Wuppertal, Konzert: „Hesse, Schostakowitsch, Mozart“

Täglich werden heutzutage knapp 100000 Musiktitel auf Streaming- Plattformen hochgeladen. Musik wird nahezu ununterbrochen konsumiert. Da ist ein Kammerkonzert, wie das zweite des Sinfonieorchesters Wuppertals im Mendelssohn- Saal der Historischen Stadthalle daselbst, ein kulturelles Ereignis der Sonderklasse. Rund 300 Zuhörer:Innen kamen zur Wuppertaler Erstaufführung des Klarinettenquintetts von Lutz-Werner Hesse (geb. 1955).  Wegen des Andrangs an der Abendkasse begann das Konzert mit zehnminütiger Verspätung.

Foto vom Rezensenten

 „Sons de la soirée“ hat Hesse das Quartett genannt, welches entstanden ist als Epitaph für den Ritter von Köchel, dem wir das bekannte Verzeichnis Mozartscher Werke verdanken.  Hesse ging es darum, „das breite Spektrum der Farben, der dynamischen Möglichkeiten, des Ausdrucks, der Kantabilität, auch der Virtuosität der Klarinette zu nutzen“ wird er im Programmheft zitiert.

Mit Selina Lohmüller (Klarinette) wurde dies voll umgesetzt.  Gleich zu Beginn schwingt sich die Klarinette hoch hinauf und schnelle Streicher lassen an Jahrmarktmusik denken. Tremolo, synkopische Vorhaltungen, akkordische Arpeggien, ein Bratschenlied: Phasenweise mischt sich die Klarinette orchestral unter. Mit einem gewaltigen, rhythmisiertem Cellofurz aus der Tiefe startete furios der 2. Satz, wobei dieses eindrucksvolle Thema im ruhigerem Zwischenteil verschwindet, aber anschließend wieder aufgenommen wird. Oft bestimmen parallel geführte Streicher in verschieden Kombinationen das musikalische Geschehen.  Später wird französische Barockmusik verarbeitet. Eine wunderbare Bratschenkantilene lässt aufhorchen, bevor der Satz im Pianissimo erstirbt. Unter sehr schnellen Arpeggien, eingestreuten Pizzikati und virtuosen Klarinette Kaskaden entstehen zuletzt Assoziationen an Wasserspiele, deren Fontänen in der Sonne glitzern. Das Ganze mündet in einen ruhigen Epilog. Die Virtuosität, die aufmerksam, konzentrierte Spielfreude des ganzen Ensembles vor allem auch der Klarinettistin wurde mit begeistertem Applaus und Bravi belohnt. Sonderapplaus gab es natürlich für den Komponisten. Mit Zwölftonmusik, Atonalität und musikalischer Philosophie zeitgenössischer Musik hat Lutz Werner Hesse nichts am Hut. Seine Musik der „Neuen Einfachheit“ berührte und bewegte das Publikum spürbar!

Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) war unter Stalin vorgeworfen worden, „mit seiner zappeligen, neurotischen Musik den perversen Geschmack der Bourgeoisie zu kitzeln.“  Das erste Streichquartett entstand 1938. Fünfzehn weitere hat er insgesamt komponiert. Damit wurde er zum bedeutendsten Streichquartett-Komponisten des 20. Jahrhunderts. Der Komponist hatte nicht nur Stalin im Nacken. Als Luftschutzwart erlebte er im bis 1944 belagerten Leningrad, seiner Heimatstadt, das Grauen tödlichen Hungers. In seiner siebten Sinfonie hat er sich mit diesen Erlebnissen auseinandergesetzt. Die Streichquartette gelten als sehr persönliche Zeugnisse. Sie wurden als „subjektive Reflexionen“ von der sowjetischen Kultusbürokratie kritisiert.  

Sein fünftes Streichquartett, uraufgeführt im Sept 1952, bietet alles, was den Komponisten auszeichnet: Motorik, Lyrik, Rhythmik, Leben und himmlische Pianissimi, Klagelieder- kurz: existentielle Musik, die zu Herzen geht.

Der erste Satz, Allegro non troppo, beeindruckt durch schnelles, motorisches, nervös punktiertes Ostinato der Bratsche. Die folgenden, nahezu kontrapunktischen Auseinandersetzungen führen zu schrillem Kampf der Themen in höchster Höhe. Dabei spielt das Fünf-Noten-Motiv D-Es -C-H-Cis, welches seinem Monogram zugeordnet wird, immer wieder eine Rolle. Mit einem elegischen Thema der 1. Violine über Pizzicato der tieferen Streicher ging begann übergangslos der introspektive 2. Satz.  Bemerkenswert war die kultivierte Dynamik des Ensembles, selbst innerhalb intensivsten Pianissimo. Im Moderato des 3. Satz beginnt erneut die Bratsche. Es entwickelt sich ein flotter Dreiertakt. Das Stück nimmt Fahrt auf, bis zuletzt die 1. Violine in sonorer Tiefe eine Gebetsklage anzustimmen scheint. Mit Dämpfer verlieren die Klänge zunehmend an Substanz, und streben sozusagen als Schatten ihrer selbst dem Ende entgegen. Nach langer Stille brach großer Applaus aus für die beeindruckende Aufführung eines Schlüsselwerks des 20. Jahrhundert.  

 Nach der Pause gab es dann das wohl schönste Werk für die kammermusikalische Besetzung mit Klarinette:  das Klarinettenquartett A-Dur KV 581 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) eines der  bedeutendsten  Werke der Musikgeschichte für dieses Instrument. Die Klarinette war zum Zeitpunkt der Komposition im September 1789 noch ein relativ neues Instrument. Johann Christoph Denner hatte es zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus einer Schalmei mit einfachem Rohrblatt entwickelt. Das längere Instrument, auf welchem der Mozart Freund Anton Stadler die Uraufführung gespielt hatte, war nach unten hin um vier Halbtöne erweitert, und wurde Bassettklarinette genannt. Die Entwicklung der Klarinette erfolgte bis tief ins 20. Jahrhundert hinein.  

Kompositorisch weist das Quintett eine überraschende Freiheit auf.

Zu Beginn bestimmen die Streicher das musikalische „Gespräch“, bevor sich die Klarinette einmischt und den Klang belebt. En Passant wechselt die Stimmung bald nach Moll. Kontrapunkt, Fugato sind elegant eingewoben. Insgesamt erschien der ganze Satz sehr musikantisch und eher herb gespielt.

Ganz  anders kam da das Larghetto des 2. Satzes daher, als 1. Violine und Klarinette, sich gegenseitig umspielend und umschmeichelnd, ihr gesangliches Zwiegespräch aufnahmen. Gänsehautmusik.

Das Menuett des 3.Satzes bietet dem Streichquartett im 1. Trio eines der schönsten Stücke für diese Besetzung. Im letzten Satz -Allegretto con Variationi- bekam jedes Instrument noch mal große Aufgaben, wobei die Bratschenvariation –   melancholische Grundstimmung in Moll – die abgründige Tragik Mozarts verdeutlichte, bevor Violine und Klarinette anschließend vorübergehend die Sau der Lebensfreude rauslassen. Wie das im Leben so ist, die Stimmung wechselte noch mehrfach, immer wieder kullerte die Klarinette aus der Tiefe hinauf, bis nach Coda und Trugschluss doch das Ende kam. Frenetischer Applaus, erneut mit Bravi und einzelnen Pfiffen, einer weißen Rose für die Klarinettistin und jeden Streicher. Leider keine Zugabe.

Johannes Vesper, 28. Oktober 2026


2. Kammerkonzert
Lutz Werner Hesse: Klarinettenquintett op. 87 „Sons de la Soirée“
Dimitri Schostakowitsch Streichquartett Nr 5 B-Moll Op. 92
Wolfgang Amadeus Mozart: Klarinettenquintett KV

26. Oktober 2026
Historische Stadthalle Wuppertal, Mendelssohn-Saal

Selina Lohmüller, Klarinette,
Georg Sarkisan, Violine,
Franesco Puntura, Violine,
Florian Glocker, Viola,
Joël Wöbke, Violoncello