ausschließlich, auch in den drei Liebesduetten, sehr berührende, sehr melancholische, sehr zukunftsängstige Musik, die nichts zu tun hat mit Unterhaltungsmusik oder Tanzcouplets, was man von Offenbach erwarten mag.
Im Programmheft bekennt der Regisseur Christian von Götz: „Fantasio, ein junger heimatloser Student, flüchtet in die Rolle eines Narren, findet die Liebe seines Lebens, verhindert eine Zwangsverheiratung und auch einen Krieg, indem er empfiehlt, dass sich doch die Staatsoberhäupter (die natürlich zu feige dazu sind) persönlich duellieren, aber nicht ihre Völker in den Krieg schicken sollten. Köstlich, wie er dem vermeintlichen Prinzen von Mantua die Hosen herunterreißt.“
Offenbach verwendet im Fantasio eine große romantische Orchesterbesetzung mit vier Hörnern, doppelter Holzbläserbesetzung und drei Posaunen, was sich sehr von dem unterscheidet, was Offenbach für die meisten seiner übrigen Werke (nicht nur aus Gründen der Kostenminimierung) verwendet hat. Die einzelnen Akte der dreiaktigen Opéra comique sind denn auch mit blechlastigen Zwischenmusiken versehen. Zwar lässt Offenbach die bayerische Hofgesellschaft Boléro tanzen, zitiert den Bayerischen Defiliermarsch und wartet mit einer Reihe subtiler Anspielungen auf: etwa auf Mendelssohns Sommernachtstraum, Verdis Rigoletto und Webers Freischütz. Auch Vorwegnahmen von Hoffmanns Erzählungen hört man immer wieder. Das melodische Potential dieser Oper mit integrierten Sprechdialogen ist herrlich, es handelt sich ja auch um keine parodistische Offenbachiade.
Im winzigen, barocken Passauer Theater verfügt man über einen recht geräumigen Orchestergraben, der immerhin fast 50 Musiker aufzunehmen vermag. Erstaunlich, was für ein Sound sich da entwickelt.
Die vitale Inszenierung von Christian von Götz hat Nwarin Gad launig durchchoreographiert. Überhaupt ist es eine launige, tja turbulent-komödiantische Realisierung des Stücks unter deutlicher Bezugnahme auf Popart und Comedia dell’Arte. Die Szene beherrschen zwei Brechtgardinen, auf denen abwechselnd Passauer Stadtansichten als Vorhänge auf- und zugezogen werden, aber auch ein Prospekt mit der Aufschrift „ Faites la paix“ (Macht Frieden). Es ist das Motto der Opera comique wie der Inszenierung Christians von Götz, der es versteht, den Chor und die Solisten zu großem Körpertheater, lachmuskelerregender Komik und flottem Spieltempo zu animieren. Revueanleihen dürfen sein. Bei allem Klamauk nimmt er nimmt das Stück ernst und bekennt sich unumwunden und begeistert zur „komödiantischen Subversivität, zur großstädtischen Unanständige und antibürgerliche Frechheit Offenbachs, dem Patriotismus und Chauvinismus abgehen und zum Pazifismus des Stücks“.
Deshalb hat er eine Rahmenhandlung hinzugefügt. Sie bezieht sich auf die Entstehungszeit. Bei den Vorbereitungen des Stücks kam Offenbach ja der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 dazwischen. Sein Stern befand sich ohnehin im Sinken, weil er in Frankreich als feindlicher Deutscher wahrgenommen wurde und in Deutschland als Franzose. Dazu kam in beiden Ländern ein immer stärker werdender Antisemitismus, sein Jüdischsein machte ihn in beiden Ländern zusätzlich verdächtig. In dieser Zeit musste ein kriegsfeindliches Stück wie Fantasio natürlich floppen.
Der Regisseur hat sich daher dazu entschlossen, diese Ebene in die Inszenierung zu übernehmen, weil sie viel mit dem Schicksal des Werks zu tun hat und damit, dass Fantasio immer noch eine Rarität ist. In der neuen Textfassung, die verschiedene italienische und bayerische Mundarten anklingen lässt, und immer wieder Niederbayern thematisiert, was sehr amüsant ist, wird jeder Art von Patriotismus, Nationalismus, Antisemitismus und Kriegstreiberei verurteilt.
Da es sich um das Eröffnungsstück einer neuen Intendanz handelt, kommt die Fantasio-Aufführung einem programmatischen Bekenntnis gleich. Man darf also große Hoffnungen haben auf das, was das Theater an den drei Flüssen noch bringen mag.
„Man weiß manchmal nicht genau, ob man sich gerade an einem der drei Flüsse oder nicht doch an der französischen Atlantik-Küste befindet. Fantasio hat so etwas Umarmendes. Man ist sofort befreundet mit ihm und verliebt in das Stück.“ (Christian von Götz)
In Passau hat man das Stück jedenfalls jenseits aller Bayern-Klischees gezeigt , obwohl das Stück in München spielt, aber München kann auch Passau, ja überall sein, so eine der Botschaften der klugen, gewitzten und handwerklich grundsoliden, aber auch poetischen Inszenierung. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht sind in ihrer Farbigkeit und Unkonventionellen Phantasie famos.
Nach Meinung des Regisseurs ist das Stück sehr aktuell, denn „was die Gesellschafts- und Geschlechterbilder angeht, ist Offenbach immer ungeheuer modern, und das gilt auch für Fantasio. Am Schluss wird Fantasio zum Anstifter eines Studentenaufstands, der den Krieg verhindert. Dazu schlägt er einen Kampf der Häuptlinge vor. Er sagt: ‚Schlagt euch doch selbst.‘ Mir fällt kein anderes Stück dieses Genres ein, das so explizit pazifistisch ist. In unserer heutigen Zeit ächzen wir alle unter Rechtspopulismus und Krieg, und dann gibt es so ein Stück, das mit einer unglaublichen Heiterkeit und Leichtigkeit das Gute will und den Frieden besingt. Ich verstehe eigentlich nicht, warum nicht jedes Theater gerade Fantasio spielt!“ Recht hat er, der Regisseur.
Man spielt das nur wenig mehr als zweieinhalbstündige Stück ungekürzt. Die sängerische Besetzung ist mit der edlen Mezzosopranistin Sabine Noack als Fantasio und der virtuosen Koloratursopranistin Emily Fultz als Prinzessin Elsbeth in den weiblichen Hauptpartien exzellent. Die Hofdame Flanel wird von Reinhild Buchmayer sängerisch wie darstellerisch mit geradezu artistischer Raffinesse gegeben. Mit brillanten Charakterstudien ganz im offenbachischen Sinne warten Peter Tilich als der Prinz von Mantua und George Kounoupias als Marinoni, Adjutant des Prinzen, auf. Die beiden sind in ihrer tränendrüsentreibenden Komik großartig. Aber auch die übrige Besetzung aus dem eigenen Ensemble, einschließlich des singschauspielerisch und tänzerisch sehr engagierten Chors des Landestheaters Niederbayern lässt keinen Wunsch offen.
Auch die neue Musikchefin am Passauer Theater, Elisa Gogou ist ein Glücksfall. Sie hat der Niederbayerischen Philharmonie ordentlich Beine gemacht und Offenbach mit einer kompromisslosen Rasanz und zugleich enormer Sensibilität dirigiert, die den Komponisten gefreut hätte und die das Publikum geradezu mitriss. Sie hat offenbar eine gesteigerte Affinität für Offenbachs Sehnsucht nach Romantik und Spott, burlesk bewegter Rhythmik, sein Spiel mit Kontrasten und Stilhöhen, seine (musikalische) Ironie und sein Augenzwinkern bei aller Melancholie. Die Aufführung ist – nicht zu viel gesagt – eine Sternstunde.
Das Premierenpublikum feierte die Reanimierung des wunderbaren Stücks enthusiastisch. Eine Reise zu dieser Offenbachiade der Passauer Art – in der ohnehin sehenswerten Stadt mit ihrem entzückenden Erzbischöflichen Theater – lohnt trotz der Strapazen, die die Deutsche Bahn mitsamt Schienenersatzverkehr dem nach Passau Reisenden zumutet.
Dieter David Scholz, 5. Oktober 2026
Fantasio
Jacques Offenbach
Landestheater Niederbayern – Stadttheater Passau
Premiere am 3. Oktober 2026
Inszenierung: Christian von Götz
Musikalische Leitung: Elisa Gogou
Niederbayerische Philharmonie