Bayreuth: „Das Rheingold“ und „Die Walküre“ – Bilanz der ersten Hälfte des „KI-Rings“

„Kinder, macht Neues! Neues und abermals Neues!“ Richard Wagners vielzitierter Appell entspricht dem ursprünglichen Werkstattcharakter der Bayreuther Festspiele, für den Wagner jede technische Neuerung seiner Zeit in Anspruch nahm. Es ist deshalb völlig legitim, wenn 150 Jahre nach der Gründung der Festspiele mit der sogenannten „KI“, der „künstlichen Intelligenz“, eine der wohl zukunftsträchtigsten Technologien unserer Zeit aufgegriffen und thematisiert wird. Experimente gehören schließlich zur DNA der Festspiele.

Auch wenn die einstige „Werkstattbühne“ längst zum Catwalk eines gesellschaftlichen Groß-Events mutiert ist, darf man selbst weit angereisten Besuchern gewisse experimentelle Versuche zumuten. Ob allerdings eine längst nicht ausgereifte Technologie wie die KI ausgerechnet am größten Opus Wagners, dem Ring des Nibelungen mit seiner mindestens 14-stündigen Aufführungsdauer, den Friedrich Nietzsche aus heutiger Sicht etwas vollmundig als „erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst“ bezeichnete, ausprobiert werden muss, provoziert doch manches Fragezeichen. Und im Verlaufe der ersten Teile, also dem Rheingold und der Walküre, potenzieren sich die Fragezeichen.

Das Rheingold / © Enrico Nawrath

So unterschiedlich und kontrovers der Ring ausgeführt werden kann und auch sollte, und das tat man in Bayreuth bisher in 15 denkbar diversen Inszenierungen, ist und bleibt er ein Stück „Musiktheater“. Wenn der Besetzungszettel des aktuellen Jubiläums-Rings keinen Regisseur nennt, sondern nur einen „Kurator“, darf man um die theatralische Substanz bangen. Und wie sich bisher zeigte: mit Recht. Das Schlagwort vom „Gesamtkunstwerk“ hat Wagner zwar nicht explizit geprägt. Aber seine Vorstellungen zielen eindeutig auf eine dramaturgisch schlüssige Verschmelzung von Musik, Wort, Darstellung und Bild ab. Davon kann im „Ring 100110110 – vom Mythos zum Code“, wie die aktuelle Produktion auf dem Besetzungszettel genannt wird, beileibe nicht die Rede sein.

Was erwartet den Besucher dieses Rings stattdessen? Marcus Lobbes, Intendant der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität, hat mit seinem Team drei Jahre lang Unmengen an Informationen und Bilder zum Ring, zu Bayreuther Inszenierungen sowie politischen und anderen Ereignissen der letzten 150 Jahre gesammelt und Algorithmen entwickelt, mit denen die „KI“ Verknüpfungen des Materials mit dem Text und angeblich auch der Musik  herstellen soll. Das Ergebnis ist eine rastlose, in Abständen von wenigen Sekunden wechselnde Bilderflut, die in ihrer Fülle beeindruckt, letztlich aber ermüdet und ablenkt. Verknüpfungen sind in diesem Tempo für den Betrachter kaum nachvollzieh- oder herstellbar. Selbst wenn die Bilder zum Text passen, also Kröten zu Alberichs Verwandlung, martialische Szenerien zum Walküren-Ritt oder lodernde Flammen zum Feuerzauber erscheinen, was selten vorkommt, tragen sie nicht zur Vertiefung des Verständnisses bei. Dafür wechseln sie zu schnell und im nächsten Augenblick ist man mit rätselhaften Bildern konfrontiert, die einen unter Zugzwang setzen, nach Verbindungen zu suchen, die es möglicherweise gar nicht gibt oder die für das Stück unerheblich sind. Denn die „KI“ kann zwar grenzenlos Unmengen von Informationen sammeln und verarbeiten, sie kennt aber nicht deren Hintergründe und Entstehungsumstände und kann infolgedessen auch nicht bewusst sinnvolle Verknüpfungen herstellen. Dazu, und das gibt auch Lobbes zu, fehlen ihr die nötigen kreativen Fähigkeiten. Die bleiben, zumindest derzeit noch, dem Menschen vorbehalten. Die Zuversicht, dass der Mensch auch im Zeitalter der „KI“ nicht überflüssig wird, ist die bisher einzige tröstliche Erkenntnis aus der pausenlosen optischen Reizüberflutung der langen Abende. Eine sichere Erkenntnis, auch wenn oder obwohl ungewiss bleibt, welche Entscheidungen die „KI“ für die beiden noch folgenden Ring-Durchgänge treffen wird. Hier Dramaturgie zum Lotteriespiel zu entgleisen.

Das Rheingold / © Enrico Nawrath

Lobbes wird als Kurator der „künstlerisch-technischen Konzeption“ genannt. Einen Regisseur gibt es nicht. Den braucht man auch nicht, denn Theater findet nicht statt. Die Solisten posieren nahezu unbeweglich schemenhaft hinter Gaze-Schleiern, wirken vor den gut 10 mal 20 Meter großen Projektionen winzig wie Halma-Püppchen, dick eingefedert wie Papageno vor oder nach der Mauser und sind in ihren Einheitskostümen optisch nicht voneinander zu unterscheiden. Das erinnert weniger an Theater als an eine Legebatterie.

Die Bewegungsstarre überträgt sich leider auch auf den Gesang. Den Interpreten wird dadurch weitgehend die Möglichkeit genommen, sich in emotionale Ekstase steigern zu können. Das ist angesichts der nicht ganz ausgewogenen, insgesamt aber überzeugenden Besetzung umso bedauerlicher. Unter anderen Umständen hätten Klaus Florian Vogt und Elza van den Heever als Wälsungenpaar, aber auch Michael Volle als Wotan und Camilla Nylund als Brünnhilde gewiss noch eine Schippe an Intensität zulegen können.

Die Walküre / © Enrico Nawrath

Vogt, der als Loge, Siegmund und Siegfried alle großen Tenorpartien des Rings stemmt, gehört zu den wenigen Protagonisten, die durch eine exzellente Textverständlichkeit glänzen. Dazu gehört mit Michael Volle endlich wieder ein Wotan, der jede Silbe, jedes Wort glasklar artikuliert. Umso ärgerlicher, wenn der so spannende Ehezwist zwischen Fricka und Wotan im zweiten Akt der Walküre entwertet wird, indem ganze Passagen von Anna Kissjudits Fricka unverständlich bleiben. Ärgerlich auch, weil Wagner diese Szene im Interesse der Textverständlichkeit extrem subtil orchestrierte. Wie viele andere für das Verständnis wichtige Passagen auch, wobei im Ring insgesamt ohnehin kammermusikalische Feinheiten den Ton angeben, während die bombastischen Ohrwürmer à la Walküren-Ritt oder Trauermarsch eher Ausnahmen bleiben.

Angesichts der optischen Reizüberflutung hat die Musik in dieser Produktion keinen leichten Stand. Immer wieder drängt sich die Frage auf: Stört die Musik die Bilder oder die Bilder die Musik? Dass man von den Klängen permanent abgelenkt wird, kann auch ein so werkkompetenter und Bayreuth-erfahrener Dirigent wie Christian Thielemann nicht verhindern. Er kennt den Ring, er kennt die akustischen Besonderheiten des Festspielhauses und führt mit der ganzen Hypothek seiner Erfahrung sicher durch die Abende. Gleichwohl scheint auch seinem Dirigat das letzte Quäntchen an Durchschlagskraft zu fehlen. Trotz zügiger Tempi wirkt manches mehr routiniert als inspiriert. Wobei offen bleibt, ob dieser Eindruck tatsächlich Thielemann anzukreiden ist oder der reizüberfluteten Wahrnehmung des Hörers.

Die Walküre / © Enrico Nawrath

Dem Bayreuther Premieren-Publikum ist das wie gewohnt ziemlich egal. Es überschüttete alle musikalischen Mitwirkenden mit trampelnden Ovationen. Massive Buh-Salven, nachdem sich der Vorhang gesenkt hat, lassen extreme Reaktionen nach der Götterdämmerung befürchten, wenn sich das technische Team um „Kurator“ Marcus Lobbes dem Publikum stellen wird. Man darf gespannt sein.

Pedro Obiera, 29. Juli 2026


Das Rheingold und Die Walküre
Richard Wagner

Bayreuther Festspiele

Premieren am 27. und 28. Juli 2026

Kurator: Marcus Lobbes
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele