Teils mit mildem Blick, teils nachdenklich oder leicht distanziert blicken sie auf das Publikum hernieder: Gemeint sind die Komponisten Bach, Händel, Gluck, Haydn und Mozart auf der rechten und Beethoven, eingerahmt von Wagner und Brahms, auf der linken Seite im Komponistenhimmel des Deckenfreskos im grossen Saal der Tonhalle Zürich. Die Werke zweier von ihnen, nämlich von Richard Wagner und von Johannes Brahms, erklangen gestern Abend im Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich unter der Leitung von Natalie Stutzmann. Brahms und Wagner – das ist eine interessante Konstellation, dienten sie doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im musikalischen Generationenstreit als Gallionsfiguren ihrer teils mit Vehemenz agierenden Anhänger. Da waren einerseits die „Neudeutschen“, die im Umkreis von Liszt und Wagner (später auch Bruckner) die traditionellen Formen als überwunden ansahen, die Programmmusik und die Zukunftsmusik propagierten. Auf der anderen Seite die Traditionalisten: Brahms, die Komponistin und Klaviervirtuosin Clara Schumann, der Geiger Joseph Joachim und der einflussreiche Musikkritiker Eduard Hanslick, welche auf der Bewahrung klassischer Formen beharrten. Persönlich allerdings mischten sich weder Wagner noch Brahms virulent in den Streit ein, sondern ließen ihre jeweiligen Fangemeinden agieren. Wagner und Brahms trafen sich nur ein einziges Mal persönlich, und zwar in Wien und unterhielten sich sehr höflich, wenn auch distanziert. Brahms bewunderte Wagners handwerkliche Meisterschaft, lehnte jedoch dessen exzentrischen Lebensstil (Seidenunterwäsche, Antisemitismus) entschieden ab. Wagner dagegen sah in Brahms‘ Konservativismus ein Hindernis für die musikalische Entwicklung in seinem Sinne und nannte ihn gar mal einen „jüdischen Czardas-Aufspieler“. Da sich Wagner aber vornehmlich auf seine Musikdramen konzentrierte und Brahms der absoluten Musik in der Form der Sinfonien und Sonaten und der Solokonzerte frönte, kamen sie sich auf professioneller Ebene gegenseitig kaum ins Gehege. Brahms hatte keine Frauengeschichten wie Wagner, war ein nachdenklicher, tiefgründiger, bindungsscheuer und sehr selbstkritischer Mensch, zeichnete sich aber auch durch einen feinen Humor aus. So auch in der Tonhalle Zürich, die er 1895 als Dirigent eröffnete. Sein Porträt wurde nämlich erst nachträglich in den Komponistenhimmel gemalt und Brahms gab sich darüber augenzwinkernd irritiert, bereits zu Lebzeiten in den Himmel versetzt worden zu sein.
In den Himmel versetzt wurde man gestern Abend in beiden Teilen des Konzerts – vor der Pause transzendental durch das Verglühen Isoldes im Liebestod aus Wagners TRISTAN UND ISOLDE, nach der Pause durch das sich stetig steigernde und zu himmlischer Apotheose drängende Choralthema im Finale von Brahms‘ erster Sinfonie, welches von der Düsternis des Beginns in mehreren Anläufen zum triumphalen, mit Blechglanz umwobenen Kulminationspunkt führte. Noch kaum je habe ich dieses „Per aspera ad astra“ so intensiv miterlebt wie gestern Abend mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Natalie Stutzmann. Bereits die Unerbittlichkeit des Beginns mit den abgründig brutalen Paukenschlägen ging unter die Haut. Voll theatralischer Dramatik wurde die Themenwelt des Kopfsatzes durchschritten. In den beiden Mittelsätzen lauschte man erst der innigen Emphase des Andante, es war wie ein entspanntes Ausatmen nach dem dramatischen Kopfsatz, wunderbar akzentuiert durch die energiegeladenen Kantilenen der Solovioline des Konzertmeisters Klaidi Sahatçi. Im Allegretto danach erfreute man sich an der luftigen Durchhörbarkeit des tänzerischen Duktus und an der leuchtenden Frische der Holzbläser. Und dann kam dieser eindrückliche Finalsatz: Düsternis, Schwermut, Seufzer, ja geradezu Hilferufe schienen zu erklingen. Die berühmt gewordene „Alphorn-Weise“ beendete dann allerdings auf sattem Streicherteppich die dunklen Gedanken, ja stellenweise wurde der Sound geradezu „swingend“, was man an Natalie Stutzmanns Körpersprache sehr gut ablesen konnte. Die Pauke wollte nochmals kurz an Betrübnis erinnern, doch keine Chance, das monumentale Strahlen setzte sich in gigantischem und feierlich-hoffnungsvollem Choralklang endgültig durch.

Diesem Gigantismus begegnete man auch zu Beginn dieses Konzertabends bei Richard Wagners Ouvertüre zu seiner Grand-Opéra RIENZI, allerdings in weit plakativerer, ungestümerer Form als bei Brahms. Natalie Stutzmann und das Tonhalle-Orchester Zürich ließen es so richtig krachen. Stets breitet sich bei dieser Musik ein etwas ungutes Gefühl aus, da diese Klänge an die Reichstage der NSDAP erinnern. Man weiß natürlich, dass Wagner nichts dafürkann, dass seine Musik von den Nazis für propagandistische Zwecke missbraucht worden war – und doch spürte man, wie leicht man sich von der Musik in einen Taumel versetzen lässt, dass Musik eben doch eine magische und auch gefährliche Waffe sein kann. (In Bayreuth, wo Natalie Stutzmann im Festspielhaus diesen Sommer szenische Vorstellungen des RIENZI geleitet hatte, wurden die heroischen, soghaften Klänge der Ouvertüre durch die kluge Inszenierung derselben gekonnt relativiert.) Nichtsdestotrotz erlebte man aber gestern in der Tonhalle eine wirklich herausragende Wiedergabe dieser kunstvoll gearbeiteten Potpourri-Ouvertüre: Erst der einsame Trompetenruf, die unheimliche, angespannte Stille der Exposition, dann die wilden Jubelrufe des Volkes, das wunderbar schöne Gebetsthema mit der Gänsehaut erregenden Intensität, den Schlachtruf der Tribunen Santo spirito cavaliere! und am Ende die schwindelerregende Ekstase der Coda.
Ganz anders dagegen das zweite Werk Wagners auf dem Programm: Vorspiel und Liebestod aus TRISTAN UND ISOLDE. Das Vorspiel hätte für meinen Geschmack etwas inniger, gerundeter erklingen dürfen. Natalie Stutzmann führte das Tonhalle-Orchester Zürich schon bald nach dem Tristan-Akkord zu für meinen Geschmack etwas zu wenig verinnerlichten, transzendentalen und unauflösbaren musikalischen Gedanken. Zu diesseitig wuchtig klang dieses Vorspiel zum Liebesdrama – zu wenig schmerzerfüllte Entrückung war zu spüren. Diese Entrückung trat erst ein mit der wunderbar aufblühend und anschwellend geführten Stimme von Christina Nilsson, die auch durch ihre räumliche Positionierung mitten im Orchester neben der Harfe regelrecht in den Gesamtklang eingebettet war. Natürlich kann so nicht ein Bayreuther Klangbild entstehen, wo das Orchester quasi unter der Bühne platziert ist, nicht mal der Klang eines traditionellen Opernhauses konnte so evoziert werden. Dazu hätte die Sängerin zumindest direkt an der Rampe stehen müssen. Aber wie dem auch sei, die wunderschön timbrierte Stimme von Christina Nilsson (eben noch gestaltete sie die TANNHÄUSER-Elisabeth im Opernhaus Zürich), ihr großer Atem, ihre Natürlichkeit der Phrasierung, ihre Jugendlichkeit und die wachsende, entrückte Verzückung begeisterten allemal.
Kaspar Sannemann, 28. Oktober 2026
Richard Wagner: Vorspiel und Liebestod aus TRISTAN UND ISOLDE
Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 1
Konzert am 21. Oktober 2026
Tonhalle Zürich
Solistin: Christina Nilsson
Dirigat: Nathalie Stutzmann
Tonhalle-Orchester